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Georgios Chatzoudis | 20.10.2015 | 4064 Aufrufe | 1 | Interviews

Robin Hood - Geschichte, Legende, Mythos

Interview mit Judith Klinger über Robin Hood aus mediävistischer Perspektive

Der Gedanke an Robin Hood weckt viele unterschiedliche Assoziationen: Sherwood Forest, Little John und Bruder Tuck, Sheriff von Nottingham, Pfeil und Bogen, Richard Löwenherz, Rächer der Enterbten, Beschützer der Schwachen, Kampf für Gerechtigkeit, Schwertkämpfe mit Eroll Flynn in grüner Seidenhose - die Auflistung ließe sich mühelos fortsetzen. Wie viel davon ist aber tatsächlich Geschichte, wie entstand die Legende um Robin Hood und den Merry Men und warum halten Mythos und Faszination noch bis heute an? Die Mediävistin Dr. Judith Klinger von der Universität Potsdam hat die zahlreichen Narrative rund um um diese populäre Figur des Mittelalters erforscht und ihre Ergebnisse jüngst veröffentlicht. Wir haben ihr unsere Fragen gestellt.

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"Robin Hood steht in klaren Bezügen zu Raum und Zeit"

Dr. Judith Klinger, Universität Potsdam, Wissenschaftliche Assistentin am Lehrstuhl für Germanistische Mediävistik

L.I.S.A.: Frau Dr. Klinger, Sie haben ein Buch über Robin Hood geschrieben und begeben sich dabei auf die Suche nach einer Legende. Gab es Robin Hood überhaupt? Ist Robin Hood eine historische Gestalt?

Dr. Klinger: Diese Frage erfordert eine komplexe Antwort, denn sie hat die Robin Hood-Forschung seit langem beschäftigt. Von historischen Gestalten sprechen wir, wenn Identitätszeugnisse in Quellen verbürgt sind, die wir für faktenorientiert halten: im Mittelalter z.B. Chroniken. Tatsächlich erscheint Robin Hood in schottischen Chroniken des frühen 15. Jahrhunderts als historischer Straßenräuber, und man hält ihn zu dieser Zeit gemeinhin für eine geschichtliche Person. Diese Person muss aber – wenn es sie gegeben hat – bereits in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts gelebt haben, und dort verliert sich die Spur. Man hat in Gerichtsurkunden und anderen Unterlagen verschiedene Kandidaten ausgemacht, die gewisse Ähnlichkeiten mit dem Robin Hood der späteren Überlieferung aufweisen, aber keine dieser Identifikationen ist gänzlich überzeugend. So ergibt sich ein zwiespältiges Bild: auf der einen Seite die verbreitete Annahme eines real existenten Robin Hood, auf der anderen das Fehlen eindeutiger Dokumente für die Existenz eines historischen Individuums, eines Originals für die vielfältigen Geschichten. Entweder sind unsere Quellen lückenhaft (oder noch nicht hinreichend ausgewertet), oder die Legendenbildung um den Outlaw aus dem Sherwood Forest hat erst im späteren Mittelalter historisches Gewicht gewonnen. Robin Hood verbleibt damit in einem Schwebezustand zwischen Fakten und Fiktionen, der sich beim gegenwärtigen Forschungsstand nicht auflösen lässt.

Das ist natürlich unbefriedigend, aber man muss dabei auch nicht stehen bleiben. Immerhin erlaubt das inzwischen aufgearbeitete Material eine recht präzise zeitliche und geographische Verortung. Für die zweite Hälfte des 13. Jahrhunderts kann ein sprunghafter Anstieg von ‚Robynhood’-Beinamen nachgewiesen werden: ein klares Anzeichen dafür, dass sich Geschichten über einen Outlaw dieses Namens verbreiteten und bereits in diesem Zeitraum große Beliebtheit genossen. Was diese Initialzündung im Einzelnen ausgemacht hat, ist derzeit unklar, aber sie verweist auf einen Ursprung vor 1250. Ebenso unstrittig ist die geographische Zuordnung Robin Hoods zum Westbezirk von Yorkshire. Die Wälder von Barnsdale und Sherwood werden seit Beginn der Überlieferung als sein Aktionsraum benannt, und die Gest of Robyn Hood, eine längere Verserzählung, benennt dazu noch geographische Details, die die Abenteuer der Outlaws akkurat mit spezifischen Örtlichkeiten verknüpfen.

