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Georgios Chatzoudis | 20.03.2014 | 1806 Aufrufe | Interviews

Sonntagspflicht: Kirchgang, Altardienst oder Fußball?

Interview mit Markwart Herzog über Fußball und Religion

Fußball wird immer wieder gerne als Ersatzreligion bezeichnet, Stadien werden zu Kathedralen erkoren und Fußballfans als eigene Ethnie untersucht, die sich unter anderem auf dem grünen Rasen ihrer Clubs trauen oder sogar darunter beerdigen lassen. Das sind die üblichen Aufzählungen, wenn das Thema "Fußball und Religion" aufgemacht wird. Die Schwabenakademie Irsee widmet sich vom 21.-23. März in einer Tagung dieser besonderen Beziehung aus noch ganz anderen Perspektiven. Wir haben im Vorfeld mit dem Organisator der 7. Sporthistorischen Konferenz Irsee, Dr. Markwart Herzog, über Fußball und Religion und den Anspruch der Veranstaltung gesprochen.

Dr. Markwart Herzog, Direktor der Schwabenakademie Irsee und Mitglied der Redaktion von „In Teufels Namen: Stadionmagazin 1. FC Kaiserslautern“
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"Teilweise bereits religionsähnliche Emotionen"

L.I.S.A.: Herr Dr. Herzog, die Schwabenakademie veranstaltet im März ein dreitägiges Geschichtssymposium zum Thema „Fußball und Religion“ – genauer: „Fußball – vom profanen Freizeitvergnügen zur religiösen Sinnstiftung im 21. Jahrhundert“. Was waren für Sie als Organisator die Ausgangsüberlegungen für diese Tagung? Welche Beobachtung liegt der Thematik zugrunde?

Dr. Herzog: Es gibt einen konkreten Anlass und es gibt Sachgründe. Zunächst der äußere Anlass: Als im letzten Jahr mein Buch „Memorialkultur im Fußballsport – Medien, Rituale und Praktiken des Erinnerns, Gedenkens und Vergessens“ auf den Markt gekommen war, erschien in der renommierten Zeitschrift „Stadion: Internationale Zeitschrift für Geschichte des Sports“ eine Rezension von Nils Havemann. Der Rezensent glaubte diagnostizieren zu können, dass ich als Herausgeber dieses Buches der Beantwortung der Frage auszuweichen versuche, ob „hinter den tiefen Erinnerungsbedürfnissen im Sport nicht teilweise bereits religionsähnliche Emotionen“ vorliegen. Schon in meiner ersten Buchveröffentlichung über die Kulturgeschichte des Fußballspiels („Fußball als Kulturphänomen: Kunst – Kult – Kommerz“, Stuttgart 2002) bin ich zwar auf diese Frage eingegangen, habe sie aber sicher nicht mit der nötigen Konsequenz verfolgt. Und das machen wir jetzt auf der kommenden Konferenz. Insofern schließt sich hier ein Kreis.

"Das Fußballtrikot unter dem bürgerlichen Habit"

L.I.S.A.: Und was waren die inhaltlichen Gründe, die den Ausschlag für die Wahl des Tagungsthemas gegeben haben?

Dr. Herzog: Die Sachgründe sind ziemlich klar. In den Feuilletons der Tageszeitungen wird die These, Fußball sei Religion, immer wieder vertreten. Die Fans bedienen sich häufig einer religiösen Terminologie, um auszudrücken, was ihnen die Beziehung zu ihrem Fußballclub bedeutet. Auch die Umgangssprache bedient sich religiöser Begriffe, da ist beispielsweise die Rede vom „heiligen Rasen“ oder von der „Kathedrale“ Stadion oder von „Fußballgöttern“ allerorten. Und nicht zuletzt vollziehen die Spieler auf dem Rasen und die Fans auf den Stadionrängen die unterschiedlichsten Riten und Zeremonien.

L.I.S.A.: Hermann Queckenstedt, einer Ihrer Referenten, behandelt das Thema „Sonntagskick statt Sonntagspflicht“. Lassen sich Kirche und Fußball, Fanclubs und Kirchengemeinden, Kathedrale und Stadion, Spiel- und Gottesdienstbesuch als Konkurrenten beim Zugriff auf die Menschen verstehen?

