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Georgios Chatzoudis | 21.03.2017 | 400 Aufrufe | Interviews

"Persönliche Bekenntnisse zu Luthers Reformation"

Interview mit Dr. Jörg Hansen über Johann Sebastian Bach und die Reformation

Vor 332 Jahren wurde je nach Kalender heute beziehungsweise erst in zehn Tagen Johann Sebastian Bach in Eisenach geboren. Die doppelte Kalenderführung hat ihren Grund, denn bis Anfang des 18. Jahrhunderts galt in den deutschen protestantischen Territorien der julianische Kalender. Erst im Jahr 1700 wurde er vom gregorianischen abgelöst. Neben dem allgegenwärtigen Protestantismus in Eisenach verbindet Bach mit Martin Luther eine weitere biographische Gemeinsamkeit: beide haben die Lateinschule des ehemaligen Dominikanerkloster in Eisenach besucht - Bach 200 Jahre nach Luther. Der lutherische Einfluss auf den Komponisten und Musiker drückte sich später vor allem im Werk Johann Sebastian Bachs aus. Das Bachhaus in Eisenach nimmt den 500. Jahrestag der Reformation zum Anlass, in einer neuen Ausstellung die besondere Verbundenheit Bachs mit Luther zu thematisieren. Wir haben dem Direktor des Bachhauses, Dr. Jörg Hansen, unsere Fragen gestellt.

Bachhaus-Direktor Dr. Jörg Hansen. Neun Bach-Kupferstiche des 18. und 19. Jahrhunderts gehen auf das Gemälde von Goebel zurück.

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"Auf Auktionen, in Antiquariaten, von Privatsammlern - und auf eBay"

L.I.S.A.: Herr Dr. Hansen, Sie leiten in Eisenach das Bachhaus. Zu seinem Geburtstag Ende März wird eine Rekonstruktion der „Theologischen Bibliothek“ Johann Sebastian Bachs eingeweiht. Was genau ist unter dieser Rekonstruktion zu verstehen? Worum handelt es sich dabei genau?

Dr. Hansen: Das im Staatsarchiv in Leipzig aufbewahrte Nachlassverzeichnis Bachs enthält einen Abschnitt "An geistlichen Büchern", mit 52 Buchtitel in 81 Bänden. Von diesen Büchern ist leider nur eines mit Bachs Besitzvermerk aufgetaucht - Bachs sogenannte Calov-Bibel, die heute St. Louis, Missouri aufbewahrt wird. In den meisten Fällen war es zwischenzeitlich der Bach-Forschung möglich, anhand der dortigen Angaben - Größe, Kurztitel, Bandzahl, Schätzpreis - relativ genau die Ausgabe des jeweiligen Buchs zu ermitteln, die Bach besaß. Fast alle dieser Ausgaben konnten wir seit Beginn des Projekts erwerben: auf Auktionen, in Antiquariaten, von Privatsammlern - und auf eBay.

Bild 1: Bachhaus Eisenach, Alt- & Neubau (Foto: André Nestler)
Bild 2: Bachhaus Eisenach, Ausstellung Altbau (Foto: Ulrich Kneise)
Bild 3: Bachhaus Eisenach, Ausstellung Neubau (Foto: Ulrich Kneise)

"Ein Viertel der Bände in Bachs Bibliothek besteht aus Werken Luthers"

L.I.S.A.: Die Eröffnung der Ausstellung korrespondiert nicht zufällig mit dem 500. Jahrestag der Reformation. Bach und Luther teilen nicht nur Eisenach als den Ort, in dem beide gelebt haben. Zugespitzt könnte man sogar formulieren: Ohne Luther kein Bach. Spiegelt sich das auch in Bachs Büchersammlung wider?

