Registrieren
merken
Georgios Chatzoudis | 06.10.2015 | 1510 Aufrufe | Interviews

Kredit, Finanzmarkt und Staat im 19. Jahrhundert und heute

Interview mit Sebastian Keding zur Geschichte der Kreditabsicherung

Die Praxis Kredite abzusichern, ist mindestens so alt wie das Geld selbst. Im Zuge der Etablierung von Nationalstaaten im 19. Jahrhundert veränderte sich das Kreditwesen aber entscheidend. Der Staat setzte rechtliche Rahmen für die Finanzmärkte und unterwarf damit auch das Kreditgeschäft seiner Gerichtsbarkeit. Der Rechtshistoriker Dr. Sebastian Keding von der Universität Bonn hat in seiner Dissertation untersucht, wie der Staat im 19. Jahrhundert über das Kreditsicherungsrecht versucht hat, die Finanzmärkte zu steuern. Wir haben ihn zum Verhältnis von Staat, Recht und Finanzmarkt sowie zu möglichen Parallelen zur Gegenwart interviewt.

Google Maps

"Schuldverschreibungen in dieser Komplexität kannten die Zeitgenossen nicht"

L.I.S.A.: Herr Dr. Keding, Sie beschäftigen sich als Rechtshistoriker vor allem mit Staat und Finanzmarkt im 19. Jahrhundert. Was würden wohl Finanzexperten und Politiker des 19. Jahrhunderts über die aktuelle Finanz- und Schuldenkrise sagen? Wäre ihnen der Konflikt vertraut oder wäre ihnen die gegenwärtige Situation eher fremd und unverständlich?  

Dr. Keding: Die prägenden Merkmale der aktuellen Finanzmarktkrise in all ihren Einzelheiten wäre ihnen wohl nicht bekannt. Dafür sind der Finanzmarkt und auch seine Produkte heute ungleich komplexer als damals. Als Beispiel mögen insoweit Zertifikate oder Swap-Geschäfte dienen – Schuldverschreibungen in dieser Gestaltungskomplexität kannten die Zeitgenossen nicht.            

Gleichwohl gibt es Einiges an aktuellen Anlage- und Vertriebsformen, wie auch an Verhaltensweisen am Markt, die den damaligen Zeitgenossen bekannt vorkommen dürften und auch die heutige Situation für damalige Zeitgenossen nachvollziehbar machen dürfte: Damals wie heute handelte man beispielsweise mit Aktien und einfach strukturierten Schuldverschreibungen. Hierbei leisteten die Emittenten zum Teil Provisionszahlungen an Berater für die erfolgreiche Platzierung der Papiere beim Anleger – in der Sache handelt es sich insoweit um nichts anderes als Kick-Backs, die im Rahmen der Krise ab 2007 die Rechtsprechung in einer Vielzahl von Prozessen beschäftigten.            

Auch gruppendynamische Effekte im Sinne eines kollektiven Runs in bestimmte Produkte und Teilmärkte, wie auch die Flucht aus denselben, kannte man. Als Beispiel mag hier die Phase der Gründerjahre ab 1871 und der anschließenden Gründerkrise ab 1873 dienen: Während das Geld aufgrund der vielversprechenden Rendite zunächst in Aktien strömte, kam es ab Mitte 1873 mit dem Zusammenbruch einer Vielzahl von Aktiengesellschaften zu einer weitgehenden Abstandnahme von diesen Produkten. Das Geld strömte stattdessen in vermeintliche sichere Anlagemöglichkeiten wie den Grundbesitz. Das wiederum zog eine Blase auf dem Immobilienmarkt – besonders dem Berliner Immobilienmarkt – nach sich, die dann um 1876/77 platzte. Im Kern stellte sich für die Zeitgenossen durchgängig, speziell aber in Krisenphasen die Frage: Wie kann man das Vertrauen in den Finanzmarkt oder in einzelne Anlageprodukte (wieder-)herstellen? Und genau diese Frage ist es ja im Ergebnis, die auch die heutigen Akteure umtreibt.

"Aufsichtspflicht entsprach in erster Linie dem Interesse der Banken"

L.I.S.A.: Wie sah im 19. Jahrhundert das Verhältnis zwischen Staat und Finanzmarkt aus?  

