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Georgios Chatzoudis | 31.05.2016 | 1121 Aufrufe | Interviews

"Das Gedenken an sexuelle Gewalt war nicht opportun"

Interview mit Maren Röger über "Kriegsbeziehungen" im besetzten Polen 1939-45

Der Topos "Sexuelle Gewalt im Zweiten Weltkrieg" ist im nationalhistorischen Gedenken vor allem mit Vergewaltigungen von Frauen durch die heranrückende Rote Armee verbunden. Wenig erforscht und bekannt sind dagegen die verschiedenen Formen sexueller Gewalt durch deutsche Soldaten in den von ihnen besetzten Gebieten. Die Historikerin Prof. Dr. Maren Röger von der Universität Augsburg hat die - wie Sie es in ihrem Buch nennt - Kriegsbeziehungen im besetzten Polen untersucht. Dafür wurde sie mit dem Preis "Geisteswissenschaften International" ausgezeichnet. Wir haben sie um ein Interview über Intimität, Gewalt und Prostitution im besetzen Polen gebeten.

"Das ganze Spektrum von sexuellen Kontakten in den Blick genommen"

L.I.S.A.: Frau Professor Röger, Sie haben jüngst ein Buch über die Geschichte sexueller Kontakte im Zweiten Weltkrieg im besetzten Polen geschrieben. Der Band trägt den Titel „Kriegsbeziehungen. Intimität, Gewalt und Prostitution im besetzten Polen 1939 bis 1945“. Wie kamen Sie zu diesem Thema?

Prof. Röger: Die erste Idee kam mir noch während der Arbeit an meiner vorherigen Studie zu den öffentlichen Debatten um „Flucht und Vertreibung“ der Deutschen im Zuge des Zweiten Weltkrieges. In der deutschen Erinnerungskultur spielt die sexuelle Gewalt der Rotarmisten, verübt an deutschen Frauen, eine wichtige Rolle. Doch ich fragte mich, was eigentlich andersherum passiert war: Wo, wann und wie hatten die Deutschen im Zweiten Weltkrieg Sexualverbrechen verübt? Ich war erstaunt über den im Jahr 2009 noch magereren Forschungsstand zu dieser Frage. Als ich mit meinen Recherchen begann, löste ich mich schnell von dem Fokus auf die Gewaltakte allein und begann das ganze Spektrum von sexuellen Kontakten in den besetzten polnischen Territorien in den Blick zu nehmen. Ein Buch mit diesem Schwerpunkt konnte generell zum Verständnis des Besatzungsalltages und der im besetzten Polen praktizierten Rassen- und Volkstumspolitik beitragen, da diese Gebiete ein „biopolitischer Laborraum“ (Peter Longerich) waren. Zudem ist es eine Geschichte einer Gesellschaft unter großem Druck, eine Sozialgeschichte eines besetzten Landes geworden.

"Es ist zu einfach, bei allen Kriegsbeziehungen Zwang zu unterstellen"

L.I.S.A.: Die Trias im Untertitel des Buches – Intimität, Gewalt und Prostitution – strukturiert nicht nur Ihre Studie in der Gliederung, sondern vor allem methodisch und inhaltlich. Sie unterscheiden zwischen konsensualen Kontakten (Intimität), erzwungenen Kontakten (Gewalt) und kommerziellen Kontakten (Prostitution). Geht dieses klare Unterscheidung tatsächlich immer auf, insbesondere wenn man sich vergegenwärtigt, dass es sich um ein Besatzungsregime handelt? Wie konsensual können unter solchen Bedingungen sexuelle Beziehungen sein? Und inwiefern ist Prostitution nicht nur in solchen Zusammenhängen kein Akt von ausgeübter Gewalt? Stichwort: Strukturelle Gewalt.

