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Georgios Chatzoudis | 10.12.2019 | 508 Aufrufe | Interviews

"Jede Irrlehre enthält auch Richtiges"

Interview mit Axel Stommel über vorherrschende und alternative Wirtschaftslehren

Die vorherrschende Wirtschaftslehre in Deutschland lautet verkürzt in etwa so: "Nicht mehr Geld ausgeben, als man hat. Schulden vermeiden, Kosten senken, Überschüsse erwirtschaften. Steuern so niedrig halten, wie möglich. Der Markt findet immer die besseren Lösungen." Die Wirtschaftsdaten des Landes scheinen diese Lehre zu bestätigen: Überschüsse, Schwarze Null, sinkende Arbeitslosigkeit - um nur ein paar ökonomische Indikatoren zu nennen, die gerne in Politik und Medien aufgezählt werden. Und trotzdem gibt es Zweifel an der herrschenden Theorie und Praxis. So zum Beispiel von dem Volkswirt und früheren Dozenten an der Fachhochschule für Wirtschaft in Berlin, Dr. Axel Stommel, der zuletzt ein Buch über die Grundlagen der Ökonomie veröffentlicht hat und darin die bestehende Wirtschaftslehre auf den Prüfstand stellt. Wir haben ihm dazu unsere Fragen gestellt.

"Hier entscheidet die ideologische Überzeugung, nicht die ökonomische Realität"

L.I.S.A.: Herr Dr. Stommel, Sie haben jüngst ein Buch mit dem Titel „Basics der Ökonomie“ veröffentlicht. Bereits auf dem Cover wird versprochen, herrschende Lehren auf den Prüfstand zu stellen. Das fordert natürlich zu folgender Frage heraus: Was ist denn die gegenwärtig herrschende Lehre? Und wer sind die Verfechter der herrschenden Lehre - insbesondere in den Wirtschaftswissenschaften?

Dr. Stommel: Die herrschende ist die klassische/neoklassische Lehre. In dieser Lehre lösen isolierte wirtschaftliche Akteure individuelle Optimierungsprobleme. Auf Märkten treten sie miteinander in Beziehung. Über die Preise transformieren die Märkte die individuellen Lösungen wie von „unsichtbarer Hand“ (Adam Smith) in gleichgewichtige, im kollektiven Interesse liegende Ergebnisse. Auf diesen Märkten gibt es keine Informationsmängel, keine Herrschaftsverhältnisse, keine Armen, keine Reichen; Staat und Gewerkschaften tauchen allenfalls als ärgerliche Störgrößen auf, als notorische, freilich immer seltsam stumme Störenfriede.

Eine strukturell, also grundsätzlich angelegte unzureichende Nachfrage kennt diese Lehre nicht; unausgesprochen hält sie am Say’schen Theorem fest, demzufolge sich jede Produktion ihre Nachfrage selber schafft. Verteilungsfragen sind ihr aus diesem Grund kein Thema. Vielmehr gilt dieser Theorie schon das bloße Bedenken von Verteilungsfragen als „reines Gift“, wie es einer ihrer führenden Vertreter, der Ökonomie-Nobelpreisträger Robert E. Lucas, in dankenswerter Klarheit formuliert hat.[1] Ähnliches gilt ihr für die Beschäftigung mit Krisen – es gebe „nichts Langweiligeres“, warnt Lucas in seiner Eigenschaft als Präsident der American Economic Association auf deren Jahrestagung und verkündet noch kurz vor der letzten globalen Krise von 2007ff. in seiner Eröffnungsrede triumphal: „Das zentrale Problem der Vermeidung von Depressionen ist gelöst“.[2] 

Statt sich also mit Verteilungsfragen und Krisen zu beschäftigen, gefällt sich die herrschende Lehre darin, formal ausgereifte, möglichst elegante mathematische Modelle höchster Komplexität zu schmieden, aus denen alsdann jedoch unvermittelt höchst konkrete wirtschaftspolitische Handlungsanweisungen, Maßnahmen und Prognosen abgeleitet werden. Dass ihre Maßnahmen nicht bzw. nicht in der prognostizierten Weise wirken, ignoriert sie großzügig; dem Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, volkstümlich „die fünf Wirtschaftsweisen“ genannt und durchweg mit Vertretern der herrschenden Lehre besetzt, war es vergönnt, die dazu passende, nachgerade kanonische Verfahrensregelung zu verkünden: Die „abgeleiteten Schlussfolgerungen für die Wirtschaftspolitik werden nicht schon dadurch hinfällig, dass sich die Prognose später nicht bestätigt hat.“[3]

Das heißt in letzter Konsequenz: Dieser Theorie ist die Realität nicht gewachsen; die Wirklichkeit kann ihr nichts anhaben, denn diese Wissenschaft steht über der Wirklichkeit (Hans Albert nannte das „Modellplatonismus“[4]). Wo immer die beiden, Theorie und Wirklichkeit, einander verfehlen, da liegt es an der Wirklichkeit, die sich in unverantwortlicher, undisziplinierter Weise nicht theoriekonform verhält. Hier entscheidet die ideologische Überzeugung, nicht die ökonomische Realität. In dieser Haltung degeneriert die herrschende, neoklassische Theorie zu einem „Glasperlenspiel“ (Hermann Hesse), d.h. zu einem hoch intellektuellen, strengen und komplizierten Regeln folgenden, durch und durch unkreativen Hantieren wohldotierter, abgeschotteter, elitärer Spezialisten mit ökonomischen Klischees nach Art des homo oeconomicus. Dass dabei mitunter trotzdem auch Brauchbares, Realitätsgerechtes ermittelt wird, gehört zum Spiel. Sonst nämlich wäre es zu leicht als bloße Ideologie, als einfach nur falsches Spiel zu durchschauen – schließlich enthält jede Irrlehre auch Richtiges; wie sonst könnte sie als Irrlehre bestehen? Das vereinzelte Brauchbare vom durchweg Ideologischen, laufend neu hervorgebrachten Unbrauchbaren zu unterscheiden, ist eine ständige Herausforderung.

