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Judith Wonke | 03.10.2019 | 489 Aufrufe | Interviews

"Nur eine elektronische Ähnlichkeit"

Interview mit Jan Altehenger über den Mythos Social Media

Soziale Netzwerke sind wie ein permanentes Klassentreffen, jeder will zeigen, dass er es zu etwas gebracht hat. Es werden Eindrücke, Momente und Urlaubsfotos gepostet und geteilt, mit dem Bestreben nach mehr Anerkennung und Aufmerksamkeit, nach mehr Klicks, Likes und Followern. Für die meisten gehört der Blick auf das Smartphone mittlerweile zum Alltag wie das Zähneputzen oder die Morgentoilette. So bauen sich völlig neue soziale Rollen und Kreise auf. Sie bilden Verbindungen und Konstrukte – codiert von Einsen und Nullen –, die neue Zugehörigkeiten und Identitäten schaffen.

Mit »Mythos Social Media« legt Illustrator und Kommunikationsdesigner Jan Altehenger die visuelle Aufbereitung einer explorativen Fragebogen-Studie zum Social-Media-Gebrauch vor. Seine Auswertung ist eingebettet in einen Überblick über die Geschichte sozialer Medien und widmet sich vor allem den komplexen Beziehungen zwischen Fiktionalisierung und Wirklichkeit(en). Seine Illustrationen verdichten die Befunde der empirischen Auseinandersetzung zu Szenen, mithilfe deren neue Fragen entwickelt und Thesen ausprobiert werden und die sich dadurch auch in visuelle Formen des Nachdenkens verwandeln.

"Das erzeugte Bild in den sozialen Medien simmt nur bedingt mit der Person dahinter überein"

L.I.S.A.: Herr Altehenger, Sie sind Illustrator und Kommunikationsdesigner und haben zuletzt ein Buch mit dem „Mythos Social Media. Die Ästhetik der Täuschung“ veröffentlicht. Was hat sie zu diesem Buch bewogen? Welche Beobachtungen gingen dem voraus?

Altehenger: Ich wollte recherchieren, wie sich die Leute auf den sozialen Netzwerken bewegen und wie sie sich wahrnehmen. Denn mittlerweile haben wir die sozialen Netzwerke in unseren Alltag integriert, wie das alltägliche Zähneputzen oder die Morgentoilette. Ich selber bin schon seit längerem auf diesen Plattformen aktiv.

Anfangen hat alles mit YouTube vor fast 10 Jahren. Damals war die Szene in Deutschland noch sehr klein. Nachdem ich etwa zwei Jahre lang nur Konsument gewesen bin, begann ich 2012 selber Content zu produzieren und lernte viele Leute in der Szene kennen. Damals war alles noch in den Kinderschuhen. Viele der Contentcreator waren nicht nur auf YouTube aktiv, sondern auch nach und nach auf weiteren sozialen Netzwerken wie Facebook, Twitter, Instagram oder Snapchat präsent. So konnte ich das Wachstum der Contentcreator und der einzelnen Plattformen sehr gut beobachten. Und nach und nach wurde aus einer Nische ein neuer Medien- und Wirtschaftszweig.

Richtig spannend wurde es für mich als ich die Personen, die ich durch die elektronischen Profile „kannte“, das erste Mal persönlich kennenlernte. Meist passierte das dann auf Events oder Veranstaltungen. Hier stellte ich schnell fest, dass das erzeugte Bild in den sozialen Medien nur bedingt mit der Person dahinter übereinstimmte. Mit der Beobachtung im Hinterkopf habe ich mich gefragt, wie es wohl anderen Usern ergeht und welche Erfahrungen diese gemacht haben. Und als Gestalter kamen für mich während des Masterstudiums auch noch die Fragen der Wahrnehmung dazu. So entstand nach und nach die Idee für das Buch.

"Auf den sozialen Netzwerken können wir sein, wer wir wollen"

L.I.S.A.: Schon im Titel stecken gewichtige und bedeutungsvolle Schlagworte wie Mythos und Ästhetik.  Bleiben wir zunächst beim Mythos. Inwiefern sind soziale Medien ein Mythos  – angefangen beim Bulletin-Board-System von 1978 über den AOL-Messenger der Jahre 1996/97 bis hin zu Facebook, Twitter, Instagram & Co. der Gegenwart? Was macht diesen Mythos aus?

