Registrieren
merken
Georgios Chatzoudis | 19.08.2014 | 2071 Aufrufe | 1 | Interviews

"Promotionszeit untergliedern, Orientierung verschaffen"

Interview mit Kathrin Linnemann über die Graduiertenschule Ost- und Südosteuropastudien

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) fördert zurzeit 17 Graduiertenschulen aus dem Wissensbereich Geistes- und Sozialwissenschaften. Ziel ist es laut DFG, den wissenschaftlichen Nachwuchs innerhalb eines exzellenten Forschungsumfelds zu fördern und dabei optimale Promotionsbedingungen zu bieten. Nachdem wir Anfang des Jahres die Graduate School for the Humanities Cologne - a.r.t.e.s. in einem Interview vorgestellt haben, widmen wir uns nun der Graduiertenschule für Ost- und Südosteuropastudien (GSOSES), die in München und Regensburg angesiedelt ist. Dr.des. Kathrin Linnemann von der Geschäftsstelle in München hat unsere Fragen beantwortet.

Dr.des. Kathrin Linnemann, Referentin für Publikation und Öffentlichkeitsarbeit der Graduiertenschule

Google Maps

"Die Graduiertenschule bündelt Osteuropakompetenz"

L.I.S.A.: Was genau ist die Graduiertenschule für Ost- und Südosteuropastudien? Seit wann gibt es die Schule, an wen richtet sie sich und zu welchem Zweck?

Linnemann: Die Graduiertenschule ist eine gemeinsame Einrichtung der Ludwig-Maximilians-Universität München und der Universität Regensburg. Sie wurde im Oktober 2012 gegründet und dient dem Ziel, qualifizierten Absolventen beste Rahmenbedingungen für eine Dissertation im Bereich der Ost- und Südosteuropastudien zu gewähren. Auch Post-Docs haben die Möglichkeit, in der Graduiertenschule eine Habilitationsschrift zu verfassen. Die Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses ist eine sehr wichtige Säule der Arbeit der Graduiertenschule, aber nicht die einzige. Sie bündelt außerdem Osteuropakompetenz: Sowohl in München als auch in Regensburg sind wichtige Einrichtungen ansässig, die sich mit Osteuropa beschäftigen wie etwa das Institut für Ost- und Südosteuropaforschung in Regensburg, das Collegium Carolinum in München und die Bayerische Staatsbibliothek, die dank ihres Sammelschwerpunkts Osteuropa über Literatur zum und aus dem östlichen und südöstlichen Europa verfügt, die an anderen Orten Deutschlands teilweise nicht zugänglich ist. Die Graduiertenschule kooperiert mit diesen Einrichtungen, insgesamt sechs an der Zahl, und schafft dadurch Möglichkeiten des gemeinsamen Forschens, der wissenschaftlichen Diskussion und des Austausches. Mit Austausch ist auch die dritte wichtige Säule der Arbeit in der Graduiertenschule genannt: der Transfer von Wissen an die Öffentlichkeit. Ob es die politische Krise in der Ukraine ist, die Folge von Migration, Umweltpolitik – die Themen, die innerhalb der Graduiertenschule behandelt werden, sind auch in der öffentlichen Diskussion von Interesse. Daher organisiert die Graduiertenschule eine Vielzahl von Veranstaltungen, die dieses Wissen in die Öffentlichkeit tragen.

Villa, in der die Graduiertenschule in München ihre Büros hat

"So viel Freiraum wie möglich, so viel Struktur wie nötig"

L.I.S.A.: Ein Ziel der GSOSES ist unabhängig von der Thematik die Schaffung von exzellenten Promotionsbedingungen. Wie sehen die denn aus? Was gehört dazu?

Linnemann: Der Grundsatz lautet: So viel Freiraum wie möglich und so viel Struktur wie nötig. Es gibt Theorie- und Methodenseminare, Workshops, eine Sommerschule und nach eineinhalb Jahren eine gemeinsame Diskussion des ersten Kapitels der Dissertation.

Damit bietet die GSOSES feste Strukturen, die den am Anfang recht lang erscheinenden Zeitraum von dreieinhalb Jahren Promotionszeit untergliedern und Orientierung verschaffen. Das Programm ist so gestaltet, dass den Promovierenden genügend Freiraum bleibt, um sich ihren Themen zu widmen. Außerdem entlastet die Graduiertenschule die Promovierenden und gibt ihnen so die Möglichkeit, sich auf ihre Promotion zu konzentrieren, indem sie Forschungsreisen finanziert, Arbeitsplätze zur Verfügung stellt etc. Zu den exzellenten Promotionsbedingungen gehört auch, dass die Promovierenden auf ein breites Betreuungs- und Kompetenznetzwerk zurückgreifen können. Das heißt, neben der intensiven Betreuung durch die Doktormutter bzw. den Doktorvater stehen den Promovierenden alle Hochschullehrerinnen und - lehrer, die an der Graduiertenschule beteiligt sind, als Ansprechpartner zur Verfügung. Außerdem gehören sie jeweils einer thematisch fokussierten Studiengruppen an, die dem intellektuellen Austausch ebenso wie der Betreuung der Promotionsprojekte dienen.

