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M.A. Anna Corsten | 28.03.2019 | 748 Aufrufe | Artikel

Rechtsextremismus als Gegenstand der Zeitgeschichte

Tagungsbericht


Bereits auf dem Deutschen Historikertag 2018 in Münster hatte die Zunft festgestellt, dass die Phänomene Rechtsextremismus und Rassismus in der zeitgeschichtlichen Forschung bisher kaum beachtet worden sind. Diesem Befund schloss sich der Workshop „Rechtsextremismus als Gegenstand der Zeitgeschichte“, der am 01. Februar 2019 am Zentrum für Zeithistorische Forschung (ZZF) in Potsdam stattfand, an. Die Organisator/innen Anke HOFFSTADT, Yves MÜLLER und Dominik RIGOLL hatten sich ein doppeltes Ziel gesetzt: Zum einen wollten sie das historische Phänomen Rechtsextremismus diskutieren und gleichzeitig eine transdisziplinäre Vernetzung ermöglichen.

Flyer zur Veranstaltung (135.26 KB)
"Bösch stellte fünf Aufgaben, die eine zeitgeschichtliche Rechtsextremismusforschung zu bearbeiten habe."

Frank BÖSCH wies in seiner Begrüßung darauf hin, dass das Thema Rechtsextremismus am ZZF bisher nur gestreift worden sei. Er stellte fünf Aufgaben, die eine zeitgeschichtliche Rechtsextremismusforschung zu bearbeiten habe. Erstens müssten sich Forscher intensiv mit Begriffen wie „Rechtsextremismus“ und „Neuer Rechter“ auseinandersetzen, wobei Definitionen fließend sein sollen. Zweitens schlug er vor, das Phänomen Rechtsextremismus aus einer gesellschaftsgeschichtlichen Perspektive zu betrachten. Drittens müssten rechte Bewegungen im zeitlichen Wandel analysiert werden, um einen Blick nicht nur auf Ähnlichkeiten, sondern auch auf Unterschiede innerhalb der Strömungen zu werfen. Viertens sollten Vergleiche zwischen der Entwicklung im Osten und Westen gezogen werden. Fünftens sei mittels der Gender-Perspektive zu fragen, warum die extreme Rechte überwiegend ein männliches Phänomen darstellt.

"Das Phänomen sei bisher nur als Sonderfall in die Geschichtsschreibung aufgenommen worden."

In dem ersten Vortrag des Tages gab Yves Müller einen Überblick über die bisherige zeitgeschichtliche Forschung zum Thema Rechtsextremismus. Das Phänomen sei bisher nur als Sonderfall in die Geschichtsschreibung aufgenommen worden. Nach 1945 hätten sich überwiegend emigrierte Wissenschaftler oder disziplinäre Außenseiter mit dem Thema beschäftigt. Obwohl Politikwissenschaftler und Soziologen entsprechende Studien durchführten, wurden diese in der Geschichtswissenschaft, die sich als Stabilisationswissenschaft sah, ignoriert. Nach der deutschen Wiedervereinigung wurde Rechtsextremismus überwiegend als Überbleibsel der DDR-Vergangenheit dargestellt. Müller plädierte abschließend dafür, Rechtsextremismus nicht als Nachgeschichte des Nationalsozialismus, sondern als Vorgeschichte der Gegenwart zu betrachten.

Panel I: Gefahr von Rechts und innere Sicherheit

"Aus einem Problem der inneren Sicherheit sei ein Problem des inneren Friedens geworden."

Das erste Panel „Gefahr von rechts und innere Sicherheit“ diskutierte Weichenstellungen für die Entwicklung rechter Strukturen in der frühen Nachkriegszeit. Dominik Rigoll zeigte, dass staatliche Institutionen unmittelbar nach 1945 von den Alliierten kontrolliert wurden. Sie waren davon überzeugt, durch die Zerschlagung der Strukturen der inneren und äußeren Sicherheitsbehörden eine Re-Nazifizierung zu verhindern. Angehörige der NS-Funktionseliten blieben nach 1945 in Kriegsgefangenschaft. Als 1946 im Zuge der Entnazifierung viele Deutsche ihre Anstellung verloren, solidarisierte sich die Bevölkerung mit Internierten und Entlassenen. Das wiederum führte zu einer Radikalisierung nach rechts. Rigoll bezeichnete dies als den ersten Rechtsruck der Nachkriegszeit, der sich vorwiegend in den Westzonen abspielte. Aus einem Problem der inneren Sicherheit sei ein Problem des inneren Friedens geworden. Dieses Problem versuchte die Regierung Adenauer zu lösen, indem sie Rechte in das demokratische System inkludierten. Eine Öffnung gegenüber ‚Belasteten‘ wurde als Garant für eine stabile Ordnung angesehen, die besonders von CDU/ CSU, FDP und der nationalkonservativen Deutschen Partei propagiert wurde. Sowohl in den Parteien als auch in den Behörden habe die Integration der Rechten dazu geführt, dass liberales Personal abgelöst wurde. NS-Gegner wie Eugen Kogon, Gustav Heinemann oder Marcel Frenkel wurden nun als Störfaktor wahrgenommen und aus leitenden Positionen verdrängt. Dies kennzeichnete Rigoll als den zweiten Rechtsruck, der besonders die (Sicherheits)Behörden und Parteien betraf. Das Spezifische an dieser Entwicklung verortete er darin, dass der zweite Rechtsruck im Gegensatz zum ersten nicht gegen sondern in den demokratischen Strukturen stattfand.