Das sind natürlich keine eindeutigen Beweise für die Existenz eines Robin Hood, wie wir ihn aus den populären Erzählungen kennen, aber sie dokumentieren ein historisches Koordinatensystem: Robin Hood ist keinem mythischen Irgendwo als fiktionales Phantasma entsprungen, er steht in klaren Bezügen zu Raum und Zeit. Auch die Tatsache, dass er seit Beginn der schriftlichen Überlieferung für eine geschichtliche Gestalt gehalten wurde, muss man ernst nehmen. Unsere Kriterien für historische Evidenz sind andere als die, die für mittelalterliche Chronisten Gültigkeit hatten. Geschichte und Geschichten traten zu dieser Zeit nicht zwangsläufig in Widerspruch zueinander, und dass zahlreiche Geschichten über Robin Hood in Umlauf waren, ist klar. Sie haben ihm eine historische Präsenz verliehen, die über lange Zeit gar nicht hinterfragt werden musste.

"Mein Buch orientiert sich an der Geschichtlichkeit des Imaginären"

L.I.S.A.: Auf welchen Quellen basiert der historische Robin Hood, auf welchen der legendenhafte? Oder ist es alles andere als leicht, da eine klare Trennung vorzunehmen?

Dr. Klinger: Das Grundproblem einer historisch eindeutigen Identifikation von Robin Hood besteht in der enormen zeitlichen Verzögerung, mit der die schriftliche Überlieferung einsetzt. Aus dem 13. Jahrhundert liegen nur die schon genannten Sekundärzeugnisse der ‚Robynhood’-Beinamen vor; alle weiteren Spuren und Verweise reichen bloß bis ins frühe 15. Jahrhundert zurück. Dazwischen ist eine Phase der mündlichen Überlieferung, der kollektiven Weitergabe und Aneignung von Geschichten anzunehmen, wie sie für das gesamte Mittelalter charakteristisch ist.

Natürlich lassen sich Quellentypen unterscheiden, die je unterschiedlich auf historische Wirklichkeit Bezug nehmen: Gerichtsquellen und Steuerurkunden geben Auskunft über administrative Vorgänge, Chroniken entwerfen eine politisch-theologische Ordnung von Zeitabläufen, literarische Erzählungen experimentieren mit gesellschaftlichen Standards und Wunschvorstellungen. In all diesen Quellen taucht Robin Hood auf, und das spricht zunächst für seine Realpräsenz in der zeitgenössischen Wahrnehmung. Zwar fehlen uns Faktenangaben – idealtypisch so etwas wie: „Im November 1249 wurde der gesuchte Straßenräuber Robin Hood dem Sheriff von Nottingham vorgeführt“ –, aber die Quellenlage spricht für eine enorme Wirkmächtigkeit dieses Outlaw.

Statt bei der Lückenhaftigkeit der Überlieferung stehen zu bleiben, orientiert sich mein Buch an der Geschichtlichkeit des Imaginären: der realhistorischen Wirkmacht von Vorstellungen, Wissensbeständen und gedachten Ordnungen, die gesellschaftliche Wirklichkeit strukturieren. Auf diesem Weg lässt sich die Dichotomie von Fakten und Fiktionen überwinden, denn geschichtlich real ist auch, was gedacht und geglaubt wird. Das mag im ersten Moment diffus klingen, aber man kann mit diesem Ansatz den unterschiedlichen Realitätsbezügen von Texten nachgehen und den Verschlingungen von Fantasie und Lebenswirklichkeit genauer auf die Spur kommen. Ich habe die ältesten Texte über Robin Hood genau daraufhin durchgemustert: Welchen Wirklichkeitsgehalt haben diese Geschichten über den Anführer einer Bande von Outlaws? Welche rechtlichen Normen und lebenspraktischen Zusammenhänge kommen dabei zur Sprache? Welche Aspekte folgen typisch literarischen Stilisierungen und transformieren Alltagswirklichkeit, um gewünschte Verhältnisse zum Vorschein zu bringen?

Die Antworten auf all diese Fragen führen im Detail zu überraschenden Einsichten. Manches, was auf den ersten Blick fantastisch wirkt, erweist sich im Abgleich mit zeitgenössischen Quellen als erstaunlich realitätsnah. Auch traditionelle literarische Motive oder mythisch überhöhte Bilder lassen sich als erzählerische Mittel identifizieren, einer geglaubten Wirklichkeit zu größerer Strahlkraft zu verhelfen. Mit dieser Methode filtert man keine Faktenrealität heraus, wie sie die klassische Geschichtschreibung gern sieht. Stattdessen zeichnet sich aber eine Realitätshaltigkeit des Kernbestands all jener Erzählungen um Robin Hood ab, die auch ihre nachhaltige Faszination erklärt.

