Login

Registrieren
merken
Björn Schmidt | 10.11.2015 | 1587 Aufrufe | Interviews

"Die Konstruktion 'kolonialer Wirklichkeit' im 'Mutterland'"

Interview mit Anne-Kathrin Horstmann über Kolonialwissenschaften in Köln

Die Forschung zum deutschen Kolonialismus war lange Zeit geprägt von einer zeitlichen Verengung auf die verhältnismäßig kurze Phase, in der das Deutsche Reich über Kolonien verfügte. Die gesellschaftliche Bedeutung des kolonialen Projekts vor und nach dieser Phase rückte zuletzt immer mehr in den Fokus. Aber auch geografisch konzentrierte sich die Forschung meist auf die kolonialen Zentren des Reichs, also Berlin und Hamburg. Der Kolonialismus und die damit einhergehenden Kolonialwissenschaften hatten jedoch auch abseits dieser Zentren großen Einfluss. Wie sah der universitäre Alltag in anderen Städten aus? Was wurde gelehrt und inwiewiet wurde dort durch vermeintliche Wissenschaftlichkeit der Kolonialismus legitimiert. Dr. Anne-Kathrin Horstmann ist diesen Fragen am Beispiel der Kölner Hochschulen nachgegangen. Ihre Recherchen in den Hochschularchiven der Stadt sowie Archiven in Berlin und Leipzig geben einen Einblick, wie tief der Kolonialismus in der Universitätslandschaft – aber auch der Gesellschaft – verankert war. Wir haben ihr dazu unsere Fragen gestellt.

(r.): Der Kölner Geograph Kurt Hassert bei seiner Expedition in Kamerun 1907/08

Google Maps

"Die wissenschaftliche Untermauerung des kolonialen Diskurs"

L.I.S.A.: Frau Dr. Horstmann, Sie beschäftigen sich in ihrer Studie mit den Kolonialwissenschaften an den Kölner Hochschulen. Was genau ist darunter zu verstehen und wie muss man sich vor diesem Hintergrund den universitären „kolonialen Alltag“ an den Kölner Hochschulen vorstellen? Was wurde an den Kölner Hochschulen in welchen Disziplinen gelehrt und erforscht?

Dr. Horstmann: Unter Kolonialwissenschaften sind all jene Disziplinen oder Teilgebiete einzelner Disziplinen zu verstehen, die sich mit „kolonialen Fragestellungen“ beschäftigt haben und Wissen produzierten, das das koloniale Projekt sowohl theoretisch als auch praktisch in vielen Teilen überhaupt erst möglich machte. Auch die Kölner Hochschulen – worunter die heutige Universität zu Köln sowie ihre Vorgängerinstitutionen, die Städtische Handelshochschule (als direkte Vorgängerinstitution der heutigen WiSo-Fakultät) sowie die Akademie für praktische Medizin (als direkte Vorgängerinstitution der heutigen Medizinischen Fakultät) zu verstehen sind – verfügen vor diesem Hintergrund über eine „koloniale Vergangenheit“, da koloniale Themen von Beginn des 20. Jahrhunderts bis weit in den Nationalsozialismus hinein eine kontinuierliche Rolle in Lehre und Forschung spielten.

Den „kolonialen Alltag“ an den Kölner Hochschulen prägten vor diesem Hintergrund vor allem kolonialwissenschaftliche Arbeits- und Forschungsschwerpunkte einzelner Disziplinen und Fachvertreter, ein regelmäßiges Angebot an „kolonialen Lehrveranstaltungen“ und öffentlichen Vortragsveranstaltungen zu kolonialen Themen sowie die Gründung kolonialer Arbeitsgemeinschaften und zentraler Einrichtungen wie der „Zentralstelle für Kolonialfragen“ oder dem „Akademischen Kolonialbund Köln“.

