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Georgios Chatzoudis | 04.08.2015 | 1867 Aufrufe | Interviews

Promotion geschafft! Ein Blick zurück

Interview mit Birte Ruhardt und Björn Schmidt

Sie sind gerade fertig geworden - mit Ihrer Promotion. Die Archäologin Birte Ruhardt und der Historiker Björn Schmidt haben im Frühjahr ihre Dissertation abgegeben und ihre Defensio jeweils erfolgreich abgelegt. Birte Ruhardt hat zur Grabarchitektur im hellenistischen Apulien geforscht und Björn Schmidt zur Darstellung von chinesischen Immigranten im US-amerikanischen Film der Zwischenkriegszeit. Wir wollten von Ihnen wissen, wie sie auf ihre Promotionsphase zurückblicken und haben ihnen dazu unsere Fragen gestellt.

Björn Schmidt und Birte Ruhardt bei der Urkundenverleihung an der Universität zu Köln
Foto l.: Patric Fouad | © a.r.t.e.s. Graduate School for the Humanities Cologne; Foto r.: Avatar CC BY-SA 3.0

"Es hat etwas Befreiendes"

L.I.S.A.: Frau Ruhardt, Herr Schmidt, Sie sind beide frisch promoviert, haben erst vor wenigen Wochen Ihre Dissertation erfolgreich verteidigt. Welche Gedanken beschäftigten Sie, als dieses Kapitel beendet war?

Ruhardt: So ganz kann ich die erfolgreiche Verteidigung noch nicht begreifen. Über Jahre habe ich mich so intensiv mit der eigenen Dissertation beschäftigt, sodass ein Abschluss noch gar nicht realisiert werden kann. Hinzu kommt, dass die Dissertation nun zunächst erst veröffentlicht werden muss, bis ich letztendlich den Titel auch führen darf. Daher sehe ich mich derzeit nach möglichen Verlagen, Publikationsmöglichkeiten und nach Druckkostenzuschüssen um. Dabei kommen Fragen auf, wie: Möchte ich digital publizieren oder doch noch ein gedrucktes Buch in den Händen halten? Welche Verlage kommen infrage und welche Möglichkeiten gibt es im Print-Bereich?

Eine große Erleichterung trat jedoch ein, als mir noch während der Abschlussphase ein Jobangebot gemacht wurde, was eine zusätzliche Motivation zur Abgabe der Arbeit war. Daher konnte ich mich direkt im Anschluss an die Promotion auf das neue Arbeitsumfeld und meine neuen Aufgaben konzentrieren. Somit entfiel die unsichere Zeit nach der Abgabe und die Phase der Jobsuche, wofür ich sehr dankbar bin.

Schmidt: Es hat definitiv ein paar Tage gedauert, wenn nicht sogar Wochen, bis ich verarbeitet habe, dass meine Promotionsphase nun vorbei ist. Gerade die Phase kurz vor der Abgabe war extrem anstrengend und belastend. Da habe ich gemerkt, dass ich nicht so schnell „runterfahren“ konnte wie ich mir das vorgestellt hatte. Nach der Verteidigung war es dann ein seltsames Gefühl, plötzlich zu realisieren, dass ich mich heute und auch in nächster Zeit eben nicht, wie die hunderte Tage davor, zum Schreiben an das immer gleiche Word-Dokument setze. Das hatte etwas Befreiendes.

Allerdings entsteht natürlich auch ein gewisses Loch, wenn ein derart großer Aspekt des Alltags der letzten Jahre plötzlich wegbricht. Zum ersten Mal seit langer Zeit habe ich das Gefühl, vor einer Weggabel zu stehen. Ob dem wirklich so ist, ist eine andere Frage, aber man muss sicherlich ein paar wichtige Entscheidungen treffen. Eine der zentralen Erkenntnisse der Promotionszeit ist für mich sicherlich eine etwas nüchternere Sicht auf die akademischen Karrierechancen als noch zu Beginn meiner Promotion. Die generelle Unsicherheit bezüglich der beruflichen Perspektiven hält eigentlich bis heute an.

