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Georgios Chatzoudis | 29.03.2016 | 15429 Aufrufe | Interviews

"Kapitalismus und Sozialismus in ihrer Reinform vermeiden"

Interview mit Hans Frambach über die Sozialenzykliken des Vatikans

In seinem Apostolischen Schreiben Evangelii Gaudium vom November 2013 hat sich Papst Franziskus explizit zur Wirtschaft geäußert. So heißt es beispielsweise im zweiten Kapitel des Schreibens: "[Wir] müssen heute ein 'Nein zu einer Wirtschaft der Ausschließung und der Disparität der Einkommen' sagen. Diese Wirtschaft tötet." Damit steht der amtierende Papst in einer längeren Tradition des Vatikans, der sich seit dem Aufkommen des Kapitalismus im 19. Jahrhundert mit den Auswüchsen dieser Wirtschaftsordnung auseinandersetzt. Ausdruck dieser Kritik sind die Sozialenzykliken, in der die Päpste Stellung zur sogenannten Sozialen Frage nehmen und eine Abmilderung von Ungleichheit und sozialer Missstände einfordern. Die Ökonomen Prof. Dr. Hans Frambach und Dr. Daniel Eissrich bezeichnen in ihrer aktuellen Publikation diese Position als den dritten Weg der Päpste. Wir haben Prof. Frambach dazu unsere Fragen gestellt.

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"Der dritte Weg der Päpste baut letztlich auf eine Marktwirtschaft"

L.I.S.A.: Herr Professor Frambach, gemeinsam mit Dr. Daniel Eissrich haben Sie eine Studie über die Wirtschaftsideen des Vatikans vorgelegt, unter dem Titel „Der dritte Weg der Päpste“. Da klingt natürlich gleich der bekannte dritte Weg zwischen Kapitalismus und Sozialismus an. Um was geht es Ihnen genau? Was macht den dritten Weg der Päpste aus?

Prof. Frambach: In der Tat, beim „dritten Weg der Päpste“ ist ein Mittelweg zwischen Kapitalismus und Sozialismus gemeint, den die Päpste seit ihrer ersten Sozialenzyklika im Jahre 1891 aufzeigen und im Sinne einer besseren, das heißt gerechteren und menschlicheren Welt zu beschreiten vorschlagen. Daniel Eissrich und ich haben in unserem Buch nachzuzeichnen versucht, inwieweit die Päpste angesichts der sich verändernden Welt mit ihren sich wandelnden Gesellschaften und Problemen, sich diesen angenommen und darauf reagiert haben. Dabei haben wir sowohl die realen Ereignisse als auch das, was die Ökonomen jeweils zu den Veränderungen zu sagen hatten, aufgenommen und die Auswirkungen auf die Sozialenzykliken erfasst. Wir haben unter anderem festgestellt, dass mit den Sozialenzykliken regelmäßig – wenngleich auch manchmal zeitverzögert – zu den großen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Problemen Stellung bezogen wurde, sich die Art und Weise der Stellungnahme jedoch stark verändert hat, die Werte jedoch, auf die sich die Aussagen in nunmehr 125 Jahren Sozialenzykliken beziehen, die gleichen geblieben sind.

