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Georgios Chatzoudis | 12.02.2015 | 7322 Aufrufe | Interviews

"Sportgeschichte ist ein extrem politisiertes Feld"

Interview mit Ralf Schäfer über ein neues Buch zur Sportgeschichte

Sport verbindet man mit Wettkampf sowie dem leidenschaftlichen Ringen um Sieg und Titel. Dabei wird oft mit harten Bandagen gekämpft. Ähnlich geht es auf einem ganz anderen Feld zu: der Sportgeschichte, insbesondere der deutschen Sportgeschichte im 20. Jahrhundert. Es ist vor allem die Frage nach der Wirkung des Nationalsozialismus auf den deutschen Sport, seine Protagonisten und die verschiedenen Organisation nach 1945, an der sich Befunde und Urteile von Sportwissenschaftlern und Historikern scheiden. Prof. Dr. Frank Becker und Dr. Ralf Schäfer haben jüngst einen neuen Sammelband zur Sportgeschichte vorgelegt, in der zahlreiche Beiträge versammelt sind, die sich unterschiedlichen Fragestellungen rund um den Sport widmen. Dr. Ralf Schäfer stellt Anliegen und Inhalte des Band in unserem Interview vor.

"Erschließung des historischen Forschungsfelds Sport hat erst begonnen"

L.I.S.A.: Herr Dr. Schäfer, gemeinsam mit Prof. Dr. Frank Becker haben Sie einen neuen Sammelband zur Sportgeschichte herausgegeben. Worum geht es Ihnen in diesem Band?  

Dr. Schäfer: Sportgeschichte ist heute ein Gegenstand der klassischen Geschichtswissenschaft. In der deutschen Sportwissenschaft dagegen zeichnet sich ein dramatischer Bedeutungsverlust ihrer sporthistorischen Subdisziplin ab: Die wenigen sporthistorischen Professuren an deutschen Universitäten laufen aus oder werden teilweise umgewidmet. In dieser Situation unterstreicht unser Buch die Relevanz des Forschungsfelds und die Potentiale interdisziplinärer Kooperation. Es ist nunmehr Aufgabe der Geschichtswissenschaft, das Themenfeld Sportgeschichte inhaltlich neu auszumessen und weiterzuentwickeln. Unser Sammelband nun soll für alle Interessierten dazu als ein erster Messpunkt dienen. Das öffentliche Interesse an Sportgeschichte ist ja ungebrochen.

Zudem bleibt Sportgeschichte auch für die Verbände relevant. Denken Sie nur an die Dopingproblematik in den beiden deutschen Teilstaaten während des Kalten Kriegs und ihre bis heute anhaltenden Nachwirkungen, an die Berliner Olympiade von 1936 oder an München 1972 und das Olympiaattentat. Allein sind die Verbände mit der Aufarbeitung ihrer Vergangenheit überfordert, es bedarf professioneller Hilfe. So löste die Studie zur Geschichte des Deutschen Fußballbunds, die Nils Havemann in dessen Auftrag 2005 kurz vor der Fußball-WM in Deutschland vorlegte, einen regelrechten Fußballhistorikerstreit aus. In seiner Studie wird fast allen DFB-Funktionären und damit dem Verband selbst innere Regimeferne bescheinigt. Heute wird sie von der Bundeszentrale für Politische Bildung vertrieben.

Wir wollen nun diese Auseinandersetzungen nutzen, um die Forschung inhaltlich und methodisch reflektiert voranzubringen. Unser Band stellt neue und unabhängige Perspektiven auf den deutschen Sport im gesamten 20. Jahrhundert vor, als Vorgriff auf eine noch zu schreibende politische Kultur- und Gesellschaftsgeschichte des Sports für eine moderne, demokratische Gesellschaft. Wir wollen einer transparenten und ergebnisoffenen Kooperation zwischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus allen relevanten Disziplinen neue Impulse geben. Die gemeinsame Arbeit zeigt: Die Erschließung des historischen Forschungsfelds Sport hat erst begonnen.

"Es gab 1945 einen Neuanfang, doch keine Stunde Null"

L.I.S.A.: Wie sind Sie und Prof. Becker bei der Themenwahl und Themenbesetzung vorgegangen? Worauf liegt der Schwerpunkt? Was gibt es Neues?  

