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Georgios Chatzoudis | 23.10.2018 | 358 Aufrufe | Interviews

"Machtlosigkeit ist nie erstrebenswert"

Interview mit Peter Cornelius Mayer-Tasch über Macht aus philosophischer Perspektive

Der französische Außenminister Charles-Maurice de Talleyrand hat einst über Macht gesagt: "Kein Abschied auf der Welt fällt schwerer als der Abschied von der Macht." Auch aus diesem Grund ist Macht heute im öffentlichen Diskurs vor allem negativ besetzt. Berichte über Machtmissbrauch, Machthunger, das Kleben an der Macht, über Macht, die korrumpiert, sorgen für Empörung. Macht müsse beschränkt werden, auf mehrere verteilt sein und transparent bleiben, so Kritiker der Macht. Wäre demnach sogar eine Welt ohne Macht besser? Der Politikwissenschaftler Prof. Dr. Peter Cornelius Mayer-Tasch ist einem neuen Essay diesen und anschließenden Fragen nachgegangen. Wir haben ihn um ein Interview gebeten.

"Es geht überall darum, Interessen 'machtvoll' durchzusetzen"

L.I.S.A.: Herr Professor Mayer-Tasch, Sie haben einen Band mit dem Titel „Kleine Philosophie der Macht“ veröffentlicht. Macht ist ein altes, wenn nicht sogar uraltes Sujet, über das sich viele Denker und Denkerinnen bereits allerlei Gedanken gemacht haben. Was hat Sie bewogen, sich dieses Klassikerthemas der Philosophie neu anzunehmen?

Prof. Mayer-Tasch: Die Eule der Minerva beginnt bekanntlich Ihren Flug in der Dämmerung. Gegen Ende einer akademischen Laufbahn, während der ich als Student und Assistent bis zu einem gewissen Grade ein Machtunterworfener und als Professor, Senator, Institutsdirektor und Rektor ein relativ Mächtiger war, schaut man gerne auf das eigene Leben zurück. Als Politikwissenschaftler war und ist es aber ohnedies von Berufs wegen meine Aufgabe, politische, soziale und ökonomische Machtprozesse zu beobachten und zu analysieren. Außerdem lehrt schon der tägliche Blick in die Zeitung oder auf den Fernsehschirm, dass es allüberall darum geht, Interessen mit mehr oder weniger intensivem Aufwand „machtvoll“ durchzusetzen.

"Macht leitet sich in unserer Sprachfamilie von 'Kneten, Streichen, Pressen' ab"

L.I.S.A.: Ihre erste Annäherung an das Wesen von Macht ist eine etymologische und semantische. Was kann uns die Sprach- bzw. Begriffsgeschichte über Herkunft und Formen der Macht sagen?

Prof. Mayer-Tasch: Die Tatsache, dass die sprachliche Herkunft des Sanskrit-Begriffes („mag“) aus dem Hausbau stammt und das Zukleistern der (oft aus Flechtwerk zwischen Ständerbalken bestehenden) Wände früher Behausungen meint – d.h. also den Schutz der Bewohner dieser Wohnstätten vor den Unbilden der Witterung, zeigt ein Doppeltes: Zum Einen, dass sich fast alle Spielarten der Macht in unserer Sprachfamilie von diesem „Kneten, Streichen, Pressen“ etc. ableiten; zum Anderen, dass Macht immer der Absicherung, Erweiterung oder Vergrößerung des Lebensgebäudes der mehr oder minder machtvoll Agierenden dient – ob es nun Politiker, Soldaten, Verbrecher, Kirchenfürsten, Heilige, Künstler oder liebreizend um einen attraktiven Gatten bemühte Damen oder um eine „gute Partie“ werbende Herren geht.

"Grenzen der Macht liegen in den körperlichen und geistigen Grenzen der Mächtigen"

L.I.S.A.: Eine immer wieder auftauchende Klage im Zusammenhang mit Macht, ist, dass wer Macht hat, nach noch mehr Macht strebe. Man könnte in diesem Zusammenhang von der Pleonexie der Mächtigen sprechen. Woran liegt diese Machtgier? Und wo liegen abseits des Todes die Grenzen der Macht? Welche Bedeutung kommt dabei der „fortune“ zu?

Prof. Mayer-Tasch: Es liegt nahe, im Ansatz „Gott oder die Natur“ (Spinoza) als Quelle nicht nur aller Macht, sondern auch allen Machthungers zu sehen. Wenn der englische Philosoph Thomas Hobbes (1588-1679) vom menschlichen „Hunger nach Macht und abermals Macht, der erst im Tode endet“ sprach, so mag man sich fragen, woher dieser unstillbare, nur in seiner Zielrichtung wechselnde Hunger kommt. Ich neige zu der Ansicht, dass er als Schöpfungsimpuls allem Lebendigen als unabdingbare Voraussetzung für die Evolution eingegeben wurde. Während jedoch dem Entfaltungstrieb der Pflanzen und Tiere teleologische Grenzen gesetzt sind, scheint der Phantasie des Menschen im Rahmen seiner biologischen Lebenskraft keine Grenzen gesetzt zu sein. Da gibt es keinen Unterschied zwischen dem von Weltherrschaft träumenden Bösewicht in James Bond-Filmen und dem nach Einzug ins Himmelreich oder ins Nirwana strebenden Heiligen. Nur der soziale „Fußabdruck“ dieser so Gegensätzliches Anstrebenden ist grundverschieden.