Bei der genauen Verortung des dritten Wegs der Päpste zwischen Kapitalismus und Sozialismus geht es nun darum, diese beiden letzteren Wege in ihrer jeweiligen Reinform zu vermeiden, ihre guten Seiten jedoch zu bewahren und zu einem begehbaren Mittelweg aufzubereiten. Am Kapitalismus wird die Leistungsfähigkeit einer auf dem Wettbewerbs- und Preismechanismus fußenden ökonomischen Ordnung befürwortet, die in der Lage ist, die Menschen in ausreichendem Maß mit Gütern und Dienstleistungen zu versorgen, auch wird die Wahrung der menschlichen Freiheit und der persönlichen Initiative gewürdigt. Strikt abgelehnt werden die negativen Seiten des Kapitalismus, die dann auftauchen, wenn Menschen ungehemmt, rücksichtslos und ohne Einhaltung von Regeln lediglich ihre Interessen verfolgen und wirtschaftliche Macht entsteht, die sie in die Lage versetzt, andere vom Markt auszuschließen und in einer unwürdigen Weise auszunutzen. Am Sozialismus wird dessen Ziel der Herstellung einer möglichst umfassenden Gerechtigkeit für alle Menschen befürwortet, jedoch die Realitätsferne von grundlegenden Bedingungen bemängelt, wie die Einschränkung von Privateigentum, die teilweisen Sozialisierungsforderungen von Produktivvermögen oder etwa die Unmöglichkeit einer zentralen Planung und Steuerung der gesamten Ökonomie durch staatliche Instanzen. Der dritte Weg der Päpste baut letztlich auf eine Marktwirtschaft, in der es jedoch klare, für die Individuen verbindliche Werte geben muss, die menschliche Gier verurteilt wird und der Einzelne mit Blick auf die Umwelt und seine Mitmenschen rücksichtsvoll und durch praktisch ausgeübte Nächstenliebe handeln soll. 

"Den dritten Weg der Päpste ist eine Orientierungshilfe für politische Programme"

L.I.S.A.: Denkt man an den dritten Weg zwischen Kapitalismus und Sozialismus und fügt dem Gedanken noch die katholische Kirche bei, landet man gleich bei der katholischen Soziallehre. Inwieweit deckt sich diese mit dem dritten Weg der Päpste?

Prof. Frambach: Die katholische Soziallehre, in der es um das Gemeinwohl der Menschen insbesondere entlang der Prinzipien von Personalität, Subsidiarität und Solidarität geht, wurde mit der ersten Sozialenzyklika, Rerum novarum (1891), grundlegend ausgestaltet, indem sich die Kirche zu den schreienden gesellschaftlichen Problemen, die durch Massenarbeitslosigkeit und Massenverelendung der Arbeiterschaft infolge der industriellen Revolution entstanden waren, kritisch und eindeutig positionierte. Insofern ist die katholische Soziallehre in den Sozialenzykliken und dem dort beschrittenen dritten Weg geradezu manifestiert.  

L.I.S.A.: Als Korrektiv zu kapitalistischen Auswüchsen konkurrierte der dritte Weg der Päpste mit anderen kapitalismuskritischen politischen Ansätzen – beispielsweise mit denen sozialistischer, sozialdemokratischer und auch christlicher Parteien sowie mit gewerkschaftlichen Ansätzen. Welchen Stellenwert messen Sie in diesem Gefüge dem Wirken der Päpste bei?

Prof. Frambach: Seit jeher haben sich die Autoren der Sozialenzykliken mit den verschiedenen Ansätzen zur Ausgestaltung von Wirtschaftsordnungen auseinandergesetzt und sich auch deutlich von diesen abgegrenzt und sicherlich auch verbindende Elemente herausgestellt. Dabei ist zu beachten, dass es sich beim dritten Weg der Päpste streng genommen um eine Fiktion im Sinne eines anzustrebenden Ideales handelt, das zu erreichen sich lohnt. Während Aussagen und Forderungen von Vertretern politischer Parteien, der Wirtschaft, Tarifpartnern, Verbänden etc. vor allem durch hohe tagespolitische Relevanz und einen starken Konkretheitsgehalt geprägt sind (oftmals aber auch in großem Maße interessengleitet), zeichnen sie die Sozialenzykliken durch einen starken appellierenden, mahnenden und empfehlenden Charakter aus. Die Päpste argumentieren auf Basis eines uralten Fundaments von Wertvorstellungen, weshalb die Betonung von Modethemen und die Ausrichtung an kurzfristigen Schwankungen in der öffentlichen Meinung, wie sie in der Politik vielfach anzutreffen sind, ausbleiben. Weltweit gesehen erreichen die Päpste natürlich einen riesigen Zuhörerkreis, wirken damit eher meinungsbildend als direkt tagespolitisch.

