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Georgios Chatzoudis | 07.01.2014 | 1144 Aufrufe | Interviews

"Masse" bei docupedia.de

Interview mit Stefanie Middendorf über ihre digitale Publikation

Wissenschaftliche Veröffentlichungen im Netz werden nach wie vor kritisch beäugt. Trotzdem hat sich Dr. Stefanie Middendorf dazu entschieden, im Online-Nachschlagewerk Docupedia einen Artikel zum Thema "Masse" zu veröffentlichen. Die Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Professur für Zeitgeschichte der MLU Halle-Wittenberg erforscht zurzeit nicht nur die Geschichte der behördlichen Organisation des Reichsministeriums der Finanzen (RMF) von der Weimarer Republik bis in die frühe Bundesrepublik, sondern auch die Geschichte der Massenkultur. Doch aus welchen Gründen entschied sie sich als Autorin für ein Online-Nachschlagewerk aktiv zu werden und welche Kriterien müssen erfüllt sein, damit auch Online-Publikationen wissenschaftliche Anerkennung erfahren?

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docupedia.de

"Ein sehr viel direkterer und schnellerer Dialog mit Leserinnen und Lesern"

L.I.S.A.: Frau Dr. Middendorf, im Online-Nachschlagewerk Docupedia haben Sie vor Kurzem einen wissenschaftlichen Artikel zum Konzept "Masse" veröffentlicht. Warum haben Sie sich für eine Publikation in einem Online-Portal entschieden? Was spricht dafür?

Dr. Middendorf: Dieses Portal bietet einen Überblick über aktuelle Fachdebatten und über wichtige Begriffe und Methoden des Faches. Es richtet sich damit nicht zuletzt an ein studentisches Publikum, das sich in eine Thematik einlesen oder sich Fragestellungen erschließen möchte – und hier zeigt die Erfahrung, dass dieses Publikum sich in zunehmendem Maße eben über das Netz informiert, ob man das nun in Gänze begrüßen mag oder nicht. Insofern finde ich es sehr sinnvoll, in einem fachwissenschaftlich begutachteten Rahmen einen solchen Artikel online zu veröffentlichen und damit von Seiten der Wissenschaft einen qualitativ gesicherten Beitrag zum virtuell verfügbaren Wissen zu leisten. So können wir in der Vielzahl von Wissensfragmenten im Netz die Bewahrung wissenschaftlicher Standards selbst mitprägen.

Wichtig finde ich zudem die Möglichkeit, über Hyperlinks das Thema „Masse“ unmittelbar mit anlagernden Aspekten wie „Elite“, „Moderne“ oder „Herrschaft“ zu vernetzen, die ebenfalls auf Docupedia von ausgewiesenen Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen bearbeitet worden sind und auf diese Weise sehr rasch aufgesucht und zueinander in Beziehung gesetzt werden können. Diese Form der Nutzung durchbricht zwar gelegentlich das eigene Narrativ, bietet aber eine Multiperspektivität, die gerade bei dem Thema der „Masse“ angemessen ist. Meine ganz konkrete Erfahrung in diesem Fall ist zudem, dass diese Form der Online-Veröffentlichung einen sehr viel direkteren und schnelleren Dialog mit Leserinnen und Lesern – wie ja auch mit L.I.S.A. – auslöst. Dies finde ich sehr spannend und für die eigene Arbeit anregend. Beim Thema „Masse“ gilt dies umso mehr, als es in seinen gegenwärtigen Ausformungen selbst Themen wie die „Netzwerkgesellschaft“ oder „Schwarmintelligenz“ berührt, die mit virtueller Präsenz zu tun haben.

"Sinnvolle Erweiterungen auswählen, die inhaltlich weiterführen"

L.I.S.A.: In Ihrem Artikel gibt es Hyperlinks zu anderen Docupedia-Lemmata aber keine zu anderen und möglicherweise weiterführenden Inhalten im Netz. Warum hat man sich dafür entschieden?

