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Georgios Chatzoudis | 27.04.2017 | 545 Aufrufe | Interviews

"Sport mit pseudoaristokratischem Ethos"

Interview mit Helen Roche zur Sporterziehung in den Napolas

Die Nationalpolitischen Erziehungsanstalten, kurz Napola oder auch NPEA, waren die Eliteschulen des Nationalsozialismus. Hier sollten die sogenannten Jungmannen zu treuen und tüchtigen Nationalsozialisten, die für höhere Aufgaben bestimmt waren, erzogen werden. Dabei spielte die körperliche Ertüchtigung eine entscheidende Rolle. Die Historikerin Dr. Helen Roche von der University of Cambridge forscht über die Geschichte der Napolas und hat für den Band "Sport und Nationalsozialismus" untersucht, welche Bedeutung die Sporterziehung in diese Eliteanstalten hatte und wie sie sich von anderen Schulen unterschied. Wir haben ihr dazu unsere Fragen gestellt.

"Die Ideale einer sportlichen nationalsozialistischen 'Totalerziehung' verwirklicht"

L.I.S.A.: Frau Dr. Roche, Sie haben im Band „Sport und Nationalsozialismus“, herausgegeben von Prof. Dr. Frank Becker und Dr. Ralf Schäfer, eine Spezialstudie über körperliche Ertüchtigung in den Nationalpolitischen Erziehungsanstalten des Nationalsozialismus publiziert. Bevor wir zu Einzelheiten kommen, was ist die leitende Fragestellung bzw. die zentrale These Ihrer Studie?

Dr. Roche: Eigentlich beleuchtet dieser Aufsatz einen speziellen Aspekt eines viel größeren Forschungsvorhabens, das ich momentan abschließe, nämlich eine umfassende Geschichte der Nationalpolitischen Erziehungsanstalten im Allgemeinen - The Third Reich’s Elite Schools: A History of the Napolas (i.E. bei Oxford University Press). Ich bin der Meinung, dass diese Fallstudie einen sehr wichtigen Ansatz für die historiographische Behandlung dieser Institutionen und ihrer Bildungspolitik im Ganzen bieten kann. Auch wenn die Kohärenz des Curriculums dieser Schulen in der bisherigen Forschung durchweg in Abrede gestellt wurde, könnte man behaupten, dass sich hier ein wesentlicher Unterschied zum Ausbildungsprogramm der zivilen Schulen und der HJ zeigte, der den Napolas zweifellos zum Vorteil gereichte.  Das zeigt sich nicht nur im Bereich der Leibeserziehung und sportlichen Ausbildung, sondern auch in anderen Bildungssphären. Meines Erachtens ist dieses ein wichtiger Befund, auch wenn das Endziel dieser Erziehung zum politischen Fanatismus und Soldatentod führen sollte.

Vor diesem Hintergrund vertrete ich in meinem Aufsatz die These, dass sich Theorie und Praxis im Bildungssystem des Dritten Reichs nirgends so stark angenähert haben wie in der Leibeserziehung der NPEA. In diesen Eliteschulen wurden – wenngleich in einem zahlenmäßig kleinen Maßstab – die Ideale einer sportlichen nationalsozialistischen „Totalerziehung“ in einer Weise verwirklicht, an die weder die zivilen weiterführenden Schulen noch die Hitlerjugend (HJ) ganz heranreichten. Im Gegenteil konnten die Napolas die sport- und leibeserzieherischen Elemente der HJ und der höheren Schulen unbehelligt von den Gegensätzen und Spannungen aufgreifen und überbieten, die das angespannte Verhältnis zwischen diesen beiden Institutionen sonst kennzeichneten.

"Eine ganze Reihe von elitären Sportarten"

L.I.S.A.: Anders als bei den Studien um den Breitensport in Betrieben und Vereinen, die sich an die Masse wendeten, zielten die Nationalpolitischen Erziehungsanstalten auf eine Elite innerhalb des NS-Regimes. Zeigte sich diese Differenzierung auch in der Ausrichtung und den Zielen der körperlichen Ertüchtigungsprogramme?