Dr. Hansen: Zunächst: Das Sammlungsprojekt war unser Beitrag zur "Reformations-" oder "Luther-Dekade", welche die Evangelische Kirche 2008 ausgerufen hatte, d.h. es läuft seit Mitte 2008 und sein Abschluss 2017 ist kein Zufall. Generell ist richtig: Vor allem Luthers Liebe zur Musik bildete die Voraussetzung für die reiche Musiklandschaft, in die Bach in Eisenach hinein geboren wurde, mit einer weitverzweigt tätigen Familie von Organisten, Kantoren und Musikern. Umgekehrt scheint Bach Luther geliebt zu haben, denn er hat sich immerhin mit privaten Mitteln zwei Luther-Gesamtausgabe geleistet, die sogenannten Altenburger und Jenaer Ausgaben, dazu noch den Psalmenband der ersten Wittenberger Ausgabe. Etwa ein Viertel der Bände in Bachs Bibliothek besteht aus Werken Luthers.

Bild 1: Bachs theologische Bibliothek (Fotocollage: Bachhaus Eisenach)
Bild 2: Babst'sches Gesangbuch (Nürnberg, 1563): Luthers Katechismuslied vertonte Bach u.a. in seiner Kantate „Christ unser Herr zum Jordan kam“ (BWV 7) sowie in seiner „Clavier-Übung Teil 3“, die Bach zum Leipziger Reformationsjubiläum 1539 auf eigene Kosten drucken ließ.
Bild 3: Aus Bachs privater theologischer Bibliothek: Heinrich Bünting (1546-1606): Itinerarium Sacræ Scripturæ, Das ist: Ein Reisebuch uber die gantze heilige Schrifft, Magdeburg: Donat, 1592 (Foto: Bachhaus Eisenach)

"Ein Glaubensbekenntnis hat uns Bach nur in Form seiner Musik hinterlassen"

L.I.S.A.: Wie lässt sich Bach Frömmigkeit charakterisieren? Anders gefragt: Wie viel Luther steckt noch in Bach?

Dr. Hansen: Es ist die interessanteste und zugleich schwierigste Frage. Bachs Bibliothek atmet im wesentlichen den Geist einer schon zur Bachzeit älteren Epoche: Autoren wie Martin Chemnitz, Johann Gerhard, Nikolaus Hunnius und natürlich Luther selbst gehören noch zur Zeit der Befestigung der Reformation. Der mit neun Büchern nach Luther am meisten vertretene Autor ist August Pfeiffer (1640-1698), ein früherer Leipziger Prediger. Am interessantesten ist vielleicht Bachs Besitz der Predigten Johannes Taulers, eines mittelalterlichen Mystikers, der neben dem "Wahren Christentum" von Johann Arndt, das Bach ebenfalls besaß, im Pietismus gerne rezipiert wurde. Bach besaß Bücher von gemäßigt pietistischen Autoren wie Philipp Jacob Spener, August Hermann Francke und Johann Jacob Rambach, dieser Strömung hat er sich also nicht verschlossen. Aufgrund des Überwiegens orthodox-lutherischer Predigtsammlungen und Bibelkommentare würde man Bach aber allein deshalb kaum als Pietisten darstellen können.

Ein Glaubensbekenntnis hat uns Bach nur in Form seiner Musik hinterlassen, deren Texte freilich nicht von ihm stammen. Neben Bachs Bibliothek geben am ehesten zwei musikalische Projekte einen Hinweis auf seine eigene Frömmigkeit: Sein Projekt eines ganzen Jahrgangs von "Choralkantaten" für jeden Sonn- und Feiertag für das Kirchenjahr 1724/25, welche die alten lutherischen Kirchenlieder mit modernen konzertanten Musikformen verbinden. Und seine sogenannte "Orgelmesse", der Dritte Teil der Clavier-Übung, die Bach 1739 zum 200. Leipziger Reformationsjubiläum im Eigenverlag, also mit privatem Geld, herausgab und deren Kern aus "großen" und "kleinen" Choralvorspielen zu Luthers sechs Katechismusliedern besteht. Zu beiden Projekten hätte Bach niemand zwingen können. Es handelt sich wohl um ganz persönliche Bekenntnisse zu Luthers Reformation.

