Login

Registrieren
Georgios Chatzoudis | 29.08.2017 | 767 Aufrufe | 1 | Interviews

"Nach dem Weltkrieg kam der Weltschmerz"

Interview mit Clemens Escher über Bürgereingaben für eine bundesdeutsche Nationalhymne

Ein neuer Staat braucht Symbole, über die er seine Staatlichkeit ausdrücken kann. Nationalhymnen gehören dabei zum festen symbolischen Repertoire einer jeden Staatsgründung. Nach dem Zweiten Weltkrieg stellte sich die Frage nach der Hymne vor allem für die Nachfolgestaaten des untergegangenen sogenannten Dritten Reichs: für die Bundesrepublik Deutschland, die DDR und für die Bundesrepublik Österreich. Der Historiker Dr. Clemens Escher hat sich im Rahmen seines Dissertationsprojekts mit der Suche der Bundesdeutschen nach einer Nationalhymne beschäftigt und dabei die Vorschläge von Bürgern untersucht. Seine Ergebnisse bieten einen neuen und aufschlussreichen Zugang zum Gefühlshaushalt der Bonner Republik unmittelbar nach der Katastrophe des Nationalsozialismus. Wir haben ihm dazu unsere Fragen gestellt.

"Die Bundesbürger griffen selbst zum Stift und in die Quetschkommode"

L.I.S.A.: Herr Dr. Escher, Sie haben ein Buch über die Entstehung der deutschen, genauer der bundesdeutschen, Nationalhymne nach dem Zweiten Weltkrieg geschrieben. Warum ein Buch zu einem Thema, das bereits erschöpfend erforscht zu sein scheint und über das entsprechend ausgiebig publiziert worden ist? Was ist an Ihrer Arbeit neu?

Dr. Escher: In der Tat, zur Nationalhymne gibt es bereits viel Literatur aus den unterschiedlichsten Fachrichtungen. Mein Augenmerk richtete sich aber auf die Zeitspanne, in der die Bundesrepublik eben keine Hymne besaß, also die Jahre 1949 bis 1952. In dieser hymnenlosen Zeit griffen die Bundesbürger selbst zum Stift und in die Quetschkommode, um Hymnen zu dichten und neue Deutschlandlieder zu komponieren. Adressaten waren zumeist Theodor Heuss und Konrad Adenauer. 2000 dieser Vorschläge sind überliefert und liegen u.a. in Koblenz im Bundearchiv. Die Einsendungen stehen dabei als Abbreviatur für die Frage nach der nationalen Identität der Deutschen. Bürgerbriefe werden als politische Selbstzeugnisse verstanden, die sich mit dem symbolischen Gehalt des Staatswesens beschäftigten. In der Arbeit werden gelungene und – mitunter noch interessanter – misslungene Kommunikationsstrategien geschildert. Sprachliche Übereinkünfte sollen ebenso dargestellt werden wie gegenläufige Diskurse. Vor allem aber soll durch die Briefe zu den Gefühlen der Bürger vorgedrungen werden. Diese lassen sich nur in Selbstzeugnissen aufspüren, die anfangs von der Kulturgeschichte der Politik (Thomas Mergel) und ihrer fast gleichaltrigen Schwester der Neuen Politikgeschichte (Ute Frevert) vernachlässigt worden sind.

"Dem Gefühlswust der Bürger durch didaktische Reduktion Herr werden"

L.I.S.A.: Sie werten in Ihrer Untersuchung die Eingaben und Vorschläge von Bundesbürgern für eine neue Nationalhymne aus. Wie steht es um diese besondere Quelle sowohl quantitativ als auch qualitativ? Was lässt sich daraus über das politische, gesellschaftliche und kulturelle Denken und Fühlen der Deutschen nach 1945 sagen? Sie sprechen in diesem Zusammenhang vom „Gefühlswust der Bürger“? Haben Sie ein oder zwei Beispiele, um zu verdeutlichen, was Sie damit meinen?

