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Georgios Chatzoudis | 26.03.2020 | 514 Aufrufe | Interviews

"Müller war kein Simplicissimus des Fußballs"

Interview mit Hans Woller über Gerd Müller und die feinen Unterschiede

Wir leben derzeit in ganz fußballlosen Zeiten? In ganz? Nein, ein kleines Portal im Rheinland hält zumindest thematisch an einer der beliebtesten Sportart fest - wenn auch ausschließlich unter geisteswissenschaftlichen Gesichtspunkten. So wie in dem vorliegenden Interview mit dem Historiker Dr. Hans Woller, der sich mit einem der schillerndsten und bekannsten Protagonisten der Fußballgeschichte auseinandergesetzt hat: Gerd Müller - auch bekannt und gefürchtet unter dem fragwürdigen Namen "Bomber, der Nation". Im Mittelpunkt der Biographie des früheren Mittelstürmers steht die Kluft, die sich in Müllers Leben zwischen seiner Herkunft und seinem Leben im Rampenlicht nicht nur der Fußballwelt, sondern der Weltöffentlichkeit insgesamt auftat. Wir haben Hans Woller gefragt, wie Gerd Müller sich in einer Welt behaupten musste, auf die er nicht vorbereitet war.

"Der soziale Aufsteiger, dem die 'feinen Unterschiede' drastisch vor Augen geführt wurden"

L.I.S.A.: Herr Dr. Woller, Sie haben eine Biographie über den Fußballer Gerd Müller geschrieben. Was hat Sie veranlasst, sich des früheren Torjägers anzunehmen? Welche Überlegungen gingen Ihrer Untersuchung voraus?

Dr. Woller: Ich wollte mit dazu beitragen, der stark vernachlässigten Geschichte des Fußballs größere Beachtung zu verschaffen, den Fußball aus der Isolation im Sportteil der Medien befreien und ihn den Ghostwritern entwinden, die nur Märchen produzieren und die Geschichte des Fußballs zu Anekdoten verwursten. Das geht nur, wenn man den Fußball als gesellschaftliche Potenz ernst nimmt und in Verbindung bringt zu Politik, Wirtschaft und Kultur, wenn man mit anderen Worten: Die Fußballgeschichte in die Zeitgeschichte integriert. Ich habe das am Beispiel Gerd Müllers versucht, weil mich ein Sonderaspekt seiner Geschichte besonders interessiert hat– der soziale Aufsteiger, dem die „feinen Unterschiede“ zwischen oben und unten in unserer Gesellschaft ziemlich drastisch vor Augen geführt wurden.

"Hohlheit und Verlogenheit, die er am Ende durchschaute"

L.I.S.A.: Ihre Biographie Gerd Müllers liest sich wie eine Sozialgeschichte der jüngeren Bundesrepublik. Ein Junge aus einfachsten Verhältnissen bringt es mit Talent, Fleiß und ein bisschen Glück zu einem erfolgreichen, beliebten und weltweit bekannten Fußballstar. Klingt fast wie die Erfüllung des amerikanischen Traums. Ist Gerd Müller eine Ikone, die für den nach oben grenzenlosen gesellschaftlichen Aufstieg steht? Und wie konnte ein Mann aus dem unteren Gesellschaftsmilieu ohne kulturelles Kapital in einer Welt des Glamours überhaupt bestehen?

