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Georgios Chatzoudis | 04.07.2017 | 467 Aufrufe | Interviews

"Die Zukunft der Psychoanalyse liegt in der Vergangenheit"

Interview mit Andreas Mayer über Sigmund Freud aus heutiger Perspektive

Jede Generation liest die Klassiker aus Literatur und Wissenschaft neu. Sigmund Freud gehört zum Genre "Klassiker" - für die einen aus literarischer, für andere aus wissenschaftlicher Perspektive. Der Historiker und Soziologe Dr. Andreas Mayer vom Centre National de la Recherche Scientifique (CNRS) in Paris hat den berühmten Psychoanalytiker vor allem aus kulturhistorischer und wissenschaftsgeschichtlicher Sicht gelesen und daraus eine aktuelle Lesart von Freuds zentralen Werken verfasst. Wir haben ihm zu seinem Buch unsere Fragen gestellt.

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"Ein stark reduziertes Format zur Erhellung dieses Werks in seiner Besonderheit"

L.I.S.A.: Herr Dr. Mayer, Sie haben einen Band über Sigmund Freud geschrieben. Es handelt sich dabei um eine Einführung in das Leben und Werk des berühmten Psychoanalytikers. Es ist nicht das erste Buch über Freud – ganz im Gegenteil: Kaum eine Person ist so stark rezipiert worden wie Freud. Warum nun eine neue Einführung? Was hat Sie dazu bewogen? Was unterscheidet sie von anderen?

Dr. Mayer: Es gibt in der Tat zahlreiche von einführenden Darstellungen in das Werk Freuds. Dabei überwiegen theorieorientierte Herangehensweisen, die den historischen Kontext weitgehend oder ganz ausblenden. Was mich interessiert hat, war zu sehen, bis zu welchem Grad auf einem stark reduzierten Format ein wissenschafts- und kulturhistorischer Ansatz zur Erhellung dieses Werks in seiner Besonderheit beitragen kann. Ob dies gelungen ist, werden allerdings nur die Leserinnen und Leser des Buches sagen können.

"Die Haltung des Biographen ist der des Psychoanalytikers diametral entgegengesetzt"

L.I.S.A.: Ihre Herangehensweise in Ihrer Arbeit ist wissenschafts- und kulturhistorisch. Sie nähern sich der Person Freuds aus der Genese heraus. Wie sehr wird man als Biograph dabei selbst zum Psychoanalytiker, wenn man das hinterlassene Werk des Protagonisten durch das Brennglas seines Lebens betrachtet und analysiert? Anders gefragt: Wie eng ist Freuds Werk eine Reaktion auf seine eigene Biographie? Was ist Freuds Es?

Dr. Mayer: Innerhalb der Geschichtswissenschaft ist die Psychoanalyse oft auf einen biographischen oder psychologistischen Zugang zu historischen Phänomen reduziert worden. Ich stehe solchen psychohistorischen Ansätzen, wie sie vor allem in den 1950er und 1960er Jahren in Mode waren, ablehnend gegenüber. Eine Ableitung des Werks aus der Biographik, wie es bis heute immer wieder versucht wird, erscheint mir prinzipiell fragwürdig. Erstens wird ignoriert, dass Freud selbst das Genre der Biographik unablässig kritisiert hat: Hier werde eine Wahrheit gesucht, die einfach nicht zu haben ist. Man sollte auch nicht übersehen, dass der Biograph seinem Gegenstand gegenüber eine Haltung annimmt, die derjenigen des Psychoanalytikers diametral entgegengesetzt ist: Er scheint in bezug auf die frühe Kindheit geradezu allwissend, dringt mühelos in die Bereiche der Intimität vor. Zwei Freud-Biographien jüngeren Datums können so etwa behaupten, Freud habe seine Sexualtheorie nur aufstellen können, weil er selbst weitgehend enthaltsam gelebt habe. Zweitens führt eine solche biographistische Verengung auf das Individuum Freud (die überdies eine Idealisierung darstellt) zum Ausblenden des Wesentlichen: der theorie- und institutionsgeschichtlichen Kontexte und Konflikte, innerhalb deren das Werk erst seine besondere Gestalt annimmt. Kurz gesagt: Nicht das eher triviale Faktum, dass Freud als Sexualtheoretiker auch ein Geschlechtsleben hatte, ist hier relevant, sondern dass er mit seinen Theorien auf andere medizinische und kulturelle Konzeptionen der Sexualität reagiert hat.

"Eine Sicht, derzufolge wir alle mehr oder weniger neurotisch sind"

L.I.S.A.: Sie betrachten Freud in Ihrer Studie als einen Erben des Positivismus des 19. Jahrhunderts. Wie passt das mit Freuds zentralem Untersuchungsgegenstand zusammen, dem Unbewussten? Inwiefern unterliegt die Entdeckung des Unbewussten durch Freud einer positivistischen Perspektive? Und was hat sich aus dieser Traditionslinie Neues entwickelt? Für welche neuen Denkrichtungen war Freud der Auslöser?