Dr. Roche: Ja, ganz bestimmt. Am auffälligsten würde ich hier die sogenannten “zusätzlichen” Leibesübungen nennen, die eine ganze Reihe von elitären Sportarten umfassten. Diese Aktivitäten waren eine Besonderheit der Napolas, und trugen maßgeblich zu ihrer Attraktivität bei: Welche zivile Schule konnte ihren Schülern schon die Möglichkeit bieten, sich im Reiten, Fechten, Rudern, Kraftfahren, Segeln oder Skifahren zu üben? Selbst die Flieger-, Motor-, Marine- und Reiter-HJ konnte nicht jedem einzelnen Hitlerjungen eine Grundausbildung in ihren Disziplinen ermöglichen. 

Welche Aktivitäten die jeweilige Schule anbieten konnte, hing freilich stark von ihrer geografischen Lage ab. Während in See- oder Flussnähe gelegene NPEA wie Plön oder Oranienstein mehr Wassersportmöglichkeiten boten, nahmen Anstalten in bergigen Regionen wie etwa Ilfeld im Harz regelmäßig an Skiwettkämpfen teil. Dennoch wurde – zumindest bis der Krieg in Form der Requirierung von Kraftfahrzeugen, Pferden usw. seinen Tribut forderte – alles daran gesetzt, den Schülern das ganze Spektrum sportlicher Betätigung zu bieten.

Interessanterweise boten manche Napola-Sonderkurse lediglich einen leichteren Zugang zu Aktivitäten (z. B. Boxen, Ringen oder Segelfliegen), die auch Teil der Ausbildung eines Hitlerjungen gewesen wären; in anderen Fällen allerdings haben sie offenbar Sport mit einem entschiedener pseudoaristokratischen Ethos gefördert, was sich möglicherweise leichter mit einem Eliteinternat in Verbindung bringen lässt.

"Eine besondere Einheit von Turnplatz, Internat und Schule"

L.I.S.A.: Was verstehen Sie in Ihrer Studie unter dem Begriff der „Totalerziehung“ genau? Wie nah kamen sich dabei Theorie und Praxis nationalsozialistischer Lebensführung?

Dr. Roche: Diese Idee der “totalen Erziehung” bzw. "Gesamterziehung" entstammt ausdrücklich den Denkschriften und Aussagen der NS-Bildungspolitiker und Erzieher, die verantwortlich für diese Schulen waren – z.B. Reichserziehungsminister Bernhard Rust, der Chef der Nationalpolitischen Erziehungsanstalten, und der Inspekteur der NPEA, August Heißmeyer – also ist Vorsicht geboten, bei der Frage, ob man einen solchen Begriff für bare Münze nehmen kann. 

Gleichwohl könnte der Begriff auch von deskriptivem Nutzen sein, da er den besonderen Charakter der NPEA als Internatsschulen herausstellt. Alle zeitgenössischen Kommentatoren, Erzieher und Jungmannen waren sich einig, dass der ungewöhnliche Status der Napolas als Internatsschulen eine wesentliche Voraussetzung für deren einzigartige und ganzheitliche Erziehung und insbesondere für die privilegierte Stellung der Leibeserziehung war. Nach den Worten des Studienassessors Kurt Bockhacker bildeten sie eine ganz besondere Einheit von Turnplatz, Internat und Schule.

Dass diese Art von Erziehung bestens geeignet war, um einen starken Gemeinschaftssinn auszubilden, wurde von vielen Jungmannen wahrgenommen und verinnerlicht. Das alles bestimmende Internatsleben der Schulen bedeutete für die Schüler, dass sie auch einen Großteil ihrer Freizeit auf das Üben und Trainieren verwendeten. So erinnert sich etwa der Zeitzeuge Rudolf A., der die NPEA Spandau besuchte: „Besonders beliebt waren die freistehenden Barren und Reckstangen, an denen in jeder freien Minute geübt wurde, bis man endlich den Aufschwung und die Kippe beherrschte.“

Genauso deutlich wurde allerdings auch betont, dass Sport und Leibesübungen nur ein, wenn auch höchst bedeutsames Element dieser Gesamterziehung waren. Die künstlerischen, musikalischen und akademischen Fähigkeiten der Schüler sollten ebenfalls gefördert werden; auch dies galt als entscheidender Beitrag zum spezifischen Ethos der Schulen.

"Die jungen Menschen auf Zähigkeit und Ausdauer zu trimmen"

L.I.S.A.: Welche Sportarten hatten in den Nationalpolitischen Erziehungsanstalten Priorität? Wozu sollten diese Sportarten nach der Schullaufbahn ihre Absolventen befähigen?

