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Georgios Chatzoudis | 08.03.2016 | 1206 Aufrufe | Interviews

"Es geht um die Frage, wer die Deutschen heute sind oder sein wollen"

Interview mit Matthias Lorenz und Torben Fischer zur "Vergangenheitsbewältigung"

Der niederländische Historiker Johan Huizinga definierte Geschichte als "die geistige Form, in der eine Kultur sich Rechenschaft ablegt über ihre Vergangenheit." Demnach ließe sich mit Blick auf den Nationalsozialismus fragen, welche Bedeutung die NS-Vergangenheit für das Selbstbild in Deutschland hatte und hat. Das Lexikon der "Vergangenheitsbewältigung" in Deutschland ist genau von dieser Frage geleitet. Darin werden weniger konkrete Ereignisse der Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit untersucht, sondern vielmehr die Frage, wie über das Nazi-Erbe in Deutschland in den vergangenen 70 Jahren debattiert wurde und wie es beispielsweise in Filmen und Kunst thematisiert wird. Gut acht Jahre nach seiner erstmaligen Publikation ist es nun bereits in der dritten Auflage erschienen. Grund für uns nachzufragen, was eine Neuauflage sinnvoll gemacht hat und welche Inhalte neu hinzugekommen sind. Die Herausgeber Matthias Lorenz und Torben Fischer haben unsere Fragen beantwortet.

Prof. Dr. Matthias Lorenz und Torben Fischer (v.l.n.r.)

"Der Akzent der Artikel liegt auf der Frage, wie die NS-Vergangenheit verhandelt wurde"

L.I.S.A.: Herr Professor Lorenz, Herr Fischer, zuletzt ist das von Ihnen herausgegebene „Lexikon der ‚Vergangenheitsbewältigung‘ in Deutschland. Debatten- und Diskursgeschichte des Nationalsozialismus nach 1945“ bereits in der dritten Auflage erschienen. Bevor wir konkret auf die überarbeitete und erweiterte Auflage zu sprechen kommen, ein Blick auf die Konzeption des Lexikons insgesamt: Was heißt hier Debatten- und Diskursgeschichte? Um welche von wem geführten Debatten und Diskurse geht es dabei? Welche Akteure nehmen Sie in den Blick?

Fischer/Prof.Lorenz: Der Ansatz des Lexikons ist ein integrativer. Es ging uns darum, wichtige Debatten, Ereignisse und langfristige Entwicklungen der Nachgeschichte des Nationalsozialismus in der Bundesrepublik in den Blick zu nehmen, ohne diesen z.B. auf das Handeln politischer Akteure, auf die Rechtsgeschichte oder aber die großen Mediendebatten zu verengen. Zu all diesen Themen gab es vor nunmehr bereits über zehn Jahren, als die konzeptionellen Vorarbeiten für das Lexikon begannen, bereits gute wissenschaftliche Studien, wo dies nachzulesen war. Was nach unserer Wahrnehmung aber fehlte, war ein solides Nachschlagewerk, in dem man sich über wissenschaftliche, künstlerische, juristische, politische und mediale Entwicklungen und Debattenkonjunkturen gleichermaßen kundig machen konnte. Mit diesem bewusst breiten Ansatz war und ist natürlich dezidiert auch die Hoffnung verbunden, in der Zusammenschau so unterschiedlicher Dinge wie den NSU-Morden, den institutionengeschichtlichen Debatten etwa um das Auswärtige Amt oder aber der entstehenden Erinnerungskultur in den Neuen Medien (um Beispiele aus der jüngsten Vergangenheit zu nennen) über die einzelne Einträge hinaus ein Panorama dieser Nachgeschichte entstehen zu lassen.

Erklärtes Ziel war es dabei, implizite Entwicklungstendenzen, Themenkonjunkturen, Muster und Rahmungen der Aussagen und Debatten erkennbar werden zu lassen. Viele Einträge sind zunächst einmal ereignisgeschichtlich ausgelegt – etwa die Lemmata zu den großen Nachkriegsprozessen oder aber etwa zur Reeducation oder exponierten Debatten wie jener um das Holocaust-Mahnmal – der Akzent der Artikel liegt aber neben der Rekonstruktion von basalen Informationen und Debattenabfolgen zumeist auch auf der Frage, wie die NS-Vergangenheit in der Debatte, dem Gesetzestext oder dem Kunstwerk verhandelt wurde, um auch mit sichtbar zu machen, wie sich die Regeln des Sprechens, Schreibens und Nachdenkens über diese Vergangenheit verändert haben. Daneben gibt es schließlich eine Reihe von Einträgen, die explizit auf diese Rahmungen des Diskurses hin ausgerichtet sind – etwa wenn so folgenreiche Figuren und Konstellationen wie der Mythos der „Stunde Null“ oder aber „Dresden 1945“ in Artikel aufgearbeitet werden. 