Dr. Mayer: Wenn es Freud um etwas ging, dann war es, das Unbewusste im Rahmen einer quasi experimentellen Methode zum Arbeiten zu bringen. In diesem Sinn ist er ein Erbe von Jean-Martin Charcot, der die Hypnose aller Mystik entkleiden und zur experimentalpsychologischen Methode ausarbeiten wollte. Wenn man vom Positivismus Freuds spricht, sollte man immer präzisieren, was man meint. In einem historischen Sinn zeigt sich Freuds Positivismus etwa deutlich im Hinblick auf seine Analyse der Religion als einem System von Zwangsvorstellungen; in einem erkenntnistheoretischen Sinn etwa in der «Traumdeutung», wenn er den Traum primär als das Erinnerte oder Erzählte auffasst und nicht als ein Ereignis. Oder nehmen Sie die «Psychopathologie des Alltagslebens». Hier geht es um die Einbürgerung alltäglich auftretender, scheinbar irrationaler Phänomene in die Lebenswelt. Zum einen hat dies ihrer «Entzauberung» Vorschub geleistet, zum anderen aber auch einer Sicht, derzufolge wir alle mehr oder weniger neurotisch sind und unser Verhalten interpretationsbedürftig ist.

"Ein nicht-dogmatischer Zugang des Wieder- oder Neuentdeckens"

L.I.S.A.: Sie machen in Ihrem Buch deutlich, dass die Rezeption Freuds, die noch zu seinen Lebzeiten einsetzte, sich im Laufe der Zeit immer weiter vom historischen Freud distanzierte. Heute sind Begrifflichkeiten, die auf Freud referenzieren in aller Munde: Ödipuskomplex, Narzissmus, Ich-Es-Über-Ich, Penisneid, Freud‘scher Versprecher etc. Blicken wir heute auf einen popkulturell verfremdeten Freud, der mit dem historischen kaum noch etwas gemein hat?

Dr. Mayer: Vielfach erscheint Freud als ein Autor, dessen zentrale Thesen und Theorien bekannt sind und das westliche Selbstverständnis wesentlich geprägt haben. Zugleich ist es offensichtlich, dass mit dieser weitreichenden Diffusion und oftmals ideologischen Aneignung die Begriffe oft ihre Trennschärfe verloren haben. Eine kultur- und wissenschaftshistorische Einführung findet deshalb hier ihre Berechtigung, wenn sie an die Kontexte der Theoriebildung erinnert. Da diese uns mittlerweile oft bereits fremd geworden sind, bietet sich hier ein nicht-dogmatischer Zugang des Wieder- oder Neuentdeckens an.

"Freud war in bezug auf die Fortschrittsrhetorik ein Skeptiker"

L.I.S.A.: Freud hatte eine Wissenschaftsauffassung, die Sie als „eigentümlich“ bezeichnen. Die Unterscheidung zwischen Naturwissenschaften und Geisteswissenschaften hat er nicht nachvollzogen, sondern die Psychoanalyse als eine eigene Grundlagenwissenschaft betrachtet, die sich der Erforschung des Unbewussten annimmt. Heute gilt Freud aus wissenschaftlicher Sicht als überholt - vor allem in den psychologischen Disziplinen, die primär naturwissenschaftlich verankert sind. Wie ist dem zum Trotz seine Popularität bis heute zu begreifen? Was hat Sigmund Freud uns heute noch zu sagen?

Dr. Mayer: Es sollte uns keine Probleme bereiten, dass Freuds Wissenschaftsauffassung nicht unbedingt unseren gängigen Auffassungen entspricht. Ich meine im übrigen, dass die Frage nach der Wissenschaftlichkeit der Psychoanalyse eine überholte Frage ist. Im Gegensatz zu den Experimentalpsychologen, die statistische oder andere Daten benötigen, ist dies in der Tat für die meisten praktizierenden Analytiker in ihrer täglichen Arbeit völlig irrelevant. Freud war in bezug auf die Fortschrittsrhetorik der modernen Wissenschaft ein Skeptiker und hielt es eher mit dem Satiriker Johann Nestroy, demzufolge "jeder Fortschritt immer nur halb so groß ist als wie er zunächst ausschaut". So paradox es klingt: Die Zukunft der Psychoanalyse wird in gewissem Sinne stets in der Vergangenheit liegen, in jenem Verdrängten, das in immer wieder anderen Erscheinungen wiederkehrt. Das birgt, wie zurecht immer wieder kritisiert worden ist, die Gefahr einer Bestätigung von bestehenden Strukturen, des status quo. Wenn sie aber im besten Sinne gebraucht wird, so ist die Psychoanalyse ein Instrument, um das Problem der Zeitlichkeit, der Verhältnisse der Generationen unter den gegenwärtigen sozialen und kulturellen Bedingungen zu stellen.

Dr. Andreas Mayer hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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