Dr. Herzog: Grundsätzlich nein, faktisch ja. Die Geschichte des Fußballspiels ist in den meisten Ländern von Generationenkonflikten durchzogen. So gibt es bereits in der Zeit des deutschen Kaiserreichs zahllose Geschichten von jungen Kickern, deren Begeisterung für das Fußballspiel mit der „Sonntagspflicht“, also mit dem Besuch des Gottesdienstes, oder bei den Katholiken mit dem „Altardienst“ kollidierte. Bereits in den ersten Jahrbüchern des Deutschen Fußball-Bundes werden solche Kulturkonflikte thematisiert.

L.I.S.A.: Und wie sind diese Konflikte im Detail verlaufen?

Dr. Herzog: Unvergessen sind bei vielen „Alten Herren“ ergreifende Geschichten, in denen ein Spieler eine Viertelstunde vor Abpfiff das Feld verlassen musste, um rechtzeitig in das Gewand des Messdieners schlüpfen zu können. Oder umgekehrt: Die jungen Kirchgänger trugen das Fußballtrikot unter dem bürgerlichen Habit, um unmittelbar nach dem Ende des Gottesdienstes – oder heimlich schon einige Minuten davor – die Kirche zu verlassen, sich auf das Fahrrad zu schwingen und zum Spiel der Jugendmannschaft des ortsansässigen Vereins zu gelangen.

"Etliche Fußballclubs in Europa wurden von Geistlichen gegründet"

L.I.S.A.: Über welche Zeit sprechen wir hier?

Dr. Herzog: Das zieht sich durch alle Jahrzehnte. In den 1950er Jahren waren es wahre Dramen, die sich in bundesdeutschen Familien abspielten. Aber die Ursachen für diese Konflikte waren nicht grundsätzlicher Art. Denn man musste auch am Sonntag spielen, weil die wenigen Plätze in den meisten Kommunen nicht ausreichten, um alle Mannschaften an den Wochentagen spielen lassen zu können.

L.I.S.A.: Gibt es dazu auch Gegenbeispiele?

Dr. Herzog: Ja, sicher. Sie dürfen nicht vergessen, dass etliche Fußballclubs in Europa von Geistlichen gegründet wurden – beispielsweise der schottische Fußballclub Celtic in Glasgow. Hier wollten die Gründungsväter mit den Eintrittsgeldern die Armenspeisungen der Kirchengemeinde finanzieren. Auch die Gründung von Borussia Dortmund geht letztlich auf eine Kirchengemeinde zurück, deren Kaplan die männlichen Jugendlichen mit Fußball als Freizeitangebot an die Kirche zu binden beabsichtigte. Sogar der Völkerapostel Paulus hatte ein ganz unverkrampftes Verhältnis zum Sport. Zu seiner Zeit gab es zwar noch keinen Fußball, aber dafür praktizierte er andere Sportarten. Er freute sich, zu trainieren, sich für den Wettkampf richtig zu ernähren, in der Arena zu laufen, den Faustkampf zu üben und er war stolz darauf, dass er den Gegner trifft und nicht in die Luft schlägt (1. Brief an die Korinther, 9,24–27).

L.I.S.A.: Fußball wird heute oft als Ersatzreligion oder Religionsersatz bezeichnet – würden Sie das unterschreiben?

Dr. Herzog: Damit tue ich mich schwer. Wir leben in einer Kultur, in der das Verständnis von dem, was „Religion“ bedeutet, stark theologisch geprägt ist. Bekanntlich hat die jüdisch-christliche Tradition, im Unterschied zu anderen Religionen, Gott und Welt scharf getrennt und damit zu einer „Entzauberung“ der Welt beigetragen. Darüber hinaus haben die Kirchen in ihrer langen Geschichte ein bestimmtes Repertoire von Verhaltensweisen monopolisiert: Riten, Kulte, Zeremonien. Nun gibt es aber auch außerreligiöse Rituale und Zeremonien, die den religiösen ähneln. Diese Analogien haben uns, so erklärt es der Tübinger Religionswissenschaftler Günter Kehrer, dazu verleitet, das säkular Neue im Rückgriff auf die bekanntere Terminologie des traditionell Religiösen zu benennen. Ich halte das für einen sehr sinnvollen Ansatz, um zu verstehen, was hier geschieht. Demzufolge gibt es religiöse Rituale und nicht religiöse.

L.I.S.A.: Woran liegt das und wo genau überschneiden sich und unterscheiden sich zwei so grundverschiedene Phänomene wie Fußball und Religion?