"Diskursive Formationen, die im Hintergrund der Ereignisgeschichte wirksam waren"

L.I.S.A.: Wie unterscheiden Sie in Ihrem Lexikon die Debatte vom Diskurs? Oder anders gefragt: Wann wird eine Debatte zum Diskurs gerade mit Blick auf die sogenannte Bewältigung der NS-Vergangenheit Deutschlands?

Fischer/Prof.Lorenz: Die Begriffe „Debatte“ und „Diskurs“ funktionieren letztlich in ganz anderer Weise und bezeichnen auch sehr verschiedene Dinge. Debatten haben klare Konturen, sie haben Ausgangs- und Kulminationspunkte, ihre Dauer lässt sich überblicken und taugt als Mittel der Differenzierung: Es gibt in der Nachgeschichte des Nationalsozialismus heftige, aber letztlich klar begrenzte Debatten, die eine gewisse Vor- und Nachgeschichte haben, aber eigentlich auf einen kurzen Zeitraum begrenzt bleiben. Dies gilt gerade für die großen Vergangenheitsdebatten der 1990er Jahre. Daneben gibt es natürlich andauernde Themenstränge, die sich immer wieder einmal in Debatten kristallisieren.

Das, was mit dem Begriff der Diskursgeschichte bezeichnet ist, lässt sich dagegen nicht in vergleichbarer Weise lexikalisch dokumentieren. Eher implizit wird in der Gesamtschau und der Gruppierung der einzelnen Einträge aber – so wäre zumindest unsere Hoffnung – mit sichtbar, welche diskursiven Formationen im Hintergrund der Ereignisgeschichte wirksam waren, also welche Aussagen und Wahrheitspostulate getroffen werden konnten. So es ist etwa unübersehbar, um ein mögliches Beispiel unter vielen herauszugreifen, dass in den frühen 2000er Jahren in ganz verschiedenen Medien an die wirkmächtige Figur des „deutschen Opfers“ angeknüpft wurde. Dadurch wurde der Fokus der Beschäftigung mit der NS-Vergangenheit nicht nur zumindest zeitweise verschoben; diese Verdichtung von Opfernarrativen ging zudem mit einer Art und Weise des Sprechens über diese NS-Vergangenheit einher, die mit inszenierten, aber nur vermeintlichen Tabubrüchen ebenso arbeitete wie mit dem auch heute wieder geläufigen Postulat, die „Wahrheit“ gegen eine angeblich repressive herrschende Meinung durchsetzen zu müssen. 

"Dieser Kritik am Begriff 'Vergangenheitsbewältigung' würden wir uns anschließen"

L.I.S.A.: Den Begriff „Vergangenheitsbewältigung“ setzen Sie im Titel des Lexikons prominent und bewusst in Anführungszeichen. Was möchten Sie damit signalisieren? Ist es der Topos der sogenannten Vergangenheitsbewältigung insgesamt, der Ihnen Unbehagen bereitet, oder ist es die Kombination mit den öffentlichen Debatten und Diskursen bzw. die Kritik daran?

Fischer/Prof.Lorenz: Die Anführungszeichen markieren ein begriffliches Dilemma: Einerseits gibt es einen langen Diskussionsstrang, der den Begriff der Vergangenheitsbewältigung mit guten Gründen kritisiert, ja ihn letztlich als untauglich verwirft, eben weil der Begriff der Bewältigung auf das Ende der Beschäftigung mit dieser Vergangenheit hin abzielt. Zugespitzt könnte man sagen, dass die Verwendung dieses Begriffes auf den seit den ersten Nachkriegsjahren präsenten Debattenstrang verweist, im dem ein Ende der Beschäftigung im Sinne einer mit verschiedenen Begrifflichkeiten belegten „Normalisierung“ des nationalen Selbstverständnisses eingefordert wird. Dieser Kritik an dem Begriff würden wir uns dezidiert anschließen und letztlich dokumentiert das Lexikon in vielfältigen Beispielen, wie wenig es bei der Nachgeschichte des Nationalsozialismus, die bis heute fortdauert, um ein einfaches Bewältigen gehen konnte. Gleichzeitig hat der Begriff eine gewisse historische Evidenz gewonnen, indem er – anders als die Alternativbegriffe – am ehesten die Totalität dieser Nachgeschichte plakativ bezeichnet.