Prof. Röger: Es war mir ein besonderes Anliegen, zu zeigen, wie sich die Machtfülle der Besatzer auf die Kontakte mit den polnischen Frauen – jüdischer und nicht-jüdischer Herkunft – auswirkte. Denn Macht ist stets „Bestandteil der kleinsten und intimsten menschlichen Beziehungen“ (Geoff Eley), und in der Besatzungszeit galt dies besonders. So waren die Okkupanten materiell überlegen und juristisch privilegiert. Entsprechend ist es zu einfach, wenn in der polnischen Gesellschaft bis heute abwertend über die Frauen an der Seite der Deutschen gesprochen wird, indem behauptet wird, alle hätten ihr Vergnügen über den Patriotismus gestellt. Es ist aber auch zu einfach, wenn flächendeckender Zwang bei allen Kriegsbeziehungen unterstellt wird. Denn tatsächlich zeigen sich viele Kontakte als komplizierte Interaktionssysteme, in welche die deutschen und polnischen Partner unterschiedliche Tauschwaren einbrachten: Für die Besatzer war es nicht immer nur das Körperliche, sie suchten auch menschliche Wärme und integrierten sich in das soziale Netz der Frau, um ein Stück Normalität im Krieg zu erlangen. Frauen suchten ebenso zwischenmenschliche Kontakte, aber auch materielle Unterstützung für sich und die Familie sowie Schutz. Einige waren sogar politisch auf einer Linie mit den Deutschen. All diese Motive konnten sich bei den weitgehend einvernehmlichen Beziehungen übereinander schieben, wie diverse Beispiele im Buch zeigen.

Diese fließenden Grenzen zeigen sich auch bei der Prostitution. Es gibt die von Ihnen angesprochene Sichtweise, dass Prostitution immer strukturelle sexuelle Gewalt sei, da die Veräußerung des Körpers nie freiwillig sein könne. Im Gegensatz dazu steht die Sichtweise, dass Prostitution ebenso wie andere Dienstleistungen als Arbeit verstanden werden kann, eben als Sexarbeit. Tatsächlich zeigt sich im besetzten Polen beides: Zum einen wurden Frauen gezwungen – von den Umständen, aber auch den Besatzern. So konnte ich zum ersten Mal sexuelle Versklavung außerhalb der KZ-Bordelle belegen. Zum anderen gab es Frauen, die in Gerichtsverhandlungen nach dem Krieg offen darüber sprachen, dass sie wegen des Verdienstes in diesem Bereich gearbeitet haben. Die wichtigste Abgrenzung ist, dass im Bereich der Prostitution der Geschlechtsverkehr mit wechselnden Sexualpartnern gegen direkte Bezahlung ausgeübt wurde.

"Selbst die Vertreter der Besatzungsbehörden mussten bei den Rassenplanern anfragen"

L.I.S.A.: In Ihrem Buch geht es vor allem um die sexuellen Kontakte zwischen deutschen Männern und Frauen im besetzten Polen. Von welchen Frauen sprechen wir dabei genau? Polinnen, Jüdinnen oder auch sogenannte Volksdeutsche? Wie unterschieden die Besatzer?

Prof. Röger: In diesem Buch geht es überwiegend um reichsdeutsche Männer und polnische Frauen, wobei mich primär katholische und jüdische Polinnen interessierten. Hinsichtlich der einzelnen Kontaktformen gibt es klare Muster: Polinnen mit jüdischem Hintergrund waren von den offiziellen Bordellen ausgeschlossen, da dies – bei aller sonstigen Pragmatik der Wehrmachtsführung im Bereich der Prostitutionspolitik – ein zu massiver Verstoß gegen die Rassenideologie gewesen wäre. Der Großteil der Bordellinsassinnen waren nicht-jüdische Polinnen. Sexuellen Übergriffen fielen nicht-jüdische und jüdische Frauen zum Opfer, wobei letztere besonders gefährdet waren, da sie weitgehend schutz- und rechtlos waren. Sofern die jüdischen Polinnen „über der Oberfläche“ (Emanuel Ringelblum) lebten, sich als ethnische Polin camouflierten, konnten sie auch unter den Freundinnen der Deutschen sein. Nur ganz wenige Fälle habe ich gefunden, in denen deutsche Männer gezielt Kontakt zu jüdischen Frauen suchten, da es ihnen ein besonderer Reiz versprach, gegen Verbote zu verstoßen.

