Login

Registrieren
merken
Georgios Chatzoudis | 24.09.2015 | 1376 Aufrufe | Interviews

"Der Verkündungsmechanismus funktioniert nicht mehr"

Interview mit Franz Sommerfeld zu Leserreaktionen in analogen und in digitalen Zeiten

Soziale Medien wie Facebook und Twitter, aber auch die Online-Präsenzen traditioneller Medien, wie Zeitungen, Magazine, Radio und Fernsehen, haben das klassische Sender-Empfänger-Prinzip aufgelöst. Wer etwas veröffentlicht, muss nahezu zeitgleich mit Reaktionen in Form von Kommentaren rechnen. Aber ist das wirklich neu? Haben beispielsweise Zeitungen nicht schon immer mit Leserbriefen zu tun, haben Radio- und TV-Sender nicht schon immer Hörer- oder Zuschauerpost empfangen? Wie sind Redaktionen noch zu analogen Zeiten mit Publikums-Feedback umgegangen? Was hat sich mit dem digitalen Wandel verändert - nur die Form der Mitteilung oder auch Ton und Inhalt? Wir haben diese und andere Fragen dem langjährigen Chefredakteur des Kölner Stadt-Anzeigers, Franz Sommerfeld, gestellt.

"Eine eigenständige Kommunikation über Inhalte und Artikel"

L.I.S.A.: Herr Sommerfeld, Sie waren Chefredakteur der Mitteldeutschen Zeitung und später des Kölner Stadt-Anzeigers. Sie kennen das Zeitungswesen noch aus der Zeit, als Zeitungen und Zeitschriften noch keine Kommentarspalten in ihren Online-Auftritten, noch keine Facebook-Präsenzen und noch keine Twitter-Profile hatten. War das aus redaktioneller Perspektive (nicht aus ökonomischer) eine bessere oder einfachere Zeit für den Printjournalismus? 

Sommerfeld: Was heisst "einfach"? Es mag bequemer gewesen sein, aber natürlich nicht besser. Mit dem Web hat sich - mehr noch auf Facebook als in den Kommentarspalten der Online-Auftritte von Zeitungen - eine eigenständige Kommunikation über Inhalte und Artikel entwickelt, die neue Erkenntnisse für Leser und Redaktionen bringt.  

Ich nenne Ihnen ein praktisches Beispiel: Vor wenigen Wochen habe ich auf meinem Facebook-Account aus Anlass eines Interviews mit Ai Weiwei den Umgang von "Zeit" und "Tagesspiegel" mit dem chinesischen Künstler kritisiert. Daraus entwickelte sich eine lebhafte Diskussion, an der sich die Interviewerin der "Zeit" beteiligte und ihr Vorgehen erklärte. Eine Dolmetscherin von Ai stellte die ungekürzten Fassung des Interviews zur Verfügung. Derlei wäre früher undenkbar gewesen. Der Tagesspiegel korrigierte auf seiner Website einen handwerklichen Fehler. Auch wenn die Teilnehmer in der Debatte überwiegend auf ihren Positionen beharrten, werden sie neue Erkenntnisse gewonnen haben.  

Solche Debatten verlängern die Reichweite und vor allem die Wirksamkeit von Artikeln über das vertraute Papiermaß hinaus und bringen jeder Redaktion Gewinn, wenn sie damit ernsthaft umgeht.

"Die Journalisten müssen ihre publizistischen Kanzeln verlassen"

L.I.S.A.: Das Web 2.0 hat mit seinen Partizipationsmöglichkeiten und seinem Mitmachanspruch den Leserinnen und Lesern von Zeitungen eine neue Rolle zugewiesen. Sie können öffentlich auf journalistische Artikel und Kommentare reagieren. Aber ist das wirklich neu? Früher gab es doch in Form von Leserbriefen auch Reaktionen, die eine Öffentlichkeit fanden?  

Sommerfeld: Es ist der Unterschied zwischen analoger und digitaler Welt. Leserbriefe sind analog. Nur unter ziemlicher Mühe war es möglich, dass ein Leser auf den anderen reagierte. Die Beteiligung von Redakteuren war nicht üblich und galt im Zweifel als Rechthaberei der Redaktion. In der digitalen Kommunikation ist die Beteiligung der Redakteure dagegen erwünscht. Das Problem ist eher, dass sich viele Redakteure dem verweigern. Hinzu kommt, dass fast alle Leserbriefe von der Redaktion gekürzt wurden und viele Leser das Gefühl hatten, das gerade ihnen Wichtigste sei nicht erschienen. In Web-Zeiten weiß der kluge Schreiber dagegen, dass er mit der Konzentration auf einen Gedanken die meisten Likes erzeugt.  