Dr. Schäfer: Wir baten Autorinnen und Autoren innovativer Studien, ihre Ergebnisse vorzustellen. Sportgeschichte in ihrer Vielschichtigkeit wird heute aus unterschiedlichen Blickwinkeln und Fragestellungen mit einem vielfältigen Analyseinstrumentarium erforscht. Neue politik-, kultur- und gesellschaftsgeschichliche Forschungen stehen neben körper- und geschlechtergeschichtlichen, medien- und raumgeschichtlichen Ansätzen. Die Aufmerksamkeit gilt dem ganzen 20. Jahrhundert.

Nadine Rossol und Noyan Dinckal untersuchen den Sport der Weimarer Republik mit Fragestellungen der politischen Symbol- und der Raumgeschichte. Lorenz Peiffer und Henry Wahlig schließen eine sporthistorische Forschungslücke, indem sie mit einem organisationsgeschichtlichen Ansatz den Beitrag jüdischer Sportler in Niedersachsen und Bremen vor 1933 beispielhaft darstellen. Dies ist nicht nur eine Pionierarbeit für die anderen Bundesländer, sondern für auch für Österreich, wo die Debatte längst noch nicht so weit ist. Frank Becker zieht Schlussfolgerungen aus der Diemdebatte, um den theoretischen Horizont der Sporthistoriographie insgesamt mit Forschungsansätzen aus der Geschichtswissenschaft diachron zu erweitern.

Erstmals gerät auch der Sports nach 1945 vertieft in den Blick. Es gab einen Neuanfang, doch keine Stunde Null. Personelle Kontinuitäten und mit ihnen Schwundformen nationalistischer und völkischer Ideologeme blieben virulent, auch wenn sich der Sport nicht mehr im alten Fahrwasser bewegte. Immerhin lässt sich die Vorherrschaft apologetischer oder eskapistischer Deutungsmuster im Sportmilieu als Nachwirken dieser personellen und mentalitären Kontinuitäten in Sportverbänden und -wissenschaft auf nationaler und internationaler Ebene verstehen. Diese allerdings schon früh umstrittenen Kontinuitäten, die auch zugunsten von Diems Karriere nach 1945 wirkten, sind ein Schwerpunkt meines Artikels zur politischen Kulturgeschichte des olympischen Sports in Deutschland vor und nach 1945. Zum Reitsport im NS-Regime und dem ungestörten Dasein seiner Protagonisten in der Bundesrepublik legt die Hamburger Historikerin Nele Maya Fahnenbruck eindrucksvolle Befunde vor. Stellen wir uns vor: Ein Sportreiter tritt in die Reiter-SS ein, wirkt am Besatzungsterror in Warschau und bei der “Partisanenbekämpfung” in der Sowjetunion mit, handelt als Sonderbeauftragter Himmlers 1944 mit jüdischen Leben in Budapest. 1954 wird er zum Schatzmeister des Hamburger Schleppjagd-Vereins gewählt. 1961 sagt er als Entlastungszeuge für Adolf Eichmann aus. Die Rede ist von Kurt Becher (1909–1995). In München 1972 ritt seine zweite Frau für Deutschland.  

Zu den zeitgeschichtlichen kommen andere, kultur-, medien-, gender- und wissenschaftsgeschichtliche Fragestellungen. Eva Maria Gaijek beleuchtet das Wechselverhältnis zwischen Sport und Medien, Carola Westermeyer die mediale Darstellung von Sportlerinnen “zwischen Stollen- und Stöckelschuh”. Heiko Stoff widmet seine Betrachtungen den aufgeladenen Konflikten um das Leistungsprinzip und seine Bedeutung in Sport und Gesellschaft nach 1968, die in der Sportwissenschaft bis heute nachwirken, selbst in der sporthistorischen Theoriedebatte. Der Germanist Rolf Parr dekonstruiert Nationalstereotype in der Fußballberichterstattung von 1954 bis 2010. Der Blick für die Relevanz sporthistorischer Fragestellungen wird somit für die Selbstreflexion von Sport und Sportwissenschaft bis hinein in die Gegenwart geöffnet.

"Die Forschungslücken sind immens"

L.I.S.A.: Die Publikation hat den Titel „Die Spiele gehen weiter“. Das hat einen etwas trotzigen Unterton und erinnert an „The Show must go on“, nachdem zuvor ein Unglück passiert ist – ähnlich wie 1972 in München. Welches Unglück ging diesem Buch voraus?  