"Vor der Jahrtausendwende folgte eine Kontroverse um die NS-Vergangenheit auf die nächste"

L.I.S.A.: Schaut man sich die Debatten- und Diskursgeschichte zur NS-Vergangenheit an, was hat sich dabei verändert bzw. verschoben? Wo sehen Sie Marksteine dieser besonderen Debatten- und Diskursgeschichte? Welche Debatten haben möglicherweise auch zu qualitativen Verschiebung im Koordinatensystem aus Ursache, Wirkung und Erklärung geführt? Wie steht es dabei um Täter- und Opferperspektiven?

Fischer/Prof.Lorenz: Die durchaus ungewöhnliche und mit fast einem Jahrzehnt Abstand zur Erstauflage lediglich behutsam weiterentwickelte Anlage unsere Lexikons versucht genau dies abzubilden: Was wurde wann diskutiert, wie konnte man über die NS-Vergangenheit zu welcher Zeit reden, schreiben, forschen – und was war eigentlich gemeint, wenn vom Nationalsozialismus die Rede war? Die zeitlichen Zäsuren, die das Lexikon über die Debatten- und Diskursgeschichte des Nationalsozialismus nach 1945 diesbezüglich setzt, orientieren sich dabei an ganz unterschiedlichen Marksteinen der Aufarbeitung.

Die Frühphase 1945 bis 1949 ist geprägt vom unmittelbaren Erleben des Kriegsendes und von der alliierten Herrschaft in den vier, später nur noch zwei besetzten Zonen auf dem Gebiet des ehemaligen Deutschen Reiches. Reeducation und Entnazifizierung werden verordnet, erste Reflexionen bei Opfern wie Tätern lassen das Geistesleben nach zwölf Jahren Diktatur wieder langsam erwachen. Dabei ist deutlich, dass der ‚im Osten‘ verschleierte Holocaust die Deutschen angesichts der sichtbaren Zerstörungen im eigenen Land noch kaum umtreibt. 1949 werden beide deutschen Staaten gegründet, die meisten Verantwortlichkeiten werden wieder an die souverän gewordenen deutschen Regierungen abgetreten. Entsprechend können etwa die Funktionseliten vor allem im Beamtenapparat ihre Karrieren fortsetzen und die von den Alliierten suspendierten Altverleger drängen auf den Markt zurück. Die junge Bundesrepublik muss sich den deutschen Verbrechen jedoch stellen, um international hoffähig zu werden. So werden erste Entschädigungsgesetze erlassen, einige Prozesse geführt und staatliche Initiativen der Aufarbeitung lanciert. Zugleich prägen skandalöse Amnestien, Rechtfertigungsschriften, personelle und auch ideologische Kontinuitäten das politische Leben in Westdeutschland, wobei gerade diese erste Nachkriegszeit, aber auch die 1950er Jahre nicht vorschnell und im Sinne einer linearen Fortschrittsgeschichte ausschließlich als die Phase des „großen Beschweigens“ missverstanden werden sollten.

Anfang der 1960er Jahre treten aufsehenerregende Einzelinitiativen eine neue Hinwendung zu den NS-Verbrechen los und rücken die Täter ins Licht der Aufmerksamkeit: 1961 steht Adolf Eichmann in Jerusalem vor Gericht, ab 1963 Personal aus dem Vernichtungslager Auschwitz in Frankfurt am Main. Die Überlebenden der Lager legen vor einer globalen Medienöffentlichkeit Zeugnis ab; zahlreiche Theaterstücke, Filme, literarische und wissenschaftliche Texte, aber auch geschichtsdidaktisch motivierte Ausstellungen entstehen in den Folgejahren und arbeiten den juristischen Diskurs auf. Der Fokus der Auseinandersetzung liegt klar auf der Dokumentation der Verbrechen, die Stimmen der Opfer finden kaum Gehör außerhalb der Gerichtssäle.