"Eine Interpretation für die „Machtübernahme“ der Nationalsozialisten."

Sarah SCHULZ analysierte anschließend das Verbotsurteil der Sozialistischen Reichspartei (SRP) des Bundesverfassungsgerichts 1952 im Hinblick auf die historische Deutung des Nationalsozialismus, die damit für die Nachkriegsgeschichte vorgegeben wurde. Die Richter des Bundesverfassungsgerichts lieferten mit ihrer Entscheidung eine Interpretation für die „Machtübernahme“ der Nationalsozialisten, argumentierte Schulz. Mit einem Verweis auf die Anhängerschaft der NSDAP stellten die Richter junge, patriotische und romantische Männer als besonders anfällig für die NS-Ideologie dar. Diese seien von einzelnen Figuren wie Hitler manipuliert worden. Die Deutung des Bundesverfassungsgerichts widerspreche den in den 1950er Jahren verfügbaren Analysen von Wissenschaftlern wie Ernst Fraenkel und Franz Neumann, die andere, strukturelle, Gründe als eine fehlgeleitete Jugend für den Nationalsozialismus herausgehoben hatten. Angelehnt an Sebastian Ullrichs „Der Weimar-Komplex“ zeigte Schulz, dass diese rechtliche Interpretation einer verführten Bevölkerung das Bild des Nationalsozialismus und damit das kollektive Gedächtnis in Westdeutschland in den folgenden Jahrzehnten prägte.

Panel II: Politik und Kultur der extremen Rechten

"Rassismus ist ein blinder Fleck in der zeithistorischen Forschung."

Das zweite Panel „Politik und Kultur der Extremen Rechten“ eröffnete Julia KLEINSCHMIDT mit einem Vortrag über die Debatten um das Asylrecht der 1980er Jahre in Westdeutschland. Angelehnt an Maria Alexopoulou wies sie darauf hin, dass Rassismus ein blinder Fleck in der zeithistorischen Forschung ist. Anhand eines historischen Überblicks über die Debatten zur Verschärfung des Asylrechts der 1980er Jahre zeigte sie, wie Ausländerfeindlichkeit im politischen und medialen Diskurs enttabuisiert wurde. Mit Begriffen wie „Scheinasylanten“ wurde eine diskriminierende Sprache salonfähig. In Wahlkampagnen der HLA (Hamburger Liste für Ausländerstopp) wurde Rassismus als „Warnung vor der Unterwanderung“ getarnt. Er wurde als notwendige sozialpolitische Maßnahme dargestellt. Kleinschmidt verdeutlichte, dass nicht nur rechtsextreme Organisationen und Parteien wie die NPD rassistische Stereotype befeuerten, sondern auch Politiker aus etablierten Parteien und die Bundesregierung mit Diskussionen um das Asylrecht, einen „Gastarbeiterstopp“ und dem „Verständnis für die Sorgen der Deutschen“ zu einer Verschärfung des Diskurses beitrugen. Vor dem Hintergrund der Zuspitzung des politischen und öffentlichen Diskurses nahm rassistische Gewalt in den 1980er Jahren insbesondere im Kontext von Fußballspielen immens zu. Kleinschmidt wies damit auf den Zusammenhang von narrativen Diskursen und unmittelbarer Gewaltanwendung hin.

"Schulze verwies auf die historische Tradition von Rechtsrock-Bands seit 1945."

Anhand der Geschichte des Rechtsrocks in Brandenburg plädierte Christoph SCHULZE für eine kulturgeschichtliche Perspektive innerhalb der Rechtsextremismusforschung. In einem entsprechenden, am Moses Mendelsohn Zentrum, durchgeführten Forschungsprojekt wird derzeit analysiert, welche Rolle Rechtsrock in der Gesellschaft spielt. Schulze verwies auf die historische Tradition von Rechtsrock-Bands seit 1945, die sich zumeist aus Jugendorganisationen etwa der NPD entwickelten. Rechtsextreme Kräfte setzten gezielt und strukturiert auf die Ausbildung einer Jugendkultur, in der sie die Bildung eines identitären Selbstverständnisses voranbringen konnten. Durch die Analyse von Rechtsrock werde es möglich, die Bedeutung rechtsextremer Konzerte zu beschreiben, die Relevanz internationaler Netzwerke offenzulegen, die Interaktion von Gewalt und Kultur hervorzuheben und Vorbedingungen für die Genese eines neonazistischen Milieus zu analysieren. Auch die wechselseitigen Beziehungen zwischen rechtsextremen politischen Gruppen und Musikgruppen trage zur Reproduktion bestimmter Narrative bei. Rechtsrock werde spezifisch benutzt, um bestimmte Männlichkeitsvorstellungen zu transportieren. Insbesondere werde auf eine Abgrenzung vom politischen Gegner gesetzt.