Der frühe Robin Hood weist einige Merkmale auf, die ihn markant von anderen Outlaws der englischen Geschichte und Literatur abheben. Er ist kein Adliger, sondern yeoman, eine vieldeutige Bezeichnung für eine Stellung zwischen den sozialen Schichten. Er folgt mit seinen Raubzügen, seinen Maskeraden und den – mal generösen, mal anarchisch-aggressiven – Eingriffen in gesellschaftliche Abläufe auch keinem heroischen Ideal, denn er scheitert bisweilen und macht Fehler. Dass er dennoch beeindruckt und fasziniert, liegt an seiner Fähigkeit, eine Outlaw-Gemeinschaft außerhalb der rechtlichen Ordnung zu schaffen und aufrecht zu erhalten. Diese Bindung an die Gemeinschaft der merry men wie auch an den gesellschaftsfernen Lebensraum des Waldes macht die besondere Identität von Robin Hood aus. So hat man ihn im Spätmittelalter gesehen und für historisch glaubwürdig gehalten.

Von einer Legendenbildung im heutigen Sinne würde ich daher erst sprechen, wo die Robin Hood-Geschichte von Autoren wie Anthony Munday und William Shakespeare aufgegriffen und zum Gegenstand literarischer Bearbeitung wird. Dazu gehört dann vor allem die Gentrifizierung des Straßenräubers, denn Robin wird zum Adligen erklärt, der aufgrund widriger Umstände ins Wald-Exil flüchten muss und gezwungen ist, sich sein Recht und sein Erbe wieder zu erstreiten. Die Geschichte gewinnt damit soziales Prestige und herrschaftliche Relevanz, denn sie bestätigt mit Robins abschließender Reintegration auch die gesellschaftlichen Hierarchien. Das anarchisch-subversive Potential, das den frühen Erzählungen abzulesen ist, wird damit allerdings erheblich entschärft.

"Der Wald und der Bogen manifestieren zentrale Aspekte des Mythos um einen Outlaw"

L.I.S.A.: Im Mythos um Robin Hood spielen viele Bildmotive eine wirkmächtige Rolle. Picken wir uns zwei heraus: der Wald und der Bogen. Welche ikonographische Bedeutung haben beide Motive für das Gesamtnarrativ?

Dr. Klinger: In unserer Gegenwart existiert ein zeichenhaft verkürztes Bild vom edlen Outlaw Robin Hood, der grün gekleidet wie sein Greenwood stets mit Pfeil und Bogen in Erscheinung tritt. Dieser ikonographische Archetyp schließt an Elemente der ältesten Überlieferung an, denn genau so begegnet uns Robin schon in einer isolierten Strophe des frühen 15. Jahrhunderts. Allerdings haben der Wald wie auch Robins Auftritt als hervorragender Bogenschütze im Spätmittelalter eine andere Bedeutung als heute. Dem Leben als Outlaw im Greenwood haftet noch keine romantisierte Naturverbundenheit an, denn es ist Konsequenz einer Verbannung ins unzivilisierte Außerhalb der Kultur und beinhaltet den Ausschluss aus Gesetz und Gesellschaft. Robin Hood agiert jenseits der Grenze, die die mythische Raumordnung des Mittelalters bestimmt, aber er hebt sie auch auf. Die spätmittelalterlichen Geschichten bringen zum Vorschein, dass der Wald sowohl gefährliche Wildnis als auch geordneter Lebensraum sein kann. Robins Greenwood ist ein lichtes Königreich des Sommers, weil er ihm eigene Regeln verleiht, die mit den Gesetzen außerhalb des Waldes konkurrieren.