Dr. Woller: Selbstverständlich ist Gerd Müller, wie Beckenbauer, Hoeneß, Breitner oder Netzer und viele andere, ein Paradebeispiel für die Durchlässigkeit der Gesellschaft in den 1960er und 1970er Jahren; sozialer Aufstieg ist ja eine der wichtigsten Signaturen dieser Zeit. Wir betrachten diese Erfolgsgeschichten aber viel zu oft nur unter dem Gesichtspunkt des Aufstiegs, des Zugewinns an Lebenschancen, und ignorieren die immensen Mühen und Kosten, die Schattenseiten des Aufstiegs. Diese lassen sich am Beispiel Müllers sehr gut veranschaulichen. Er entfremdete sich seinem Herkunftsmilieu und hätte in München so gerne zu den besseren Kreisen gehört, schaffte es aber wegen seiner kulturellen Handicaps (Dialekt, Bildungsferne usw.) nicht. Weil man ihn diese Defizite deutlich spüren ließ, zog sich Müller schließlich aus der Welt des Glamours zurück, auch wegen deren Hohlheit und Verlogenheit, die er am Ende durchschaute. Ohne mich, war sein fast instinktiver Reflex.

"Fußball als Faktor der Legitimation, der Massenunterhaltung und der Gewinnmaximierung"

L.I.S.A.: Der Untertitel Ihres Buches lässt bereits erahnen, dass es Ihnen nicht nur um die Lebensgeschichte Gerd Müllers geht, sondern um eine umfassendere Analyse eines paradigmatischen Wandels im Profifußball: die 1970er Jahre, als das große Geld in den Fußball kam. Inwiefern ist die Karriere Gerd Müllers symptomatisch für die Kapitalisierung des Fußballsports?

Dr. Woller: Es ist schwer, eine so ambitionierte Frage am Beispiel einer Biografie zu beantworten. Ich meine aber schon, dass die Kapitalisierung des Fußballs Mitte der 1960er Jahre – nach der Einführung der Bundesliga 1963 – begann und dass das moderne Fußballgeschäft mit dem großen Geld als Treibstoff damals seine Geburtsstunde erlebte. Als Müller 1964 zum FC Bayern München kam, verdiente er einige Hundert Mark im Monat, zehn Jahre später war es eine halbe Million im Jahr, ohne Nebeneinkünfte aus der Werbung und Autogrammstunden, die nicht genau zu beziffern sind, aber ebenfalls in die Hundertausende gehen konnten. Dieser Quantensprung war nur möglich, weil Politik, Kultur und vor allem die Wirtschaft den Fußball als Faktor der Legitimation, der Massenunterhaltung und nicht zuletzt der Gewinnmaximierung entdeckten.

"Fototermine mit Ministern, Auftritte mit CSU-Größen, Empfehlungen im Wahlkampf"

L.I.S.A.: Sie zeigen in Ihrer Arbeit, dass der Fußball nicht nur von seiner wachsenden Popularität profitierte, als er sich in den 1970ern vom Sport des unteren Drittels zum Spektakel der Massen wandelte, sondern auch von guten Kontakten der jeweiligen Vereinsführung in die kommunale sowie in die Landespolitik. In Ihrem Buch geht es dabei konkret um die engen Verbindungen zwischen dem FC Bayern München und der CSU, die dem Club zu mehr Geld verhalf. Warum war gerade Bayern München der CSU ein attraktiver Partner? Und wie verhielten sich Profis wie Gerd Müller, Franz Beckenbauer, Sepp Maier, Uli Hoeneß und Paul Breitner zur Politik? Alles politisierte Fußballstars?

Dr. Woller: Der FC Bayern München hatte um 1970 eine überaus vielversprechende, sehr erfolgreiche Mannschaft, aber nicht genug Geld, um sie aus eigenen Mitteln legal zu bezahlen. Abhilfe konnte nur die Politik schaffen – die SPD, die in der Stadt den Ton angab, oder die CSU, die im Land Bayern regierte. Dass der FC Bayern mit der CSU ins Geschäft kam, hatte weniger mit weiser Voraussicht zu tun, um so mehr aber mit der Tatsache, dass die Stadtspitze den Bayern die kalte Schulter zeigte, weil sie sich dem Stadtrivalen 1860 ideologisch näher fühlte. Ausdruck dieses von den Umständen erzwungenen Kurswechsels war der Übertritt des Bayern-Präsidenten Wilhelm Neudecker von der SPD zur CSU, der er sich dann mit Leib und Seele verschrieb. Die Mannschaft machte diesen Schwenk mit und engagierte sich von da ab ziemlich intensiv für die CSU – Fototermine mit Ministern, gemeinsame Auftritte mit CSU-Größen, Empfehlungen im Wahlkampf. Ideologische Nähe mag dabei eine Rolle gespielt haben, gewiss aber auch die Erwartung gemeinsamer Synergieeffekte (sprich: finanzielle Vorteile und Wählerstimmen), gegen die nichts einzuwenden ist, wenn sie sich im Rahmen und Recht und Gesetz bewegen, was aber oft und oft nicht der Fall war. Also eher keine politisierten Fußballstars, sondern gewiefte Profis und gewinnorientierte Geschäftsleute, die genau erkannten, dass die Nähe zur Politik sich auszahlen konnte – bei Steuerproblemen und bei der Akquise von Nebenbeschäftigungen.

