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Georgios Chatzoudis | 19.03.2015 | 2124 Aufrufe | Interviews

"Keine Sklaven, sondern Unfreie oder Versklavte"

Interview mit Carolin Retzlaff über Freiheitsprozesse von Sklaven in Nordamerika

Vor 150 Jahren, genauer am 31. Januar 1865, hat der US-Kongress den 13. Zusatzartikel zur Verfassung der Vereinigten Staaten verabschiedet, der die Sklaverei auf dem gesamten Gebiet der USA abschuf. Diesem Gesetzesakt gehen fast 250 Jahre Sklaverei und Unfreiheit voraus, seit 1619 die ersten Afrikaner nach Virginia verschleppt worden waren. Als sich 1776 die 13 Kolonien von Großbritannien lösten und für unabhängig erklärten, gab es auf deren Territorium insgesamt fast 500.000 versklavte Menschen. Die Historikerin Dr. Carolin Retzlaff hat sich mit der Geschichte der Sklaverei in Nordamerika beschäftigt und dabei vor allem Prozesse untersucht, in denen Sklaven versuchten, ihre Freiheit einzuklagen. Wir haben ihr dazu unsere Fragen gestellt.

"Die Grenzen zwischen Freiheit und Sklaverei verliefen nicht so klar"

L.I.S.A.: Frau Dr. Retzlaff, Sie haben zum Thema Sklaverei im Fach Geschichte promoviert, genauer: zu den Freiheitsprozessen von Sklaven in Nordamerika (1750-1800). Auf den ersten Blick scheinen sich Freiheitsprozess und Sklaverei zu widersprechen, oder?

Dr. Retzlaff: Ja, ganz genau. Ich finde es auch nach der langen Auseinandersetzung mit den Gerichtsdokumenten immer noch interessant, dass es überhaupt zu diesen Prozessen kommen konnte. Für die Menschen in den englischen Kolonien und späteren amerikanischen Bundesstaaten, die ich untersucht habe, war die Sklaverei fester Bestandteil der Arbeits- und Lebenswelt. Das Recht legte fest, dass es freie und unfreie Menschen gab und diese Aufteilung war maßgeblich für die Aufrechterhaltung des gesamten Systems. Unfreie versuchten auf unterschiedliche Weisen, sich dieser Unterdrückung zu entziehen, doch dass sie dabei auch auf das Rechtssystem vertrauten – das eigentliche Instrument ihrer Herabsetzung – erscheint auf den ersten Blick abwegig.

Auf den näheren Blick wird dann aber deutlich, dass die Grenzen zwischen Freiheit und Sklaverei nicht so klar verliefen, wie man das von vorne herein annehmen würde. Da sich das Sklavereirecht in ständigem Wandel befand und sich von Kolonie zu Kolonie stark unterschied, ergaben sich – je nach Ort, Zeit und Situation – für Sklaven immer wieder Gelegenheiten, ihre lebenslange Versklavung vor Gericht in Frage zu stellen. Dementsprechend heterogen sind die Argumente, die Unfreie in ihren Prozessen anführten, um freie Menschen zu werden.

Die gängige Darstellung von Sklaven als passive Menschen, die nicht fähig waren, eigene Entscheidungen zu treffen, ist natürlich auch dafür verantwortlich, dass man verwundert auf diese Freiheitsprozesse schaut: Die Gerichtsfälle zeigen aber ganz deutlich, wie gut sich die unfreien Kläger teilweise mit dem Rechtssystem auskannten, wie gut sie sich organisierten und mit welchen Anstrengungen sie allen Widrigkeiten zum Trotz einem solchen Gerichtsprozess – oft über Jahre – nachgegangen sind.

Auch aus diesem Grund vermeide ich in meiner Arbeit das Wort „Sklave“ und verwende das Wort „Unfreie“ oder „Versklavte“, um dem Rechnung zu tragen, dass diese Menschen nicht – wie in der damaligen Lebenswelt angenommen – zum „Sklaven“ geboren worden waren, sondern von anderen Menschen erst durch das Trauma der Versklavung in diesen Status gezwungen wurden.

"Berufung auf die Abstammung von einer freien Vorfahrin"

L.I.S.A.: Seit wann konnte man als Sklave seine Freiheit vor Gericht erstreiten? Und warum gab es diese Möglichkeit?

Dr. Retzlaff: Freiheitsprozesse von Sklaven sind nicht die Erscheinung einer besonderen Phase der amerikanischen Geschichte, wie etwa der Kolonialgeschichte oder der Revolutionären Ära. Zwar häuften sie sich zur Zeit der Revolution und in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, aber Unfreie setzten sich von den Ursprüngen der Sklaverei bis hin zum Bürgerkrieg immer wieder mit unterschiedlichen Argumenten vor Gericht für ihre Freiheit ein.