Ohne den Wald kann es keinen Robin Hood geben: Das ist Kernbestand seines Mythos und seiner Identität. Anders als in der Gegenwart, die den Wald zum Primärsymbol einer bedrohten und verdrängten Natur gemacht hat, sind die historischen Wälder von Barnsdale und Sherwood aber in vielfältige kulturelle Bedeutungen eingewoben. Sie gelten als gesetzlose Räume und Orte der Aufhebung aller geltenden Regeln und haben doch intensiv Anteil an ökonomischen und herrschaftlichen Konflikten. An dieser Schnittstelle situiert sich Robin Hood, der auf die naturwüchsige Macht der Wälder zugreift und mit ihrer Hilfe eine alternative Ordnung einrichtet und verteidigt. Seine Gemeinschaft lebt nach eigenwilligen Regeln und ist im Wald nahezu unangreifbar. Diese Gegenkultur der Outlaws erlaubt es Robin auch, die Grenze zwischen Wildnis und Zivilisation immer wieder zu überschreiten. Deshalb hat Robin Ähnlichkeit mit der rätselhaften Figur des ‚grünen Manns’, in der sich vegetabiles, ungestümes Wachstum mit menschlichen Zügen verbindet. Von einer solchen Gestalt geht eine ambivalente Faszination aus, denn sie beinhaltet Bedrohung und Versprechen zugleich.

Dass Robin Hood von Beginn der Überlieferung an als Bogenschütze gesehen wird, gehört in denselben Zusammenhang. Ein modernes Publikum denkt dabei sicher zuerst an das Motiv der Wilderei, denn die Outlaws ernähren sich – bekanntermaßen widerrechtlich – von den Hirschen des Königs. Dieser Bezug auf das königliche Jagd- und Forstrecht spielt in den frühen Erzählungen allerdings eine untergeordnete Rolle; auch die militärhistorische Bedeutung des Langbogens ist darin weniger von Belang, als man vielleicht erwarten würde. Wenn Robin seine Bogenkünste spielen lässt, geschieht dies vor allem in Form von Wettkämpfen, die seine Überlegenheit demonstrieren.

Eines der ältesten Erzählmotive, das in kaum einer modernen Verfilmung fehlt, ist das vom Sheriff ausgerufene Wettschießen zu Nottingham, das Robin Hood unerkannt gewinnt. Darin steckt weit mehr, als sich dem flüchtigen Blick enthüllt, denn es geht nicht nur um die ausgezeichnete Handhabung einer Waffe. Robin nimmt maskiert an einer spielerischen Form der Gewaltausübung teil und gibt darin sein Wesen zu erkennen, ohne dass er erkannt wird. Gezeigt wird damit, dass er jederzeit an gesellschaftlichen Ritualen mitwirken, deren prominente Vertreter ausstechen und wieder verschwinden kann. Seine Überlegenheit besteht wesentlich darin, dass er mit spielerischer Leichtigkeit Grenzen überwindet und soziale Rollen annimmt, ohne sich festlegen zu lassen. Ernstkämpfe ficht der frühe Robin Hood fast immer mit dem Schwert aus, dem zentralen Dingsymbol adliger Männlichkeit. Wenn er zum Bogen greift, geht es dagegen um grundsätzliche Fragen von Identität und Gemeinschaft – und das betrifft auch die Outlaws selbst. An den Wettkämpfen, die die merry men untereinander austragen, kristallisiert sich ein Kernproblem ihrer Gemeinschaft. Sie haben sich prinzipiell freiwillig und als Gleichrangige zusammengetan, und so kann es unter ihnen auch keine fixierte Hierarchie geben. Robin Hood ist kein unumstrittener Anführer, und seine Männer – insbesondere Little John – stehen ihm in ihren Bogenkünsten kaum nach. Ihr Zusammenhalt und ihre Treue zu Robin muss immer wieder neu ausgehandelt werden.

Der Wald und der Bogen manifestieren also zentrale Aspekte des Mythos um einen Outlaw, der mehr verkörpert als den Eigensinn eines gesetzlosen Straßenräubers. Sie verweisen auf widerständige Ideale von Freiheit und Gerechtigkeit. Was das jeweils beinhaltet, unterliegt historischen Veränderungen. Der Robin Hood-Mythos der Moderne – merklich geprägt von US-amerikanischen Filmen, aber auch Jugendbüchern und Comics – stilisiert den Outlaw zum protodemokratischen Freiheitskämpfer und Patrioten, der sich für die Armen und Unterdrückten einsetzt, seinem König aber treu ergeben ist. Zugleich schwingt in der Ikonographie dieses Robin Hood das Phantasma des ‚edlen Wilden’ mit, dem seine primitive Naturverbundenheit eine besondere ethische Würde verleiht. Dieses Bild umgibt Robin mit dem romantischen Glanz eines Fremden, der uns eigene Sehnsüchte in besonderer Reinheit entgegenspiegeln kann. Im späten Mittelalter ist der Outlaw mit Pfeil und Bogen ein fremder Vertrauter ganz anderer Art: Er transformiert die altbekannte Wirklichkeit der Wälder und des Bogenschießens, weil er außerhalb der traditionellen Ständeordnung agieren kann. 