Die herrschende Wirtschaftslehre wurde namentlich von Friedrich von Hayek als Gegenposition zum Keynesianismus gegen Mitte des vorigen Jahrhunderts entwickelt; seit den 1970er Jahren konnte sie sich nach und nach weltweit als herrschende Lehre durchsetzen. In den Vorlesungsverzeichnissen der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten und Institute dieser Welt findet man die lange Liste ihrer Vertreter. In der praktischen Wirtschaftspolitik sind sie dagegen grundsätzlich nicht anzutreffen. Auch das ist ein deutlicher Indikator für die praktische Untauglichkeit, ja die entrückte Wirklichkeitsferne der herrschenden Lehre. In Deutschland beispielsweise ist demgemäß seit Karl Schillers Tagen kein durch universitäre Berufung, Forschung oder Lehre ausgewiesener Ökonom mehr zum Bundeswirtschaftminister ernannt worden (stattdessen ein Müllermeister, ein Militär-Augenarzt, ein Landesweinbauminister, ein Deutschlehrer sowie zwei Juristen und eine Juristin, die Letztgenannten jeweils einmal mit, einmal ohne sowie einmal mit erschwindelter Doktorwürde, um es beim jüngsten, gefühlten halben Dutzend zu belassen).

"Das sollte seit Brünings Wirtschaftspolitik und Keynes‘ Wirtschaftstheorie be­kannt sein"

L.I.S.A.: Wenn man die Wirtschaftsnachrichten der vergangenen Jahre verfolgt, wenn man die Wirtschaftsseiten von Zeitungen und Magazinen der vergangenen Dekaden liest, wenn man die jüngere Wirtschafts-, Fiskal- und Finanzpolitik Deutschlands und der Europäischen Union betrachtet, kommt man auf folgende zugespitzte Formel: „Wenig Geld ausgeben, billig einkaufen, den Rest sparen. Denn: Geiz ist geil!“ Ist es das, was Sie in Ihrem Buch als Wirtschaften nach Art der Schwäbischen Hausfrau bezeichnen? Und: Was ist falsch daran? Deutschland scheint mit diesem Rezept doch sehr gut auszukommen?

Dr. Stommel: „Wenig ausgeben, billig einkaufen, sparen, sparen“ bzw. „auskommen mit dem, was wir zur Verfügung haben“, um die Worte unserer Kanzlerin zu bemühen: Ja, so lässt sich Austeritätspolitik bzw. – allgemeinverständlich – ein Wirtschaften nach dem Vorbild der Schwäbischen Hausfrau beschreiben. Der grundlegende Fehler in dieser Handlungsanweisung besteht darin, dass der Staat kein Privathaushalt ist und deshalb auch nicht wie ein Privathaushalt wirtschaften sollte. Im Privathaushalt nämlich sollen die Einnahmen die Ausgaben bestimmen: Einnahmen Aus­gaben. Den Grund kennt jeder: Der Privathaushalt beziehungsweise die Schwäbische Hausfrau müssten sich sonst verschulden. Das ist teuer und beschränkt die künftigen Ausgaben.

Im Staatshaushalt sollte es jedoch genau umgekehrt sein: Die Ausgaben bestimmen die Ein­nah­men: Einnahmen Ausgaben. Der Grund ist ebenfalls leicht einzusehen: Der Staat muss seine, d.h. die öffentlichen Aufgaben auf jeden Fall erfüllen, also grade auch in schlechten Zeiten – Infrastruktur, Bildung, Sicherheit und vieles mehr je nach Kassenlage geht nicht, das wäre kontraproduktiv. Wenn es schon wirtschaftlich bergab geht, darf man nicht auch noch die Infrastruktur, Bildung, Sicherheit hinterherschicken sowie dem Wirtschaftskreislauf weitere Mittel entziehen: „Dämpft der Staat die Nachfrage, sinkt die Wirtschaftsleistung – es sei denn, die Lücke wird durch etwas anderes geschlossen. So einfach ist das.“ (Joseph Stiglitz[5]) Wenn es schon bergab geht, gibt es, vom Staat abgesehen, nichts und niemanden, der bereit und in der Lage ist, Nachfragelücken zu schließen, erst recht nicht die zusätzliche Lücke, die ein Rückzug des Staates aufreißt. Deshalb gilt es genau umgekehrt, durch verstärkte staatliche Ausgaben in Infrastruktur, Bildung, Sicherheit und manches mehr dem Niedergang finanziell und materiell Einhalt zu gebieten und das Steuer herumzureißen.

„Wer zu hohe Ausgaben hat, soll einfach weniger ausgeben“: Dieser gern zitierte Lehrsatz der privaten Hauswirtschaft führt folglich nicht aus einer ökonomischen Krise heraus, sondern tiefer in die Krise hinein. Er weitet die ökonomische zu einer politisch-ökono­mischen Krise aus, macht aus der Wirtschafts- eine Staats- und Gesell­schaftskrise. Das sollte seit Brünings Wirtschaftspolitik und Keynes‘ Wirtschaftstheorie allgemein be­kannt sein. Stattdessen muss der Staat gegebenenfalls seine Einnahmen an die Ausgaben anpassen, insbesondere indem er die, die es zu tragen vermögen, die Vermögenden also, stärker besteuert. Um es zu unterstreichen: Staatliche und private Haushaltsführung unterscheiden sich folglich grundlegend; beim Staat bestimmen die Auf­gaben die Ausgaben, und die Ausgaben bestimmen seine Einnahmen. So sollte es jedenfalls sein.

Dass die Ausgaben die Einnahmen bestimmen, gilt beim Staat generell, also keineswegs nur in der Krise, sondern in schlechten wie in guten Zeiten gleichermaßen. Art und Umfang der öffentlichen Aufgaben ihrerseits werden von der Gesellschaft im Interesse des gemeinen Wohls bestimmt. Die öffentlichen Aufgaben wachsen mit zunehmender gesellschaftlicher Komplexität – Schule zum Beispiel, ist erst vor rund 200 Jahren zur öffentlichen Aufgabe geworden, und seitdem ist diese Aufgabe selber beständig gewachsen sowie immer komplexer, folglich immer aufwendiger geworden. Für die staatliche Verantwortung für die Stabilisierung des Wirtschaftskreislaufs gilt Ähnliches. Informationstechnologie beispielsweise und Umweltschutz sind Kinder unserer Tage; sie stellen dem Staat eine Vielzahl neuer, äußerst aufwändiger Aufgaben. Mit den Aufgaben wachsen beim Staat folglich die Ausgaben; in ihrem Gefolge wachsen die Einnahmen, die benötigt werden, um die Aufgaben zu erfüllen (so genanntes Wagnersches Gesetz der wachsenden Staatsquote[6]). Die Staatsaufgaben zu erfüllen aber heißt investieren - investieren in die Erfüllung der staatlichen Aufgaben.