Dr. Keding: Das Verhältnis von Staat und Finanzmarkt – hier verstanden in einem weiten Sinne als jeder Markt, an dem Angebot und Nachfrage nach Geld oder geldwerten Titeln aufeinandertreffen – war im 19. Jahrhundert wechselhaft. Die Forschung hat dieses spezielle Thema längst noch nicht ausreichend durchdrungen. Es lässt sich aber feststellen, dass die Marktakteure nicht in einem vollkommenen rechtlichen Vakuum handelten; ein reines laissez-faire staatlicherseits existierte also nicht. Es steht außerdem fest, dass im Laufe des 19. Jahrhunderts die Regelungsdichte, also die bloße Quantität der Normsetzung, zunahm. Das gilt insbesondere für die Gebiete des Aktienrechts und des Börsenwesens. Wie man dies aber bewerten kann, müsste noch eingehender untersucht werden. In der Forschung wird mit guten Argumenten der Ansatz vertreten, das 19. Jahrhundert sei geprägt von einer zunehmenden Abkehr vom Wirtschaftsliberalismus hin zu einem patrimonialstaatlichen Konservatismus oder einer regulierten Selbstregulierung, bei welcher – vereinfacht ausgedrückt – der Gesetzgeber den Marktakteuren einen mehr oder minder weiten Handlungsrahmen setzt, innerhalb dessen die Akteure dann frei handeln können. Das mag – speziell vor dem Hintergrund der heutigen Diskussionen um das aktuelle Verhältnis von Staat und Finanzmarkt – den Eindruck erwecken, der Gesetzgeber habe den Finanzmarkt als Gefahr angesehen und Gesetze erlassen, um ihn einzuschränken. Das wäre allerdings falsch; jedenfalls ließe sich dies nicht aus der bloßen Zunahme der Regelungsdichte herleiten. Als Beispiel mag etwa das Aufsichtswesen über das Hypothekenbankwesen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts dienen: Auch hier nahm die Regelungsdichte erheblich zu. Die Aufsicht über die Institute wurde normativ über die Festlegung einer Aufsichtspflicht statt eines bloßen Aufsichtsrechts und immer weitergehende Eingriffsmöglichkeiten in den Geschäftsbetrieb der Institute zunehmend verschärft. Gleichwohl legen die Materialien zu den Gesetzgebungsarbeiten offen, dass es die Hypothekenbanken waren, die eine solche Aufsichtspflicht anstrebten, weil sie sich davon eine Zunahme des Vertrauens am Markt in ihre Produkte versprachen. Der Staat demgegenüber sperrte sich lange Zeit gegen die Festlegung einer solchen Aufsicht, weil er fürchtete, sich hierdurch gegenüber dem Anlagepublikum haftbar zu machen. Die Einführung der Aufsichtspflicht entsprach im Ergebnis also in erster Linie dem Interesse der Banken, weniger dem des Staates.

"Selbst bei einem Wertverlust des Grundstücks ist eine Art 'Puffer' eingebaut"

L.I.S.A.: Einen Schwerpunkt bildet in Ihrer Forschung der Pfandbrief. Können Sie uns das Pfandbriefgeschäft kurz erläutern?              

Dr. Keding: Heruntergebrochen auf seine Kernelemente und -eigenschaften lässt sich die rechtliche Struktur des Pfandbriefgeschäfts stark vereinfacht wie folgt beschreiben: Ein Emittent erhält Geld von einem Anleger. Hierfür erhält der Anleger eine Schuldverschreibung, den Pfandbrief, in der ihm die Rückzahlung des Geldes zuzüglich Zinsen versprochen wird. Mit dem so erhaltenen Geld vergibt der Emittent ein Darlehen an einen Dritten zu einem Zinssatz, der über dem Zinssatz liegt, den der Emittent dem Anleger schuldet. Hieraus zieht die Bank ihren Gewinn. Das Darlehen, das der Emittent vergibt, lässt sich die Bank von dem Dritten durch eine Hypothek absichern. Hierdurch erlangt sie ein Zugriffsrecht auf das Grundstück des Dritten, wenn dieser mit seinen Zahlungen ausfällt. Einen zusätzlichen Schutz bietet zudem der Umstand, dass die Bank das Grundstück nicht zum vollen Wert beleihen darf – selbst bei einem Wertverlust des Grundstücks ist also eine Art „Puffer“ eingebaut, der sicher stellen soll, dass die Bank ihr Geld zurück erhält. Die Kapitalaufnahme der Bank von dem Anleger und die Vergabe des Darlehens an den Dritten sind durch zwei Mechanismen miteinander verbunden: Zum einen muss den ausgegebenen Pfandbriefen stets eine gleiche Summe an Hypotheken gegenüber stehen. Zum anderen existierten und existieren Mechanismen, die sicher stellen, dass bei einer Insolvenz der Bank die Inhaber der Pfandbriefe bevorzugt, also vor den übrigen Gläubigergruppen, auf die Hypotheken zugreifen können.            