Beziehungen zwischen Reichsdeutschen und Volksdeutschen waren nicht verboten, weshalb mich volksdeutsche Frauen am Beginn des Projekts weniger interessierten. Schnell aber zeigte sich, dass die Kategorie der Volksdeutschen für den Besatzungsalltag und die Sexualpolitik in den besetzten polnischen Gebieten wesentlich war. Der Volksdeutschenstatus war zum einen die Möglichkeit, die Beziehungen im Osten zu legalisieren. Denn war die Polin erst einmal als Volksdeutsche registriert, stand der Heirat nur noch die Bürokratie (und nicht mehr die Rassenpolitik) im Weg. Und zudem war es die Standardausrede der Männer, falls sie mit einer Polin erwischt wurden, dass sie davon ausgegangen seien, dass die Frau Volksdeutsche sei. Aufgrund der Komplexität und Widersprüchlichkeit der Volkstumspolitik, die eben nicht nur nach familiären Abstammung und Sprachkenntnissen Eindeutschungen vornahm, bot sich diese Ausflucht an und entsprach mitunter auch der Wahrheit. Denn manchmal waren nicht nur die Soldaten orientierungslos, sondern mussten selbst die Vertreter der Besatzungsbehörden bei den Rassenplanern anfragen, wie die aktuellen rassen- und volkstumspolitischen Regelungen sind.

"Polizei- und Gerichtsakten, Egodokumente und Interviews"

L.I.S.A.: Auf welche Quellenfunde konnten Sie sich stützen? Gibt es Quellen, die explizit diese „Kriegsbeziehungen“ wiedergeben? Oder muss man sich dabei eine bestimmte Quellenlesart vornehmen?

Prof. Röger: In der nationalsozialistischen Rassenhierarchie galten Slawen als ‘Untermenschen’, die als Sexualpartner für die ‘arischen’ Deutschen unerwünscht waren – es galt ein Umgangsverbot. Entsprechend bin ich öfter mit der Frage konfrontiert worden, ob es überhaupt Quellen für meinen Forschungsansatz gebe. Doch schnell stellte sich bei den Recherchen heraus, dass wer sucht, auch findet. Während zu einzelnen Bereichen – wie der regulierten Prostitution – behördliche Dokumentationen vorliegen, wurden andere Aspekte der intimen Geschichte der deutschen Okkupation selten schriftlich festgehalten. Dazu gehörten nicht nur, aber in erster Linie die nach 1945 als mit starken Schamgefühlen verbundenen konsensualen Beziehungen.

Insgesamt habe ich, um das Wechselspiel von Politik und Alltag zu erfassen, unterschiedliche Quellen kombiniert, von normativer behördlicher Kommunikation über Polizei- und Gerichtsakten bis zu Egodokumenten und Interviews. Meine eigenen Interviews führte ich mit Besatzungskindern, die die eigene Lebensgeschichte sowie die Kennenlern- und Beziehungsgeschichte ihrer Eltern berichteten – diese Begegnungen waren für mich persönlich sehr berührend und prägend. Doch eine weitaus größere Rolle für das Buch spielten Polizei- und Gerichtsakten, denn alle hier untersuchten Aspekte sexueller Kontakte – Prostitution, Fraternisierung, sexuelle Gewalt – waren juristische Delikte und wurden dementsprechend von den Instanzen der Legislative und Judikative behandelt. Dieser Quellentyp bietet nicht nur eine Möglichkeit, das Handeln der Autoritäten nachzuvollziehen, sondern auch Alltagsgeschichte zu rekonstruieren – nachdem man die spezifisch nationalsozialistischen und allgemein kulturellen Konzepte über sexuelle Beziehungen freigelegt hat.

