Login

Registrieren
merken
Björn Schmidt | 26.04.2016 | 2570 Aufrufe | 1 | Interviews

"Die Kalorie ermöglichte eine neue Form der Selbstführung"

Interview mit Nina Mackert zur Geschichte der Kalorie

In Zeiten von Fitness-Trackern und Gesundheits-Apps scheint der Wille zur Selbstoptimierung heute allgegenwärtig. Die Kalorie spielt dabei eine wichtige und selbstverständliche Rolle – doch das war nicht immer so. Es lohnt sich daher, den historischen Blick auf die "Erfindung" der Kalorie und den Ursprung des Kalorienzählens ab Ende des 19. Jahrhunderts zu richten. Welchen Effekt hatte die Kalorie auf das Verhältnis der Menschen zu Ernährung und Gesundheit? In welche sozialen und kulturellen Entwicklungen war der Siegeszug der Kalorie eingebettet? Dr. Nina Mackert von der Universität Erfurt beschäftigt sich mit diesen Fragen in Bezug auf die U.S.-amerikanische Geschichte. Wir haben sie dazu in unserem Interview befragt.

(l.): Dr. Nina Mackert; (r.): "100-Calorie Portions of a Few Familiar Foods" (ca. 1927)

Google Maps

"Körperfett schien auf einen Mangel an Selbstkontrolle hinzuweisen"

L.I.S.A.: Frau Dr. Mackert, Sie beschäftigen sich mit der Geschichte der Kalorie in den USA. Die Kalorie wurde Ende des 19. Jahrhunderts „erfunden“ – zu einer Zeit also, in der Übergewicht nicht länger als Symbol für Wohlstand wahrgenommen wurde, sondern als gesundheitliches Problem. Was war der gesellschaftliche Hintergrund dieses Wandels und welche Rolle spielte dabei die Kalorie?

Dr. Mackert: Zunächst zur Erfindung der Nahrungskalorie: In den 1890er Jahren schickte der Chemiker Wilbur Atwater einen seiner Studenten in eine raumfüllende Box aus Holz und Kupferrohren, die er in einem Labor in Middletown, Connecticut, aufgebaut hatte. Atwater und sein Team baten diese Testperson dann, abwechselnd Gewichte zu stemmen und zu lesen. Zu essen gab es genau abgemessene Portionen Brot, Bohnen, Steak, Milch und Kartoffelpüree. Und während der Student Hanteln stemmte, las und aß, beobachteten ihn die Forscher durch ein dreifach verglastes Fenster und maßen genau, was er an Wärme, Kohlendioxid und Ausscheidungen produzierte. Anhand dieser Experimente bestimmten sie die Menge der Kalorien, die die Nahrung hatte und die ein Körper brauchte, um bestimmte Tätigkeiten auszuführen. Die Box, Sie ahnen es, war der erste Kalorimeter in den USA, mit dem der Verbrennungsprozess von Nahrung anhand des menschlichen Körpers gemessen werden konnte.

Der menschliche Körper stand schon seit einiger Zeit mehr und mehr im Mittelpunkt des Interesses neu entstandener Wissenschaften wie Physiologie und Ernährungswissenschaft, die ihn zu vermessen und zu optimieren suchten. Die Dekaden um 1900 waren in vielerlei Hinsicht eine Umbruchszeit und geprägt von dem Streben nach einer Steigerung von Effizienz in nahezu allen gesellschaftlichen Bereichen und mit besonderer Hilfe der Wissenschaften.

In diesem Klima vollzog sich ein Wandel in der Bedeutung von dem, was als „Übergewicht“ wahrgenommen wurde. Vorher wurde es freilich auch schon thematisiert, es galt aber nicht als das große Problem für Gesundheit und Fitness, sondern stand für Wohlstand und das Privileg, keine körperlich schwere Arbeit verrichten zu müssen. Im frühen 20. Jahrhundert dagegen verstanden viele Körperfett als modernes Problem der neu entstandenen Mittelklasse, die körperlich nicht mehr so hart arbeiten musste, aber noch nicht ganz an den neuen Wohlstand gewöhnt war – sich also beim Essen vermeintlich nicht zurückhalten konnte. Während Selbstkontrolle als besonders wichtiger Wert in den modernen USA galt, schien Körperfett auf einen Mangel an dieser Selbstkontrolle hinzuweisen. Die Kalorie spielte eine große Rolle dabei, diesen Wandel zu stabilisieren. Sie versprach, eine genaue Vergleichbarkeit von Nahrungsmitteln zu gewährleisten und das Verhältnis von Nahrungsinput und körperlichem Output und auch von Ernährung und Gesundheit berechenbar und steuerbar zu machen. 