Die Frage nach der Möglichkeit von Freiheitsgesuchen würde ich andersherum fassen: Wann ergab sich für Unfreie die Gelegenheit, für die eigene Freiheit zu klagen? Aus den Quellen geht hervor, dass die Gesetzgeber nicht direkt die Möglichkeit schaffen wollten, Freiheitsklagen zuzulassen, sondern Nischen im Recht existierten und sich Veränderungen im Recht ergaben, die Unfreie für sich nutzen konnten.

In meiner Arbeit habe ich Freiheitsprozesse aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts analysiert und in diesem Zeitraum wird deutlich, dass Sklaven mit ihren Freiheitsklagen stark auf Veränderungen im Sklavereirecht reagierten und durchaus auf das Recht vertrauten, wenn ihnen die Freiheit rechtmäßig zustand, sie aber dennoch in Sklaverei gehalten wurden.

Trotz aller Heterogenität brachten Sklaven ein bestimmtes Argument für Freiheit konstant vor: die Berufung auf die Abstammung von einer freien Vorfahrin. Das hängt damit zusammen, dass im Laufe des 18. Jahrhundert in allen englischen Kolonien auf dem amerikanischen Festland die Regel durchgesetzt wurde, dass der Rechtsstatus der Mutter bei der Geburt des Kindes maßgeblich für dessen Rechtsstatus sein sollte. Wenn also eine Sklavin ein Kind zur Welt brachte, wurde dieses Kind in die Sklaverei geboren. War sie zum Zeitpunkt der Geburt aber bereits vom Sklavenhalter freigelassen worden, war auch das Kind frei – unabhängig von seiner Hautfarbe oder dem Rechtsstatus des Vaters.

"Die Unabhängigkeitserklärung wurde als Chance für die eigene Freiheit begriffen"

L.I.S.A.: Wie sah so ein Freiheitsprozess aus?

Dr. Retzlaff: Diese Frage war der Ausgangspunkt meines Projekts: Gab es eine einheitliche Vorgehensweise bei diesen Prozessen? In der Forschung wurden Freiheitsprozesse von Sklaven bisher eher selektiv dargestellt, weswegen man auf eine ähnliche Vorgehensweise der Kläger beziehungsweise auch auf eine Art „rechtlicher Bewegung“ von Sklaven schließen konnte.

Aus meiner Sicht lässt sich das aber nicht bestätigen. Einen bestimmten Fall, der als exemplarisch für andere Freiheitsprozesse gelten kann, ließe sich meiner Ansicht nach nur schwer bestimmen: Das hängt auch mit der komplizierten Überlieferungssituation zusammen, denn meist sind die Gerichtsakten nicht vollständig erhalten, so dass nur begrenzt Informationen aus ihnen zu entnehmen sind. Außerdem stellte sich die Situation vor Gericht auch oft unübersichtlich dar: Häufig schlossen sich einer Klage zu einem späteren Zeitpunkt noch andere Sklaven an, teils wurden Prozesse für lange Zeit unterbrochen oder eine Prozesspartei ging Jahre später in Berufung und die Fortführung oder das Urteil des Prozesse lässt sich aus den Akten nicht mehr entnehmen.

Auch die Namen der unfreien Kläger stellen eine Herausforderung dar: Sklaven hatten oft nur einen Vornamen und das führt beim Nachvollziehen eines nur bruchstückhaft archivierten Prozessverlaufs zu Schwierigkeiten. „Caesar“ war zum Beispiel ein sehr häufiger Sklavenname. Wenn ein Sklavenhalter von seinem Sklaven Caesar verklagt wurde, in den Akten allerdings erst Jahre später wieder ein Caesar genannt wird, ist nicht ganz sicher, dass es sich noch um denselben Kläger handelt.

Es existierten zudem sehr starke Unterschiede zwischen der jeweilige Ausgangslage der Kläger. Neben den eigentlichen rechtlichen Gegebenheiten beeinflussten das Alter, das Geschlecht, der Ort und die finanzielle Lage das Schicksal eines Unfreien vor Gericht erheblich. Hatte der Kläger Unterstützung von Zeugen, die seine Aussage vor Gericht bestätigten? War er innerhalb seines Ortes gut vernetzt, hatte er den Ruf, aufrichtig und verlässlich zu sein? Gab es Dokumente, die seine Argumentation stützten? Ein Großteil der Freiheitsprozesse zeichnet sich durch die einzigartige Konstellation vieler Faktoren aus, die sich nur sehr schwer vereinheitlichen lassen.