Dr. Schäfer: Unglück und Trotz sind die kleinen Geschwister von ira und studio. Auf dieser Grundlage kann keine wissenschaftliche Arbeit gedeihen. Sollten Sie damit auf die letzte Debatte um Diem anspielen, meine ich, dass sie kein Unglück, sondern ein Glücksfall war. Es galt, die deutsche Sporthistoriografie aus der erdrückenden Umarmung des verbandsnahen sporthistorischen Establishments zu befreien, in die sie in den neunziger Jahren geraten war. Dessen Angehörige konnten eine apologetische Sichtweise auf Diem und den Sport im NS-Regime, ja auf den NS-Sport insgesamt etablieren, die sie zum Paradigma zu verfestigten. “Trotzig” passt daher eher auf Diems Apologeten, verteidigen sie ihn der Quellenlage zum Trotz doch noch immer als vorbildlichen Funktionär.  

Die Protagonisten der kritischen Analyse der Zeitgeschichte des Sports hatten es dagegen zuletzt in der Sportwissenschaft zu schwer, da in der verbandsnahen Sporthistoriografie Transparenz und Unabhängigkeit des wissenschaftlichen Urteilens wenig galten. Die Kritiker apologetischer oder eskapistischer Sichtweisen des NS-Sports und namentlich Diems kamen in der letzten Debatte daher meist aus der Geschichtswissenschaft. Genau wie frühere Kritiker Diems seit den fünfziger Jahren waren sie offenen oder verdeckten Pressionen bis hin zur gerichtlichen Klage ausgesetzt. Frank Becker hat für L.I.S.A. seine Erfahrungen ja dargelegt. Die Abwicklung der sporthistorischen Professuren ist im Kontext ihrer Unproduktivität und Intransigenz verständlich, bleibt aber ärgerlich. Die Forschungslücken sind immens.  

Vor diesem Hintergrund verweist die Titelwahl auf ein weithin unbeachtetes Problem der olympischen Geschichte. Auch sie ist nicht unabhängig vom NS-Regime verstehen. Mit den Worten “the games must go on” begründete IOC-Präsident Avery Brundage die Fortsetzung der Münchner Spiele 1972 nach dem tödlichen Attentat auf die israelischen Sportler. Er hatte schon einmal dafür gesorgt, dass Olympische Spiele in Deutschland stattfinden konnten. Als Beauftragter des American Olympic Committee übertölpelte der antisemitische NS-Sympathisant die amerikanische Boykottbewegung. Nach einer Inspektionsreise durch Deutschland behauptete er 1935, Juden seien im NS-Sport nicht benachteiligt. Den deutschen Juden beschied er im Beisein von Repräsentanten des NS-Sports: “In my club in Chicago Jews are not permitted either”. Auch das IOC hat ein Kontinuitätsproblem. Seine Geschichte ist noch kaum erforscht. Die Spiele gingen weiter. Da kann man doch nur sagen: Auch die Forschung muss weiter gehen.

"Anhaltender problematischer Umgang mit dem NS-Vergangenheit des deutschen Sports"

L.I.S.A.: Aus den Debatten der Vergangenheit zur Sportgeschichte wissen wir, dass diese in der Regel meist leidenschaftlich bzw. hitzig verlaufen. Woran liegt das? Warum ist Sport ein so hart umkämpftes Themenfeld?  

Dr. Schäfer: Sportgeschichte bildet alle zentralen Themen der deutschen Geschichte ab. Daher birgt die Sporthistoriografie das gleiche Konflikpotential wie die klassische Geschichtsschreibung. Auch sie erlebte heftige Debatten, über den deutschen Sonderweg in die Moderne, die Ursachen des Ersten Weltkriegs oder Historiker im Nationalsozialismus. Auch in der Sporthistoriografie wird um Geschichtsbilder gestritten, bisher vor allem um den Sport im Nationalsozialismus, wobei die Debatten ein besonders Gewicht durch die im internationalen Vergleich große Staatsnähe der deutschen Sportverbände erlangen.  