"Viele Details werden erst im fortgeschrittenen Stadium der Arbeit ersichtlich"

L.I.S.A.: Wenn Sie auf das Kapitel Promotion zurückblicken, was waren die wichtigsten Zäsuren? Gilt folgendes Schema auch für Sie: Themenfindung, Recherche, Lesen, Schreiben, Verteidigung, fertig?

Schmidt: Diesen größeren Erzählbogen gibt es sicherlich – zumindest theoretisch. Bei mir bestand er in seinen Grundzügen aus: Themenfindung, Literaturrecherche, erste Konzeptualisierung, Archivarbeit, Re-Konzeptualisierung, mehr Archivarbeit, Schreiben, Überarbeitung, Abgabe, Verteidigung.

Doch der Alltag der Promotion ist meiner Meinung nach viel stärker geprägt durch die unendlichen, viel kleineren Zyklen aus: Thema XY erarbeiten, These formulieren, These wieder infrage stellen, mehr Lesen, Ausufern des Themas, Panik, Neugliederung, Schreiben, Unzufriedenheit, Überarbeiten, anhaltende Verwirrung und „ich lass‘ das jetzt so“. Durchaus auch alles innerhalb eines Tages.

Ruhardt: Eine so umfassende Arbeit wie eine Dissertation lässt sich sicherlich nur schwer in ein lineares Schema zwängen. Sie lässt sich nach meinen Erfahrungen eher als ein permanenter Anpassungs- und Auseinandersetzungsprozess mit dem entstehenden Text charakterisieren. Dieser Prozess ist geprägt durch das andauernde Suchen, Finden, Prüfen, Verändern und Verwerfen von Erkenntnissen und Ergebnissen.

Da ich mein Thema der Magisterarbeit zur Promotion ausweiten konnte und die verschiedenen Genehmigungen der Soprintendenz und des Museo Nazionale Archeologico di Taranto schon zuvor beantragt hatte, konnte ich beispielsweise direkt vor Ort in den Archiven mit der Materialaufnahme beginnen. Vor allem die fotografische Aufnahme der über 5.000 Fundobjekte der hellenistischen Kammergräber von Tarent nahm sehr viel Zeit in Anspruch. Gleichzeitig habe ich neben der Materialaufnahme schon mit der Literaturrecherche vor Ort begonnen, da viele Publikationen zu Großgriechenland und vor allem zu Tarent nicht in Deutschland zu finden sind oder nur umständlich über Fernleihen bestellt werden können.

Nach der abgeschlossenen Materialaufnahme, der Eingabe aller Daten in eine Datenbank und der Anfertigung eines Kataloges, der die Ausgangsbasis zum Text-Band der Dissertation bildet, konnte ich mich dem schriftlichen Teil der Arbeit widmen. Während des Schreibprozesses nahm ich jedoch immer wieder kleinere Änderungen an der Datenbank oder am Katalog vor, da viele Details häufig erst im fortgeschrittenen Stadium der Arbeit ersichtlich werden.

Die ersten gedruckten Exemplare der Abgabe-Version, Foto: Birte Ruhardt

"Zweifel waren mein ständiger Begleiter"

L.I.S.A.: Gab es Phasen im Laufe Ihres Promotionsstudiums, in denen Sie an Ihrer Arbeit gezweifelt haben? Gab es kritische Momente?

Ruhardt: Wenn ich zurückblicke, dann fällt mir sofort ein kritischer Moment ein: Ich stand im Magazin des Museo Nazionale Archeologico in Tarent und habe nach den entsprechenden Fundobjekten gesucht. Als ich mich der gesuchten Inventarnummer näherte, sah ich mehrere größere Kisten mit insgesamt über 500 Unguentarien darin, die ich bei gefühlten 60 Grad im Schatten alle einzeln fotografisch dokumentieren musste. Da war dann schon viel Geduld und Durchhaltevermögen erforderlich.