Panel III: Rechtsextremismus und politische Bildung

"Voigtländer wies zudem auf die geschlechtsspezifische Bestrafung hin."

In dem dritten und letzten Panel des Workshops „Rechtsextremismus und politische Bildung“ stellte Henrike VOIGTLÄNDER Ergebnisse aus der Ausstellung „Rechtsextreme Frauen in der DDR“ vor, die sie gemeinsam mit der Amadeu Antonio Stiftung erarbeitet hatte. Diese untersuchte, wie Staatssicherheit und Volkspolizei rechtsextreme Frauen vor dem Hintergrund von Geschlechterstereotypen wahrnahmen. Anhand des Beispiels Sabine P. zeigte sie, dass sich der Umgang mit der rechtsextremen Szene in dem Moment änderte, als das Phänomen außerhalb der DDR sichtbar wurde. Sabine P. war seit Mitte der 1980er Jahre polizeibekannt, als sie im Zuge von Ermittlungen zu einer Schlägerei während eines BFC Dynamo-Fußballspiels verhört wurde. Sie bezeichnete sich als „Fußball-Skin“, tat ihre Verbindung zu der Szene jedoch als „modische Störung“ ab. Nachdem 1987 in der Zionskirche Berlin-Lichtenberg ein Punkkonzert von Rechtsextremen überfallen worden war, wurde Sabine P., die nicht vor Ort gewesen war, verhaftet. Sie hatte an demselben Abend Besucher eines Jugendclubs und die eintreffenden Polizisten angepöbelt. Der MfS interpretierte ihr Verhalten um. War sie ein Jahr zuvor als „Fußballskin“ eingestuft worden, sah man sie nun als „Faschist“. Sie wurde für „Rowdytum“ und damit als Bedrohung der sozialistischen Ordnung angeklagt, nicht aufgrund von rassistischen oder faschistischen Verhalten aus dem sie eine Gewaltbereitschaft“ entwickelt hatte. Ihr Verhalten wurde auf diese Weise als in der DDR-Gesellschaft fremd markiert. Zugeordnet wurde es einer sozialen, nicht politischen, Randgruppe der DDR. Voigtländer wies zudem auf die geschlechtsspezifische Bestrafung hin, die im Fall Sabine P. höher ausfiel, da ihr Verhalten und die Verurteilung als „Rowdy“ für Frauen als untypisch galt.

"Graphic Novels thematisierten so Formen und Dynamiken rechter Gewalt."

Anke Hoffstadt setzte sich anhand der Graphic Novel „Drei Steine“, die die Geschichte des Autors und Zeichners Nils Oskamp erzählt, mit der Darstellung von Neonazis in Comics auseinander. Dieses Medium erschien in Deutschland im Verhältnis zum angloamerikanischen Raum verhältnismäßig spät ab den 1980er Jahren. Oskamp nahm in seiner Graphic Novel, die dezidiert für die Arbeit mit Schülern entstand, die Perspektive des Opfers ein. Die drei Steine, die er auf einem jüdischen Friedhof aufgehoben hatte, symbolisieren eine Waffe, zunächst zur Selbstverteidigung, dann als Zeichen des Verzichts auf massive Gewalt. Gleichzeitig stehen sie für die Erinnerung an die Folgen rechter Gewalt. Oskamp, analysierte Hoffstadt, ging es besonders darum, sensibel mit der Darstellung von Gewalt umzugehen, deren Folgen er aus der Perspektive des Opfers darstellte. Graphic Novels thematisierten so Formen und Dynamiken rechter Gewalt. Hoffstadt betonte, dass sich Universitäten, Schulen und Gedenkstätten mit den Fragen auseinandersetzen müssen, welche Rolle die Grapic Novel als historische Quelle spiele, was sie vermitteln könne und wie viel Quellenkritik bei ihrer Verwendung in der Bildungsarbeit nötig sei.

"Gedenkstätten, Archive und andere Institutionen sollten einbezogen werden."

In einer abschließenden Diskussionsrunde wurde unter der Leitung von Sebastian BISCHOFF besprochen, wie ein interdisziplinärer Arbeitskreis „Historische Rechtsextremismusforschung“ organisiert werden könnte. Dabei wurde betont, dass Gedenkstätten, Archive und andere Institutionen einbezogen werden sollten. Zur Vernetzung wurde zunächst eine Mailingliste kreiert. Frank Bösch schlug außerdem vor, jährlich einen Workshop zum Thema 'Rechtsextremismus' zu veranstalten.

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