Ihre Anschlussfrage nach den Grenzen der Macht möchte ich ganz lapidar beantworten: Sie liegen in den faktischen körperlichen und geistigen Grenzen der Mächtigen sowie in der Beschaffenheit etwaiger sozialer, insbesondere rechtlicher und ethischer Gegenmacht. Dass der (angeblich blind waltende) „Zufall“, d.h. also die Schicksalsmacht der „Fortuna“ diese Parameter durcheinanderwirbeln kann, ist eine vielfach erfahrbare Realität.

"Selbst dem Kranken und Hilflosen kommt eine gewisse (Erwartungs-)Macht zu"

L.I.S.A.: Sie machen in Ihrem Buch eine interessante Paradoxie auf: Die Macht der Ohnmacht bzw. der Ohnmächtigen. Tun Sie den Ohnmächtigen nicht Unrecht, wenn Sie Ihnen Macht zusprechen? Ist die Asymmetrie zwischen Mächtigen, die Macht haben, und Ohnmächtigen, die keine haben, nicht das prägendere Motiv, statt das der wie auch immer gearteten Teilhabe an Macht?

Prof. Mayer-Tasch: Ich stimme Ihnen völlig zu, wenn Sie den Akzent auf die Macht der Mächtigen setzen. Und natürlich ist es immer auch vornehmste Aufgabe einer weisen und gerechten Politik, das Machtgefälle zwischen Mächtigen und Ohnmächtigen im Zeichen menschlicher Vernunft und Güte auszugleichen. Mir ging es lediglich darum, darauf aufmerksam zu machen, dass auch das sokratische „Wieviele Dinge es doch gibt, derer ich nicht bedarf“ und die von Diogenes (anekdotisch) an Alexander gerichtete Bitte, ihm aus der Sonne zu gehen, Facetten der Mächtigkeit darstellen. Und es ging mir auch darum, dass selbst dem Kranken und Hilflosen unter den Rahmenbedingungen allgemein anerkannter Moralvorstellungen eine gewisse (Erwartungs-)Macht zukommt. Es ging mir insoweit nicht um eine politisch oder sozial umdeutbare Aussage, sondern lediglich um die Vervollständigung der Beschreibung des Phänomens sozialer Macht.

"Nicht erstrebenswert ist nur der Missbrauch von Macht"

L.I.S.A.: Wenn, wie Sie im abschließenden Kapitel schreiben, Machtlosigkeit eine Utopie ist, müsste Machthabe demnach das zu ertragende Übel sein. Warum kann Ihrer Meinung nach Machtlosigkeit zwar erstrebenswert, aber faktisch nicht möglich sein?

Prof. Mayer-Tasch: Machtlosigkeit ist m.E. nie erstrebenswert. Wie ich schon eingangs sagte, bedarf es auch zur Bewirkung von allem Lebensnotwendigen und allem das Leben lebenswert Machenden der Macht. Und wenn es nur die Macht ist, die eigenen Glieder und die eigene Stimme zu gebrauchen. Nicht erstrebenswert ist nur der Missbrauch von Macht. Die Mandeville’sche „Bienenfabel“, von der mein Buch im letzten Kapitel handelt, legt allerdings nahe, dass die Menschen mit ihrer gegenwärtigen genetischen und zerebralen Ausstattung schwerlich in der Lage sind, ihr Leben ohne Machtgebrauch und Machtmissbrauch zu leben. Wenn man die demographische und die ökologische (geschweige denn die nukleare) Dimension dieses kaum leugbaren Faktums betrachtet, könnte man auf den Gedanken kommen, dass die letztliche Selbstaufhebung des Experiments der evolutionären Menschwerdung im „göttlichen Weltplan“ liegt und an Heraklit von Ephesus erinnern, der zum Ausdruck brachte, dass „diese Welt ist und immer sein wird ein ewig lebendiges Feuer, nach Maßen sich entzündend und nach Maßen erlöschend“. Wer optimistischer zu denken vermag, spricht von einer „Halbzeit der Evolution“. Falls kein Quantensprung des menschlichen Bewusstseins erfolgt – und zwar des Bewusstseins aller Menschen – dürfte darauf allerdings noch lange zu warten sein, wenn man bedenkt, dass sich in den letzten ca. 5 Jahrtausenden dokumentierter Menschheitsgeschichte am (Macht-)Verhalten der Menschheit wenig verändert hat.

Prof. Dr. Peter Cornelius Mayer-Tasch hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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