Altehenger: Das Wort Mythos kommt aus dem Altgriechischen und bedeutet übersetzt Laut, Wort, Rede, Erzählung, sagenhafte Geschichte und Märchen. Allerdings beschreibt es in der ursprünglichen Form nichts weiter als eine Erzählung. Dadurch, dass wir nur einen Teil von uns in den sozialen Netzwerken präsentieren, generieren wir ein bestimmtes Bild von uns. Wir teilen nicht alles von uns und meist auch nur die positiven Erlebnisse und wollen dafür Bestätigung oder Anerkennung, meist in Form von Likes oder Kommentaren. Das sorgt dafür, dass wir von einer elektronischen Ähnlichkeit sprechen können. Denn in den sozialen Netzwerken geben wir nie alles über uns preis. Somit ist das Profil nicht zu 100 Prozent ich, sondern es hat nur eine elektronische Ähnlichkeit mit mir. Durch diese Ähnlichkeit erzeugen wir ja schon einen Mythos über uns selbst, da wir ja nicht alles über uns präsentieren. Auf den sozialen Netzwerken können wir somit auch unseren eigenen Mythos generieren und somit auch sein, wer wir wollen. Der geschichtliche Kontext ist daher spannend, um zusehen wie sich die sozialen Netzwerke entwickelt haben. Denn früher war der Nutzer vorwiegend der Medienkonsument (Fernsehen, Radio, Zeitung). Die Medien wurden konsumiert. Um dort aktiv als Produzent tätig zu werden können, war zuvor eine Ausbildung oder eine Berufswahl nötig. Mit den sozialen Netzwerken ist die Schwelle drastisch gesunken. So muss man sich meist nur noch anmelden, um dann als Produzent aktiv zu werden. Es hat sich mit Blick auf das Medium "Soziale Netzwerke" etwas entscheidend gewandelt: Der User ist nicht mehr nur der passive Konsument, sondern er kann auch gleichzeitig Produzent sein. Das kann eigener Content sein oder sich in der Interaktion mit dem Content von anderen Usern realisieren. Die sozialen Netzwerke leben ebenfalls auch von der Interaktion der User untereinander.

"Gleich einem Blick durch ein Schlüsselloch"

L.I.S.A.: Sie stellen die These auf, Social Media folge einer Ästhetik der Täuschung. Das verwundert vielleicht, denn viele Social Media-Nutzer halten diese Kanäle für sehr real, um nicht zu sagen für Kanäle der unmittelbaren Wahrheit. Täuschen die sich? Und was verstehen Sie in diesem Zusammenhang unter „Wirklichkeit“ und „elektronischer Ähnlichkeit“?

Altehenger: Nun die Täuschung ist allgegenwärtig. Egal wo wir uns bewegen und mit wem wir interagieren. Wir sind immer in Rollen unterwegs. Nun, wenn wir uns ein Profil auf einem sozialen Netzwerk anlegen, geben wir vielleicht etwas von uns preis oder vielleicht erschaffen wir auch eine ganz neue Rolle, in der wir dann interagieren. Gehen wir davon aus, dass ich mit meinem Klarnamen ein Profil anlege, ein Foto hochlade, vielleicht noch in meinem Steckbrief schreibe, wann ich Geburtstag habe und welche Musik ich so mag. Nun bin ich ja aber tatsächlich viel mehr als das. Ich gebe ja nicht mein ganzes Leben auf der Plattform preis und ich dokumentiere ja auch nicht alles, was ich tue oder denke oder erlebe. Und dadurch ist das Profil, das ich erstellt habe, nicht zu 100 Prozent ich selbst, wie ich es in der Wirklichkeit bin, sondern nur ein Teil von mir. Das Profil hat nur eine elektronische Ähnlichkeit mit mir -  auch nicht zuletzt aufgrund der Tatsache, dass es durch Einsen und Nullen codiert wird. Und durch diese Ähnlichkeit wird automatisch ein Mythos generiert. Dieser ist allerdings von Profil zu Profil unterschiedlich. Insofern, ja, die Nutzer täuschen sich, aber das tun sie in einer normalen Konversation aufgrund der unterschiedlichen Rollen, in die sie schlüpfen, auch. Und es ist auch immer davon abhängig, ob ich mein Gegenüber auch persönlich kenne oder nur das elektronische Profil und somit nur einen kleinen Teil von ihm oder ihr. Kennen wir von unserem Gegenüber nur die elektronische Ähnlichkeit, dann gleicht das einem Blick durch ein Schlüsselloch. Denn wir können nur einen bestimmen Blick in den Raum hinter der verschlossenen Tür werfen. Das gilt auch für die sozialen Netzwerke. Wir bekommen nur einen bestimmten Blick auf die Person zu sehen.