Dr. Roche: Neben Mannschaftsspielen – Fußball, Handball, usw. – standen Turnen, Leichtathletik und Schwimmen im Vordergrund. Hoch im Kurs stand allerdings auch das Geräteturnen „wegen seiner deutschen Eigenart und der besonderen Erziehungswerte, die uns hier vorzüglich begegnen, wie Beherrschung des eigenen Körpers, Haltung, Geschicklichkeit und Mut.“ Hier ging es aber den Lehrern vor allem darum, das Interesse gerade der jüngsten Schüler zu wecken, indem diese Geräte primär als Vorbereitung auf die natürlichen Hindernisse bei Geländesport genutzt wurden – oder die Konkurrenz zwischen den „Jungmannen“ durch Schnelligkeits- und Ausdauertests angeheizt wurde.

Im allgemeinen zielte die Leibeserziehung in den NPEA ebenso wie nahezu die gesamte nationalsozialistische Sporterziehung darauf, die jungen Menschen auf Zähigkeit und Ausdauer zu trimmen und so auf den Krieg vorzubereiten. In allen Quellen wird hervorgehoben, wie wichtig Härte, Mut, Zähigkeit, Kampfbereitschaft usw. waren. Daher wurden die Napolas besonders privilegiert, damit sie eine umfassende vormilitärische Ausbildung anbieten konnten. In einer Reihe von Anstalten wie zum Beispiel in Köslin und Plön wurden sogar Flieger- und Marinezüge eingerichtet, um in einem Schnellprogramm zukünftige Offiziere für die Luftwaffe und Reichsmarine auszubilden, und man entsandte Schülergruppen zu Kursen, die von Wehrmacht- oder Marineoffizieren geleitet wurden. Alljährlich veranstalteten die NPEA militärähnliche Manöver mit Massengeländespielen mit ca. 2000 bis 3000 Jungmannen – oft unter den Augen der höchsten Würdenträger des Landes wie Himmler, Rust und verschiedener Angehörigen des Oberkommandos der Wehrmacht (OKW). In kleinerem Maßstab war auch der Geländedienst (einschließlich der Nachtübungen), der an einigen Schulen in jeder Woche auf dem Programm stand, eine effektive Form der vormilitärischen Ausbildung; zugleich diente er dem Erwerb des SA-Wehrabzeichens.

In der Unterstufe diente der Geländesport vor allem dazu, sich die jugendliche Begeisterung der Jungen für alles Abenteuerliche zunutze zu machen und ihnen beizubringen, wie man unbeobachtet jemanden ausspäht, wie man die Geländegegebenheiten und das Unterholz nutzt, um unerkannt den Feind zu umgehen. Es wurden Aufgaben gestellt wie die Eroberung des gegnerischen Lagers oder „Munitionsdepots“. Dabei trug jeder Junge am Handgelenk einen roten oder blauen „Lebensfaden“. Wurde er abgerissen, galt der Betreffende als „tot“. So ließen sich bei jeder Feindberührung mühelos Sieger und Verlierer abzählen. Die anschließenden „Schlachten“, in denen es oftmals wild zuging, wurden häufig in lokalhistorische Geschichten etwa aus der Zeit der Bauernkriege eingebettet. Sie schlossen auch Orientierungsläufe, Gepäckmärsche und Spähtrupps ein. Dabei wurde verinnerlicht, dass Befehlen der Vorgesetzten sofort Folge zu leisten ist. 

Vor diesem Hintergrund überrascht nicht, dass das OKW mit großer Begeisterung Napola-Absolventen als Offiziersanwärter annahm. Ein Kulminationspunkt war in diesem Zusammenhang der Führerbefehl vom 7. Dezember 1944, in dem es hieß, dass fortan alle künftigen Wehrmachtoffiziere an einer NPEA oder einer Adolf-Hitler-Schule ausgebildet werden sollten. Dies ist ein besonders aussagekräftiger Beleg dafür, wie gut die vormilitärische Ausbildung an den Napolas die Jungmannen aus Sicht der militärischen Fachleute für die Anforderungen des persönlichen Einsatzes im Zerstörungswerk des Krieges vorbereitete.