L.I.S.A.: Hat sich der Mediendiskurs möglicherweise demokratisiert?  

Sommerfeld: Demokratisierung ist in diesem Zusammenhang ein schwieriger Begriff, nicht nur weil Demokratie in Redaktionen selten, eigentlich nie funktioniert. Aber auf jeden Fall hat sich die Fallhöhe zwischen Schreibenden und Lesenden verringert. Der Verkündungsmechanismus funktioniert nicht mehr. Die Journalisten müssen ihre publizistischen Kanzeln verlassen und sind nicht länger säkulare Erben der Priester und Pastoren. Neben dem anhaltenden und sich beschleunigenden Verlust der Ausstrahlung klassischer Zeitungsmarken ist dies der gravierendste und ein historischer Einschnitt im Journalismus, der in vielen Redaktionen noch nicht ausreichend Ernst genommen wird. Die damit verbundene Unsicherheit mag - neben der sozialen - eine Ursache dafür sein, dass der Run auf den Journalistenberuf ein wenig zurückgegangen ist.

L.I.S.A.: Inwiefern besteht unter Journalisten die Sorge, die Deutungshoheit vor allem über gesellschaftlich brisante Themen zu verlieren, wenn ihre Beiträge nicht nur nicht mehr unwidersprochen bleiben, sondern sogar diffamiert werden – Stichwort: Lügenpresse?  

Sommerfeld: Um ernsthaft etwas über Verlustängste von Journalisten zu erfahren, müssten Sie eine Umfrage machen. Ansonsten wird Deutungshoheit nicht durch Diffamierung beeinträchtigt, sondern allenfalls durch bessere Argumente. Sie können die Journalisten heute in dieser Frage in zwei Gruppen unterteilen: Die einen stellen sich den Kommentaren und dem Widerspruch ihrer Leser, diese Journalisten finden sie überwiegend auf Facebook. Und die anderen verweigern sich der Kommunikation. Letzteres hat meines Erachtens keine Zukunft. Ich habe mich schon in den analogen Leserbriefzeiten bemüht, möglichst jeden mich betreffenden Leserbrief persönlich zu beantworten. Damals galt in manchen renommierten Blättern immer noch das Redaktionsmotto: Was uns gefällt, muss auch dem Leser gefallen.

"Es gab fürchterliche Wutbriefe auch in analogen Zeiten"

L.I.S.A.: Wenn Sie Leserbriefe und Online-Kommentare miteinander vergleichen - gibt es jenseits der technischen Form der Mitteilung Unterschiede in Duktus, Sprechakt und Erwartungshaltung? 

Sommerfeld: So gravierende Unterschiede sehe ich nicht. Vielleicht gibt es ein wenig mehr Heftigkeit und Wut. Neue Medien brauchen ihre Zeit, um Regeln für anständigen Umgang miteinander zu entwickeln. Ansonsten gab es fürchterliche Wutbriefe auch in analogen Zeiten. Damals hatten manche Leser ein Gefühl der Hilflosigkeit gegen die übermächtig erscheinenden Redaktionen, die im Zweifel tatsächlich das letzte Wort hatten. Das ist erfreulicherweise vorbei.
  
L.I.S.A.: Nicht erst seit heute gibt es eine intensive Debatte darüber, wie mit drastischen Kommentaren und Meinungen umzugehen ist. Die einen fordern, extremen Positionen keinen Raum zu lassen, die anderen verweisen auf das Recht der freien Meinungsäußerung? Wie sehen Sie das?  

Sommerfeld: Das hat sich meines Erachtens nicht verändert. Strafbare Texte, Beleidigungen und Formulierungen, die die Physiognomie des Kritisierten gegen ihn wenden, sollten nicht veröffentlicht werden. Auf meinem Facebook-Account habe ich in jüngster Zeit zwei Kommentare gestrichen. In einem wurde die Bundeskanzlerin als Dr. Ferkel, im anderen als Volksverräterin bezeichnet. Ansonsten tragen Zuspitzungen zur Spannung und im Zweifel auch zum Erkenntnisgewinn bei.  

Ich sehe ein anderes Problem. Einige Kommentatoren müllen die Kommentarspalten in einer Weise mit ellenlangen Ausführungen voll, dass andere die Lust verlieren, sich an der Debatte beteiligen. Diese Art von ausdauernder Rechthaberei erstickt Diskussion. Das ist schade und schwer zu verhindern.

Franz Sommerfeld hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

Kommentar erstellen

NKA3S3