"Nach dem Abzug der Deutschen gezielte Denunziationen der Frauen"

L.I.S.A.: Besondere Bedeutung kommt Ihrer Studie nicht zuletzt auch dadurch zu, dass eine Geschichte der deutschen Besatzungszeit aufgezeigt wird, die bisher nicht berücksichtigt worden ist. Das korrespondiert auch mit dem jeweils zeitgenössischen Umgang mit dieser konkreten Thematik: Über sexuelle Kontakte zwischen Besatzern und Besetzten wurde geschwiegen. Was geschah nach dem Krieg mit den Frauen, die Beziehungen zu deutschen Männern hatten? Wie wurden sie nach dem Krieg in ihren Ländern wahrgenommen?

Prof. Röger: Für zahlreiche Frauen, die mehr oder minder freiwillige Kontakte zu deutschen Männern während der Besatzungszeit pflegten, ging der Krieg nach dem Rückzug der Deutschen weiter. Einzelne Frauen mussten Ehrstrafen über sich ergehen lassen, wobei das Ausmaß dieser öffentlichen Gewalt in Polen – die im Detail noch zu erforschen ist – im Vergleich zu anderen europäischen Ländern, allem voran dem „carnaval moche“ (Alain Brossat) in Frankreich, wohl überschaubar blieb. An die Stelle dieser Art der direkten, körperlichen Selbstjustiz traten nach dem Abzug der Deutschen gezielte Denunziationen der Frauen. In den Unterlagen der polnischen Specjalny Sądy Karny – der Gerichte, die sich nach 1945 mit Kollaborateuren während der NS-Besatzung befassten – finden sich zahlreiche Belege dafür, dass nun ehemalige Nachbarn oder Kollegen Frauen anzeigten, die in der Besatzungszeit mit Deutschen intim verkehrten. Im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern nach 1945 konstruierte die polnische Legislative kein Delikt, um sexuelle Beziehungen mit den deutschen Besatzern ahnden zu können. Nur wenn eindeutig nachgewiesen werden konnte, dass die betreffende Frau tatsächlich Polen oder Juden verraten hatte, wurde sie verurteilt. In Einzelfällen ergingen dann sogar Todesurteile. Ansonsten drohten diesen Frauen nach dem Krieg nicht nur juristische Maßnahmen, sondern vor allem auch die soziale Ächtung. Deshalb dürften viele ihren Wohnort gewechselt haben. Von den Besatzungskindern, die ich interviewt habe, lebten die meisten in der Nachkriegszeit nicht an dem Ort, an dem ihre Mütter sich in der Besatzungszeit befunden hatten.  

Opfer von Vergewaltigungen und Zwangsprostitution haben vermutlich noch Jahrzehnte unter den Übergriffen gelitten. Psychologische Studien weisen zum einen auf den extrem destruktiven Charakter von Verletzungen der sexuellen Integrität hin, und zum anderen auf die Tatsache, dass es zu späteren Traumaschüben kommen kann. In die Öffentlichkeit gingen die vergewaltigten und belästigten Frauen und Männer mit ihren Geschichten kaum. Sie versuchten zu vergessen, wie dies auch die Gesellschaft insgesamt versuchte, die mit der Aufarbeitung der oftmals traumatisierenden Gewalterfahrungen während der deutschen Besatzung beschäftigt war. Während in der Bundesrepublik die sexuellen Übergriffe der Sowjetsoldaten schnell zu einem Topos der Erinnerungskultur wurden, da das Feindbild des brutalen Russen weiterhin gut in die politische Großwetterlage passte - nun in den aufkommenden Kalten Krieg -, war das Gedenken an sexuelle Gewalt in Polen weniger opportun. (Sexuelle) Verbrechen der Roten Armee sollten verschwiegen werden, und so strich man in der Geschichtspolitik auch die Übergriffe der Deutschen nicht weiter hervor.    

Prof. Dr. Maren Röger hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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