"Subject Reading in Respiration Calorimeter"

"Die Kalorie trug dazu bei, ein körperliches 'Normalgewicht' festzulegen"

L.I.S.A.: Die Kalorie veränderte also das Verhältnis der Menschen zur Ernährung. Inwieweit trug die durch die Kalorie ermöglichte Mess- und Vergleichbarkeit dazu bei, gesellschaftliche Normen der Gesundheit und des Körpers herzustellen? Welche Rolle spielen im U.S.-amerikanischen Kontext Kategorien wie Gender und „Rasse“?

Dr. Mackert: Ein ähnlicher Apparat wie der Kalorimeter war vorher schon einmal eingesetzt worden, um die Effizienz von Maschinen zu ermitteln. Dass nun die menschliche Verbrennung von Nahrung damit gemessen wurde, zeigt, dass Kalorie auf dem zeitgenössischen Modell vom „menschlichen Motor“ beruhte, der Nahrung in Arbeit umwandelte. Mit den Daten der Kalorienforschung entstanden höchst standardisierte Kalorientabellen, die präzise Auskunft darüber zu geben schienen, welche Speisen wie viele Kalorien hatten und wie hoch der Kalorienbedarf unterschiedlich schwer arbeitender Körper war. Unter anderem Nahrungsbedarf und Körpergewicht entstanden hier als kalkulierbare und mithin bearbeitbare Normen.

Dieses Modell setzte aber einen männlichen Körper als Norm: Die ersten zehn Jahre lang etwa wurden nur Experimente mit männlichen Körpern gemacht. Und während dieser Zeit und auch danach setzte man einen männlichen Kalorienbedarf als Standard fest, von dem der weibliche dann arbiträr mit 80 % des männlichen festgelegt wurde – unabhängig von der Frage der körperlichen Arbeit. Insgesamt ist es bemerkenswert, wie die Kalorie eine Entwicklung katalysierte, ein körperliches „Normalgewicht“ und einen bestimmten Kalorienbedarf festzulegen.

Das zeigt schon, dass die Kalorie keine Einheit ist, die unabhängig von zeitgenössischen Geschlechter- und „Rassen“vorstellungen Bedeutung gewann; im Gegenteil! Die Auseinandersetzungen um Körperfett und Kalorien fanden in einer zutiefst rassistischen Gesellschaft statt, in der weiße Amerikaner_innen immer wieder bemüht waren, die Grenzen von race festzusetzen und sich als überlegen zu inszenieren. Dabei standen gerade die Körper weißer Männer, vor allem weißer bürgerlicher Männer, im Vordergrund. Diese betrachtete man nämlich hegemonial als Trägergruppe zivilisatorischen Fortschritts, gleichzeitig schienen sie aber auch durch vielfältige Gefahren bedroht: durch die vermeintliche „Verweichlichung“ in der Moderne etwa ebenso wie durch schwarze und weibliche Emanzipationsbestrebungen. Zu Hochzeiten der Vorstellung vom „survival of the fittest“ waren viele davon überzeugt, am Körper eines Menschen ließe sich dessen gesellschaftlicher Status und zivilisatorische Fitness ablesen. Und so avancierten Diäten gerade in dieser Zeit zu Praktiken, die weiß und männlich kodiert waren und über die sich die eigene Selbstkontrolle demonstrieren ließ, die man Frauen nicht zutraute. Es gibt einen ganz hervorragenden Text von Katharina Vester dazu, in dem sie auch beschreibt, wie sich das im frühen 20. Jahrhundert änderte.