Den dritten Weg der Päpste betrachten Daniel Eissrich und ich gerade aufgrund seiner Gebundenheit an kaum hinterfragbare Werte eher als Orientierungshilfe für politische Programme, und insofern messen wir den Aussagen der Sozialenzykliken eine durchaus bedeutende Wirkung bei.  

"Aus dem täglichen Wirtschaftsleben kaum mehr hinwegzudenken"

L.I.S.A.: Sie betrachten in Ihrer Studie einen Zeitraum von fast 150 Jahren – von der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis zur Gegenwart. In dieser Zeit gab es zahlreiche Sozialenzykliken - angefangen mit der ersten Sozialenzyklika Rerum novarum von 1891 - die als Korrektiv für die durch den Kapitalismus bedingte soziale Verwerfungen wirken sollten. Wie wirksam waren sie tatsächlich? Was konnten sie erreichen?

Prof. Frambach: Viele in den Sozialenzykliken enthaltene Visionen und Forderungen, die noch in ihrer Zeit vielleicht unrealistisch gewirkt haben, sind später in das Alltagsleben eingegangen und aus dem täglichen Wirtschaftsleben kaum mehr hinwegzudenken. So etwa die in Rerum novarum geäußerte Fiktion der Ersparnisbildung bei großen Teilen der Arbeiterschaft oder der Appell für friedliche und konstruktive Lohnverhandlungen. Als nachgewiesen gilt der Einfluss, den Sozialenzykliken auf die Entwicklung der Sozial- und Wirtschaftspolitik vieler Länder genommen haben. Allen voran das in der im Jahre 1931 veröffentlichten Sozialenzyklika Quadragesimo anno verbreitete Prinzip der Subsidiarität, das sich selbst in den Maastrichter Verträgen findet und damit einen Grundpfeiler der EU-Politik bildet (oder bilden sollte), oder der Einfluss auf die Herausbildung und Ausgestaltung der sozialen Marktwirtschaft. Darüber hinaus werden Kernbotschaften der Sozialenzykliken auch vielen Millionen Katholiken vermittelt, so dass eine weite Verbreitung sichergestellt ist. Vor diesem Hintergrund kann den Enzykliken eine erhebliche Wirkung kaum abgesprochen werden. 

"Sozialenzykliken geübt und sie als 'spirituelles Opium' bezeichnet"

L.I.S.A.: Wie schauen die Wissenschaften auf die Sozialenzykliken? Wie bewerten Sozialökonomen, Wirtschaftsethiker und Volkswirtschaftler den dritten Weg der Päpste?

Prof. Frambach: Meist werden die Sozialenzykliken positiv aufgenommen, da sie sich in aller Regel gegen unbestreitbare Missstände richten. Wer will gegen Bemühungen um den Frieden in der Welt, den Schutz der Schwachen, die Verschmutzung der Umwelt usw. auch ernsthaft etwas vorbringen. So hatte etwa Papst Franziskus‘ Sozialenzyklika Laudato si‘ (2015) eine ungeheuer breite positive öffentliche Resonanz erfahren.

Kritiker finden sich allerdings oftmals in Bezug auf die in den Enzykliken vorgeschlagenen Lösungen. So erschienen beispielsweise in verschiedenen Ausgaben der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) im Sommer vergangenen Jahres eine Zahl kritischer Stellungnahmen zu Laudato si‘. Aber auch vor Jahrzehnten hatte der weltbekannte Wirtschaftswissenschaftler Frank Knight Kritik an den Sozialenzykliken geübt und sie als „spirituelles Opium“ bezeichnet, da er ihnen kein wirkliches Lösungspotential zutraute.

Gerade seitens Vertretern der Wirtschaftsethik und der Sozialökonomie und den an diesen Wissenschaftsdisziplinen interessierten Volkswirten wird den Sozialenzykliken in der Regel großen positives Interesse zuteil, was kritische Positionierungen zu Detailfragen und Lösungen sicherlich nicht ausschließt.

Prof. Dr. Hans Frambach hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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