Wer’s lässt, soll sagen: Wer nicht investiert, verliert. Unter dem Motto unseres kanzleramtlichen „Auskommen mit dem, was da ist“ wird Deutschland seit Jahren auf Verschleiß gefahren. Darin sind sich ausnahmsweise einmal alle einig, die sich näher mit dieser Frage beschäftigen. Die Infrastruktur zerfällt – Brücken zum Beispiel, Schulen, Polizei, Ordnungsämter, kommunale Behörden, die digitale Infrastruktur und manches mehr, um es bei Stichworten zu belassen. Besonders teuer wird es, wenn man erst einmal den Anschluss verpasst hat. Für den Staat gilt deshalb grundsätzlich: Über aufgabenbestimmte Steuern zu aufgabengerechter Steuerung – kurz: Mit Steuern steuern.

Mit etwas Abstand sieht man die Verhältnisse oftmals besser; im näheren Ausland wird unser andauerndes, tägliches Staatsversagen sehr wohl bemerkt. Unter der fetten Überschrift „Drittweltland Deutschland“ vermerkt die Basler Zeitung beispielsweise süffisant: „Die Schweiz täte gut daran, Deutschland künftig als Drittweltland einzustufen, insbesondere wenn es dort um Infrastruktur und Verkehrspolitik geht. Die Schweiz muss sich deshalb überlegen, ihr Entwicklungshilfebudget aufzustocken…“[7]

Und dann noch dies. Nur Reiche können sich einen armen Staat leisten; körperliche und soziale Sicherheit, leistungsfähige Kinderbetreuungs-, Bildungs- und Freizeiteinrichtungen, intakte Gesundheits-, Notdienste und Infrastrukturen, die für alle zugänglich sind, sind entscheidende Gründe dafür, dass die Menschen in Skandinavien regelmäßig als die am meisten entspannten, zufriedenen, die bestens mit ihren heimischen Gemeinschaften verbundenen, mit einem Wort: als die glücklichsten Gesellschaften dieser Welt abschneiden – allen Wettern und den schier endlosen nordischen Wintern zum Trotz. Eine vergleichsweise hohe, sozial abgestimmte Besteuerung nehmen sie dafür einsichtig in Kauf. Gute öffentliche Güter sind also Ursache für eine höchst bedeutsame Leistung: den sozialen Zusammenhalt und die Identifikation der Menschen mit Kommune, Staat und Gesellschaft.

„Wenig Geld ausgeben, sparen, sparen, Geiz ist geil“ ist also völlig verfehlt als Formel für eine die Zukunft sichernde Wirtschafts-, Fiskal- und Finanz-, Sozial- und Gesellschaftspolitik. Aktuelle wirtschaftliche Erfolge einzelner, durchweg kleinerer, vermögender gesellschaftlicher Gruppen dürfen darüber nicht hinwegtäuschen.

"Der Staat ist ein am Gemeinwohl orientierter ausgabendeckender Akteur"

L.I.S.A.: Wir haben in den letzten Jahren auch gelernt, dass „Schulden“ nicht nur ein ökonomischer Begriff ist, sondern nicht von ungefähr auch das Wort „Schuld“ in sich birgt, also moralisch aufgeladen ist. Nach herrschender Lehrmeinung sind Schulden schlecht und müssen zeitnah beglichen werden. Die Bundesrepublik hat sich entsprechend grundgesetzlich zu einer Schuldenbremse verpflichtet und sich der Politik der Schwarzen Null verschrieben. Es gab aber auch mal eine Zeit, in der Schulden nicht per se negativ konnotiert waren, sondern als Instrument für Investition in die Zukunft begriffen wurde. Was ist denn nun richtig?

Dr. Stommel: Gut, dass Sie diese Frage stellen. Denn damit sprechen Sie die andere Seite des Problems an. Nachdem es zuvor darum ging darzulegen, dass der Staat, da er kein Privathaushalt ist, auch nicht wie ein Privathaushalt wirtschaften sollte, geht es nun darum, dass der Staat auch kein produktives Unternehmen ist, folglich auch nicht wie ein Unternehmen wirtschaften darf. Tatsächlich ist der Staat etwas Eigenes, Eigenartiges; tertium datur/es gibt ein Drittes. Der Staat muss folglich nach eigenen Regeln rechnen und haushalten. Der Sachverhalt ist komplex und deshalb nur schwer in der gebotenen Kürze darzustellen. Trotzdem sei‘s versucht, allerdings nicht ohne auf die ausführliche Darstellung in meinen „Basics der Ökonomie“ hinzuweisen.[8]

Produktive Unternehmen wirtschaften zu Recht nicht nur mit Eigenkapital, sondern auch mit Fremdkapital, nehmen also Schulden auf. Das tun sie, weil eine weitgehende Interessenharmonie zwischen ihnen und ihren Gläubigern beim Umgang mit dem Kredit herrscht: Beide Seiten sind gleichermaßen an seinem möglichst profitablen Einsatz interessiert – der Kreditgeber ist zufrieden, wenn Rückzahlung und Verzinsung des Kredites vertragsgemäß erfolgen; das kreditnehmende Unternehmen ist zufrieden, wenn es über seine Kreditverpflichtungen hinausgehende, zusätzliche Gewinne aus der kreditfinanzierten Investition erwirtschaftet. Im Normalfall, d.h. sofern sie sich nicht verrechnet haben, rentiert sich das Kreditgeschäft daher für beide, Kreditgeber und Kreditnehmer, und zwar ohne dass sich daraus ein gefährliches Abhängigkeitsverhältnis zwischen Gläubiger und Schuldner entwickelt.  