In meiner Arbeit habe ich versucht, die gefundenen Freiheitsprozesse so zu ordnen und zusammenzufassen, damit man sich – bei aller Heterogenität – einen Überblick über die unterschiedlichen Vorgehensweisen der Kläger schaffen kann. Für mich ergaben sich drei relevante Kategorien: die genealogischen Freiheitsklagen, in denen sich Sklaven in erster Linie auf freie Vorfahren beriefen. Außerdem gab es Prozesse, in denen Kläger besonders „technisch“ vorgingen, indem sie sich zum Beispiel auf ein Importgesetz beriefen, das ihnen unter bestimmten Bedingungen zur Freiheit verhelfen konnte. Besonders im Zusammenhang mit der Amerikanischen Revolution kam es aber auch zu Freiheitsprozessen, in denen sich Unfreie auf abstrakte Prinzipien beriefen und vor allem religiöse und menschenrechtliche Prinzipien vorbrachten, um frei zu kommen. Das „all men are created equal“ der Unabhängigkeitserklärung wurde von der unfreien Bevölkerung also durchaus aufgenommen und als Chance für die eigene Freiheit begriffen.

"Ich habe mich besonders für die Schicksale von unfreien Frauen interessiert"

L.I.S.A.: Haben Sie ein konkretes Beispiel für den Freiheitsprozess eines Sklaven? Wer hat die Verteidigung übernommen? Waren die ehemaligen Sklaven nach erfolgreichem Prozess tatsächlich frei?

Dr. Retzlaff: Aus den Akten gehen nicht nur die rechtlichen Manöver hervor, die vor Gericht relevant waren, sondern sie gewähren vor allem Einblicke in die Lebenswelt von Sklaven und berichten darüber, wie es zu den Prozessen kam. Ich habe mich besonders für die Schicksale von unfreien Frauen interessiert – sie standen in der Machtstruktur noch unter den männlichen Sklaven und mussten enorme Widrigkeiten überwinden, um überhaupt eine Klage einreichen zu können. War die Freiheit aber vor Gericht einmal festgestellt, konnten die Kläger als freie Menschen leben – auch wenn die Gefahr einer Wiederversklavung, je nach Ort und Zeit, durchaus existierte.

Eine besonders tragische Geschichte ist die von Phene Phillips: Die Akten zu ihrem Fall geben Auskunft, dass sie aus Newburyport in Massachusetts stammte und dort bei der Witwe Sarah Weed als Sklavin lebte – zu Unrecht, wie sich herausstellte, denn Phenes Mutter war für ihr gutes Benehmen – „by her good behaviour“ – mit der Freiheit belohnt worden und hatte Phene als freie Frau geboren. Phene hatte also ein starkes Argument für ihre Freiheit vor Gericht. Wahrscheinlich wusste sie von ihrer „freien Geburt“, war sich aber nicht bewusst, wie sie sich rechtlich wehren konnte. Ihre Sklavenhalterin Sarah Weed beschwerte sich zunehmend über Phenes Verhalten, ihr „ungovernable temper“, und verkaufte sie schließlich in den Süden. Es ist durchaus möglich, dass sich Weed der drohenden Gefahr, die von Phene ausging, bewusst wurde, denn bei einem erfolgreichen Freiheitsprozess verloren Sklavenbesitzer sehr wertvolles Eigentum. Sie versuchten also häufig, sich durch einen Weiterverkauf rechtzeitig dagegen zu schützen.

In der fremden Umgebung hatte Phene wenig Möglichkeiten, sich für ihre Freiheit einzusetzen, denn sie brauchte vor Gericht aussagekräftige Dokumente oder Zeugenaussagen, die ihre freie Geburt bestätigten. Zwei Verkäufe musste sie über sich ergehen lassen, bis sie für längere Zeit bei einem Besitzer in Norfolk, Virginia, lebte. Im Jahr 1795, ungefähr zwanzig Jahre, nachdem Phene von Sarah Weed verkauft worden war, kam es zu einem schicksalsreichen Zusammentreffen, das in den Quellen detailliert beleuchtet wird: Abraham Mace aus Newburyport, Massachusetts, befand sich auf der Durchreise, als er in Virginia, einer Frau begegnete, die ihm bekannt vorkam. Er beobachtete sie eine Weile und rief dann ihren vermeintlichen Namen, um zu prüfen, ob es sich tatsächlich um Phene handelte. Auf seinen Ruf drehte sich die Frau um und erkannte Abraham Mace als Nachbarn aus ihrer Heimat Newburyport. Mace berichtete ihr, dass sie in ihrer Heimat bereits als tot gelte und sicherte ihr seine Unterstützung zu.