Dr. Escher: Natürlich sollte man den Begriff der Repräsentativität auch bei einer relativ umfangreichen Überlieferung nur mit allergrößter Vorsicht bemühen. Pars pro toto ist diese niemals zu verstehen! In der Praxis muss der Historiker in der Lage sein, das häufig Vorkommende herauszustellen und das Singuläre ebenso klar zu benennen. Durch eine systematische Auswertung der Zuschriften sollen Kontinuität und Diskontinuität im staatsbürgerlichen Denken der frühen Bundesrepublik kenntlich gemacht und die wesentlichen Elemente der Briefe, die auf den ersten Blick einem Gemischtwarenladen gleichen könnten, in kategorisierbare Topoi gefasst werden. Etwa Gotteslob und Nationalismus, Geschlecht, Generation, Antikommunismus und Widerbewaffnung, Raum und Identität und Vergangenheitsbewältigung. Es ist ja so, dass der Nationalstaat auf allem anderen als auf Tatsachen beruht. Daher bedarf er der Repräsentationen und Symbole, um staatlicherseits dem Gefühlswust der Bürger durch didaktische Reduktion überhaupt Herr werden zu können - nachzulesen schon bei John Stuart Mill. Das ist die genuine Funktion von Nationalsymbolen wie der Hymne, in der gleichzeitig Mythisierungsprozesse sichtbar werden. Was nun die Einsendungen betrifft - auf einen Nenner gebracht: Nach dem Weltkrieg kam der Weltschmerz. Eine dissoziierte Gesellschaft suchte im Hymnenvorschlag die Sehnsuchtslandschaften vorzugsweise des 19. Jahrhunderts auf. Die Gleichzeitigkeit des politisch, ökonomisch, sozial und mental Ungleichzeitigen, der erzwungene Mobilismus der Nachkriegsgesellschaft führte zu einer Überforderungssituation, diese wiederum zu einer Flucht in die Romantik. 

Zwei Beispiele herauszugreifen ist nicht einfach. Ironie ist kein guter Ratgeber beim Schreiben eines Buches, unter allem Umständen wollte ich verhindern, eine Freakshow darzustellen. Die Einsendungen waren fast allesamt ernsthaft gemeint. Manchmal wurden Losungen der Nationalsozialisten als Einstieg gewählt, ein Einsender hatte auch im weiteren mäandrierenden Verlauf keine glückliche Hand bewiesen: „Deutschland erwache! / Deutschland erwache! Mach deine Sache, / Den Pflug in die Hand, bestelle Dein Land / Und Eisen und Kohlen, die mußt Du holen / Und habe vertrauen zu denen, die aufbauen, / Potz Donnerschlag! Das geht nicht an einem Tag / Leicht ist’s zu kritisieren und große Worte zu führen / Aber schwer ist’s die Sachen besser zu machen.“ Etwas selbstgefällig stellte der Einsender klar: „Honorar kommt nicht in Frage.“ Der präsidiale Vermerk dazu war niederschmetternd: „Das will ich meinen bei dem Text!“ Ein weiteres Kontinuum stellt die Anrufung Gottes zur Bekämpfung äußerer und innerer Feinde dar. Der eschatologische Grundmechanismus der Feindidee und seine Vorurteilsstruktur überdauerte gleichsam unbeschadet das Jahr 1945. Ein Justizrat, Rechtsanwalt und Notar brachte dies in seinem an Konrad Adenauer gesendeten und dem Bundespräsidenten gewidmeten Hymnenvorschlag auf eine eingängige Formel: „Deutschland, Deutschland, von gefahren und von Stürmen oft durchtobt, / von dem Lenker aller Welten oft in Drang und Not erprobt, / halt‘ dem Freund die deutsche Treue, zeig‘ dem Feind die deutsche Faust, / die, wird sie herausgefordert, wuchtig auf ihn niedersaust.“

"Viele Vertriebene aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten griffen zum Stift"

L.I.S.A.: Um welche Topoi wurde gerungen? Wie verhielten sich diese zum Deutschlandlied des Hoffmann von Fallersleben?