Beim Staat und seinen Schulden ist das jedoch ganz anders. Der Staat wirtschaftet weder gewinnorientiert noch mit dem Ziel, einen möglichst hohen Haushaltsüberschuss zu generieren. Vielmehr ist der Staat in streng ökonomischer Betrachtung ein am Gemeinwohl orientierter kosten-, genauer: ausgabendeckender Akteur. Demgemäß ist es ihm gesetzlich, wenn nicht gar verfassungsrechtlich grundsätzlich verboten, Gewinne zu erwirtschaften. Dieses Feld soll er den Privaten überlassen, den privaten Wirtschaftsunternehmen soll und darf er nicht die Gewinnchancen wegnehmen, dies wäre unfaire Konkurrenz. Der Staat soll seinen Haushalt „ordentlich“ führen, d.h. Einnahmen in Höhe seiner Ausgaben erzielen, wie zuvor beschrieben. Aus diesem Grund darf der Staat regelmäßig keine Kredite zum Zwecke der Gewinnerzielung aufnehmen und einsetzen: Wohnungen und Brücken, Krankenhäuser und Schulen etwa baut bzw. betreibt der Staat gerade nicht zum Zwecke der Gewinnerzielung. Seine Kreditaufnahmen finanzieren sich folglich gerade nicht selber aus den kreditfinanzierten Investitionen. Sondern aus gesteuerter Umverteilung. D.h. der kreditfinanzierte Staat muss beständig sowie möglichst unmerklich umverteilen zugunsten seiner Kreditgeber, und zwar über Steuern und andere Wertströme.

Dabei gilt grundsätzlich: Der Schuldendienst ist die letzte Position im Staatshaushalt, die zur Disposition steht. Und damit es weitergeht, gilt: Kreditwürdigkeit, das internationale, privat organisierte „Rating“, ist das Erste, was gesichert werden muss. Die „Bedienung“ der Staatsgläubiger, der Zwang, ihr Vermögen zu schützen und zu mehren, gerät dabei zum hintergründigen, verdeckten A und O des Regierungshandelns – Rating über alles! Obwohl er es doch ist, der die Entwicklung steuern müsste, macht sich der Staat im Umfang seiner Kreditfinanzierung selber zum Gesteuerten. Wer steuert wen? Rolf E. Breuer, ehemaliger Vorstandsprecher der Deutschen Bank und aus den Kirch-Prozessen als Freund offener Worte gerichtsbekannt, spricht es gelassen aus: „Je höher die Staatsverschuldung, desto mehr sind die Staaten dem Urteil der Finanzmärkte ausgesetzt.“[9]

Die häufig vorgetragene Lehre, Kreditfinanzierung sei kein Problem, solange die Rate des wirtschaftlichen Wachstums höher ist als die Rate der Kreditzinsen, übersieht dagegen Wesentliches, insbesondere die mit der Verschuldung einhergehenden Umverteilungswirkungen und Dienstbarkeiten. Darauf kann an dieser Stelle aber ebenso wenig weiter eingegangen werden wie auf das Argument, der Staat müsse die Schuldnerposition übernehmen, weil die Unternehmen zunehmend ohne Fremdkapital wirtschaften. Dazu fehlt der Platz. Die so genannte Goldene Regel der Staatsfinanzierung ist dagegen sogar schon hier als verfehlt erkennbar. Gemäß dieser Regel kann, ja soll der Staat seine produktiven Investitionen aus Krediten finanzieren; lediglich seine konsumtiven Ausgaben soll  er aus Steuern decken. Das falsche Gold dieser Regel ist bereits daran unschwer zu erkennen, dass es ja grundsätzlich gar keine produktiven staatlichen Investitionen gibt, wie ausgeführt: Die Gehaltszahlung an Lehrer etwa ist so wenig konsumtiv, wie der Bau eines Schulgebäudes produktiv ist.

Es steht außer Frage, dass Verschuldung nicht die einzige Erklärung für die Indienstnahme des Staates durch mächtige Privatinteressen darstellt; die Beschäftigungsmacht der Unternehmer, personale Verflechtungen, Lobbyismus, Weltanschauungen, die neoklassische Wirtschaftslehre im Verein mit dem weit verbreiteten „ökonomischen Analphabetismus“ (Pierre Bourdieu) spielen dabei ebenfalls oftmals tragende Rollen. In diesem Ensemble spielt die Verschuldung indes eine herausragende, gleichwohl seltsam unterschätzte, wenn nicht übersehene Rolle. Denn nur Staatsverschuldung kann den Staatsbankrott zu Folge haben. Insoweit ist es daher völlig sachgerecht, Staatsschulden negativ zu  konnotieren, um die Formulierung Ihrer Frage aufzugreifen.

Aber es kommt ein großes Aber. Und zwar kommt es in Gestalt des John Maynard Keynes. Seine große Lehre lautet, dass der Staat um der sozioökonomischen Stabilität willen auch und gerade dann investieren muss, wenn immer die Wirtschaft vor bzw. in einer Krise steht; letztlich investiert der Staat in dieser Situation sogar in nichts anderes als in seine neue Aufgabe, die Sicherung des Wirtschaftskreislaufs als Voraussetzung für sozioökonomische Stabilität. Dabei gibt es jedoch ein Problem: Der Staat, zumal der demokratische, parlamentarische, kann nicht umgehend seine Steuereinnahmen akuten, konjunkturellen Ausgabenerfordernissen anpassen. Die erforderliche Anpassung der Einnahmen ist ein langwieriger sowie im tatsächlichen Umfang regelmäßig nur grob bestimmbarer Prozess. Trotzdem muss der Staat gesamtwirtschaftlich bedrohliche Nachfragelücken, wenn sie denn zu Tage treten, unverzüglich schließen, indem er als zusätzlicher Nachfrager auftritt und soviel zusätzliches Geld in den Wirtschaftskreislauf pumpt, wie benötigt wird, um die ausfallende Nachfrage der Privaten zu ersetzen. Dieses Geld muss der Staat sich folglich leihen (oder bei seiner Zentralbank „drucken“ und sich aushändigen lassen). Es ist also der Staat, dem in dieser und ähnlichen Situationen wie z.B. bei Naturkatastrophen mit einem entschiedenen deficit-spending der entscheidende „erste Schritt“ (Keynes[10]) zufällt; niemand sonst ist dazu in der Lage.

Alsdann, in einem späteren Schritt, möge der Staat sein verausgabtes Defizit vergleichsweise geruhsam refinanzieren, indem er beispielsweise jene Vermögen, die weder für Konsumzwecke verwendet noch produktiv investiert werden, sach- und leistungsfähigkeitsgerecht besteuert und zur Entschuldung bei seinen privaten Kreditgebern bzw. bei seiner Notenbank verwendet. Das ist klassisch-keynesianische, „antizyklische Konjunkturpolitik“; damit befreit der Staat, keynesianisch gesprochen, die Wirtschaft aus der „Liquiditätsfalle“ bzw. er „kuriert“, neokeynesianisch gesprochen, „die Sparwut“ (Robert Skidelsky); Werner Kamppeter bezeichnet diese Politik als „die Kunst (…), nicht den Konsum der privaten Haushalte, sondern ihre Ersparnisse zu senken und zum Staat umzuverteilen“.[11] Damit benennt Kamppeter freilich nichts anderes als die Kunst und den Charme einer sach- und leistungsfähigkeitsgerechten Besteuerung.