Dr. Wilbur Atwater

"Die Kalorie verlagerte die Verantwortung auf das Individuum"

L.I.S.A.: Allein die Tatsache, dass die Kalorie zur Effizienzmessung von Maschinen verwendet wurde, lässt schon erkennen, wie sehr sie im damaligen Optimierungsdenken verankert ist – ähnlich wie beispielsweise der Taylorismus. Mit der Kalorie wurde die Verpflegung von Bevölkerungsgruppen wie Arbeitern, Soldaten, Gefängnisinsassen etc. ermittelt. Sie arbeiten in diesem Zusammenhang mit Michel Foucaults Begriff der Biopolitik. Was ist in diesem Kontext darunter zu verstehen?

Dr. Mackert: Die Kalorie war produktiv – im Sinne produktiver Macht: Sie ermöglichte sowohl die Regierung der Bevölkerung als auch von Individuen – und sie bot eine Schnittstelle zwischen beidem.

Zwei Beispiele: Zum einen konnte sie dazu benutzt werden, Lohnpolitik zu betreiben. Atwaters Team führte auch Ernährungsstudien durch, etwa bei Familien der Arbeiterklasse in New York City. Dabei dokumentierten Forscher_innen die Ernährung von Familien über zehn Tage und bestimmten nicht nur den Kaloriengehalt der Speisen, sondern setzten diesen auch in Bezug zu deren Einkaufskosten. Wie viele Kalorien konnte die Familie für 25 Cent bekommen? Diese Untersuchung intervenierte freilich in zeitgenössische Kämpfe gegen Hunger und um Lohnerhöhungen! Mit dem Wissen der Kalorie argumentierte Atwater nun, dass Hunger eine Konsequenz nicht von zu niedrigen Löhnen, sondern von der falschen Auswahl von Lebensmitteln war. Statt teures Fleisch und grünes Gemüse zu kaufen, könnten Arbeiter_innen ihren Kalorienbedarf besser aus billigen Fleischsorten und Haferflocken decken und die Löhne müssten nicht erhöht werden. Hier betrieb die Kalorie sozusagen Lohndumping.

Zum anderen fungierte die Kalorie als Selbsttechnologie, die Individuen zunehmend zur Arbeit an sich aufforderte. Sie war Teil einer Entwicklung, in der sich Techniken des Messens und gerade auch des Selbstvermessens verbreiteten. Wie diese Techniken suggerierte die Kalorie eine eindeutige Verbindung von Ernährung, Gewicht und Gesundheit und verlagerte die Verantwortung dafür auf das Individuum. Kalorienratgeber porträtierten Körperfett zum Beispiel als Zeichen, dass ein Mensch sich wider besseren Wissens nicht um seine eigene Gesundheit und damit auch das Wohl des Kollektivs kümmerte. Eine Ärztin etwa, Lulu Hunt Peters, die 1918 einen der ersten auf der Kalorie basierende Diätratgeber herausbrachte, bezeichnete fatness deshalb als „unpatriotisch“ und als „Schande“ und forderte ihre Leser_innen auf, Dicke auf der Straße anzusprechen und auf das Kalorienzählen aufmerksam zu machen – was jene wohl auch bereitwillig getan haben, wie sie Peters schrieben. Dieses Beispiel zeigt auch, wie sich die Regulierung der Bevölkerung mit Selbstführung verschränkt, ohne dass das mit direktem Zwang oder Verboten einhergehen musste – und das ist für mein Projekt besonders interessant.

"Freiwilligkeit ist stets in diese Normen eingebunden."

L.I.S.A.: Selbst-Disziplinierung ohne Zwang – Welche Bedeutung hat dieser Aspekt genau?

Dr. Mackert: Eine Frage, die Felder wie die Körpergeschichte ganz besonders betreffen, ist ja diese: Wie operiert eine Ordnung, die darauf basiert, dass Menschen sich selbst disziplinieren und gemäß Normen von Gesundheit und Fitness führen? Das funktioniert ja nicht primär über Zwang, sondern in liberalen Ordnungen auch gerade über Freiwilligkeit – eine Freiwilligkeit, die aber stets eingebunden ist in diese Normen.