Dr. Herzog: Nehmen wir nur ein einziges Beispiel: Wenn der Priester den Brautleuten in der Kirche das Pallium um die Hände legt, um die Einheit und Verbundenheit der beiden vor Gott und der Gemeinde sinnfällig zu machen, dann ist das ein genuin religiöser Akt. Wenn das getraute Paar nach dem Gottesdienst sich im Fanclub trifft, um zu feiern, und der Mann sich und seiner Frau den Vereinsschal umlegt, dann bezweckt das Paar mit diesem Ritual, seine neue Verbindung in der Fangemeinschaft zu demonstrieren. Wenn man nicht genau hinsieht, können die Gemeinsamkeiten von Ritualen dazu verleiten, die Sachverhalte zu verwechseln oder in einen Topf zu werfen. In den Familien, in der Politik oder in der Popkultur werden viele Rituale praktiziert, aber damit wird das Sonntagsfrühstück in der Familie, die Parteiversammlung oder das Rockkonzert eben nicht zu einem religiösen Ereignis. Auch der Personenkult und das Sammeln von „Reliquien“ machen aus einem Kicker keinen religiösen Heiligen. Die in Fußballfangemeinschaften üblichen Rituale sind keine Substitute für religiöse Zeremonien. Fußball ist kein billiger Religionsersatz, so wie Zichoriensud minderwertiger Kaffeeersatz. Fußball ist vielmehr ein autonomer Kulturbereich, der eigenen Gesetzen gehorcht und von unabhängigen Verbänden definiert, kontrolliert und überwacht wird. Ihm fehlt das Moment der Transzendenz, das für Religionen spezifisch ist. Deshalb beten die Fans nicht ihre Sportidole an, sondern beten vielmehr umgekehrt für sie, für den Erfolg im nächsten Spiel. Wir sollten das ernst nehmen, dass der Deutsche Fußball-Bund von Anfang an und konsequent nicht nur auf politische, sondern auch auf religiöse Neutralität gesetzt hat.

"Gleichheit von Mann und Frau"

L.I.S.A.: Dann also nochmals zu den Unterschieden zwischen Fußball und Religion. Fußballsport bedeutet Wettkampf, Leistungsvergleich und es gibt Gewinner und Verlierer. In der christlichen Religion und vor Gott selbst sind dagegen alle Menschen gleich. Gewinner und Verlierer gibt es nicht.

Dr. Herzog: Es ist ebenso erstaunlich wie interessant, dass die Sozialmodelle des bürgerlichen Fußballs und der christlichen Religion prinzipiell große Ähnlichkeiten aufweisen. In der Tat zählen auf dem Platz nur die Leistung im Wettkampf und die Leistungsunterschiede, die Sieger und Verlierer hervorbringen. Aber der Zugang zum Fußball als Wettbewerb und zum Fußball als Vergesellschaftungsform in den Vereinen des Deutschen Fußball-Bundes ist für alle Menschen gleich. Herkunft, soziale Stellung, Alter, Hautfarbe, berufliche Position, Bankkonto, das alles ist egal, es ist für die Leistung auf dem Platz absolut irrelevant. Ob Tellerwäscher oder Millionär – alle können im Fußballverein ihre Heimat finden. Das gilt auch für die passiven Mitglieder, die den Sport nicht ausüben. Dieses egalitäre Sozialmodell des Fußballs folgt strukturell dem paulinischen Verständnis der christlichen Gemeinde. Demzufolge zählt allein der Glaube an Jesus Christus. Auch in diesem Sozialkontext ist es egal, ob jemand arm oder reich ist, von Juden oder Griechen abstammt oder welchen Beruf er ausübt. Zugespitzt gesagt: Vor Gott und dem Ball sind prinzipiell alle gleich.

L.I.S.A.: Wie sieht es mit Blick auf die Frauen aus?

Dr. Herzog: Grundsätzlich gilt das natürlich auch für Frauen! Vor Gott sind gemäß der Botschaft Jesu alle gleich, ohne Ansehen der Person. Paulus hat das in den Briefen an die Galater (3,26–28) und an die Römer (2,9–11) prägnant auf den Punkt gebracht. Dabei bezieht sich Paulus ausdrücklich auch auf die Gleichheit von Mann und Frau. Aber das Christentum hat sich, da haben Sie natürlich Recht, ebenso wie der Sport mit der Gleichberechtigung der Geschlechter schwer getan. Der viele Jahrzehnte währende Ausschluss der Frauen aus dem Fußballspiel und den Ämtern in den Kirchen zeigt es. Dieser Ausschluss war absolut willkürlich und er widersprach zutiefst den Prinzipien des Sports.