Allerdings hat dieser spätere Teil der antizyklischen Politik noch niemals funktioniert. Er setzt nämlich einen durchsetzungsfähigen, steuernden, keinen verschuldeten, gesteuerten Staat voraus. Dem Projekt „Der staatliche Schuldner bittet seine Kreditoren zur (Steuer-)Kasse“ ist deshalb ein ewiges Scheitern sicher.

Schuldenbremse bzw. Schwarze Null sind also, um Ihre Frage direkt zu beantworten, mit den beschriebenen keynesianischen Einschränkungen durchaus zu begrüßen, zumal die erforderlichen Einschränkungen zur Krisenbekämpfung in der Regel serienmäßig in die Bremsen bzw. Nullen eingebaut sind (so z. B. in Art. 115 Abs. 2 S. 2 GG). Notfalls können und müssen Einschränkungen aber auch noch nachträglich eingebaut bzw. angepasst werden, zum wirtschaftlichen Krisenfall kann der klimatische selbstverständlich hinzukommen. Aber weitere Einschränkungen bitte nur im Notfall, wohl gemerkt, nicht im Normalfall, nicht im Regelfall; Ausnahme und Regel, insbesondere konjunkturelle und strukturelle Gründe bitte unterscheiden!

Es ist ein grober, schwer verständlicher Denkfehler, Schuldenbremse und Schwarze Haushaltsnull mit Sparpolitik gleichzusetzen. Denn der ist unschwer zu erkennen – besagt die Schwarze Null doch lediglich, dass die staatlichen Einnahmen den Ausgaben entsprechen: E = A. Zur entscheidenden Frage, auf welchem Niveau der Ausgleich stattfindet, tief im Keller der Austeritätspolitik, auf einer der Entwicklung angemessenen Höhe oder in der dünnen, in Demokratien eh kaum mehr erreichbaren Luft gleichsam feudalistisch-verschwenderischer Staatswirtschaft: Zu dieser entscheidenden Frage sagen Schwarze Nullen und Schuldenbremsen rein gar nichts – der Ausgleich ist auf jedem erdenkbaren Niveau möglich. Indem sie andererseits für jede Steuersenkung eine entsprechende Ausgabensenkung als Gegenfinanzierung verlangen, verhindern Schwarze Null bzw. Schuldenbremse sogar unsinnige Steuersenkungen einschließlich der Versuchungen eines Steuersenkungswettbewerbs politischer Parteien in Wahlkampfzeiten. Das bremst. Für Einnahmeverbesserungen, sei es endlich aus ordentlichem Steuervollzug, sei es aus sach- und leistungsfähigkeitsgerechten Steuerarten und Steuersätzen, sind die Schuldenbremsen dagegen ohnehin ohne jede Einschränkung offen.

„Die Menschen draußen im Lande“, wie Helmut Kohl zu sagen pflegte, verhalten sich also durchaus sach- und interessengerecht, wenn sie sich hartnäckig weigern, die Botschaft von den „guten Staatsschulden“ anzunehmen, welche ihnen derzeit immer öfter Ökonomen und Politiker aufdrängen, darunter zuvorderst solche, die sich als dezidiert alternative, kritische Nebenstromler verstehen. Insbesondere spüren die besagten Menschen in ihrem Draußen, dass nicht sie es sind, denen ein schwacher, verschuldeter Staat zum Vorteil gereicht. Sie besitzen klare Vorstellungen von dem, was die Grundlage von Staat und Gesellschaft bildet: Arbeit und Rechtschaffenheit, Steuern und Beiträge. Schuldenmachen gehört nicht dazu. Ob privat oder beim Staat, spielt für sie keine Rolle. Schon Kurt Tucholsky hatte es schließlich bemerkt: „Das Volk versteht das meiste falsch, aber es fühlt das meiste richtig.“[12]

Selber ist mir übrigens nur ein einziger Ökonom bekannt, der die Zusammenhänge klar angesprochen hat. Es handelt sich um Tom Krebs. Er schreibt: „Progressive Politiker*innen, die eine scharfe Trennlinie zur konservativen Wirtschaftspolitik ziehen wollen, sollten sich deshalb ein anderes Gebiet als jenes der Staatsverschuldung suchen. Für einen solchen Vorstoß bietet sich etwa die Gerechtigkeit des Steuersystems an.“[13]

"Die Politik der EZB läuft auf den Versuch hinaus, Schwundgeld zu etablieren"

L.I.S.A.: Die öffentlichen Kassen vieler Länder und Staaten sind entweder leer oder befinden sich im Soll. Tatsächlich aber ist sehr viel Geld im Umlauf – insbesondere in der privaten Finanzwelt. Laut neueren Schätzungen beläuft sich die Summe aller auf der Welt verbuchten Geldwerte auf mehrere Billiarden Dollar. Das meiste davon ist reines Buchgeld und dient der Spekulation – anders als produktiv eingesetztes Geld. Der frühere Finanztheoretiker und Sozialreformer Silvio Gesell hat bereits im 19. Jahrhundert gefordert, dass Geld, das nicht verwendet, sondern nur geparkt wird, ein Verfallsdatum haben sollte, nach dessen Ablauf es einfach „oxidiere“. Der US-amerikanische Sozialwissenschaftler David Harvey meint, das sei in Zeiten elektronischen Geldes denkbarer denn je. Eine Idee, die die herrschende Lehre auf den Kopf stellen würde?

Dr. Stommel: Ja, Sie haben recht: Mit seinem „Freigeld“, von Otto Heym treffender „Schwundgeld“ genannt, wollte Silvio Gesell verhindern, dass Geld dem Umlauf entzogen, also nicht ausgegeben, gespart, „gehortet“ wurde. Darin sah Gesell, insofern dem zuvor erwähnten Neokeynesianer Skidelsky nicht unähnlich, die Ursache der Wirtschaftskrisen. Zu diesem Zweck sollte sein Geld im Zeitablauf kontinuierlich an Wert verlieren; wer dem Wertverfall entgehen will, muss sein Geld ständig unverzüglich gegen Ware oder Leistungen austauschen, muss also ständig unverzüglich kaufen (permanenter Schnellkaufzwang; wie und wodurch Gesell das Geld zum Schwinden bringen wollte, kann und braucht hier nicht zu interessieren).