Die Ursprünge der wissenschaftlichen Beschäftigung mit kolonialen Themen gehen in Köln dabei auf die Wirtschaftswissenschaften zurück. Als 1901 die Städtische Handelshochschule als Ausbildungsstätte für den Nachwuchs aus Handel und Industrie ins Leben gerufen wurde, wurden koloniale Themen fest im Lehrplan verankert, um eben diesem Nachwuchs aus Handel und Industrie eines seiner potentiellen Arbeitsfelder – nämlich der Handel mit oder in den Kolonien – näher zu bringen und Interessen in diese Richtung gehend zu fördern. Neben den Wirtschaftswissenschaften beteiligten sich in Köln aber auch sehr aktiv die „klassischen“ Kolonialwissenschaften Geographie und Ethnologie, aber auch Disziplinen wie die Medizin, die Botanik, die Zoologie, die Rechtswissenschaft oder die vergleichende Sprachwissenschaft in diesem Kontext. Man beschäftigte sich mit der Wirtschaftsgeschichte Afrikas, mit der geographischen und kartographischen „Erschließung“ des Kontinents, mit anthropologischen und „rassekundlichen“ Fragestellungen, mit Tropenmedizin und Tropenhygiene, mit afrikanischen Nutzpflanzen und lehrte bereits Jahre bevor der Lehrstuhl für Afrikanistik in Köln gegründet wurde Swahili als eine der wichtigsten „Kolonialsprachen“. Übergreifendes Ziel dabei war es, vor allem Praxis-orientiertes Wissen zu generieren, das für das koloniale Projekt und damit für die Politik nützlich und dienlich sein könnte sowie den kolonialen Diskurs wissenschaftlich zu untermauern.

Allen „Anstrengungen“ in diesem Kontext war dabei der Glaube an die eigene Überlegenheit, eurozentrische und rassistische Denkmuster sowie eine ungeheure Wissenschaftsgläubigkeit gemein, die nicht nur Legitimationsgrundlage für das koloniale Projekt sowie für sich selbst war, sondern in diesem Zusammenhang auch dazu beitrug, sowohl das „Eigene“ als auch das „Andere“ erst zu produzieren bzw. zu reproduzieren und damit half, den kolonialen Diskurs mitzukonstituieren und zu verfestigen.

Ausschnitt aus dem Vorlesungsverzeichnis des Wintersemesters 1938/39

"Man sah, was man sehen wollte und erkannte, was man ohnehin schon wusste"

L.I.S.A.: Während der Zeit der wissenschaftlichen Beschäftigung mit kolonialen Themen an den Kölner Hochschule wurden auch zwei Expeditionen in deutsche Kolonien unternommen. Welchen Zweck und welchen Effekt hatten diese?  

Dr. Horstmann: Zweck und Hintergrund der beiden genannten Expeditionen waren zunächst ganz unterschiedlich: Als erster Kölner Professor unternahm der Geograph Kurt Hassert im September 1907 eine rund einjährige Expedition nach Afrika. Er war auf Veranlassung der Kommission für die landeskundliche Erforschung der deutschen Schutzgebiete vom Reichskolonialamt beauftragt worden, das Hochland von Kamerun geographisch zu erfassen – und damit offiziell in den Dienst der „kolonialen Sache“ gestellt worden. Als Assistent wurde ihm Franz Thorbecke zur Seite gestellt, der später seinen Lehrstuhl in Köln übernehmen sollte.

Die zweite „Kölner Expedition“ wurde auf Veranlassung des Leiters der Städtischen Handelshochschule und ersten Rektors der späteren Universität zu Köln, Christian Eckert, organisiert und führte eine größere Studiengruppe in den Semesterferien 1908 nach Ostafrika. Vier Kölner Professoren, 25 Studenten der Handelshochschule sowie ein Expeditionsarzt, ein Berichterstatter der Kölnischen Zeitung und Eckerts Ehefrau brachen gemeinsam auf, um das bislang theoretisch Gelernte mit der „kolonialen Praxis vor Ort“ zu verbinden.