Immer wieder fragt man sich während der Dissertation jedoch auch, wo der Weg nach der Promotion hingehen soll und ob dafür eine Promotion überhaupt notwendig ist. Daher denke ich, dass man sich immer wieder bewusst machen sollte, worum es in der Arbeit geht. Deshalb ist es ganz entscheidend, dass man sein Thema klar formuliert und von dem, was man tut, überzeugt ist. So lässt sich die Motivation zur Anfertigung der Dissertation über einen längeren Zeitraum aufrecht halten.

Schmidt: Für mich waren Zweifel eher ein ständiger Begleiter. Gerade anfangs gab es natürlich Phasen, bei denen ich irgendwo in den USA in einem fremden, unübersichtlichen Archiv stand und dachte, dass ich einfach nicht genug Quellen finde würde. Da hatte ich dann plötzlich Panik, dass mein Projekt tatsächlich überhaupt nicht realisierbar ist. Oder noch schlimmer, dass es das, was ich mir in meiner Dissertation vorgenommen hatte zu zeigen, schlicht überhaupt nicht gab. Aber meistens folgten dann auch irgendwann positivere Momente, in denen ich plötzlich einen guten Lauf hatte und das Forschen und Reisen auch Spaß machte.

Bei der darauf folgenden Schreibphase wiederum war es nicht so, dass mir zu einem bestimmten Zeitpunkt plötzlich Zweifel kamen, sondern eher so, dass ich ständig jeden geschriebenen Abschnitt, jede noch so kleine These, jede Analyse aufs Neue angezweifelt habe. Die Fragen „kann ich das so machen?“ und „macht das alles überhaupt Sinn?“ waren Teil meines Arbeitsalltags. Ich war mir die meiste Zeit schon relativ sicher, dass ich das Projekt irgendwie zu einem Abschluss führen würde. Die Frage war dann tatsächlich nicht die des „ob“, sondern eher des „wie“, wobei einem natürlich das große „warum“ auch ständig im Nacken sitzt. Hier war der Austausch mit anderen Promovierenden und den Betreuern immens wichtig, um Rückhalt zu bekommen und zu merken, dass das alles völlig normal ist.

Die gebundenen Exemplare kurz vor der Abgabe. Foto: Björn Schmidt

"Am Anfang war nicht klar, worauf die ganze Arbeit hinaus läuft"

L.I.S.A.: Inwiefern stimmt das Resultat Ihrer Arbeit noch mit dem überein, was Sie anfangs gegenüber Ihrem Thema an Erwartungen hatten? Ist es die Doktorarbeit geworden, die Sie sich vorgenommen haben? Oder ist dieser Prozess alles andere als linear? 

Schmidt: Der größte inhaltliche Bruch fand bei meiner Arbeit eigentlich zwischen erstem Exposé und dem ersten Archivbesuch statt. Das ist dieser kritische Moment, wo sich plötzlich die steilen Thesen, die man dort so frei formuliert hat, an der Wirklichkeit – oder vielmehr, den Quellen – messen lassen müssen. Das führt erfahrungsgemäß erstmal in die erste große Krise. Danach habe ich mein Thema etwas feinjustiert und stärker aus dem Quellenmaterial heraus formuliert. Dieses neue Konzept habe ich danach mehr oder weniger durchgehend verfolgt.

Allerdings muss ich klar sagen, dass sich die einzelnen Kapitel gerade während des Schreibens extrem verändert haben. Da habe ich gemerkt, dass ich am Ende eines Kapitels oft ganz woanders gelandet bin, als ich es am Anfang vorhatte. Aber meistens war es eher produktiv, sich einfach von den Quellen führen zu lassen, statt von vornerein einen starren Fahrplan zu verfolgen. Ich rate auch immer allen dazu, möglichst früh mit dem Schreiben anzufangen, sich einfach in die Textarbeit zu stürzen, anstatt immer noch mehr Literatur zu lesen oder noch mehr Quellen zu sichten. Dieses anfängliche Zögern, endlich anzufangen, war bei mir eindeutig eine Form der Prokrastination.