Die Geschichte der Kalorie lässt sich so verstehen. Das neue Wissen von Kalorien machte im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert eine neue Form der Selbstführung möglich – und obligat. Wie bereits gesagt, suggerierte die Kalorie, Ernährung und Gewichtsverlust oder -gewinn ließen sich genau messen. Die Ärztin Peters versprach Ihren Leser_innen, wenn Sie jeden Tag 1000 Kalorien einsparten, hätten Sie nach einem Jahr 96 Pfund weniger auf den Rippen. Attraktiv daran war aber nicht nur dieser sicher geglaubte Gewichtsverlust, sondern die gesellschaftliche Anerkennung, die mit dem Kalorienzählen einhergehen konnte. In zahlreichen Briefen, die Peters bekam, berichteten die Verfasser_innen stolz von ihrer Selbstdisziplin. Ich habe schon gesagt, dass Dicksein als Zeichen der Unfähigkeit eines Individuums verstanden wurde, sich selbst angemessen zu führen. Im Gegensatz dazu erlaubte das Kalorienzählen Menschen, sich als selbst-verantwortliche Individuen zu präsentieren, die mit den Freiheiten einer liberalen Gesellschaft umzugehen wussten. Damit wurden normative Anforderungen von Diäten und Schlankheit freilich auch stabilisiert. 

(l.): Cover. Lulu Peters: Diet and Health (1918), (r.): Illustration aus dem Buch, S. 78.

L.I.S.A.: Kalorienzählen, Selbstvermessung und -optimierung – in Zeiten, in denen viele Menschen Kalorienzähler, Schrittzähler etc. als Fitness-App immer dabei haben, sind diese Schlagworte aktueller denn je. Inwieweit ist ihre Studie auch eine „Geschichte der Gegenwart“?

Dr. Mackert: In hohem Maße! Mir geht es mit meinem Projekt auch darum, gegenwärtige Aushandlungen von Kalorien und Körperfett genealogisch zu verstehen, also ihre Spuren zu verfolgen und auch ihre Kontingenz aufzuzeigen. Ich finde es hochinteressant zum Beispiel, wie die Kalorie gegenwärtig als etwas gilt, was unpräzise und kaum verallgemeinerbar ist und dennoch als Quintessenz von Diätempfehlungen immer wieder auftaucht. Gerade auch vor dem Hintergrund von zeitgenössisch so allgegenwärtigen Deklamationen einer „obesity epidemic“, mit denen in den USA wieder einmal arme, nicht-weiße Bevölkerungsgruppen zum Problem gemacht werden, interessiert mich die Vermachtung von Essen und Ernährung. Wie haben sich die Vorstellungen entwickelt, dass so etwas wie Wiegen und Kalorienzählen eine Wahrheit über den Körper ausdrücken? Wie hat das Kalorienzählen seinen Weg in die körperlichen Routinen von Menschen genommen – und vor allem: Wo gab‘s da Reibungen und Brüche, wo hat das nicht funktioniert?

Mein Forschungsprojekt ist ja auch Teil eines größeren Verbundes, des von der VolkswagenStiftung geförderten Schlüsselthemenprojektes „Ernährung, Gesundheit und soziale Ordnung“. In unserem Projektverbund untersuchen wir diesen Nexus aus historischer, soziologischer und gesundheitswissenschaftlicher Perspektive mit Schwerpunkt auf Deutschland und den USA. Eines der soziologischen Teilprojekte, das von Tristan Dohnt, beschäftigt sich übrigens auch explizit mit dem „Quantified Self“ der Gegenwart. Und dann noch etwas Werbung in eigener Sache: Wir haben vor gut einem Jahr einen Blog gestartet, der sich interdisziplinär mit Essen, Ernährung und Körpern beschäftigt: www.foodfatnessfitness.com. Da freuen wir uns auch immer über Kommentare!

Dr. Nina Mackert hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

Kommentar

von Prof. Dr. Norbert Finzsch | 26.04.2016 | 12:07 Uhr
Was für ein kluges, geradezu ästhetisch schönes Projekt!

Kommentar erstellen

JRDNI8