"Es gibt eine Neigung, Robin als Männlichkeitsideal zu sehen"

L.I.S.A.: Das Bild, das wir uns heutzutage von Robin Hood machen, ist stark von den vielen filmischen Umsetzungen geprägt: Douglas Fairbanks, Errol Flynn, Sean Connery, Kevin Costner, Russel Crowe haben ihn alle verkörpert, um nur einige namhafte zu nennen. Welcher davon gefällt Ihnen am besten? Welcher hat die größte Nähe zur historischen Gestalt? Wie verändert sich der Typus in einem Jahrhundert Filmgeschichte?

Dr. Klinger: Die Reihe der Robin Hood-Verfilmungen eröffnet ein interessantes Spannungsfeld von unveräußerlichen Motiven und immer neuen Anverwandlungen. Unveräußerlich ist außer dem narrativen Kernbestand – die ungerechte Vertreibung in die Wälder, der Kampf für die Armen und Unterdrückten, die Rückkehr des Königs und die Reintegration in die Gesellschaft – Robins ethische Überlegenheit. Die Erfahrung massiven Unrechts pflanzt ihm ein soziales Gewissen ein, das er fortan spielerisch-akrobatisch (wie Douglas Fairbanks), lässig-elegant (wie Errol Flynn) oder naiv-ungestüm (wie Kevin Costner) verkörpert. Abseits der gesellschaftlichen Ordnung wird er zu ihrem gefährlichsten Kritiker, denn er lässt seiner Kritik Taten folgen, statt sie theoretisch zu formulieren – und das gilt schon für den spätmittelalterlichen Robin. Das Freiheitsideal, für das er eintritt, unterliegt natürlich immer neuen Umdeutungen, ebenso wie sein Kampf für die Entrechteten. Massentauglich sind die Robin Hood-Verfilmungen immer dann, wenn sie einerseits Anknüpfungspunkte an die sozialpolitischen Verhältnisse der Gegenwart bieten, andererseits diffus genug bleiben, um ins Allgemein-Menschliche und ethische Appelle zu münden.

Das war bei populären Robin Hood-Inszenierungen des Spätmittelalters und der Frühen Neuzeit ganz anders: Die Maifeste, bei denen man spielerische Robin Hood-Umzüge veranstaltete, konnten in fröhlichen Biergelagen ausklingen, aber auch Anlass zu Gesetzesverstößen und Krawallen geben. Der heutige Mainstream-Robin Hood ist weit sozialverträglicher, denn er bietet Ansätze zur Reformation der Machtverhältnisse – mehr Freiheit, mehr Aufrichtigkeit, mehr Verantwortungsbewusstsein – ruft aber nicht zu rebellischer Aktion auf.

Wenn so viele namhafte Schauspieler, die allesamt als attraktive Männer gelten, die Rolle Robin Hoods übernommen haben, verrät das übrigens eine Neigung, Robin als Männlichkeitsideal zu sehen – ein Ideal, das möglichst dem Massengeschmack entsprechen soll. Das ist allerdings weit entfernt vom frühen Robin Hood, der eher eine alternative Männlichkeit quer zu den herrschenden Standards verkörpert.

Mir persönlich gefallen die filmischen Umsetzungen am besten, die sich auf die Brüche und Widersprüche der Robin Hood-Figur konzentrieren, statt ihn als glattes Vorbild einer schöneren demokratischen Welt zu inszenieren. Sie stehen darin den historischen Wurzeln näher als Kino-Epen wie Kevin Reynolds’ Robin Hood – Prince of Thieves (1991). Richard Lesters Robin and Marian (1976) ist von der Desillusionierung der Post-Vietnam-Ära geprägt und zeigt einen gealterten Robin Hood (dargestellt von Sean Connery), der an der eigenen Legende scheitert, weil er ihr zuviel Glauben schenkt. Die von Richard Carpenter konzipierte britische Fernsehserie Robin of Sherwood (1984-1986) legt eine radikale Spaltung zugrunde: ‚Robin Hood’ zu sein bedeutet, eine Rolle zu spielen, der die individuelle Person nie vollständig gerecht werden kann. Daher hat der erste Robin Hood dieser Serie (dargestellt von Michael Praed) nach seinem Tod auch einen Nachfolger (gespielt von Jason Connery). Lester und Carpenter lassen ihren Helden in einen kritischen Dialog mit dem eigenen Mythos eintreten, und dazu gehört auch die Auseinandersetzung mit dem Tod, der sonst im Mainstream-Kino konsequent ausgeblendet wird. Beide präsentieren einen fehlbaren, sterblichen Robin Hood, dessen Identität zwangsläufig in eine Krise geraten muss, wenn ihm ein unfehlbares Ethos angedichtet wird.