Kurze Zeit später gelang es Phene, sich vor Gericht auf ihre freie Geburt zu berufen – in der Akte finden sich detaillierte Zeugenaussagen, die Phenes Freiheit bestätigen, darunter auch die Aussage von Abraham Mace. Phene klagte „in forma pauperis“, ihr wurde also als Mittellose ein Rechtsbeistand zur Seite gestellt. Phenes Kampf vor Gericht wurde aber immer wieder verzögert, durch Unterbrechungen und Berufungen zog sich das Verfahren bis ins Jahr 1801. Nach dem Urteil des Gerichts in Norfolk erklärte auch der nächsthöhere District Court, dass Phene eine freie Frau sei. Als die Sklavenhalter daraufhin ein weiteres Mal in Berufung gingen, kam für Phene das Urteil zu spät: Sie verstarb, bevor das Gericht ihre Freiheit erklären konnte. Nicht nur für sie selbst, auch für ihre Kinder war die Verzögerung des Verfahrens eine Tragödie, denn durch einen Erfolg vor Gericht wären auch sie frei gekommen.

"Häufig werden Freiheitsprozesse lediglich im Licht des Abolitionismus gesehen"

L.I.S.A.: Welche Auswirkungen hatten die Freiheitsprozesse auf die Sklaverei in Nordamerika – sowohl auf die Sklavenhalter als auch auf die Sklaven? Ist darin ein Vorläufer des Abolitionismus zu erkennen?

Dr. Retzlaff: Einzelne Freiheitsprozesse konnten – je nach Ort und Zeit – enorme Auswirkungen haben. Die Berufung auf eine freie Vorfahrin, mit der auch Phene vor Gericht argumentiert hatte, war beispielsweise in Maryland in den 1780er Jahren eine sehr häufig gebrauchte Argumentation vor Gericht. Tatsächlich beriefen sich hier ganze Familienclans auf eine einzige freie Vorfahrin – dutzende Familienmitglieder gründeten ihre Freiheit auf eine freie Frau namens Nell Butler, die Generationen früher im 17. Jahrhundert gelebt hatte. Als die Freiheit dieser Vorfahrin tatsächlich rechtlich etabliert war, drängten immer mehr – echte und vermeintliche – Nachfahren vor Gericht, um auf dieser Weise freizukommen. Vielen gelang das auch – und natürlich erfuhren durch diesen Aufruhr auch viele andere Unfreie von der Möglichkeit, der Sklaverei auf diese Weise zu entkommen. Auch die Sklavenhalter waren durch diese „Familienprozesse“ verunsichert, einige verloren in einem einzigen Prozess gleich mehrere Sklaven, was einem enormen finanziellen Verlust gleichkam.

Nach der Amerikanischen Revolution, als die Menschenrechte in Massachusetts schon deklariert worden waren, kam es zu einem der bekanntesten „Freedom Suits“ des 18. Jahrhunderts: Dort klagte die Unfreie Mum Bett gegen ihren Besitzer John Ashley, indem sie sich auf die Menschenrechte berief. Dieser beharrte auf seinem Recht auf Eigentum: Er hatte die Sklavin gekauft und einen rechtmäßigen Kaufvertrag als Beweis. Mum Betts Anwälte hielten jedoch an der Argumentation fest, dass die Sklaverei nicht mit der Verfassung von Massachusetts vereinbar sei. 1781 gab das Gericht dieser Begründung recht und Mum Bett war eine freie Frau. Ihr Prozess wurde zum Präzedenzfall und zog weitere wichtige Prozesse nach sich, die die rechtliche Lage in Massachusetts veränderten. Auch wenn das Urteil keine explizite Richtlinie hinsichtlich der Sklaverei vorzugeben schien, gab das Gericht Sklavenhaltern in Massachusetts mit dem Urteil zu verstehen, dass es ihr Besitzrecht an menschlichem Eigentum nicht länger schützen würde.

Häufig werden Freiheitsprozesse lediglich im Licht des erstarkenden Abolitionismus gesehen. Diese Perspektive ist meiner Ansicht nach aber zu einseitig: Sie lässt sämtliche Fälle außer Acht, die sich ereigneten, bevor diese Bewegung relevant wurde. Außerdem gab es auch dort Freiheitsprozesse, wo die Pro-Sklaverei-Lobby viel stärker war als die abolitionistische Bewegung. Ich finde die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts gerade deshalb interessant, weil die Arbeit weißer und schwarzer Abolitionisten immer bedeutender wurde und die Anti-Sklaverei-Bewegung in die Betrachtung von Freiheitsprozessen einbezogen werden muss. Sie sollte aber nicht als einziger ausschlaggebender Faktor bei den „freedom suits“ gewertet werden, das würde den Freiheitsklägern letztendlich nicht gerecht werden.

Dr. Carolin Retzlaff hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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