Gesells Vorstellung aus dem 19. Jahrhundert hat in unseren Zeiten klammheimlich Anerkennung und Geltung gewonnen. Denn die Politik namentlich der Europäischen Zentralbank (EZB), die Zinsen auf maximal null Prozent zu drücken und zugleich eine Inflationsrate von (knapp unter) zwei Prozent zu etablieren, läuft auf den Versuch hinaus, eine milde, von den Bürgern zwar mürrisch, aber doch noch hinnehmbare Form von Schwundgeld zu etablieren. Bei Abschaffung des Bargeldes wird es sogar möglich, Negativzinsen beliebiger Höhe auf Guthaben zu erheben. Das ist dann Schwundgeld pur; es wird durchaus in maßgeblichen Kreisen diskutiert ([14]).

Das aktuell praktizierte, kleine Schwundgeld-Experiment verlangt von der EZB bereits einen hohen Einsatz, nämlich Monat für Monat gigantische Summen frisch „gedruckten“, frisch geschöpften Geldes in die Finanzmärkte zu drücken. Damit hofft sie, gleich „zwei auf einen Streich“ zu erledigen: die Inflation anzuregen sowie die Zinslast der hoch verschuldeten Euroländer tragbar zu halten, die Schuldentürme, den Euro vor dem Einsturz zu bewahren. Beides, der Gang zum „süßen Gift der Inflation“ (Werner Hofmann) sowie der Zwang zur Zinssenkung, sind, nebenbei bemerkt, weitere Gründe dafür, die zuvor erwähnte Rede von „guten Staatsschulden“ als gründlichen Fehler zu brandmarken.

Was schwindet bereits jetzt, d.h. im Zuge der doch noch so verhaltenen, milden Schwundgeld-Praxis? Zum Beispiel Sparguthaben, Alterssicherungen, bezahlbare Mieten. Und wohin entschwinden die Werte, wen oder was mästen sie? Aktienkurse, Immobilienvermögen, Firmen- und Finanzwerte, Rohstoffspekulationen. Die „Wirtschaftswoche“ konstatiert lapidar: „Vor allem die Vermögenden profitieren von den geldpolitisch aufgeblasenen Kursblasen.“[15] Ein paar Zahlen: Die Zahl der Millionäre hat sich im Schlepptau der EZB-Politik zwischen 2010 und 2019 wie folgt entwickelt:

      In Deutschland von 618 000    auf   2 187 000,

      in Frankreich    von 428 000    auf   2 071 000,

      in Italien            von 424 000    auf   1 496 000,

um es bei den großen Drei der Eurozone zu belassen.[16] Joseph Stiglitz beschreibt diesen Vorgang als „Vereinnahmung der Zentralbank durch den Finanzsektor“.[17] Die Folge: Die Reichen werden immer reicher und zahlreicher, die Armen dagegen werden nur eins davon: immer zahlreicher. Dabei freilich sind sie uneinholbare Spitze, lassen die Reichen weit hinter sich liegen.

Dieses soziale Auseinanderdriften ist brandgefährlich. Denn mit dem Schwundgeld und seiner skandalösen Verteilung schwindet auf Dauer noch etwas anderes, kaum Ersetzliches: das Vertrauen der vielen, ewigen Verlierer in die wirtschaftliche und gesellschaftliche Ordnung. Zweifellos gibt es weitere Gründe für den Vertrauensverlust. Aber sie werden in der Regel eher nachrangig sein. Jedenfalls erstarken schon jetzt allerorten autoritäre, teilweise offen faschistische Parteien – von den Wahren Finnen im Norden über unsere endemische AfD bis zur Goldenen Morgenröte im sonnigen Süden unseres schönen Kontinents. In Italien konnte die Lega sogar schon zeitweilig einer Zustimmung von 60 Prozent der Wählerinnen und Wähler erringen!

Die Schlussfolgerung ist ebenso kurz wie zwingend: Im Schwundgeld steckt Sprengstoff! Hände weg!

"Es gilt, das unhaltbare Nebeneinander von Ökonomie und Ökologie zu überwinden"

L.I.S.A.: Wenn Ihrer Meinung nach Gesells Idee vielleicht interessant, aber unbrauchbar und gar gefährlich ist, was müsste sich denn dann in der Wirtschaftspolitik ändern? Anders gefragt: Wenn Sie nach dem Prüfstand in Ihrem Buch zu dem Ergebnis kommen, dass die herrschende Lehre irrig ist, was schlagen Sie als Alternative vor? An welchen Stellschrauben würden Sie zuerst drehen?

Dr. Stommel: Bitte gestatten Sie mir, mich der gebotenen Kürze wegen auf zwei Punkte zu beschränken.

Punkt 1. Vordringlich gilt es meiner Meinung nach, die herrschende wirtschaftliche Ahnungslosigkeit zu überwinden. Diese Aufgabe verlangt mehr als das Drehen an einer Stellschraube. Sie ist vielmehr äußert ambitioniert, umfassend, nur langfristig möglich, trotzdem erstrangig. Denn „(w)er nichts weiß, muss alles glauben“, wie es schon Marie von Ebner-Eschenbach so treffend auf den Punkt gebracht hat. Wer aber ahnungslos alles glaubt, wer sich ein X für ein U vormachen lässt, der kann seine berechtigten Interessen nicht wahrnehmen. Das ist jedoch unverzichtbar, damit Politiker im gesellschaftlichen Interesse tätig werden. Politiker nämlich betrachten sich regelmäßig weniger als Treiber. Lieber suchen sie mehrheitlich den Weg des geringsten Widerstandes. Zum Jagen lassen sie sich deshalb gerne tragen; es ist ihnen in der Regel viel angenehmer, sich vom Willen der jeweils (Laut-)Stärkeren, Aktiven treiben zu lassen, mit ihnen übereinzustimmen. Ihr diesbezügliches Harmoniebedürfnis ist riesig. Und ja doch, tatsächlich, also auch objektiv benötigen sie gehörige Unterstützung aus der Gesellschaft, wenn sie etwas durchsetzen wollen. Die Reichen aber sind die Einflussreichen, und zwar von Hause aus, ohne sonderlichen Organisationsaufwand. Warum sollten sie ihren Einfluss nicht wahrnehmen? Damit auch die vielen Unvermögenden zum Zuge kommen, muss die Allgemeinheit fähig werden, die Grundzüge unseres Wirtschaftssystems, die Basics der Ökonomie zu verstehen. Nur dann können auch die vielen eher Unvermögenden ihre sozioökonomischen Interessen angemessen wahrnehmen. Mein jüngstes Buch, die „Basics der Ökonomie“, versteht sich als Beitrag zu diesem „Volksbildungsprogramm“.