Die größte Nähe zu den historischen Ursprüngen hat in meiner Sicht – ausgerechnet! – Robin of Sherwood, trotz aller bewusst eingesetzen und manchmal theatral ausgespielten Fantasy-Elemente. Der kleinformatige Episodencharakter der Serie steht den frühen Balladen und Geschichten bereits in der Erzählform nahe und verzichtet auf Mittelalterstereotypen und Massenspektakel, wie sie seit Douglas Fairbanks’ Robin Hood stilbildend geworden sind. Robin of Sherwood setzt stattdessen auf eine spielerische Verbindung fremdartiger mittelalterlicher Praktiken und Denkformen mit Versatzstücken moderner Fantasy und zeigt einen kleinen Trupp heimatloser Outlaws, die ihren Kampf gegen die Obrigkeit nicht gewinnen können. Besonders originell daran ist, dass – wiederum anders als im Mainstream-Kino – gesellschaftliche Ideale nicht als konsensfähige Leerformeln vorausgesetzt werden. Wenn Errol Flynn oder Kevin Costner mittelalterlich kostümiert auf der Leinwand erscheinen, wissen wir als Zuschauer immer schon, dass sie im Sinne des Guten, von Freiheit und Gerechtigkeit, agieren werden. Ob man dafür echte Risiken eingehen muss, ob und wodurch diese Ideale fragwürdig werden könnten, steht gar nicht erst zur Diskussion. Carpenters Robin of Sherwood präsentiert mit der leeren Kapuze des hooded man dagegen eine mythische Formel, die nur unter Anstrengungen und um den Preis des Lebens gefüllt werden kann – und auch das gelingt bloß vorübergehend.

Wenn man insgesamt eine Tendenz in den Robin Hood-Verfilmungen des populären Kinos beschreiben will, besteht sie wohl im zunehmenden Verschwimmen aller politisch-sozialen Bezüge. Das gilt für zwei so gegensätzliche Filme wie das Action-Adventure-Spektakel Prince of Thieves und Ridley Scotts Robin Hood (2010), der sich eher als Historiendrama beschreiben lässt. In Prince of Thieves münden sozialrebellische Attitüden in die Bewältigung innerfamiliärer Krisen und die Erfahrung romantischer Liebe, so dass aus dem selbstverliebten Freiheitskämpfer zuletzt ein verantwortungsvoller Familienvater werden kann. Alles Politische wird damit ins Private entlassen und verabschiedet. Einen ganz anderen Weg geht Ridley Scott, dessen Robin Longstride in die Wirren um die Entstehung der Magna Carta von 1215 eingespannt wird. Die totale Historisierung Robin Hoods auf höchster politischer Ebene führt paradoxerweise aber zum Verlust all jener prägnanten Züge, die die Geschichte des Outlaws seit dem Spätmittelalter ausgemacht haben. Der Wald führt in diesem Film ein Schattendasein, eine Bande von Geächteten wird sich erst nach Abschluss der vorgeführten Ereignisse bilden, und von der radikalen Freiheitsliebe ist nur ein rhetorischer Gestus geblieben. Stattdessen wird Robin zum Verfechter einer Magna Carta, die in der historischen Realität vor allem Adelsprivilegien gegen die Königsherrschaft absicherte, hier aber für eine diffus progressive Demokratiesehnsucht steht.

Es gehört natürlich zu den Standards des Historienfilms, dass er Identifikationspotentiale auf der Ebene des Allgemein-Menschlichen eröffnet und jede Menge Raum für moderne Projektionen bietet. Der cinematische Umgang mit Robin Hood scheint aber dazu zu neigen, alles Widerständig-Rebellische – übrigens auch in der audiovisuellen Umsetzung – zusehends glattzubügeln. Im Kino war Robin immer schon eine rückwärtsgewandte Projektion gegenwärtiger Sehnsüchte, die man kaum für historisch möglich halten konnte, doch inzwischen bietet er kaum mehr eine Reibungsfläche.