Zugleich schlägt ein eigentümlicher Modernisierungsrückstand der verbandsnahen Sporthistoriografie zu Buche, die kaum Anschluss an die Geschichtswissenschaft hält. Zugrunde liegt entweder eine Idealisierung des Sports oder seiner Protagonisten. Unerwünschte Analysen zum NS-Sport werden zugunsten einer apologetischen Meistererzählung marginalisiert, die auf Akteure des NS-Sports selbst zurückweist. Doch löste diese Sicht Sport und Sportler, Sportfunktionäre, -politiker und -wissenschaftler aus ihrem jeweiligen historisch-politischen Kontext. Resultat dieser Entwicklung war ein bis heute anhaltender problematischer Umgang mit dem NS-Vergangenheit des deutschen Sports. Dessen Wurzeln reichen bis in die späten vierziger Jahre des 20. Jahrhunderts zurück.  

Damals erklärten die Zeitgenossen des NS-Regimes den Sport im Nationalsozialismus einfach zur privaten Nische oder zum gesellschaftlichen Teilbereich mit eigenen Regeln, den man wirksam gegen politische Einflußnahmen verteidigt hätte. Echte Nazis habe es dort gar nicht gegeben. Sport und Sportler seien stets unpolitisch gewesen, allenfalls vom NS-Regime “instrumentalisiert” oder sie hätten umgekehrt das Regime instrumentalisiert und in den Dienst einer gesunden Sportentwicklung gestellt. Diese Lebenslüge, die alle Partizipation am NS-Regime leugnete, ermöglichte dem Sportmilieu nach 1945 eine Wiederbegründung ohne schmerzhafte Selbstprüfungen. Dank einer auf Diem selbst zurückweisenden Schule in Wissenschaft und Verbänden gerann die Apologie in Deutschland zum Paradigma.  

Die Linie gab er selbst vor, als er die Geschichte des NS- und des olympischen Sports schrieb. Dabei nahm er für sich und die ganze olympische Bewegung eine besondere moralische Autorität in Anspruch, indem er etwa behauptete, er habe die Spiele von 1936 zur „Oase der Freiheit“ und „Insel der Rassengleichberechtigung“ gestaltet. Heute wird sie unter anderem als „Auszeit des Regimes“ bezeichnet. Obwohl Diems NS-Vergangenheit schon seit Ende der vierziger Jahre wiederholt in Öffentlichkeit, Politik und Wissenschaft kritisiert wurde, verbreitete der wissenschaftliche Beirat des Diem-Projekts noch 2009, Diem sei nie Nationalist, Militarist, Nationalsozialist oder Antisemit gewesen. Es gebe “keine Hinweise auf moralisch verwerfliche Handlungen oder Entscheidungen Carl Diems im Dritten Reich”.[1] Im Gegenteil sei er gar ein Vorbild für die Gegenwart. Diese moralische Aufladung programmiert eine schmerzhafte Fallhöhe und damit heftige Reaktionen vor.  

Nachdem der damalige Präsident des Deutschen Olympischen Sportbunds, Thomas Bach, heute Präsident des IOC, und der Generalsekretär des DOSB Michael Vesper zunächst dieser Sprachregelung gefolgt waren, korrigierten sie unter dem Eindruck der intensiven öffentlichen Debatte ihren vergangenheitspolitischen Kurs später, anscheinend aber ohne die notwendigen Schlüsse für den weiteren Umgang mit der NS-Vergangenheit des deutschen und olympischen Sports zu ziehen. Bis dahin aber konnten die Apologeten davon ausgehen, im Einklang mit der Vergangenheitspolitik des deutschen Sports zu handeln, hatte doch Willi Daume, der erste Präsident des Deutschen Sportbunds und spätere Vorsitzende des NOK, mit Blick auf die exemplarischen Debatten um Diems NS-Vergangenheit schon bei Gründung des Deutschen Sportbunds 1950 dekretiert: "Es muss um alle Gegensätze einmal Ruhe sein. Es darf jetzt auch keinen Fall Diem mehr geben mit allen möglichen Polemiken. Man muss auch vergessen können."[2] Seitdem wird die Gründung des DSB als Endstation aller “Wege aus der Not zur Einheit” gefeiert.[3]  