Aber auch hier muss noch unterschieden werden zwischen den Nutzern, die diese Plattformen beruflich nutzen bzw. beruflich interagieren (ch beschreibe Sie in meinem Buch als media experts) und den Nutzern, die diese Plattformen privat für sich nutzen (die non media experts). Die media experts wissen wie der Content inszeniert werden muss, um eine möglichst große Zielgruppe anzusprechen und zu erreichen. Was dafür sorgt, dass die Täuschung immer präsent ist. Die Stärke der Täuschung ist aber auch immer davon abhängig, wie viel Erfahrung man selber hat. So lässt sich ein media expert mit Sicherheit nicht so leicht täuschen wie ein non media expert.

"Sich selbst zu präsentieren und im besten Licht zu zeigen"

L.I.S.A.: Kommen wir zu Ihrer Vorgehensweise. Sie haben in Ihrer Untersuchung das Social Media-Verhalten von mehr als 1.000 Nutzerinnen und Nutzern ausgewertet. Warum überwiegt der weibliche Anteil und welche Beobachtung hat sie nach der Evaluation Ihrer Daten am meisten überrascht oder verwundert?

Altehenger: Die Geschlechterverteilung kommt daher, dass ich den Fragebogen an meine eigenen Follower verschickt habe, mit dem Hinweis, diesen auszufüllen und dann gerne weiterzuleiten, damit möglichst viele Leute an der Umfrage teilnehmen können. Nach der Auswertung ergibt sich eine Geschlechterverteilung von 60 Prozent weiblichen und 40 Prozent männlichen Follower. Also war da eine gewisse Tendenz vorgeben. Ich fand es spannend zu beobachten, dass, wenn ein Content nicht so viele Likes bekommt, das nicht weiter schlimm ist - Likes stimulieren im Gehirn die selbe Region, die durch den Verzehr von Schokolade angeregt wird. Glücksgefühle werden freigesetzt. Diese Tatsache ist skurril, wenn man überlegt, dass etwas, das durch Einsen und Nullen codiert und für unseren Körper weder haptisch noch olfaktorisch wahrnehmbar ist, die gleiche Reaktion hervorruft, als würde unser Körper etwas faktisch zu sich nehmen.

Ansonsten fand ich die Ergebnisse sehr aufschlussreich und spannend, aber nicht überraschend. Vielmehr wurde bestätigte sich, dass Netzwerke nicht dafür da sind, um Kontakt halten zu wollen, sondern in erster Linie dafür genutzt werden, sich selbst zu präsentieren und im besten Licht zu zeigen.

"Das Buchformat ist an das Format eines Smartphone angelehnt"

L.I.S.A.: Sie haben für die Gestaltung des Buchs eine besondere Ästhetik gewählt. Sie erinnert an die Social Media-Optik – viele Illustrationen, Hashtags, einige Graphiken und ein eigenwilliger Drucksatz. Warum? Entsprechen Sie damit nicht den Seh- und Nutzergewohnheiten, die Sie als Ästhetik der Täuschung bezeichnen?

Altehenger: Bei der Gestaltung des Buches war es mir wichtig, das Thema auch visuell abzubilden. Das Buchformat zum Beispiel: Es ist, was das Seitenverhältnis anbelangt, an das Format eines Smartphone angelehnt. Spannend hierbei ist, dass ich über ein interaktives Medium geschrieben habe, welches ich hier aber in ein sehr starres Medium gepresst habe. Um diese Starrheit aufzubrechen, muss der Leser mit diesem Buch interagieren. So muss das Buch zum Beispiel gedreht werden, um alle Texte lesen zu können - so wie man es bei Smartphone machen muss, wenn man eine Video vollflächig schauen möchte. Hierzu muss das Gerät auch um 90 Grad gedreht werden. Der Blocksatz wurde vorwiegend einzeilig verwendet, was die Assoziation einer Timeline in den sozialen Netzwerken hervorruft. In Bezug auf die Typografie kam für den Fließtext eine serifenlose Schrift zum Einsatz, die an Computer- bzw. Bildschirmschrift erinnert. Dem wurde für die Marginalspalten eine Serifenschrift entgegengesetzt, welche an ein Printmedium, zum Beispiel, eine Zeitung erinnert. Die vielen Illustrationen habe ich gewählt, da ich das Thema und die Ergebnisse der Umfrage gerne auch visuell und dem Thema ansprechend aufbereiten wollte.

Jan Altehenger hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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