Ruhardt: Zunächst wollte ich einen umfangreichen Katalog zu allen Kammergräbern Süditaliens anfertigen, was jedoch in Anbetracht des Forschungsstandes nur schwer zu realisieren war und die Materialfülle den Rahmen einer Dissertation gesprengt hätte. Daher habe ich mich noch zu Beginn meiner Dissertation in Absprache mit meinem Doktorvater und der Graduiertenschule nur auf die Bearbeitung der Tarentiner Kammergräber konzentriert.

Diese thematische Eingrenzung war dann sehr hilfreich, um die aufgeworfenen Fragen angemessen untersuchen und beantworten zu können - obwohl am Anfang der Arbeit noch nicht klar war, worauf das Ergebnis der Arbeit hinauslaufen wird und ob schließlich aufgrund des unzureichenden Forschungsstandes überhaupt gute Ergebnisse vorliegen werden. Hinzu kam, dass heute fast alle Kammergräber in Tarent zerstört sind und die Details wie ein Puzzle langsam zusammengesetzt werden mussten. Daher zeichneten sich erst im fortgeschrittenen Prozess die ersten Ergebnisse ab. So war ich beispielsweise bei der Fundaufnahme sehr positiv überrascht, dass ich zu fast jedem Kammergrab noch die dazugehörigen Fundkontexte und Grundrisszeichnungen in den Archiven ausmachen konnte und somit viel Material zur Auswertung vorlag. Dadurch konnte ich eine chronologische Entwicklung der Grabarchitektur skizzieren und diese mit parallelen Entwicklungen in Süditalien und im östlichen Mittelmeergebiet in hellenistischer Zeit vergleichen.

"Wichtiger als der Titel sind persönliche Erfahrungen"

L.I.S.A.: Was bedeutet Ihnen nun der erreichte Titel? Was erhoffen Sie sich vom erlangten Doktorgrad?

Ruhardt: Der Titel an sich kann die ganze Arbeit, die hinter einer Promotion steht, nicht aufwiegen. Wichtiger als der erlangte Titel sind für mich persönlich die Erfahrungen, die ich in den letzten Jahren machen durfte. Dazu gehören auch die intensivierten Sprachkenntnisse und die vielen neuen Kontakte rund um die Welt. Ich bin sehr dankbar dafür, dass mir diese intensive Zeit des Forschens durch Stipendien ermöglicht wurde. Vor allem bei einer weiteren wissenschaftlichen Karriere ist ein Dr.-Titel auch heute noch unumgänglich. Da ich mich jedoch für das Stiftungswesen entschieden habe, hoffe ich, dass der Titel auch hier eher von Vorteil sein wird.  

Schmidt: Der Titel ist für mich persönlich in erster Linie ein positiver Nebeneffekt davon, dass ich mir selbst bewiesen habe, ein Großprojekt wie eine Dissertation zum Abschluss bringen zu können. Ich habe tatsächlich hauptsächlich promoviert, weil ich weiter wissenschaftlich arbeiten wollte und ich durch ein Stipendium die Chance dazu bekommen habe – nicht weil ich ein bestimmtes Ziel jenseits der Promotion erreichen wollte. Ich bin mir nicht sicher, ob man sich von einem Doktortitel abgesehen von der akademischen Qualifikation etwas erhoffen sollte. Wenn man das tut, promoviert man wahrscheinlich aus den falschen Gründen und sollte dies vermutlich auch nicht in einer Geisteswissenschaft tun.

Natürlich eröffnen sich mit einem Doktortitel nicht nur in der Wissenschaft neue Perspektiven. Außerhalb der Wissenschaft sind Jobs, bei denen ein Doktortitel in Geschichte von Vorteil sein kann, jedoch leider eher rar gesät. Bei der Jobsuche habe ich teilweise sogar eher Bedenken vor etwaigen negativen Auswirkungen des Titels; davor, bei Bewerbungen im nicht-akademischen Feld als Fachidiot oder vermeintlich überqualifiziert vom Stapel zu fallen. Man muss sich ja nichts vormachen: in den Stellenanzeigen ruft niemand händeringend nach Historikerinnen und Historikern – ob promoviert oder nicht, macht da meist keinen großen Unterschied.

Birte Ruhardt und Björn Schmidt haben die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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