Beide Expeditionen hatten trotz ihrer unterschiedlichen Zwecke aber auch viel gemein: Sie produzierten, jede auf ihre eigene Weise, koloniales Wissen und speisten damit den kolonialen Diskurs. Und sie bedeuteten Prestige und Anerkennung. Die Tatsache, sich „draußen im Feld“ bewährt und „Afrika“ mit eigenen Augen gesehen zu haben, war der Karriere dienlich und mit Ansehen verbunden. Man wurde zum „kolonialen Experten“ und fortan in der community als solcher gehandelt; für die Handelshochschule wurde die „Afrika-Fahrt“ darüber hinaus zum institutionellen Erfolg und noch Jahre später als beispielgebend bezeichnet. Gemeinsam ist diesen beiden Expeditionen zudem, dass die „reale“ Begegnung mit dem afrikanischen Kontinent und der einheimischen Bevölkerung den „kolonialen Blick“ der Kölner kaum veränderte und die gesammelten Erfahrungen und die gewonnenen Erkenntnisse die bereits vorhandenen Vorannahmen eigentlich nur bestätigten. Man sah, was man sehen wollte und erkannte, was man ohnehin schon wusste...

„Teilnehmende Beobachtung“: Blick und Haltung verraten viel über die Selbst- und Fremdwahrnehmung der beiden Expeditionsteilnehmer der Kölner Handelshochschulfahrt nach Ostafrika

"Kolonialismus muss als reichsweites Phänomen gedacht werden"

L.I.S.A.: Köln war keine „klassische Kolonialmetropole“ wie etwa Berlin oder Hamburg und Kolonialwissenschaften dort nie eine eigene Disziplin oder zentral institutionalisiert. Mit Blick auf bislang wenig erforschte Wissenschaftsstandorte zielt Ihre Studie auch auf eine „Dezentralisierung“ der deutschen Kolonialwissenschaften und damit auch des deutschen Kolonialismus ab. Was unterscheidet Köln in diesem Zusammenhang von den deutschen Kolonialmetropolen? Wie stark war eventuell dennoch die wissenschaftliche Vernetzung?

Dr. Horstmann: In der deutschen Kolonialgeschichtsschreibung wurde lange davon ausgegangen, dass „koloniale Spuren“ vornehmlich in den so genannten „kolonialen Zentren“ oder den genannten „klassischen Kolonialmetropolen“ des deutschen Reiches, Berlin als Hauptstadt und administrativem Zentrum und Hamburg als wichtigste Hafenstadt und „Tor zur Welt“, zu finden seien. Da in diesen Städten auch die einschlägigen kolonialwissenschaftlichen Institutionen angesiedelt waren (z.B. das Seminar für orientalische Sprachen in Berlin oder das Kolonialinstitut in Hamburg), konzentrierte sich die Forschung zu den deutschen Kolonialwissenschaften bislang ebenfalls hauptsächlich auf diese Städte bzw. auf weitere zentrale Institutionen in diesem Zusammenhang (wie z.B. die Deutsche Kolonialschule in Witzenhausen).

Vor dem Hintergrund einer lokalen Verortung von Kolonialismus wollte ich am Beispiel Kölns jedoch zeigen, dass kolonial­wissen­schaftliche Forschung auch außerhalb dieser deutschen Kolonial­metropolen sowie außerhalb der in diesem Kontext einschlägigen Institutionen des Deutschen Reichs stattgefunden hat. Damit verbunden war das Ziel, zu einer „Dezentralisierung“ in diesem Kontext beizutragen und damit aufzuzeigen, dass Kolonialismus als ein reichsweites Phänomen gedacht werden muss, das seine Spuren in den verschiedensten Diskursen und an den verschiedensten Orten und Institutionen hinterlassen hat (vgl. dazu weiterführend zu Köln: Marianne Bechhaus-Gerst & Anne-Kathrin Horstmann. Köln und der deutsche Kolonialismus. Eine Spurensuche. 2013. Köln: Böhlau.)  

Zentraler Unterschied zwischen Köln und den „klassischen Kolonialmetropolen“ war in diesem Zusammenhang insbesondere, dass die Kolonialwissenschaften in Köln nicht durch ein einschlägiges „Kolonialinstitut“ o.ä. institutionalisiert waren. Wenngleich die Kölner Kolonialwissenschaften zwar in den wichtigsten Bildungseinrichtungen der Stadt verortet waren und von diesen auch in gewisser Weise zentral gefördert und unterstützt wurden, waren die Kolonialwissenschaften in Köln dennoch sehr stark personengebunden und damit immer vom Engagement und Interesse Einzelner abhängig. Die Kölner „Kolonialwissenschaftler“ waren aber sehr gut vernetzt und durchaus als „Experten“ anerkannt, so dass sie vielfach in größere Forschungskontexte eingebunden, auf Tagungen und Kongresse eingeladen oder als Mitglieder in kolonialpolitisch ausgerichtete Gremien und Ausschüsse gewählt wurden. Dadurch hatten sie nicht nur regional, sondern auch überregional durchaus Einfluss auf Forschungsfragen, politische Entscheidungen und den Diskurs und konnten sich auch über Köln hinaus einen Namen machen.