"Soziale, kulturelle und politische Phänomene nicht isoliert verstehen"

L.I.S.A.: Zu welchen Themen forschen Ihre Promovierenden?

Linnemann: Das Themenspektrum ist breit und umfasst Fächer wie Politikwissenschaften, Slavistik und Geschichte. Einen erstaunlich starken Schwerpunkt bilden außerdem kunstwissenschaftliche Themen, was insofern bemerkenswert ist, als in der deutschsprachigen Forschungslandschaft bislang wenige kunstwissenschaftliche Arbeiten mit einem Ost- oder Südosteuropabezug verfasst worden sind.

Viele der Arbeiten, die im Fach Geschichte entstehen, folgen dem transnationalen Forschungsansatz der Graduiertenschule. So untersucht beispielsweise Jacqueline Nießer die Aufarbeitung des Jugoslawienkrieges in einem europäischen Kontext. Max Trecker arbeitet zur Entwicklungspolitik, die der sozialistische Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe in Afrika verfolgt hat, und analysiert unter anderem, inwiefern Länder wie die DDR und Ungarn sie beeinflussen konnten. Henner Kropp untersucht die russische Kolonie in Alaska und die Vereinigten Staaten von Amerika in den Jahren 1787 und 1867, wobei die transimperiale Rolle der Kolonisten als außenpolitischer Akteure zwischen Russland und den Vereinigten Staaten von Amerika im Zentrum seines Interesses steht.

Mit dem Staatssozialismus befasst sich auf andere Weise Henriette Reisner, die sowjetische Animationsfilme analysiert und nach dem Wechselspiel zwischen dem individuellen Schaffensprozess und der Doktrin des sozialistischen Realismus und dem Einfluss der Disney-Filme auf die sowjetischen Animationsfilme fragt. Dem Wechselspiel der Wahrnehmung des Eigenen und des Fremden widmet sich Annelie Bachmaier, die ihre Dissertation über Konzeption des Fremden in der russischen Literatur des Anfangs des 20. Jahrhunderts schreibt.

So unterschiedlich und vielfältig die Themen sind, gemeinsam ist ihnen, dass sie soziale, kulturelle und politische Phänomene nicht isoliert verstehen, sondern sie mit Blick auf ihre Vielschichtigkeit und mögliche Verflechtungen untersuchen.

"Stark transnational ausgerichtet"

L.I.S.A.: Wie unterscheidet sich die Forschungsagenda der Graduiertenschule von herkömmlichen Ansätzen in den Osteuropawissenschaften?

Linnemann: Die Forschungsagenda der Graduiertenschule ist sehr stark transnational ausgerichtet. Diese transnationale Perspektive beruht auf der Einsicht, dass Weltregionen keine in sich geschlossenen Räume darstellen, sondern im Austausch mit anderen Regionen stehen. Dies illustriert das Dissertationsprojekt von Sophie Straube sehr schön, die untersucht, wie die US-amerikanische Polonia 1989 den Transformationsprozess in Polen beeinflusst hat, und wie sich die systempolitischen Veränderungen umgekehrt auf das Verhältnis der Polen und Auslands-Polen ausgewirkt haben.

Eben weil Ost- und Südosteuropa sich nicht isoliert betrachten lassen, sind an der GSOSES Disziplinen beteiligt, die zu anderen Weltregionen forschen. Auch ist mit der GSOSES der in der deutschen Forschungslandschaft einzigartige Lehrstuhl für Russland-/Asienstudien eingerichtet worden, der sich sowohl mit den asiatischen Gebieten Russlands als auch den Beziehungen zwischen Russland und Asien beschäftigt.

"Die Promovierenden haben gemeinsame Büros"

L.I.S.A.: Promotion impliziert vor allem in den Geisteswissenschaften eine Art Einzelkämpfertum. Wird das durch eine Graduiertenschule durchbrochen? Wie sehen Kontakt und Austausch untereinander aus?

Linnemann: Hier sind vor allem die eben erwähnten Studiengruppen zu nennen. Das sind kleine Arbeitsgruppen innerhalb der Graduiertenschule, in denen sich Promovierende aus beiden Standorten der Graduiertenschule, München und Regensburg, zusammenfinden, die zu verwandten Fragestellungen arbeiten. Zwei Hochschullehrer betreuen jeweils eine Studiengruppe, in der die Promovierenden einerseits ihre Arbeiten vorstellen, anderseits Theorien und Methoden sowie aktuelle Forschungsarbeiten diskutieren und einschlägige Fachtexte lesen.