Dr. Middendorf: Dies stimmt so nicht ganz. Neben den Hyperlinks zu anderen Docupedia-Beiträgen finden sich sowohl Hinweise auf online verfügbare Fachbeiträge als auch Links zu anderen Inhalten im Netz. Diese kann der Leser/die Leserin unter den Rubriken „Web-Ressourcen“ sowie „Rezensionen“ und „Tagungsberichte“ in einer eigenen Leiste ansteuern. Hier haben wir versucht, sinnvolle Erweiterungen auszuwählen, die inhaltlich weiterführen oder auf Institutionen hinweisen, an denen zu diesem Thema aktuell gearbeitet wird. Allerdings war dies, so meine Erfahrung, gar nicht so leicht, da eben nicht alles, was sich im Netz an Inhalten zu diesem Thema findet, wirklich wissenschaftlich sinnvoll ist – und andererseits wichtige Fachbeiträge (noch) nicht online verfügbar sind. Insofern besteht hier auch eine gewisse Gefahr darin, dass die Verfügbarkeit von Ressourcen im Netz gegenüber ihrer wissenschaftlichen Relevanz zu sehr an Gewicht gewinnt.

"Online-Publikationen gewinnen zunehmend an Bedeutung"

L.I.S.A.: Wissenschaftliche Veröffentlichungen im Netz werden nach wie vor oft als minderwertig angesehen, die akademische Anerkennung bleibt nicht selten aus. Woran liegt das? Was muss sich ändern bzw. welche Kriterien müssen erfüllt sein, damit auch wissenschaftliche Online-Publikationen Anerkennung erfahren?

Dr. Middendorf: Zunächst glaube ich, dass sich hier vielleicht doch langsam ein Wandel abzuzeichnen beginnt, weil Online-Publikationen in der eigenen wissenschaftlichen Arbeit wie auch in der Lehre zunehmend an Bedeutung gewinnen und sich insofern „normalisieren“. Ein gewisses Maß an Distanz zur Technik hat vielleicht wiederum mit unserer Fachkultur zu tun sowie damit, dass die Kompetenzen im Umgang mit Netzinhalten und deren Eigenlogiken noch nicht so ausgeprägt sind. Hier würde ich sagen, dass eine Verbesserung und Professionalisierung der Aus- und Fortbildung in diesem Bereich hilfreich wäre. Ich denke aber auch, dass gerade ein Fachportal wie „Docupedia“ viel bewirken kann, weil es ein Review-Verfahren gibt, die Beiträge von namhaften Fachleuten verfasst sind und es zudem umfassender angelegt ist als eine einzelne online verfügbare Zeitschrift. Sicherlich muss, um die wissenschaftliche Anerkennung zu verbessern, generell die Stabilität solcher Portale und anderer Web-Ressourcen garantiert sein, d.h. ihre fortlaufende und langfristige wissenschaftliche, redaktionelle und technische Betreuung. Auch die Frage der Urheber- und Nutzungsrechte ist sicherlich in unserem Fach noch weiter zu diskutieren.

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Masse - Rushhour in Dhaka (CC-BY-2.5)

"Ein Ort der fortlaufenden und weitgehend offenen Selbstreflexion"

L.I.S.A.: Wie verhält sich ein Online-Nachschlagewerk wie die Docupedia zu einer gedruckten Publikation, wie beispielsweise die „Geschichtlichen Grundbegriffe“? Auch dort wird der Begriff „Masse“ gemeinsam mit anderen Kollektivkonzepten aufgearbeitet. Was ist anders?

Dr. Middendorf: Im Unterschied zu den „Geschichtlichen Grundbegriffen“ steht bei Docupedia keine geschlossene Konzeption hinter den Einzelbeiträgen, sondern hier setzt jede Autor/jede Autorin ihre Schwerpunkte gemäß der eigenen Forschungen. Es ist also, inhaltlich gesehen, kein gemeinsames Projekt, das eine historische Epoche (die „Sattelzeit“ der Moderne) über ihre Begriffe zu erfassen versucht, sondern ein Ort der fortlaufenden und weitgehend offenen Selbstreflexion der gegenwärtigen zeithistorischen Forschung über ihre erkenntnisleitenden Kategorien und Kontroversen. Zudem würde ich sagen, dass „Docupedia“ in seinen Themen und Begriffen internationaler angelegt ist als die „Geschichtlichen Grundbegriffe“, die sich explizit auf die politisch-soziale Sprache in Deutschland beziehen, wenngleich auch dort vergleichende Perspektiven integriert sind.