Die Expeditionsteilnehmer der Kölner Handelshochschule bei ihrem Aufenthalt in Dar es Salaam, Deutsch-Ostafrika (heutiges Tansania)

"Im Nationalsozialismus erlebten die Kolonialwissenschaften eine neue 'Blütezeit'"

L.I.S.A.: Zeitlich beginnen Sie Ihre Untersuchung mit der 1901 gegründeten Städtischen Handelshochschule, der Vorgängerinstitution der späteren Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der heutigen Universität zu Köln, und enden mit dem Zweiten Weltkrieg. Die Universität zu Köln selbst wurde erst 1919 wiedergegründet, also zu einem Zeitpunkt, an dem es bereits keine deutschen Kolonien mehr gab. Wirkte sich der Verlust der Kolonien direkt auf die Wissensproduktion aus? Und wie veränderte sich der wissenschaftliche Diskurs im Laufe der Zeit?

Dr. Horstmann: Die kolonialwissenschaftliche Forschung in Köln ist vor allem dadurch gekennzeichnet, dass sie sowohl während der „realen“ deutschen Kolonialzeit als auch während der sich daran anschließenden kolonialrevisionistischen Bewegung, die für den Rückgewinn der deutschen Kolonien nach deren Verlust 1918/19 eintrat, beinahe kontinuierlich stattfand. Ein wirklicher „Bruch“ durch den Verlust der Kolonialgebiete ist für den Kölner Fall nicht zu verzeichnen, was sich insbesondere mit der Personengebundenheit der Kölner Kolonialwissenschaften und den personellen Kontinuitäten über den Verlust der deutschen Kolonien hinweg bis in den Nationalsozialismus hinein erklären lässt. Die Kölner Kolonialwissenschaftler waren durchweg von der „kolonialen Sache“ überzeugt und traten auch nach dem Verlust der deutschen Kolonien als unermüdliche Werber für das koloniale Projekt ein. Für die Kolonialwissenschaften der deutschen Kolonialmetropolen bedeutete der Verlust der deutschen Kolonien hingegen zunächst durchaus einen Einschnitt, da sie aufgrund ihrer Verortung als „Kolonialinstitut“ o.ä. zunächst institutionell in eine gewisse Legitimationsnot gerieten.

Die koloniale Wissensproduktion änderte sich im Laufe dieser Zeit dahin gehend, dass vor und während der „realen“ deutschen Kolonialzeit vor allem Wissen produziert wurde, das für die Aneignung bzw. die effiziente „Nutzung“ der eigenen Kolonien von Wert war, während nach dem Verlust der deutschen Kolonien vor allem Wissen produziert wurde, das (1) die „Kolonialschuldlüge“ dekonstruieren sollte – also die Anschuldigung der Deutschen, auf „kolonialem Gebiet“ versagt zu haben und als Folge dessen die Kolonien an England und Frankreich abtreten zu müssen – und das (2) dafür generiert wurde, um an dem Tag der ersehnten Rückgewinnung der deutschen Kolonien „gewappnet“ zu sein. In der Praxis bedeutete der Verlust der Kolonien für die Wissensproduktion darüber hinaus einen erschwerten Zugang zu eigenen Erhebungen und Untersuchungen, da man nun über keine „eigenen Forschungsgebiete“ mehr verfügte. Während man zuvor vor allem durch eigene Expeditionen und Forschungsreisen zum „kolonialen Experten“ wurde, wurde nun die akademische und universitäre Ausbildung und Anbindung immer wichtiger und stärker auf Grundlagenforschung und theoretische Ausführungen gesetzt.