"Man kann Einiges über subkulturellen Eigensinn und erfolgreichen Widerstand lernen"

L.I.S.A.: Der britische Historiker Eric Hobsbawm hat Robin Hood Ende der 1960er Jahre als „Sozialbanditen“ bezeichnet, der politischen Widerstand gegen das Unrecht der Obrigkeit leistet. Das ist eine relativ junge Interpretation des Robin Hood-Mythos. Sie zeigen in Ihrem Buch, dass die Umdeutung Robin Hoods zu einem Vorkämpfer von sozialer Gerechtigkeit schon viel früher einsetzte. Wann genau? Und: Gibt es moderne politische Vereinnahmungen der legendären Figur? War beispielsweise Che Guevara, der unter anderem aus dem Dschungel heraus kämpfte, ein moderner Robin Hood?

Dr. Klinger: Nach Hobsbawm sind ‚Sozialbanditen’ nicht Vertreter einer politischen Ideologie, vielmehr reagieren sie mit einer widerständigen Lebenspraxis auf inakzeptable gesellschaftliche Verhältnisse. Als Gesetzesbrecher bringen sie auch die Unzulänglichkeiten und Schwächen des Gesetzes zum Vorschein und agieren damit vor allem im Interesse der Benachteiligten, von denen sie als ‚Volkshelden’ bewundert und verehrt werden. Diese Beschreibung trifft auf den ursprünglichen Robin Hood nur in Teilen zu, ist aber auch nicht ganz falsch. Sein politisches Programm, wenn man es so nennen kann, kommt vor allem in der eigenen Lebensweise zum Ausdruck. Ein wesentlicher Aspekt ist die Umdeutung gesellschaftlicher Ächtung in selbstbestimmte Freiheit. Robin Hood definiert sich nicht negativ als Ausgestoßener, sondern positiv als Schöpfer und Verfechter einer anderen Ordnung.

Andererseits ist er kein Held der ‚kleinen Leute’ und agiert nirgends im Interesse einer spezifischen gesellschaftlichen Gruppe. Einen Klassengegensatz von Arm und Reich, Machtinhabern und Unterdrückten gibt es in den frühen Erzählungen nicht. Sie behandeln Ungerechtigkeit, Besitzgier, Rechtsbeugung und Korruption immer nur am Einzelfall. In der Gest setzt sich Robin beispielsweise für einen verarmten Ritter ein, dem Geistliche mit Hilfe dubioser Geschäftspraktiken sein Land wegnehmen wollen. Kirchenherren, die sich zu sehr für die eigene Bereicherung statt für religiöse Belange interessieren, sind seine bevorzugten Gegner. Robin Hood kann aber auch das profitorientierte Stadtbürgertum parodieren und verspotten, einen ehrlichen Handwerker dagegen fürstlich entlohnen. In solchen Geschichten wird eine Kritik an der zeitgenössischen Ökonomie greifbar, der sich die Outlaws verweigern, indem sie ausschließlich rauben und schenken. In den Geschichten vom Beschenken der Bedürftigen – ohne Berücksichtigung ihres sozialen Standes oder irgendeiner Gruppenzugehörigkeit – ist der Keim für die moderne Vorstellung vom ‚Rächer der Enterbten’ angelegt.

An Robin Hood hat sich also schon früh die Vorstellung von einer Gerechtigkeit außerhalb des Rechts der Mächtigen manifestiert. Daraus ist im Lauf der Jahrhunderte ein sozialromantisches Ideal der Umverteilung von oben nach unten geworden, demzufolge die Armen immer gute, nur eben benachteiligte Menschen, die Reichen dagegen generell bösartig und korrupt sind. Untergründig kompromittiert wird dieses Ideal aber durch die Neudeutung Robins als eines königstreuen Adligen, der die Machtverhältnisse nicht im Grundsatz antastet. Die merry men sind dann auch keine basisdemokratisch angelegte Bande mehr, sondern treue Gefolgsleute eines vertriebenen Grafen. Diese Umdeutung geht aus den Bühnenstücken Anthony Mundays aus dem späten 16. Jahrhundert hervor; sie hat sich im 19. Jahrhundert vollends durchgesetzt. Aus dem frühneuzeitlichen Mythos vom edlen (daher adligen) Räuber spricht eine ethische Idealisierung, die von Macht- und Standesdenken durchsetzt ist. Der radikale Freiheitsbegriff, für den der frühe Robin Hood steht, ist damit bereits entscheidend verwässert, und so konnte man ihn letztlich zum national gesinnten Patrioten erklären.

