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Georgios Chatzoudis | 27.07.2017 | 2617 Aufrufe | Interviews

"Nahezu alle Sportarten galten als 'Kampf'-Sport"

Interview mit Marcus Coesfeld über Jiu-Jitsu, Judo und Boxen im Nationalsozialismus

Befürworter von Kampfsportarten mussten in der Zeit in der Zeit des Nationalsozialismus um die Akzeptanz ihrer Disziplinen ringen. Selbst eine so klassische Kampfsportart wie das Boxen stieß nicht auf Anhieb auf die Zustimmung der nationalsozialistischen Führung. Asiatische Nahkampftechniken wie Jiu-Jitsu und Judo hatten es sogar noch schwerer, akzeptiert und in den Kanon des NS-Sports aufgenommen zu werden. Der Historiker Marcus Coesfeld forscht derzeit im Rahmen seines Dissertationsprojekts zur Kampfsportgeschichte im Deutschen Reich. Für den Sammelband "Sport und Nationalsozialismus" hat er einen Aufsatz über Kampfdisziplinen im "Dritten Reich" unter besonderen Berücksichtigung von Jiu-Jitsu veröffentlicht. Wir haben im dazu unsere Fragen gestellt.

"Jiu-Jitsu fand Einzug in sämtliche NS-Organisationen"

L.I.S.A.: Herr Coesfeld, Sie haben im Band „Sport und Nationalsozialismus“, herausgegeben von Prof. Dr. Frank Becker und Dr. Ralf Schäfer, einen Aufsatz über die Sportart Jiu-Jitsu in der Zeit des Nationalsozialismus publiziert. Bevor wir zu Einzelheiten kommen, was ist die leitende Fragestellung beziehungsweise die zentrale These Ihrer Studie?

Coesfeld: Der Aufsatz ist ein Teilaspekt meines Promotionsvorhabens im Fach Neuere und Neueste Geschichte. Darin befasse ich mich mit der Kampfsportgeschichte im Deutschen Reich – einem weiten Themenfeld, das in der historischen Forschung bisher äußerst spärlich behandelt worden ist.

Beim Jiu-Jitsu handelt es sich um eine dieser Kampfsportarten. Das Besondere an ihr ist, dass sie um die Jahrhundertwende aus Japan ins Deutsche Reich importiert worden war. Jiu-Jitsu war also noch recht jung in Deutschland, ähnlich wie das aus England stammende Boxen. Beide Kampfsportarten trafen im Kaiserreich noch auf heftige gesellschaftliche Ablehnung. Während Boxen im Zuge der Olympisierung auf immer größere Akzeptanz stieß, hing an Jiu-Jitsu weiterhin der Ruf exotisch und fremd zu sein. Obwohl im Nationalsozialismus alles „artfremde“ abgelehnt wurde, konnte Jiu-Jitsu – und das sich von ihm abspaltende Judo – nicht nur praktiziert werden, es fand sogar Einzug in sämtliche NS-Organisationen. Selbst Hitler lobte es ausdrücklich.

Ich gehe im Aufsatz der Frage nach, welches ideologische Konstrukt im nationalsozialistischen Sportverständnis gebaut wurde, damit das Praktizieren einer Sportart legitimiert werden konnte, die offenkundig von einer anderen „Rasse“ stammte und noch nicht so weit etabliert war, dass sie als Teil deutscher Kultur akzeptiert wurde. Damit verbindet sich die Frage nach Grad und Art der Verstrickung der Sportfunktionäre mit dem Regime. Gerade die letzte Frage ist auch durch meinen Aufsatz noch nicht zufriedenstellend beantwortet und bedarf weiterer Forschungsarbeit.

"Streit zwischen Jiu-Jitsuka und Judoka"

L.I.S.A.: Sie bezeichnen die Sportart Jiu-Jitsu bereits im Untertitel Ihres Artikels als „umstritten“. Warum? Was war an dieser Kampfsportart umstritten?

Coesfeld: Wie oben angedeutet, war Jiu-Jitsu im Deutschen Reich noch keineswegs vollkommen gesellschaftlich akzeptiert. Es gab Kritiker, die das System als „artfremd“ diffamierten. Das System stieß von Anfang an auf Unverständnis. Wieso sollte man sich darin üben, sich gegenseitig die Knochen zu brechen? Andere argumentierten, Jiu-Jitsu sei im Grunde eine deutsche Erfindung, die irgendwann, irgendwie nach Japan gelangt sei. Solcherlei Ideen sind keinesfalls eine nationalsozialistische Erfindung, sie fanden im „Dritten Reich“ aber natürlich höchsten Anklang.