Besonders mit dem aufkommenden Nationalsozialismus und der Machtübernahme der Nationalsozialisten erfuhr die kolonialrevisionistische Bewegung schließlich einen „Aufschwung“ und auch die Kolonialwissenschaften, ihre „Protagonisten“ und Institutionen erlebten dadurch noch einmal eine „Blütezeit“. Mit Blick auf ein „germanisches Großreich“ in „Mittelafrika“, das einerseits als Rohstoffquelle dienen und andererseits „Raum“ für das immer größer werdende deutsche Volk geben sollte, wurde ihnen innerhalb des NS-Regimes eine hohe Bedeutung beigemessen, um die dafür nötigen Informationen zu generieren. Der kolonialwissenschaftliche Diskurs änderte sich in dieser Zeit insbesondere dahin gehend, dass immer stärker auf die nationalsozialistische „Rassenlehre“ rekurriert wurde – ein Umstand, der jedoch nicht unbedingt verwundert, bedienten sich doch beide Diskurse ähnlicher Legitimationsgrundlagen und Erklärungsmuster. Und auch in Köln beschäftigte man sich fortan immer stärker mit „kolonialer Rasseforschung“, dem „Kolonialblutschutzgesetz“ oder der Ausgestaltung einer „nationalsozialistischen Eingeborenenpolitik“.

Mit dem Ende des Nationalsozialismus endete dann – zumindest offiziell – sowohl in Köln als auch darüber hinaus die Kolonialwissenschaftliche Forschung und damit auch der Untersuchungszeitraum meiner Arbeit. Diskursive, personelle und institutionelle Spuren und Kontinuitäten sind jedoch auch nach diesem Zeitpunkt vielfach noch zu finden...

Überquerung eines Flusses bei der Hassert'schen Expedition in Kamerun. Wie sollte es ihrem Selbstverständnis nach anders sein: Die deutschen Wissenschaftler, hier Hasserts Assistent Thorbecke, wurden von Trägern trocken auf die andere Seite des Flusses befördert

"Es gab eine enge Verbindung zur Öffentlichkeit"

L.I.S.A.: Sie legen in Ihrer Arbeit auch einen starken Fokus auf den Austausch mit der nicht-akademischen Öffentlichkeit. Ihre These ist, dass das koloniale Projekt geprägt war von der Interaktion zwischen Politik, Wissenschaft und Öffentlichkeit. Wie äußerte sich diese „Öffentlichkeitsarbeit“ der Wissenschaftler?

Dr. Horstmann: Wie die Quellen zeigten, fand seit Beginn der kolonialwissenschaftlichen Forschung in Köln immer auch dessen Propagierung und Popularisierung bzw. Inszenierung in der Öffentlichkeit statt. Dabei entsteht der Eindruck, als wäre der Kontakt zu außerwissenschaftlichen Kreisen so­wohl von den Kölner Hochschulen selbst als auch von den beteiligten Wissenschaftlern im­mer wieder gezielt gesucht worden. Bereits die Handelshochschule veranstaltete z.B. viele ihrer kolonialen Veranstaltungen öffentlich.

Neben dem Wunsch, dem „normalen“ Bürger „Anregung und Belehrung“ zu vermitteln, war dies sicherlich vor allem eine Antwort auf das allgemeine Interesse an kolonialen Themen und die gesteigerte Nachfrage nach Wissen dieser Art seitens der Bevölkerung. Interessierte Bürger hatten so die Möglichkeit, sich mit kolonialen Themen vertraut zu machen bzw. sich diese vom „Fachmann“ erklären zu lassen. Und auch an der 1919 neu eröffneten Universität zu Köln wurde die Verbindung zur Öffentlichkeit groß geschrieben und regelmäßig öffentliche Vorlesungen und Vor­träge zu kolonialen Themen gehalten. Darüber hinaus waren es vor allem Einladungen der einschlägigen Kolonialgesellschaften und -vereine, die die Kölner Kolonialwissenschaftler in die Öffentlichkeit führten. Auch Beteiligungen an großen Kolonialveranstaltungen oder die Behandlung kolonialer Themen in den den Kölner Hochschulen angegliederten Museen sowie regelmäßige Publikationen in nicht-akademischen Medien verdeutlichen, wie eng die Verbindung zur Öffentlichkeit war.