In meinem Fall, also für den Beitrag zur „Masse“, gilt zudem, dass ich anders als der Kollektivbeitrag von Reinhart Koselleck, Fritz Gschnitzer, Karl Ferdinand Werner und Bernd Schönemann in den „Geschichtlichen Grundbegriffen“ nicht so stark auf historische Semantik und die programmatische Verwendung des Begriffes in einer diachronen Perspektive gesetzt habe. Stattdessen steht bei mir die Konstruktion der „Masse“ als diskursives, aber auch als politisches und soziales Phänomen durch sehr unterschiedliche Akteure bzw. Akteursfelder im Fokus, zudem geht es stärker auch um die gesellschaftliche Praxis, die sich daraus ergeben hat und ergibt. Der Beitrag für „Docupedia“ ist auch mehr darauf angelegt, durch die Benennung von Forschungsperspektiven weitere Studien anzuregen, als dass er sein Thema erschöpfend behandeln wollte. Im Vergleich zu Koselleck et al. habe ich mich stärker beschränken müssen; deren Beitrag umfasst fast 300 Seiten, in denen der Begriff der „Masse“ sehr differenziert und mit einer Vielzahl von Zitaten gegen andere Kategorien wie „Volk“ und „Nation, Nationalismus“ abgewogen wird, und dies von der Antike bis ins 20. Jahrhundert. „Docupedia“ ist insofern schneller handhabbar und für Studierende vielleicht leichter zugänglich. Anders als die Autoren der „Geschichtlichen Grundbegriffe“ habe ich zudem die Möglichkeit, meinen Beitrag in Abständen zu aktualisieren – das finde ich sehr sinnvoll, denn das zeithistorische Forschungsfeld zu diesem Themenfeld verändert sich und auf dieses ist der Beitrag bezogen.

"Deutlicher und für unterschiedliche Zielgruppen greifbarer"

L.I.S.A.: Sie haben bereits in einem anderen sehr interessanten historischen Projekt mit dem Internet als Medium gearbeitet – „Vernetztes Gedächtnis – Topographie der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Braunschweig“. Warum eignet sich das Netz für solche Projekte?

Dr. Middendorf: In dem Braunschweiger Projekt haben wir den Gedanken der topographischen Bedingtheit von Herrschaft, der sich aus unserer inhaltlichen Auseinandersetzung mit der Geschichte des Nationalsozialismus in dieser Stadt wie selbstverständlich ergab, durch das Online-Portal in eine „virtuelle Realität“ umsetzen können. Es war also möglich, den städtischen Raum, in dem in Braunschweig eine nationalsozialistische Gesellschaft entstand und sich entwickelte, im Netz aufzugreifen und, in gewissem Maße, nachzubilden – deutlicher und für unterschiedliche Zielgruppen greifbarer, als dies in einer gedruckten Publikation möglich gewissen wäre. Zudem funktioniert auch dieses Portal dynamisch, es kann laufend ergänzt, weiter verlinkt, aktualisiert und korrigiert werden. Mit dem Medium Internet wollten wir zunächst natürlich ein jüngeres Publikum ansprechen, zugleich war es aber auch eine Möglichkeit, alle Bürgerinnen und Bürger der Stadt längerfristig und tiefergehend am Gedenken und der fachlichen Aufarbeitung zu beteiligen, indem sie etwa Dokumente oder Erinnerungen zur Verfügung stellen konnten. Dies ist gerade auf einer stadthistorischen Ebene sinnvoll, wo wissenschaftliche Forschungen häufig noch in den Anfängen stehen bzw. erst angestoßen werden müssen. Auch diesem Zweck diente das Portal, das aus einer Kooperation zwischen der Stadt Braunschweig sowie der Hochschule für Bildende Künste und der Technischen Universität Braunschweig entstanden ist und von Wissenschaftlern und Studierenden im Rahmen ihrer universitären Ausbildung mit Inhalten gefüllt wurde. Dies brauchte und braucht aber Zeit – auch hier bieten Netz-Portale m.E. besondere Möglichkeiten, weil sie anders als eine gedruckte Publikation nicht zu einem bestimmten Zeitpunkt abgeschlossen sein müssen. Und auch in diesem Fall ergaben sich über das Netz Kontakte zu vergleichbaren Initiativen an anderen Orten, die sich dann über Links miteinander verbinden ließen.

Dr. Stefanie Middendorf hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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