Um 1967/68 sucht eine junge Generation Antworten auf die Frage nach der Schuld ihrer Eltern. Ein Generationenkonflikt entspinnt sich, der sich zum Teil durch harsche Konfrontation und Verständnisunwillen auf beiden Seiten auszeichnet. Durch die Wahl des ehemaligen Widerstandskämpfers und Remigranten Willy Brandt zum Bundeskanzler und die von ihm forcierte Neue Ostpolitik der SPD, die ein plakatives Schuldeingeständnis mit umfasst, zeigt die Bundesrepublik innen- wie außenpolitisch ein neues, geschichtsbewussteres Gesicht. Zugleich werden die Chiffren „Auschwitz“, „Faschismus“ und „Nazis“ im Kontext einer allgemeinen Kapitalismuskritik und des Generationenkonfliktes von den konkreten historischen Geschehnissen abgelöst. Tatsächlich erweisen sich die 1970er Jahre zunehmend als geschichtsvergessener als das vorangegangene Jahrzehnt, in dem die Aufarbeitung noch als wichtiger Bestandteil eines weit verbreiteten linken Selbstverständnisses fungierte.

Erst 1979 mit der Ausstrahlung der Holocaust-Fernsehserie gelingt es wieder, weite Bevölkerungsteile für die NS-Vergangenheit zu interessieren und erstmals auch auf breiter Basis für das Schicksal der Juden im Holocaust zu sensibilisieren. Ab der Ausstrahlung von Holocaust wird deutlich, dass massenmediale und kulturindustrielle Narrative deutlichen Einfluss auf die kollektive Konstruktion der Vergangenheit haben, eine Erkenntnis, die am Ende dieses Zeitabschnitts anderthalb Jahrzehnte später Steven Spielbergs Kinodrama Schindler’s List noch einmal eindrücklich unter Beweis stellen wird. Einmal mehr wird kontrovers debattiert, ob und wie das Grauen von Auschwitz dargestellt werden kann und darf.

1995 entbrennt im wiedervereinigten Deutschland eine ganz andere Debatte: Die Hamburger Wehrmachtsausstellung popularisiert gegen größte Widerstände das Expertenwissen um die Verstrickung ‚ganz normaler‘ Wehrmachtssoldaten in den Vernichtungskrieg gegen Juden und Slawen. In dem halben Jahrzehnt vor der Jahrtausendwende folgt dieser Initialzündung in hoher Frequenz eine Kontroverse um die NS-Vergangenheit auf die nächste: Die Goldhagen-Debatte, die Walser-Debatte und die Berliner Mahnmals-Debatte sind nur die prominentesten unter vielen erbitterten Kontroversen, die außerhalb Deutschlands oft weit weniger Beachtung finden. Stets geht es um die Deutungshoheit über die Vergangenheit, um die Frage, ‚wer wir waren‘ und damit, wer die Deutschen heute sind oder sein wollen.

Die Erregtheit der späten neunziger Jahre wirkt genauso wie die Konjunktur problematischer deutscher Opfernarrative um die Jahrtausendwende heute bereits wieder historisch. Enthüllungen wie die von Günter Grass’ Waffen-SS-Mitgliedschaft wurden Mitte des ersten Jahrzehnts deutlich unaufgeregter bearbeitet, die Erkenntnis einer gesamtgesellschaftlichen Verstrickung von Personengruppen, Institutionen, Firmen und Verbänden setzt sich mit der systematischen Erforschung von Großunternehmen, Ämtern, wissenschaftlichen Disziplinen und Initiativen zunehmend durch. Blickt man auf die Gegenwart, so wäre zu fragen, ob der Nationalsozialismus noch in vergleichbarer Weise wie in der bisherigen Geschichte der Bundesrepublik als Fluchtpunkt nationaler Selbstverständigungsdebatten dient oder ob er nicht angesichts gegenwärtiger globaler Krisen als konstitutives Element der bundesrepublikanischen Kultur an Bedeutung verliert. 

"Das Lexikon bleibt ein work in progress, das zyklisch fortgeführt werden muss"

L.I.S.A.: Kommen wir zur überarbeiteten und erweiterten Auflage zurück: Welche Debatten haben Sie neu aufgenommen? Und perspektivisch gesehen: Was fehlt möglicherweise noch?