In diesem Programm gebührt unserem Steuersystem eine Hauptrolle. Denn Regieren heißt Steuern, und eines der wichtigsten Steuerungsmittel sind die Steuern: Ohne Steuern ist kein Staat zu machen, ohne ausreichende Steuern keine sozioökonomische Steuerung, keine Wirtschaftspolitik; die so wichtige „makroökonomische Front“ (Stiglitz[18]) müsste aufgegeben werden. Das wäre schlimm, denn „nichts beeinflusst den Wohlstand einer Nation und ihrer Menschen stärker als die Wirtschaftspolitik“.[19] Wirtschaftspolitik aber ist zwar bei weitem nicht nur, aber eben doch elementar Steuerpolitik – nicht von ungefähr ist das Haushaltsrecht das Königsrecht des Parlaments.

Allerdings ist das System der Steuern ein hochdifferenziertes Gebilde. Trotzdem reden nachgerade alle, wenn sie denn überhaupt über Steuern reden, von „den“ Steuern. Das gilt erstaunlicherweise durchweg auch für die führenden Ökonomen, Politiker, Journalisten, auch Philosophen. Sie alle schmeißen also immer wieder alles in einen Topf, und das, obwohl sie doch alle durchweg immer nur an eine einzige denken, wenn sie über Steuern reden: an die Lohn- bzw. Einkommensteuer. Die macht rund 30 Prozent der Steuereinnahmen aus. Die Diskussion wird also, wenn überhaupt, auf Basis der Gleichung 30 Prozent sind 100 Prozent geführt, 30 = 100, ein Teil ist das Ganze. Ich habe das im Detail in meinen „Basics“ dargestellt. Hier gibt es also viel zu tun, zumal selbst die Wirtschaftswissenschaftler ungeachtet der satirischen Qualitäten, die so manche Steuerregelung besitzt, einen großen Bogen um das Steuerrecht zu machen pflegen – im Umgang mit den komplizierten, verschachtelten Steuerregeln, diesem Lebenselixier der Steuerberater und -anwälte, unterscheiden sich die Wissenschaftler nicht vom Rest der Bevölkerung.  

Im Übrigen hat die Feststellung des 32. Präsidenten der USA, Franklin D. Roosevelt, nichts an Aktualität verloren: „Steuern sind der Preis, den wir für eine zivilisierte Gesellschaft zahlen müssen.“ Dem Auseinanderdriften der Gesellschaft z.B. kann, wenn Steuern ausgeschlossen werden, nur über weniger zivilisierte Mittel Einhalt geboten werden, als da sind: Enteignung, Raub, Revolten, (Bürger-)Krieg, Migration und Völkerwanderung, Mord und Totschlag. Dann doch lieber Steuern, wie gesagt, nämlich Steuern vom eklatant überschüssigen privaten Reichtum hin zur Ertüchtigung des ordnenden und steuernden, den sozialen Ausgleich organisierenden Staates.

Diese Feststellung gilt sogar im Weltmaßstab. Steuern also sind – um auf Ihre Frage direkt zu antworten – Stellschrauben par excellence. Wer an ihnen drehen will, muss allerdings dafür Sorge tragen, dass sein Handeln auch verstanden wird. Allgemein verbreitete ökonomische Grundkenntnisse sind dafür eine Voraussetzung.

Punkt 2. Zugleich gilt es, das unhaltbare Nebeneinander von Ökonomie und Ökologie zu überwinden. Üblicherweise verhalten sich Ökonomen derzeit immer noch genauso wie Ökologen mit ihrem durchweg naturwissenschaftlichen Hintergrund, nämlich gemäß dem Leitspruch „Schuster, bleib‘ bei deinem Leisten!“ Demgemäß streben die einen ebenso beständig wie unbekümmert nach ewig währendem, möglichst hohem Wirtschaftswachstum, während die anderen genauso beständig Alarm rufen und sich um die Schäden und die elementaren, sprunghaft in Breite und Höhe wachsenden Schäden und Gefahren sorgen, die eben dieses Wachstum im Schlepptau hinter sich herzieht.

Diese Arbeitsteilung ist zwar nicht abgesprochen, aber sie funktioniert bestens, obendrein unauffällig, weil reibungs-, geruchs- und geräuschlos, eben durchweg beziehungs- und deshalb sprachlos. Genau das ist jedoch das Problem. Diese Aufgabenteilung können wir uns nicht mehr leisten.

Das nämlich versteht schon jedes Kind: dass unendliches Wachstum in einem endlichen Raum wie unserer Erde auf Dauer nicht möglich ist und dass Wachstum deshalb zwingend durch intelligente Beschränkung und ausgleichende Verteilung sowie unter Nutzung technisch/verfahrenstechnischer Neuerungen ersetzt bzw. begrenzt werden muss. Dass die ökologische Herausforderung auch eine soziale ist, für deren Erfassung und Bewältigung der besteuernde, steuernde Staat zwingend erforderlich ist, ist offensichtlich (zuletzt noch haben es die Gelbwesten in Frankreich allen, die sehen können und wollen, deutlich vor Augen geführt). Die Punkte 1 und 2 sind somit eng miteinander verbunden.