Alle Doktoranden eines Jahresgangs besuchen außerdem eine gemeinsame Sommerschule und Theorie- und Methodenseminare, in denen sie sich mit grundlegenden Fachbegriffen, methodischen Zugängen und Theorien beschäftigen. Die regelmäßigen Kolloquia, zu denen international rennomierte Wissenschaftler der verschiedenen Fächer vortragen, dienen dem interdisziplinären Austausch und sind zugleich eine Gelegenheit, bei der sich die Promovierenden aus München und Regensburg treffen. Im bereits angesprochenen Chapter Workshop stellen sie den anderen Promovierenden und den Hochschullehrern ein erstes Kapitel aus ihrer Dissertation vor.

Daneben tragen Kleinigkeiten dazu bei, das Einzelkämpfertum zu durchbrechen. Die Promovierenden haben gemeinsame Büros, hier können sie einerseits konzentriert arbeiten, anderseits sich fachlich austauschen. Fachdiskussionen finden auch in der Küche, beim gemeinsamen Mittagessen und im Zug auf den Fahrten zwischen München und Regensburg statt.

"In Kürze wird die Graduiertenschule zwei Blogs ins Leben rufen"

L.I.S.A.: Ein weiteres Ziel ist der Transfer erworbenen Wissens in die Öffentlichkeit. Wie wird die GSOSES diesem Anspruch gerecht? Gibt es ein Echo darauf?

Linnemann: Sie hat dazu die Reihe Forum ins Leben gerufen, die sich an ein breites, allgemeines Publikum richtet. Experten sind eingeladen, Themen mit aktuellem Bezug zu vermitteln und zu diskutieren. Damit auch die, die nicht anwesend sein konnten, davon profitieren, werden die meisten Vorträge gefilmt und als Videopodcast online gestellt.

Die Reihe findet Anklang: Bis zu 150 Zuhörer kommen zu den Veranstaltungen. Die Themen der Foren werden außerdem teilweise in den Feuilletons der regionalen wie überregionalen Zeitungen aufgegriffen. Nicht zuletzt ist die GSOSES auch mit Beiträgen bei L.I.S.A. präsent.

L.I.S.A.: Welche Rolle spielen in der GSOSES digitale Forschungsanwendungen?

Linnenmann: In Kürze wird die Graduiertenschule zwei Blogs ins Leben rufen, die sowohl dem wissenschaftlichen Austausch wie auch dem Transfer von Wissen an die Öffentlichkeit dienen sollen. Außerdem trägt die Graduiertenschule dafür Sorge, die Primärdaten, mit denen die Doktoranden in ihren Dissertationen gearbeitet haben, mit Unterstützung der Bayerischen Staatsbibliothek online zu sichern.

"Hoher Bedarf an Orientierungswissen, welches nur wenige besitzen"

L.I.S.A.: In geisteswissenschaftlichen Fakultäten gab es zuletzt immer wieder zu Kürzungen oder sogar Schließungen bei den so genannten „Kleinen Fächern“. Ost- und Südosteuropastudien klingt auch eher nach einer regionalspezifischen Disziplin. Warum brauchen wir Spezialisten für Ost- und Südosteuropa?

Linnemann: Zunächst einmal kann man bezweifeln, dass Fächer wie Slavistik und Osteuropäische Geschichte tatsächlich als „kleine Fächer“ zu charakterisieren sind. Immerhin untersucht die Slavistik Sprache, Literatur und Kultur von mehr als 300 Millionen Sprechern auf einem Gebiet, das direkt an Deutschland grenzt. Was die Geschichte betrifft, so lässt sich europäische Geschichte ohne Einbezug der ost- und südosteuropäischen Geschichte nicht schreiben.

Dass wir Spezialisten für Ost- und Südosteuropa brauchen, macht außerdem nicht zuletzt die Ukraine-Krise deutlich: Die Medien sind voll mit Artikeln zu dem Thema, zugleich zeigt sich ein hoher Bedarf an Orientierungswissen, welches nur wenige besitzen.

Auch in anderer Hinsicht hat die Politik – und mit ihr die Öffentlichkeit – Bedarf an Ost- und Südeuropakompetenz: Die EU hat in den letzten Jahren gerade Länder aus dem östlichen und südöstlichen Europa aufgenommen, mit anderen führt sie Beitrittsverhandlungen.

Außerdem lässt sich Osteuropa als ein Laboratorium für viele Fragen begreifen, die heute politisch aktuell sind: Migration, EU-Integration, Verhältnis von Religion und Politik, Systemwechsel, Transformation, Globalisierung.

Dr.des. Kathrin Linnemann hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

Kommentar

von Steffen | 05.09.2014 | 07:49 Uhr
Sehr gutes Interview. Klingt nach ziemlich traumhaften Bedingungen für Doktoranden und PostDocs bei der GSOSES.

Kommentar erstellen

FYNQ8W