Dr. Escher: Neu hinzu kam der liebe Gott - Im Deutschlandlied wurde die Anrufung Gottes noch vermieden, dafür gingen nach 1949 über ein Drittel der Einsender auf Gott ein. Ferner kam die Vorstellung eines Heiligen Reiches (sacrum imperium) in vielen Vorschlägen zum Ausdruck. Ein relativ überraschender Befund ist, dass auch das Kompositum „Bundesrepublik“ eine religiöse Konnotation für sich in Anspruch nehmen konnte. Reinhart Koselleck hat eine Aufladung des Begriffs "Bund" noch abgelehnt, die Hymnenvorschläge fordern hier das Vetorecht der Quelle ein. Nehmen wir die zweite Strophe des Deutschlandliedes müssen wir feststellen, so anachronistisch, wie oft dargestellt, war der rührselige Rüdesheim-Patriotismus nicht. Die zweite Strophe war recht beliebt, und Weib, Wein und Gesang lebten in neuen Gedichten weiter. Als reale Referenz diente den Bundesbürgern die erste Strophe des Deutschlandliedes mit seinen Grenzen aus der Zeit des 19. Jahrhunderts. Die Flussnennungen der ersten Strophe des Deutschlandliedes wurden teilweise verändert und damit auch die kognitive Landkarte der Deutschen. Überdurchschnittlich viele Vertriebene aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten griffen zum Stift. Gerungen wurde auch um identitätsbildende romantische Sehnsuchtsorte wie die Rheinromantik und Waldeseinsamkeit, aber auch um den Topos vom Land der Arbeit.

"Österreich und die DDR setzten auf eine neue Hymne"

L.I.S.A.: Die DDR war bei der Suche nach einer neuen Nationalhymne schneller. Mit „Auferstanden aus Ruinen“ sollte ein klarer Schlussstrich unter die jüngste Vergangenheit gezogen und eine Art „Stunde Null“ markiert werden. In der Bundesrepublik dagegen betonte man eher die nationale Kontinuität. Wie drückte sich das in der Suche nach einer passenden Hymne aus?

Dr. Escher: Die Mythen des Anfangs waren in der Tat der DDR und Österreich eher gegeben als der Bundesrepublik Deutschland. Der Bruch mit der Kontinuität der jüngsten Vergangenheit gehörte in Wien und Ost-Berlin zum Gründungsmythos. Mal als Opfer, mal als Kämpfer. Einen bruchlosen Weg vom „Reich zur Bundesrepublik“ hat es aber auch in Westdeutschland nie gegeben. Eine derartige These ist in Hans-Peter Schwarz‘ gleichlautender Habilitationsschrift (1966) allenfalls rudimentär angelegt. Selbstverständlich ist es wünschenswert, eine gemeinsame Nachkriegsgeschichte zu entwerfen. Man bediente sich allerorten universalisierender Deutungsmuster des Nationalsozialismus. Doch während dem Oststaat der bequeme Fluchtweg in den eigenen Antifaschismusmythos jederzeit offenstand, mehr noch, mit den Mitteln einer Erziehungsdiktatur dogmatisch eingefordert werden konnte und Österreich sich zu einer von Deutschen überfallenen Nation erklärte, musste der Weststaat die Frage nach Schuld, Sühne und Verdrängung ab den 1960er Jahre stets aufs Neue verhandeln. Dazu verstand sich sich die Bundesrepublik als Provisorium - warum dann eine gänzlich neue Hymne, wie Heuss sie favorisierte? Österreich und die DDR setzten auf eine neue Hymne. Wobei die Alpenrepublik mit dem Salzburger Götterliebling (erst später erwies sich die Urheberschaft Mozarts des Bundesliedes als falsche Fährte) auch auf den Glanz vergangener Tage in Text und Melodie vertraute. Mythen des Anfangs, die freilich in die Vergangenheit ragten, gab es aber auch in der Bundesrepublik. 

Der Gedanke ist reizvoll, ob nicht die Erfahrung im Hymnenwettkampf den Westen in Verlegenheit gebracht, unter dem Gesichtspunkt musikalischer Innovation im Grunde sogar über ihn obsiegt zu haben, die DDR-Führung erst dazu verleitete, eine ähnliche Führungsrolle des Oststaats bezüglich des Musikgeschmacks junger Menschen generell zu beanspruchen. Gerade die in der DDR-Hymne explizit angesprochene deutsche Jugend sollte nach dem Willen der Partei mit neuen sauberen sozialistischen Liedern für den Arbeiter- und Bauernstaat eingenommen werden. Für Walter Ulbricht war diese Klampfenpolitk bitterer Ernst. Spätestens Elvis Presley - der kurioserweise auch "Muss i denn?" in seinem Repertoire hatte - machte einen Strich durch diese Wandlitzer Spießerrechnung per elektrischer Gitarre und Hüftschwung.