Im Kernbereich der intelligenten Beschränkung liegt übrigens Arbeitszeitbeschränkung, sprich Verkürzung der Arbeitszeit, ergo Verlängerung der Freizeit. Aufgrund der wachsenden Arbeitsproduktivität ist vermehrte freie Zeit inzwischen nämlich nicht nur möglich, sondern nötig, ja zwingend geworden: Zur Lösung der unhaltbar gewordenen Verbindung zwischen Wachstum der Produktivität und Wachstum der Wirtschaft ist Arbeitszeitverkürzung das bestgeeignete Mittel. Zugleich stellt vermehrte Freizeit/verkürzte Arbeitszeit ein wirksames Instrument im Streben nach Vollbeschäftigung. Das wiederum verbessert die Chancen auf eine sachgerechte Primärverteilung der Einkommen, folglich auch die Chancen für sozialen Ausgleich ohne besondere staatliche Hilfe. Das wiederum schafft politische Entspannung. Außerdem sichert ein und dieselbe Arbeitszeitverkürzung die erforderliche physische Entspannung, hilft gegen Depressionen, Burn-outs und Schlaflosigkeit als den neuen, immer weiter um sich greifenden Volkskrankheiten. Kurz: In der Arbeitszeitbeschränkung fallen Umweltschutz und Menschenschutz zusammen. Mit diesem extrem breiten Leistungsspektrum ist Arbeitszeitbeschränkung wahrscheinlich sogar das wirksamste „Stellschraube“ überhaupt, um auf Ihre Frage direkt zu antworten: „Ökonomie der Zeit, darein löst sich schließlich alle Ökonomie auf.“ (Karl Marx[20])

In diesem Punkt wird man dem autodidaktischen großen Ökonomen, Philosophen und Dialektiker aus dem Linksrheinischen kam widersprechen können. In diesem Sinn bescheinigt ihm doch sogar Hans-Werner Sinn, immer noch Deutschlands prominentester Ökonom, weit entfernt auf der anderen Seite der Wirtschaftswissenschaften im eingangs beschriebenen neoklassischen Mainstream beheimatet, lautstark über das gesamte Gelände hinweg „viele interessante Gedanken“, teilweise „hochaktuell“.[21]

Axel Stommel hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

Nachweise

[1] Robert E. Lucas, The Industrial Revolution: Past and Future, in: Federal Reserve Bank of Minneapolis, Hg., The Region, Nr. 5/2004, S. 19 - eigene Übersetzung -AS.
[2] Robert  E. Lucas, Eröffnungsrede auf der Jahrestagung der American Economic Association, dokumentiert in: American Economic Review, Nr. 1/2003, S. 1 – 14, Zitat: S. 7, eigene Übersetzung -AS.
[3] Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, Jahresgutachten 1994/1995, Den Aufschwung sichern – Arbeitsplätze schaffen, Ziffer 189.
[4] Hans Albert, Der neoklassische Stil des ökonomischen Denkens in kritischer Beleuchtung, in: Sozialwissenschaft und Gesellschaftsgestaltung, Festschrift für Georg Weiser, Berlin 1963, S. 45 ff., bes. 46 und 51.
[5] Joseph Stiglitz,  Europa spart sich kaputt - Warum die Krisenpolitik gescheitert ist und der Euro einen Neustart braucht, München 2016, S. 262.
[6] Adolf Wagner, Grundlegung der Politischen Ökonomie, Teil I, Grundlagen der Volkswirtschaft, 3. Auflage, Leipzig 1893, S. 893 f.: „Aber auch seine [des Staates -AS] relative Bedeutung steigt, d.h. eine immer grössere und wichtigere Quote der Gesammtbedürfnisse eines fortschreitenden Culturvolks wird durch den Staat statt durch andere Gemeinwirtschaften und Privatwirtschaften befriedigt.“
[7] Basler Zeitung vom 18.8.2017.
[8] Axel Stommel, Basics der Ökonomie - Herrschende Lehren auf dem Prüfstand, Band 1: Wirtschaftspolitik, Staat und Steuern, Marburg 2019, S. 44 ff.
[9] Rolf E. Breuer, “Die fünfte Gewalt“, http://www.zeit.de/2000/18/200018.5_gewalt_xml, zitiert nach Wolfgang Streeck, Gekaufte Zeit – Die vertagte Krise des demokratischen Kapitalismus, 2., erw. Aufl., Frankfurt/M. 2015, S. 167.
[10] John Maynard Keynes, The Means to Prosperity, London 1933, S. 22, Übersetzung AS.
[11] Werner Kamppeter, Internationale Finanzkrisen im Vergleich, in: Friedrich-Ebert-Stiftung, Hg., Internationale Politikanalyse, Bonn 2011, S. 25.
[12] Ähnlich übrigens z. B. Paul A. Feyerabend, der Philosoph, der bemerkte, dass die Unkundigen oftmals besser Bescheid wissen als die Experten, und Reinhold Hedtke, der Didaktiker, der Verständnis dafür bekundet, dass die Deutschen ihre Zeit nicht mit „dem dummen Wissen“ verschwenden, das ihnen manche Ökonomen aufzudrängen trachten.
[13] Tom Krebs, Jenseits der schwarzen Null: Die Schuldenbremse, die wir brauchen, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, Heft 10/2019, S. 12.
[14] Norbert Häring hat diesen Vorgängen ein ganzes Buch gewidmet: Norbert Häring, Die Abschaffung des Bargeldes – Der Weg in die totale Kontrolle, Bergisch Gladbach 2018
[15] Wirtschaftswoche vom 12.7.2019, S. 19.
[16] Global Wealth Report, zitiert nach Der Tagesspiegel vom 30.10.2019, S. 16.
[17] Joseph Stiglitz, Europa spart sich kaputt…, S. 206.
[18] Ebd., S. 93.
[19] Ebd.
[20] Karl Marx, Grundrisse der Kritik der Politischen Ökonomie (Rohentwurf), Berlin 1953 [1869], S. 89.
[21] Hans-Werner Sinn, Was uns Marx heute noch zu sagen hat, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, Beilage zur Wochenzeitung Das Parlament, Nr. 19 -20/2017, S. 23 und 25 f. Ähnlich geäußert hat sich der Autor auch in privatrechtlichen Medien, darunter im Handelsblatt sowie in der von Matthias Greffrath herausgegebenen Schrift Re: Das Kapital - Politische Ökonomie im 21. Jahrhundert, München 2017, S. 73 ff.  Im Ökonomen-Ranking der Frankfurter Allgemeinen Zeitung hat Hans-Werner Sinn 2013, 2014 und 2015 unangefochten Platz eins belegt; der britische The Independent hat ihn 2011 sogar unter die zehn einflussreichsten Menschen eingereiht, welche die Welt im Berichtsjahr verändert haben. Dabei handelt es sich freilich eher um Veränderung durch ideologische Einflussnahme, weniger durch wirtschaftspraktische Maßnahmen.

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