"Das Engagement in den USA führte nicht zur erhofften Sanierung, im Gegenteil"

L.I.S.A.: Gerd Müllers Karriere erwies sich letztlich alles andere als eine Bilderbuchkarriere. Dem steilen Aufstieg folgte ein baldiger Abstieg. Wo würden Sie die die Krise bzw. den Wendepunkt in diesem Drama ansetzen? Und wie ist es einzuschätzen, dass Gerd Müller bei Bayern München aufgefangen wurde? Mechanismen einer Amigo-Mentalität?

Dr. Woller: Ich würde den Wendepunkt Ende der 1970er Jahre ansetzen, als sich mehrere Faktoren unheilvoll miteinander verbanden: das drohende Karriereende (Müller war bereits über 30 Jahre alt), eine fehlende berufliche Perspektive, enorme Steuerprobleme, weil der Schutz der CSU nicht mehr richtig funktionierte, wirtschaftliche Rückschläge mit Sportgeschäften, die Flucht in den Alkohol. Das Engagement in den USA führte nicht zur erhofften Sanierung, im Gegenteil. Gerd Müller war nach seiner Rückkehr 1985 sehr schwach bei Kasse und versank nun ganz im Alkohol. Der FC Bayern München, mit dem er vorher heillos zerstritten war, hat ihn 1991/92 aufgefangen – sehr spät, aber dann doch mit großer Entschiedenheit und Umsicht. Bei dieser großzügigen Rettungsaktion sind Gefühle alter Verbundenheit nicht zu trennen von pragmatischen Rücksichtnahmen auf das Image des Vereins, das schwer gelitten hätte, wenn der FC Bayern einer seiner wichtigsten Ikonen nicht geholfen hätte.

"Projektionsfläche für unsere Wünsche, Sehnsüchte und Bedürfnisse"

L.I.S.A.: Warum ist Gerd Müller heute noch interessant und im kollektiven Gedächtnis der Fußballgemeinde so präsent? Nur wegen der Tore und Trophäen?

Dr. Woller: Seine Tore und seine fast unheimliche Trefferquote sind selbstverständlich von enormer Bedeutung. Das lebhafte Interesse an Müller hat aber auch in starkem Maße mit dem steigenden Verdruss am modernen Fußball zu tun: dem vielen Geld, der Totalvermarktung durch das Fernsehen und der ewig frisch geduschten Belanglosigkeit der abgehobenen Stars. Müller war in den Augen vieler Fußballfans das genaue Gegenteil: die ehrliche Haut, der bodenständige, authentische Kerl, der den anständigen alten Fußball verkörpert. Jeder, der genau hinschaut, weiß, dass es sich bei diesen Müller-Bildern um Konstruktionen handelt, die ganze Partien seiner durchaus komplexen Person ausblendeten. Müller war kein Simplicissimus des Fußballs, er dient uns aber trotzdem als Projektionsfläche für unsere Wünsche, Sehnsüchte und Bedürfnisse, die der Fußball moderner Prägung immer weniger erfüllen kann.

Dr. Hans Woller hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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