"Gegenspieler der Epochenverschleppung ist die als betrüblich empfundene Gegenwart"

L.I.S.A.: Sie sprechen sich in Ihrer Arbeit für den Begriff der „Epochenverschleppung“ aus, den Sie als Mittlerbegriff zwischen den Hauptnarrativen „Restauration“ und „Modernisierung“ verankern. Was meint dieses Periodisierungskonzept, das an Ernst Blochs „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“ erinnert, genau? Was bedeutet „Verschleppung“ in diesem Zusammenhang?

Dr. Escher: Neue Begriffe einzuführen und stark zu machen ist immer so eine Sache. Der Terminus Epochenverschleppung hat bislang in der Geschichtswissenschaft ja gar keine Verwendung gefunden. Er existiert überhaupt nur innerhalb der Philologie und dort ist er obendrein im heiteren Fach zuhause. Der Begriff Epochenverschleppung wird einzig als Leitmotiv des Bonvivants und Schriftstellers Gregor von Rezzori benutzt, der als Sohn der Bukowina in zahlreichen seiner Romane die scheinbar kommode K.u.K.-Epoche in die Gegenwart imaginierte, in "Viva Maria" auch im Italo-Western an der Seite von Brigitte Bardot spielte. Von ihm stammt auch folgende bündige Definition: „Ich habe einmal ein Wort geprägt, das allmählich Aufnahme in den allgemeinen Sprachgebrauch findet: Epochenverschleppung. Damit ist gemeint das anachronistische Überlappen von Wirklichkeitselementen, die spezifisch einer vergangenen Epoche angehören, in die darauffolgende. Nicht alle Erscheinungen haben das gleiche Trägheitsmoment. Manche bestehen über sich selbst hinaus. Sie erweisen sich damit als Stimmungsträger, die nicht nur einzelne, sondern beinah alle über die tatsächlich bestehende Wirklichkeit täuschen. Das Gegenwartserlebnis läuft nebenher. Keiner lebt gänzlich im Jetzt und Hier.“ Rezzori hat seinen Bloch wohl gelesen und meisterhaft rezipiert. 

Um sich dem Phänomen der Epochenverschleppung nähern zu können, bedarf es, von der üblichen Unterteilung des Jahrhunderts Abstand zu nehmen. Die Verknüpfung deutscher Zeitgeschichte nach der Zäsur 1945 mit früheren Epochen war lange Zeit mit einer gewissen Scheu belegt, der jüngst verstorbene Hans-Peter Schwarz schrieb noch 1996 von einem Desiderat. Davon kann inzwischen angesichts der Opera magna von Heinrich August Winkler, Hans-Ulrich Wehler und Ulrich Herbert nicht mehr die Rede sein. Was wichtig ist: Die Epochenverschleppung der Bundesbürger führte langfristig nicht zu einem Fremdeln mit der Bundesrepublik, sondern zu einem Verschmelzen des Neuen mit dem Dagewesenen. Ein Land lebt auch von dem, was es nicht mehr ist oder nicht mehr zu sein scheint. Dabei lassen sich die Widersprüche vom Alten und Neuen nach 1945 nicht immer zwingend kausal auflösen. Die stumpfe Suche nach Altem und Neuem kann sogar irreführend sein, dort wo vieles gleichzeitig einhergeht und aus Altem Neues geschmiedet wird.

Genau hier liegt auch der Mehrwert des Begriffes Epochenverschleppung gegenüber dem Restaurationsparadigma. Die Epochenverschleppung bezieht sich nicht auf eine bestimmte Zeitepoche, die eben restauriert wird oder werden soll, sondern betont das Träumerische, das Ungefähre dieser Wunschvorstellung. Das deutsche Arkadien hat nun einmal keinen konkreten Ort, es liegt im Irgendwo und Nirgendwo und besteht aus vielen Sehnsuchtslandschaften, wie im Übrigen schon das Deutschlandlied ein sehnsüchtiges Lied war. Viel stärker wird durch die Begrifflichkeit Epochenverschleppung die dispositive Seite des ganzen psychosozialen Phänomens wahrgenommen – die Analysekategorie Restauration legt dagegen ihr Augenmerk weitgehend auf das schiere Amtshandeln.