Anders als in der Weimarer Republik waren die konfessionellen, die Arbeiter- und die sich vor 1933 bürgerlich nennenden Sportverbände nun in einer demokratischen Organisation vereint. Sport gilt seitdem als Propädeutikum der Demokratie und Olympismus als international ausgerichtete Friedenserziehung. Die Tatsachen, dass die konfessionellen und die Arbeiterorganisationen nach 1933 zerschlagen wurden, die bürgerliche Sportverbände aber die organisatorische und personelle Grundlage für den NS-Sport und seine Teilnahme an der internationalen olympischen Bewegung stellten, wurde zugunsten der möglichst reibungslosen Schaffung eines demokratischen Einheitssportverbands verdrängt. NS-Sportfunktionäre, gleich, ob sie ihre Karriere vor oder nach 1933 begannen oder ob sie im deutschen, internationalen oder olympischen Sport tätig waren, wurden entlastet und in demokratischem Proporzdenken dem “bürgerlichen” Sport zugerechnet. Für die Geschichtspropaganda der DDR war das ein gefundenes Fressen. Sie tat den Neuanfang des Sports im Westen als bloße Restauration des NS-Sports ab. Vom Standpunkt der westlichen Demokratie dagegen fiel es im Gegenzug einfach, den Staatssport der DDR zu kritisieren. Doch geschah dies um den Preis der Verdrängung der NS-Vergangenheit des deutschen Sports und vieler seiner Protagonisten, für die der Konflikt über den Sportwissenschaftler, -politiker und Olympiaorganisator von 1936, Carl Diem, nur exemplarisch steht.  

Dabei wirkten im Westen starke persönliche Loyalitätsbeziehungen und personelle Verflechtungen zwischen Sportwissenschaft und -verbänden. 1964 wurde das Carl-Diem-Institut (heute Carl und Liselott Diem-Archiv) gegründet, das zugleich als offizielle Forschungsstätte des olympischen Sports dient. Bis 1990 wurde es von Diems Witwe Liselott geleitet, dann von Karl Lennartz, nach eigenem Bekunden der Familie eng verbunden. Die Geschichte der deutschen olympischen Bewegung wurde im Auftrag des Deutschen Sportbunds und des Nationalen Olympischen Komitees für Deutschland, heute im Deutschen Olympischen Sportbund zusammengefasst, quasi im Familienbetrieb weiter geschrieben, im Freundes- und Bekanntenkreis der Diems, ihrer Schüler und Weggefährten. Dieser Personenkreis, zu dem auch Guido von Mengden gehörte, organisierte in allen Konflikten um Diems NS-Vergangenheit die Abwehrarbeit, schon seit den späten vierziger Jahren gegen Kritiker im Westen, im Kalten Krieg gegen die DDR-Geschichtspropaganda, zu den Münchner Spielen 1972 gegen kritische Sportstudenten und -wissenschaftler, Öffentlichkeit und Presse in der Bundesrepublik. Dabei wurde die Apologie Diems und des NS-Sports insgesamt in bewußtem Gegensatz zur bundesdeutschen Linken angelegt, vor allem gegen die Achtundsechziger, deren Sicht auf das NS-Regime als illegitim galt.  

Sportgeschichte ist also ein extrem politisiertes Feld. Es wird auch in Zukunft ein idealer Nährboden für spannende Debatten sein, die aber nicht mehr nur den NS-Sport, sondern ein Vierteljahrhundert nach dem Ende des Kalten Krieges auch den Sport der Bundesrepublik und den olympischen Sport der Nachkriegszeit betreffen.  
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[1] Ommo Grupe / Michael Krüger / Christiane Eisenberg / Gertrud Pfister / Hans Joachim Teichler / Karl Lennartz / Norbert Müller, Wissenschaftlicher Beirat zum For­schungsprojekt »Leben und Werk Carl Diems«, 1. März 2010. Empfehlung an den Deutschen Olympischen Sportbund und die Deutsche Sporthochschule Köln zum Um­gang mit Namen und Werk sowie zur Erinnerung an Carl Diem, in: Krüger (Hg.), Erinnerungskultur im Sport, S. 219–221, Zitate S. 221.

[2] Protokoll der Gründungsversammlung einer Dachorganisation des Deutschen Sports am 10. Dezember 1950 in Hannover, S. 97–123, in: Deutscher Sportbund (Hg.), Die Gründerjahre des Deutschen Sportbunds. Wege aus der Not zur Einheit, Schorndorf 1991, Bd. 1, Zitat S. 123.

[3] So der Titel der Festschrift zur vierzigsten Wiederkehr der Gründung des DSB; siehe vorige Anmerkung.

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