"Sichere Quelle für den Offiziersnachwuchs"

L.I.S.A.: Sie stellen in Ihrem Beitrag im Titel die Frage, ob es im Rahmen der NS-„Gesamterziehung“ eine „radikale“ Revolution der körperlichen Bildung gegeben habe. Zu welcher Antwort kommen Sie schließlich?

Dr. Roche: Zusammenfassend würde ich behaupten, dass mit den NPEA eine Sphäre eigentlich geschaffen wurde, in der das nationalsozialistische Regime auf einzigartige Weise seine Ambitionen verwirklichen konnte, Sport und Leibeserziehung für die „Rassengesundheit“ und Militärtauglichkeit der Volksgemeinschaft zu instrumentalisieren. Bildeten die Napola-Schüler innerhalb der übergeordneten „Rassen-“ oder „Volksgemeinschaft“ eine Elite für sich, die einen extrem Ausleseprozess durchlaufen hatte, bei dem es vor allem auf körperliche Fitness, sportliche Leistung und Mut ankam, so genossen die Schulen als Institutionen eine privilegierte Stellung in der Bildungshierarchie des Dritten Reichs. Sie hatten (wenn überhaupt) nur mit wenigen der Probleme zu kämpfen, die ihren nicht-elitären Pendants im höheren Schulwesen zu schaffen machten. Unterausstattung und Mangel an qualifizierten Lehrkräften waren nahezu unbekannt, da die Bereitstellung der bestmöglichen Sportstätten eine Voraussetzung für die Gründung jeder neuen Napola war. 

Mit den täglichen Leibesübungen – einschließlich des allmorgendlichen Laufens oder Schwimmens vor dem Frühstück – wurde Hitlers Forderung, „es dürfte kein Tag vergehen, an dem der junge Mensch nicht mindestens vormittags und abends je eine Stunde lang körperlich geschult wird, und zwar in jeder Art von Sport und Turnen“ weitaus adäquater erfüllt, als es in einer Nicht-Eliteschule je zu leisten gewesen wäre. Im Unterschied zu anderen staatlichen Schulformen mussten sich die Napolas selten mit den Instabilitäten oder „Disfunktionalitäten“ auseinandersetzen, die in vielen Bildungsbereichen im Dritten Reich durch den Widerstreit verschiedener Interessengruppen entstanden und die Umsetzung stimmiger neuer Programme verhinderten. Selbst während des Zweiten Weltkriegs blieb die privilegierte Stellung der Schulen als von Hitler anerkannte und sichere Quelle für den Offiziersnachwuchs der Garant dafür, dass ihre Sportanlagen von Beschlagnahmung verschont blieben und der Sportunterricht bis in die Endphase des Kriegs weitgehend ungehindert fortsetzen werden konnte – auch wenn dessen militärische Anwendung immer stärker in den Vordergrund rückte.

Dass diese Form der Erziehung mit ihrer vollständigen Verschmelzung von Sport, Alltag und Ideologie von vielen Jungmannen verinnerlicht und angenommen wurde, obwohl sie manche Aspekte des leibeserzieherischen Napola-Programms als strapaziös empfunden haben dürften, lässt sich daran ablesen, dass viele als KLV-Leiter rekrutierte Jungmannen bewusst versuchten, die ihnen anvertrauten Pimpfe nach dem Vorbild der NPEA zu ertüchtigen. Auch behielten etliche ehemalige Schüler das sportliche Trainingsprogramm von einst bis heute mehr oder weniger bei, auch wenn sie schon deutlich über 80 Jahre alt sind (ein Ehemaliger schwimmt sogar täglich in einem eiskalten Tümpel); häufig führen sie auch ihre bis ins hohe Alter anhaltende Gesundheit auf die Napola-Ausbildung zurück. 

Auch wenn sich Geschichtswissenschaftler bei der Erforschung des Sports im Dritten Reich vor der Gefahr hüten müssen, die Propaganda und die Instrumentalisierungsbestrebungen des Regimes mit den realen Gegebenheiten auf dem Sportplatz zu verwechseln, erscheinen die NPEA aus dem Blickwinkel dieser Untersuchung tatsächlich als Sphäre, in der es gelang, das nationalsozialistische Leibeserziehungsprogramm in die Praxis umzusetzen.

Dr. Helen Roche hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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