Fischer/Prof.Lorenz: Neu hinzugekommen sind zum Beispiel Einträge, die der Erkenntnis einer gesamtgesellschaftlichen Verstrickung in den Nationalsozialismus Rechnung tragen, etwa zur Rolle von Wirtschaftsunternehmen, Ämtern, der Wissenschaft und der Polizei im ‚Dritten Reich‘ und dem Umgang damit in den folgenden Jahrzehnten. Zu berücksichtigen waren nun auch die jüngsten Enthüllungen von Parteimitgliedschaften bei Exponenten des demokratischen Wideraufbaus von Wissenschaft und Kultur im Nachkriegsdeutschland. Ergänzt wurden aber auch Artikel, die Lücken in den bestehenden Konjunkturen der Vorgängerauflagen weiter füllen, etwa zur Verfolgung und oftmals schwierigen Anerkennung weiterer Opfergruppen wie der Behinderten, der Homosexuellen und weiterer ‚vergessener‘ Opfer. Ebenso widmet sich das Lexikon der schwierigen Bearbeitung deutscher Leiderfahrungen, etwa in der Flucht- und Vertriebenen-Literatur oder dem Gedenken an die alliierte Bombardierung Dresdens. Auch die Politik der Umbenennung öffentlicher Straßen nach 1945 oder die Fortsetzung der Reichstagsbrandkontroverse wurden aufgenommen. Und natürlich bildet das Lexikon nun auch die rezentesten Ereignisse der ‚Vergangenheitsbewältigung‘ ab, etwa die Erinnerungskultur in den so genannten Neuen Medien sowie prominente Einzelereignisse, die die Öffentlichkeit nachhaltig beschäftigt haben – wie Günter Grass’ Geständnis seiner Waffen-SS-Mitgliedschaft oder die letzten Täterprozesse, die nach der Jahrtausendwende angestrengt wurden. Auch die Mordserie des selbsternannten ‚Nationalsozialistischen Untergrundes‘ (NSU) gehört in diesen Kontext.

Die Erinnerung und Instrumentalisierung der NS-Vergangenheit in der SBZ und der DDR ist erklärtermaßen kein Thema des Lexikons, da hier kaum öffentliche Debatten nachzuzeichnen sind. Gleichwohl harrt die ostdeutsche Seite der ‚Vergangenheitsbewältigung‘ ihrer Aufarbeitung. Die bestehende Struktur des Lexikons der ‚Vergangenheitsbewältigung‘ könnte den spezifischen Dynamiken des Umgangs mit dem Nationalsozialismus im ‚Real existierenden Sozialismus‘ nicht gerecht werden; eine kompakte Gesamtdarstellung müsste hier ganz andere Zäsuren setzen und Ordnungsmuster finden, die sich stärker an den politischen Vorgaben eines zentral gelenken Staatswesens zu orientieren hätten. Unser Lexikon schenkt nun jedoch vermehrt der Wiedervereinigung und ihren Folgen Aufmerksamkeit, etwa bezüglich des Erstarkens der Neuen Rechten, den Pogromen von Rostock-Lichtenhagen oder der Frage der Restitution ‚arisierten‘ Besitzes nach dem Fall des Eisernen Vorhangs.

Vor dem Hintergrund des selbsterklärten Anspruchs, die westdeutschen Erinnerungsprozesse in möglichst allen gesellschaftlichen Bereichen abzubilden, ist den bisherigen Auflagen deutlich abzulesen, dass die erzählenden Künste Literatur und Film gegenüber den bildenden Künsten und der Musikgeschichte privilegiert sind. Eine kommende Überarbeitung müsste sich verstärkt dieser Desiderate annehmen. Da das Lexikon einen fortgesetzten, wohl auch unabschließbaren Diskurs darzustellen versucht, bleibt es ein work in progress, das zyklisch fortgeführt werden muss, um die Verschiebungen und Konjunkturen der öffentlichen Erinnerung an den Nationalsozialismus weiterhin zu erfassen und in ebenso knapper wie hoffentlich kundiger Form in den Kontext ihrer Tradierung zu stellen.

Torben Fischer und Prof. Dr. Matthias Lorenz haben die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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