Bild 1: "Achtliederbuch" der Ausstellung "Text: Luther & Musik: Bach"; Titel der Broschüre, hrsg. v. Bachhaus Eisenach
Bild 2: Installation zum Thema „Beichte“. Visuals: Michael Day, Sydney; Sound: Jamie Lay, Ansbach
Ausstellung "Text: Luther & Musik: Bach" (Foto: Bachhaus Eisenach)
Bild 3: Installation zum Thema „Glaube“. Visuals: Clare McShanag, Melbourne; Sound: Joana Rousseva, Ansbach, Ausstellung "Text: Luther & Musik: Bach" (Foto: Bachhaus Eisenach)

"Ein Werk mit insgesamt 11.137 Seiten"

L.I.S.A.: Welche Bücher halten Sie für diejenigen, die Bach am meisten bedeutet haben? Worin könnte ließe sich die Bedeutung ermessen?

Dr. Hansen: Seine kommentierte "Calov-Bibel" hat Bach mit zahlreichen Randbemerkungen versehen, er hat sie also zweifellos häufig gelesen. In einem anderen Zusammenhang - auf einer Auktionsquittung - hat er den Autor des Kommentars, den Wittenberger Professor Abraham Calov, als "großen Theologi" bezeichnet. Hier ist die Wertschätzung also klar. Wenn Bach auf dem Titelblatt des "Clavier-Büchleins", das er 1722 für seine Ehefrau Anna Magdalena anlegte, drei Titel von Büchern des früheren Leipziger Predigers August Pfeiffer vermerkte, die sich 1750 dann in seinem Nachlass auffanden (neben sechs weiteren Büchern Pfeiffers), spricht auch das für eine besondere Wertschätzung. Schließlich schenkte Bachs Frau Anna Magdalena im Jahr 1742 ein Buch des gemäßigten Pietisten Johann Jacob Rambach ihrer Nachbarin und „werthesten Herzens Freündin“ Christina Sybille Bose zu deren „erfreülichem Geburths Tag“ - da Bachs Nachlaßverzeichnis ebenfalls drei Bücher Rambachs enthält, wird man auch hier von einem besonders geschätzten Autor in der Familie Bach ausgehen können. Schließlich verzeichnet Bachs Nachlaßverzeichnis seinen Besitz des gelehrten achtbändigen sogenannten Wagnerschen Gesangbuchs, gedruckt in Leipzig 1697, ein Werk mit insgesamt 11.137 Seiten! Es war von Bach wohl kaum für den Hausgebrauch erworben worden, hier wird man ein professionelles Interesse vermuten dürfen.

Bild 1: Wird in Jerusalem gezeigt: Schmucktitel zum Erstdruck des zweiten Teils der h- Moll-Messe, der 1845 im Verlag von Hans Georg Nägeli (Zürich) erschien. Ausstellung: „A small work“ – Bachʼs Mass in B Minor", YMCA Jerusalem
Bild 2: Bachhaus-Mitarbeiterin Henriette Hill mit einem der Ausstellungsstücke zu "Text: Luther & Musik: Bach", dem Messgesangbuch von Johann Spangenberg von 1545

"Bachs Vertonungen von Luther-Liedern an acht Beispielen"

L.I.S.A.: Was ist vom Bachhaus in Eisenach im Jahr der Reformation an Aktivitäten noch zu erwarten?

Dr. Hansen: Am 28. April eröffnet die Ausstellung "Text: Luther & Musik: Bach", die Bachs Vertonungen von Luther-Liedern an acht Beispielen nachgeht. Eine Vorschau ist noch bis zum 23. April im Berliner Dom zu sehen. Wir widmen uns jedoch auch noch anderen Themen: zum ebenfalls 2017 begangenen Jubiläum "300 Jahre Bach in Köthen" haben wir eine kleine Ausstellung im Köthener Schloss beigesteuert, die ab dem 21. März bis Ende September dort zu sehen ist, und zu Telemanns 250. Todestag zeigen wir vom 10.6. bis 27.6. im Bachhaus Eisenach die zusätzliche kleine Ausstellung "Du Perle des sächsischen Strandes" mit Telemanniana aus der Bachhaus-Sammlung.

Dr. Jörg Hansen hat die Fragen der L.I.S.A.Redakion schriftlich beantwortet.

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