Die Diskrepanzen von Gesetz, Recht und Gerechtigkeit, die sich in der Moderne eher noch verschärft haben, halte ich für eine der Triebfedern der nachhaltigen Attraktivität von Robin Hood. Real erlebte Ungerechtigkeiten in der Verteilung von Macht und Reichtum wecken Sehnsüchte nach Gegenwehr oder eben nach Symbolfiguren für den konsequenten Widerstand. Daher ist es nicht so erstaunlich, dass eine randständige Außenseiterfigur des späten Mittelalters heute noch derartige Popularität genießt und aus unterschiedlichen politischen Richtungen vereinnahmt wird. Das ist prinzipiell natürlich völlig legitim, denn Politik wird auch über kulturelle Symboliken ausgehandelt. Wenn sich eine Partei zur Vertretung der sozial Unterprivilegierten stilisiert, liegt der (Selbst-)Vergleich mit Robin Hood gleich ganz nahe. Die basisdemokratisch angelegte Umweltorganisation Robin Wood greift dagegen auf die Verbundenheit des Outlaws mit dem Wald zurück, um einen konsequenten und aktiven Naturschutz zu propagieren. Konkreter wird es, wenn ein Bankangestellter Gelder zugunsten bedürftiger Kunden veruntreut, wie 2008 in Baden-Württemberg, dafür ins Gefängnis geht und in den Medien als ‚moderner Robin Hood’ tituliert wird.

Mir als Mediävistin fällt es eher schwer, Protagonisten des 20. oder 21. Jahrhunderts als ‚moderne Robin Hoods’ zu beschreiben, denn mir fallen die historischen Unterschiede mehr ins Auge als die Gemeinsamkeiten. Che Guevara bietet sich für einen derartigen Vergleich durchaus an, denn er hat bekanntermaßen engagiert für soziale Gerechtigkeit gekämpft, allerdings mit einer klar formulierten politischen Ideologie und militärischer Ausbildung im Rücken. Robin Hood und seine Bande sind dagegen weniger organisiert, sinnen an keinem Punkt auf Umsturz der Verhältnisse und folgen keinen politischen Dogmen. Sie leben und verhalten sich subversiv und stören die herrschende Ordnung, indem sie sie an neuralgischen Punkten aushebeln, aber auch durch Spott und Parodie der geltenden Normen. Dass man mit den Mitteln der Komik und der Maskerade in Opposition gehen und vermeintlich unumstößliche Gegebenheiten in Frage stellen kann, wie es der frühe Robin Hood tut, kommt in seiner modernen Verklärung zum ethischen Helden viel zu kurz – und das finde ich schade, denn man kann daraus Einiges über subkulturellen Eigensinn und erfolgreichen Widerstand lernen.

Dr. Judith Klinger hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

Kommentar

von Marcus Cyron | 21.10.2015 | 06:16 Uhr
Sehr interessant, danke! Etwa die "Adelung" war mir noch gar nicht so bewusst. Interessanterweise spielt das ja schon erwähnte Bogenschießen hier aber durchaus mit herein. Basierte doch etwa die zeitweilige Überlegenheit der Engländer im Hundertjährigen Krieg auf den Bogenschützen und ihren Langbogen. Das Training mit dem Bogen war vorgeschrieben, Sonntagspflicht. Hier kommen erneut die Wettbewerbe die angesprochen wurden zum tragen. Andererseits waren die Bogenschützen im Einsatz ja keine indivduellen "Sniper", sondern eine gemeinsam wirkende Maschine, die nicht gezielt seine tödlichen Pfeile abschoß, sondern daraus im Verbund eine tödliche Wand werden ließ.

Sicher war es nicht grundsätzlich verpönt, daß ein Adeliger oder Ritter auch im Bogenschießen bewandert war - doch die Ausbildung beinhaltete an sich andere Dinge. Welchen Nutzen hatte es für einen Ritter, in einer Schlacht mit dem Bogen zu schießen? Sein Metier war auf dem Pferd gegen den Feind zu reiten, mit Schild, Lanze und Schwert. Im Nahkampf war ein Bogen nutzlos, ja sinnlos. Sinn für Adelige machte er bestenfalls bei der Jagd, wofür es auch bessere, oder besser noch, gesellschaftsfähigere Formen (etwa Beizjagd) gab.

Lange Rede, kurzer Sinn (und vielleicht ist das im Buch ja auch so ausgearbeitet) - die Identifizierung mit dem Bogen spricht sehr gegen einen adeligen Robin.

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