Doch auch jenseits der Fakultäten liegen Aktiva der Nutzung des Begriffs Epochenverschleppung auf der Hand: Während Restauration ein statischer Terminus ist, handelt es sich bei der Epochenverschleppung um eine anthropologische Grundkonstante von großer Kraft. Nur auf den ersten Blick ist die Epochenverschleppung nämlich harmloser Natur. Bereits Gregor von Rezzori warnte: „Die Kunst – so sie nicht der Gegenwart vorausgeht – ist ein gefährlicher Helfer der Epochenverschleppung." Gefährlich wird die Epochenverschleppung durch den Umstand, dass ihr Gegenspieler nicht die Zukunft ist, sondern die als betrüblich empfundene Gegenwart. Vergangenes wird mit so vielen Ich-Anteilen aufgeladen – euphemistisch gesprochen wohlbehütet –, dass im Ergebnis jede Veränderung als persönliche Zumutung wahrgenommen wird. Der Wutbürger, ob Stuttgarter oder Dresdner Provenienz, leidet auch an einer Epochenverschleppung. Er sehnt sich nach einem Deutschland was es so, zumindest nach 1945, niemals gegeben hat. Der Takt der Gegenwart ist ihm unerträglich. Als Terminus ist die Epochenverschleppung keinesfalls ein biederer Kompromiss zwischen Modernisierungs- und Restaurationsthese, vielmehr sollte sie als eine eigenständige These wider der verbreiteten Vorstellung eines linearen Verlaufs der Geschichte verstanden werden.

"In den Köpfen der Deutschen herrschte die Rolle des leidenschaftlichen Antiquars vor"

L.I.S.A.: Welche Epochen machen Sie anhand des Hymnenstreits aus? Welche Epochen überlagerten sich hier im Konkreten?

Dr. Escher: Es war ja keine reale konkrete Welt, sondern eine imaginierte, die aufgesucht wurde. Kein Rückgriff auf ein reales Jahr, ob nun 1815, 1871, 1900 oder sagen wir 1928. Die aus den Fugen geratene alte Welt ließ sich realiter nicht mehr restaurieren, so sehr man auch im Zuge des Wiederaufbaus in Versuchung war. Noch gravierender: Die alte Welt hat ja so niemals existiert wie in der Erinnerung!  

In den Hymnenvorschlägen malte eine gefühlsstarke Gemeinschaft dafür das Panoramabild einer vergangenen heilen Welt. Dort waren die Menschen nah bei Gott, dieser war nah bei den Deutschen. Der Kommunismus war fremd, die Memel aber noch deutsch und die Kleinfamilie Mann, Frau und Kind bildete den Kern der Gesellschaft. Der deutsche Wald war so geheimnisvoll und schön wie zu Eichendorffs Zeiten und die Rheinfrische suchte man auf, um sich vom fleißigen Tagwerk zu erholen. Bei allem Maß und aller Mitte herrschte noch im letzten Herrgottswinkel etwas, woran es der Realität fehlte: deutsche Weltgeltung. Gänzlich verschwunden war auch nicht der seit Johann Gottlieb Fichte zählebige Ursprungsmythos der Deutschen als naturwüchsig-idealistisches Urvolk von weltgeschichtlicher Bedeutung.

Mögen Max Horkheimer und Theodor Adorno am Institut für Sozialforschung in Frankfurt am Main die „intellektuelle Gründung der Bundesrepublik“ im Sinn gehabt haben; mögen die Mütter und Väter der Verfassung das Werden der Parlamentarischen Demokratie mit Herz und Hand begleitet haben – in den Köpfen der Deutschen herrschte die Rolle des leidenschaftlichen Antiquars vor, der unverdrossen historisch lange Linien zog und dabei das ganze Spektrum der romantischen Farbpalette nutzte, um Vergangenes in Gegenwärtiges hereinragen zu lassen. Ein Aufbau konnte von dieser Warte aus betrachtet semantisch nur als Wiederaufbau vorstellbar sein. Das Neonlicht der 1950er Jahre sollte nicht blenden: Bei der unintellektuellen Gründung der Bundesrepublik wurde auf alte Sinnstiftungsmuster zurückgegriffen, sie wurden in die manifeste Realität gedanklich verschleppt.

"Heuss kam schlussendlich der Bitte der Bundesregierung nach"

L.I.S.A.: Wie kam es schließlich zur Etablierung der nach wie vor aktuellen Nationalhymne? Welche Kriterien und Überlegungen waren entscheidend?