L.I.S.A.: Menschen heiraten im Stadion, feiern im Fanclub oder lassen sich auf Vereinsfriedhöfen beerdigen. Eine Ihrer Thesen lautet: Fußballclubs integrieren die Fans durch alle Lebensstadien hindurch und erfüllen Leistungen, die auch von Religionen erbracht werden. Wie verstehen Sie das?

Dr. Herzog: Für viele zeichnet sich Kirche dadurch aus, dass sie ihre Mitglieder von der Wiege bis zur Bahre begleitet. Ihre Riten und Sakramente bestimmen das Leben mit und gestalten die Höhe- und Wendepunkte. Die Leistung, die Kirche hier erbringt, ist etwas, das auch in Fußballclubs zu sehen ist. In eine wachsende Zahl von Stadien wie in Gelsenkirchen bei Schalke 04 oder in Frankfurt werden Kapellen integriert, in denen sich Fußballfans trauen und ihre Kinder taufen lassen. Oder nehmen Sie die fußballbegeisterten Väter. Sie versuchen gleich nach der Geburt den Sohn oder die Tochter als Mitglied im Verein einzuschreiben. Der Sprössling trägt von klein auf den Strampler in Vereinsfarben und saugt an einem Schnuller mit Vereinslogo. Die Kleinen werden quasi mit der Muttermilch in den Fußballclub inkulturiert. Und wenn wir vom Lebensanfang auf das Lebensende schauen: Hardcore-Fans können sich in Europa und Südamerika mittlerweile auf eigenen Fan-Friedhöfen, samt Vereinshymne, Fan-Schal und anderen geliebten Fanartikeln als Grabbeigaben in „garantiert bespielter Erde“, also in aussortiertem Stadionrasen, bestatten lassen. Damit konstituiert der Fußball ebenso wie die Kirchen Lebensordnungen, in die der Einzelne von der Wiege bis zur Bahre eingebettet ist.

L.I.S.A.: Und wie gestaltet sich die ganze lange Zeit zwischen Geburt und Tod?

Dr. Herzog: Der Fußball bringt Lebensordnungen in Zeit und Raum hervor. Die Fans leben in der Erinnerung an die vorherigen Spieltage und in der Erwartung der kommenden. Sie leben in einer eigenen Zeitordnung, dem Spieljahr – so wie die Christen sich an den Festen des Kirchenjahrs orientieren. Das Kirchenjahr und das Spieljahr haben gemeinsam, dass ihr Beginn und ihr Ende sich nicht mit dem ersten und letzten Tag des Kalenderjahrs decken. Und wie die Christen die Kirchengebäude als räumliche Zentren ihres Lebens verstehen, so ist das Stadion des eigenen Fußballclubs für den Fan der Nabel der Welt, und dieses Zentrum wiederum ist in ein ganzes Netz von Stadien eingewoben, in denen die konkurrierenden Vereine spielen.

L.I.S.A.: Aber dennoch beantworten Sie die Frage, ob Fußball eine Religion sei, negativ?

Ja, in der Tat. Bis jetzt jedenfalls. Fußball als Gemeinschafts- und Lebeensordnung erbringt zwar Leistungen wie die Kirchen und Religionen, aber es mangelt ihnen an „übernatürlichen“ Personen und Kräften, an Transzendenz also. Und das ist ein starkes Argument. Aber vielleicht lasse ich mich ja überzeugen und ändere meine Position auf unserer Tagung? Wir werden sehen!

L.I.S.A.: Welche thematischen Schwerpunkte setzen Sie bei der Tagung?

Dr. Herzog: Wir beginnen mit zwei Einheiten zur Geschichte der Konkurrenz von Religion und Fußball, über die wir anfangs sprachen. Über Judentum und Sport „im Wettbewerb der Religionen“ referiert der Sozialhistoriker Mosche Zimmermann aus Jerusalem, übrigens ein bekennender Fan des HSV. Etliche Vorträge erörtern an sehr schönen Beispielen den Personenkult im Fußball. Neue empirische Forschungen über die Pilgerfahrten zu Auswärtsspielen präsentiert Gary Amstrong aus London. Und zum Schluss sind Vorträge über die Verarbeitung unseres Themas in den Künsten und Medien vorgesehen.

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