Neben diesen Anfeindungen „nach außen“ hin befand sich das Kampfsportsystem zu jener Zeit in einem Zustand „innerer“ Konflikte: Nach und nach spaltete sich das Judo vom Jiu-Jitsu ab, das in Japan bereits längst eine eigenständige Sportart war. Während Jiu-Jitsu seinen Schwerpunkt in der Selbstverteidigung hatte und vermarktete, nahmen die Judoka für sich in Anspruch, eine Sport-Variante des Systems zu praktizieren. Da beide Richtungen um dieselben Zielgruppen warben, kam es zu gegenseitigen Anfeindungen. Was sich hier beobachten lässt, könnte aktueller nicht sein: Heute herrschen Anfeindungen zwischen Ausübenden traditioneller Kampfkünste und wettkampforientierter Kampfsportarten gerade im deutschsprachigen Raum vor, die sich um die Frage nach wie auch immer definierter Effizienz drehen. In den 1930ern und 1940ern herrschte ein ähnlicher Streit zwischen Jiu-Jitsuka und Judoka, der öffentlich ausgetragen wurde.

"Kampfsportarten standen eher in der dritten Reihe"

L.I.S.A.: Welchen Stellenwert nahmen Kampfsportarten insgesamt in der NS-Ideologie ein? Welchen militärischen Vorteil versprach man sich vom Beherrschen einer Kampfsportart?

Kampfsport nahm in der Theorie einen sehr großen – wenn nicht, gar den größten – Rang im nationalsozialistischen Sportartenkanon ein. Der Nationalsozialismus ist eine Kampf-Ideologie, die das Leben als einzigen Kampf ums Dasein sieht. In der Praxis jedoch standen Kampfsportarten eher in der dritten Reihe, wie auch Rüdiger Hachtmann erläutert hat. Ausnahme war hier das Boxen, das propagandistisch ausgeschlachtet wurde. Man denke an die politisch und ideologisch aufgeladenen Kämpfe von Max Schmeling. Zudem wurde Boxen zum Pflichtprogramm an den Schulen. Sinn und Zweck im Boxunterricht, wie auch im Training von Jiu-Jitsu, Judo und anderen Kampfsportarten, war weniger ein militärischer, als vielmehr ein vor-militärischer: Abhärtung, Mut und Angriffslust – mit Steigerung dieser Attribute durch einen dafür missbrauchten Kampfsport sollten Jugendliche zu politischen Soldaten geformt werden. Natürlich bildeten Kampfsportarten nur einen Teil der sportlichen Ausbildung, neben Fußball, Turnen, Wehrsport und anderen Angeboten. Durch den Missbrauch für die Kriegsvorbereitung wurden nahezu alle Sportarten als „Kampf“-Sport gesehen.

Einen direkten militärischen Vorteil versprach man sich in allen kriegsführenden Nationen gleichermaßen durch das Training von Selbstverteidigungssystemen, genau wie heute, dadurch, dass ein Soldat sich im Kampf Mann gegen Mann zur Wehr setzen kann. Doch dieser Aspekt ist seit der neuen Kriegsführung Anfang des 20. Jahrhunderts immer unbedeutender geworden und spielte im „Dritten Reich“ ebenso eine untergeordnete Rolle gegenüber der Ausbildung im Umgang mit Schusswaffen.

"Jiu-Jitsu und Judo nach 'deutscher Art' ausgeübt"

L.I.S.A.: Mit welchen anderen Kampfsportarten konkurrierte Jiu-Jitsu in der NS-Zeit - mit welchen „westlichen“ und mit welchen „asiatischen?

Coesfeld: Wie oben skizziert, konkurrierte das Jiu-Jitsu vor allem mit seinem Ableger, dem Judo. Daneben stand das Boxen, das mit seiner außergewöhnlichen Popularität im Grunde außer Konkurrenz stand. Zusätzlich gab es im Deutschen Reich das Ringen und das Fechten. Asiatischen Ursprungs waren das Jiu-Jitsu und Judo. Karate sollte erst in den 1950ern seinen Weg nach Deutschland finden, gefolgt von anderen asiatischen Systemen. Interessant ist in dem Zusammenhang, dass die Praktizierenden asiatischer Kampfsportarten immerzu darauf bestanden, dass Jiu-Jitsu und Judo nach „deutscher Art“ – und eben nicht nach japanischer – ausgeübt worden sei.

L.I.S.A.: Welche Bedeutung hatte das Bündnis zwischen dem Deutschen Reich und dem Kaiserreich Japan, der Antikominternpakt von 1936, für die Akzeptanz der fernöstlichen Kampfsportarten? Gibt es da einen Zusammenhang?

Coesfeld: Zwischen 1933 und 1945 herrschte eine außergewöhnliche Japanbegeisterung im Deutschen Reich. Dieses wurde publizistisch durch NS-Organisationen wie die SS gefördert. Von deutscher Seite aus konstruierten sich kulturelle und politische Parallelen vom Führer- und Soldatentum. So wurden u.a. die Samurai – bei denen der Ursprung des Jiu-Jitsu zu sehen ist – immer wieder in der SS-Zeitung „Das Schwarze Korps“ behandelt; und für ein Buch zur Thematik hat sogar Heinrich Himmler selbst ein Vorwort verfasst. Eine solche pro-japanische Propaganda muss sich auch auf die Akzeptanz der japanischen Kampfsportarten ausgewirkt haben, obgleich das Ausmaß bisher kaum ermittelbar ist.

Marcus Coesfeld hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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