Dr. Escher: Am Ende zeigen sich eben auch die Grenzen einer „Geschichte von unten“, die in vorliegender Arbeit über weite Strecken versucht worden ist. Es war ein Briefwechsel zwischen dem Bundeskanzler und dem Bundespräsidenten, der 1952 die Rechtsgrundlage – so umstritten dieser Rechtsakt unter Juristen auch war und ist – für die neue alte Nationalhymne bildete. Im Grunde stattete der Bundespräsident das „Lied der Deutschen“ mit einem historischen und tagesaktuellen Anmerkungsapparat aus. Die Nationalhymne sollte präsidiale Fußnoten bekommen. Unter allen Umständen wollte er den Briefwechsel nicht als devotes Einknicken vor national gesinnten Kreisen verstanden wissen, dafür sollte sein Zähneknirschen weithin vernehmbar sein.

Etliche Botengänge zwischen Bundespräsidialamt und Kanzleramt waren vonnöten, um die genauen Modalitäten zu klären. Das Prozedere verrät viel über das Zustandekommen von Entscheidungen und die genaue Ausformulierung bis zur letzten Minute. Es wurde schließlich entschieden, das Schreiben Adenauers auf den 29. April 1952 und die Antwort von Heuss auf den 2. Mai 1952 zu datieren. Am 6. Mai 1952 sollte der Briefwechsel dann lediglich im Regierungsbulletin – nicht etwa im Bundesgesetzblatt – erscheinen. Bereits in seinem Memorandum zur Hymnenfrage zuvor kündigte Heuss an, dass seine Antwort einen stärker „persönlichen“ denn „staatspolitischen“ Charakter tragen werde. Wie vereinbart fragte der Bundeskanzler beim Bundespräsidenten im Namen der Bundesregierung zum wiederholten Male an, ob er das Deutschlandlied als Nationalhymne anerkennen wolle, nicht ohne an Ebert zu erinnern und nicht ohne die „innere Berechtigung“ des fehlgeschlagenen Heuss-Projekts anzuerkennen. In einem längeren Antwortschreiben machte Heuss aus seinem Herzen keine Mördergrube. Er schrieb von „zahllosen Briefen“, die er zu diesem Thema bekommen habe, deren Grundton teils „bewegend“, „entrüstet“, „töricht“ sowie „banal“ gewesen seien und von ihm stets „kühl“, „stolz“ und „selbstbewusst“ zurückgewiesen worden. Allzu leicht wollte es Heuss dem Staatsvolk also nicht machen. Als er sich mit der Hymnenfrage beschäftigt habe, so führte der Bundespräsident aus, sei er davon ausgegangen, „daß der tiefe Einschnitt in unserer Volks- und Staatsgeschichte einer neuen Symbolgebung bedürftig sei.“ Für den Akt der Hymneneinsetzung selbst wählte Heuss aber eine für ihn untypische distanzierte und formaljuristische Sprache, jedes Brimborium wurde peinlich genau vermieden: In „Anerkennung des Tatbestandes“ der ungeminderten Popularität des Deutschlandliedes, wobei er den „Traditionalismus und sein Beharrungsbedürfnis“ der Deutschen unterschätzt habe, kam Heuss schlussendlich der Bitte der Bundesregierung nach. Als Warnung an alle Ewiggestrigen führte Heuss weiter aus, dass Hoffmann von Fallersleben ein schwarz-rot-goldener Patriot gewesen sei und bei feierlichen Anlässen die 3. Strophe zu singen sei.

Rund 39 Jahre später wiederholte sich die Geschichte mit einem kleinen, aber feinen Unterschied. Diesmal ergriff der Bundespräsident Richard von Weizsäcker die Initiative und schickte am 19. August 1991 – zehn Monate nach der deutschen Einheit – Bundeskanzler Helmut Kohl einen Brief mit der Feststellung: „Die 3. Strophe des Liedes der Deutschen von Hoffmann von Fallersleben ist die Nationalhymne für das deutsche Volk.“ 

Dr. Clemens Escher hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

Kommentar

von Jan-Holger Kirsch | 18.09.2017 | 16:53 Uhr
Siehe zu Clemens Eschers Buch auch die kritische Rezension von Bernd Buchner, in: H-Soz-Kult, 15.9.2017, http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-27253

Kommentar erstellen

SLA9JE