Von der Kolonialismus-, aber auch von der Wissenschaftsforschung wurde dieser Aspekt bislang jedoch weitestgehend vernachlässigt. Die Interaktion zwischen Wissenschaft, Politik und Öffentlichkeit war aber, so eine These meiner Arbeit, essentiell für das koloniale Projekt, da einzelne Wissenschaftler, aber auch ganze Institutionen, als „Experten“ für die „koloniale Sache“ auftraten (bzw. sich als solche inszenierten) und damit entscheidenden Einfluss auf die Verbreitung und Verfestigung von kolonialen Denkmustern in der Gesellschaft hatten.

Gerade durch die diskursive Betonung eines vermeintlich „wissenschaftlichen“ deutschen Kolonialismus sowie durch die insgesamt stärkere Annäherung und Rückkopplung von Wissenschaft und Politik in dieser Zeit, waren „wissenschaftliche Autoritäten“, die mit kolonial­politischen Strukturen vernetzt waren, demnach nicht nur an der wissen­schaftlichen Eroberung und Aneignung des kolonialen Raumes, sondern auch an der Konstruktion der „kolonialen Wirk­lich­keit“ im „Mutterland“ in entscheidender Weise beteiligt waren. Gerade ihr wissen­schaft­lichen Hintergrund half ihnen dabei, so meine These, besonders erfolgreich und glaubwürdig Propa­ganda für die „koloniale Sache“ betreiben zu können.

"Eine (lokale) Aufarbeitung einer auch heute noch bestehenden Disziplin"

L.I.S.A.: Kolonialwissenschaften lassen sich ihrer Meinung nach als Afrikawissenschaften begreifen. Ein entsprechender Lehrstuhl entstand an der Universität zu Köln aber erst Ende der 1950er Jahre. Inwieweit ist ihre Arbeit trotzdem auch die Aufarbeitung heutiger Disziplinen?

Dr. Horstmann: Zumindest für den Kölner Fall lässt sich die Aussage treffen, dass Kolonialwissenschaften weitestgehend (koloniale) Afrikawissenschaften waren, da ihr Fokus fast ausschließlich auf den deutschen Kolonien in Afrika lag, während die deutschen Kolonien in China und der Südsee hingegen kaum eine Rolle spielten. Vor diesem Hintergrund erfolgte die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Kontinent also bereits im Kontext von Kolonialismus und Kolonialrevisionismus und damit sehr viel früher, als der Lehrstuhl für Afrikanistik in Köln gegründet wurde oder sich die Afrikawissenschaften als interdisziplinär verstandene Regionalwissenschaft an der Universität zu Köln etablierten. Die Kolonialwissenschaften in Köln können, sollten und müssten daher also gerade durch ihren Fokus auf Afrika auch als regionale Vorläufer der Kölner Afrikanistik bzw. Afrikawissenschaften verstanden werden. Einhergehend damit zielt meine Arbeit also durchaus auf die (lokale) Aufarbeitung einer auch heute noch bestehenden Disziplin ab.

Und das gilt nicht nur für die Afrikanistik bzw. die Afrikawissenschaften in Köln. Auch in der Geschichtsschreibung weiterer Disziplinen bzw. Fachgeschichten in Köln, wie etwa der Geographie, der Ethnologie oder der Medizin, wurde deren „koloniale Vergangenheit“ bislang weitestgehend unerwähnt gelassen bzw. „vergessen“ oder verdrängt. Auch hier zielt meine Arbeit auf eine lokale Aufarbeitung dieser Disziplinen ab und soll zu einer kritischen Reflexion heutiger Disziplinen und Fächerkulturen beitragen.

Gleichzeitig soll und kann dieses „Kölner Beispiel“ einer lokalen Geschichtsschreibung auch dazu anregen, sich auch an weiteren Orten und (wissenschaftlichen/akademischen) Institutionen auf „koloniale Spurensuche“ zu begeben – ich bin sicher, dass man dabei fündig wird...

Dr. Anne-Kathrin Horstmann hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

Kommentar erstellen

MT6QAR