Die Frage, warum und wie dieses Vorzugsrecht der Pfandbriefinhaber auf die Hypotheken rechtstechnisch verwirklicht wurde, ist Gegenstand meiner Dissertation. In der Sache geht es um die Frage, ob und mit welcher Zielsetzung der Gesetzgeber durch die Schaffung eines gesetzlichen Vorzugsrechts steuernd auf den Finanzmarkt einwirken wollte.

"Das Pfandbriefgeschäft unterliegt strengen gesetzlichen Anforderungen"

L.I.S.A.: Das Thema „Absicherung von Krediten“ erinnert einen Laien an die Subprime-Krise, als Kreditrisiken durch eine besondere Art der Verbriefung vermeintlich abgesichert wurden. Ein unsinniger Vergleich?  

Dr. Keding: Die Assoziation ist verständlich, weil auch der Pfandbrief letztlich eine verbriefte Forderung darstellt und sowohl die Subprime-Krise wie auch das Pfandbriefgeschäft einen Bezug zur Vergabe von Immobiliendarlehen aufweisen. Davon abgesehen gibt es aber ganz erhebliche, entscheidende Unterschiede zwischen dem Pfandbrief und dem Geschäftsmodell, das die Krise hervorgerufen hat. Ganz wesentlich ist, dass bei dem Pfandbrief zwar – wie bei jeder Anlageform – ein theoretisches Ausfallrisiko besteht, er aber nicht ein Mittel ist, um Risiken zu verschleiern. Das war bei dem Geschäftsmodell in den USA anders: Dort war das Ausfallrisiko der Forderungen, welche zunächst den Banken zustanden (die Darlehensforderung gegenüber den Dritten), sehr hoch. Ohne zu sehr ins Technische abzugleiten: Zum einen erfolgte die Darlehensvergabe schon an Personen mit einer niedrigen Bonität. Zum anderen wurden die Werte der zu beleihenden Grundstücke zu hoch bemessen, um hohe Darlehen vergeben zu können. Zudem erfolgte die Darlehensvergabe ohne Einberechnung eines ausreichenden Wertpuffers. Diese ausfallträchtigen Forderungen wurden im Anschluss von den Banken zunächst an Zweckgesellschaften verkauft und dort im Rahmen einer komplexen Verbriefungsstruktur unter Einbeziehung der Ratingagenturen mit einem guten Rating weiterverkauft.            

Bei dem Pfandbrief ist schon das Ausfallrisiko der in Form des Pfandbriefs verbrieften Forderung (der durch die Hypothek besicherten Forderung) eher theoretischer Natur. Denn das Pfandbriefgeschäft – anders als das Geschäftsmodell, was in den USA die Krise verursachte – unterliegt strengen gesetzlichen Anforderungen, was das Ausfallrisiko ganz erheblich minimiert: Ich habe bereits erwähnt, dass die Emittenten der Pfandbriefe einen Risikopuffer bei der Beleihung der Grundstücke eingebaut haben. Die Beleihung ist – Stand heute – nur bis zu 60 Prozent des Grundstücks möglich. Das heißt, die Bank und damit der Pfandbriefinhaber sind sogar gegen einen Wertverlust des Grundstücks bis zu 40 Prozent geschützt. Der Pfandbrief ist zudem dadurch geschützt, dass die Deckungswerte kraft Gesetzes regelmäßig durch die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) überprüft werden.

"Recht hat die Möglichkeitweitgehende Eingriffsbefugnisse für Behörden zu schaffen"

L.I.S.A.: Welchen Stellenwert hat das Recht in einem Finanzsystem, dessen Märkte sich höchst volatil verhalten? Kann Recht so elastisch und flexibel verfasst sein, dass es in die Lage versetzt wird, Finanzmärkte zu regeln?  

Dr. Keding: Ich denke, dass das Verhältnis von Finanzmarkt und Recht durch eine fortlaufende wechselseitige Beeinflussung geprägt ist. Das Recht gibt einen Rahmen vor, innerhalb – aber auch außerhalb – dessen die Finanzmärkte sich entwickeln. Hierbei wird das Rechtssystem immer wieder vor die Frage gestellt werden, ob es die Vielgestaltigkeit der Markt- und Anlageformen erfasst, welche die Wirtschaft hervorbringt. Ein Beispiel für diesen Prozess in jüngerer Zeit ist etwa die Frage, wie mit alternativen Währungsformen wie Bitcoins umzugehen ist. Recht hat zudem die Möglichkeit, durch Generalermächtigungen weitgehende Eingriffsbefugnisse für Behörden, etwa die BaFin, zu schaffen. Wie weit diese dann gehen, hängt von der Rechtsprechung ab.    

Dr. Sebastian Keding hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

Kommentar erstellen

9FAISU