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Georgios Chatzoudis | 27.11.2012 | 4604 Aufrufe | Interviews

Japan und die Geschichte des Walfangs

Interview mit Lars Schladitz zur Geschichte des Walfangs


Der industrielle Walfang in Japan ruft in westlichen Gesellschaft immer wieder große Empörung über Jagdmethoden und das Töten der riesigen Meeressäuger hervor. Den Historiker Lars Schladitz beschäftigt der Walfang aus ganz anderer Sicht. Er hat an den Universitäten Erfurt und Tokio Ostasiatische Geschichte und Historische Anthropologie studiert und schreibt derzeit schreibt seine Doktorarbeit zur Geschichte des japanischen Walfangs. Wir wollten von ihm wissen, welche historische Bedeutung der Walfang für die japanische Gesellschaft hat und welche Rückschlüsse daraus für das Beziehungsgeflecht von Mensch und Natur gezogen werden können.

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Lars Schladitz, Promotionsstudium am Historischen Seminar der Universität Erfurt und Mitglied der Plattform "Weltregionen und Interaktionen - Area Studies Transregional"

"Transferprozesse und Aneignungen von Technologien und Wissen"

L.I.S.A.: Herr Schladitz, Sie beschäftigen sich mit der Geschichte Japans seit 1868. Warum setzen Sie bei diesem Datum den Schnitt?

Schladitz: 1868 markiert die sogenannte Meiji-Restauration. Die bis dahin seit 1603 herrschende Shōgunat, eine Militärregierung, welche gegenüber dem Ausland eine strikte, wenn auch nicht völlig undurchlässige Abschottungspolitik führte, wurde durch innen- und außenpolitischen Druck gestürzt und der Meiji-Kaiser als formelles Staatsoberhaupt eingesetzt. Das Jahr wird daher als der Schlüsselpunkt in Japans Weg in die Moderne angesehen. In den Folgejahren wurden als Teil der nationalen Modernisierungspolitik zahlreiche ausländische Experten in das Land geholt und viele Technologien und Verwaltungssysteme nach westlichen Vorbildern angepasst.

Mich interessiert, wie diese Transferprozesse und Aneignungen von Technologien und Wissen nach der Meiji-Restauration verliefen und welche Auswirkungen dies auf die japanische Gesellschaft hatte. Dafür habe ich als Untersuchungsgegenstand den japanischen Walfang gewählt, der in Japan bereits eine Geschichte hatte, aber dennoch dramatischen Wandlungen unterzogen wurde. Der technologische Wandel und die damit verbundenen Wechselwirkungen mit Natur und Gesellschaft lassen sich anhand des Walfangs gut in Fallstudien untersuchen.

"Befürworter und Gegner des Walfangs argumentieren mit Geschichte"

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Harpunenkanonen zum Walfang im Museum der Ozeanographischen Hochschule Tokio. Montiert am Bug eines motorgetriebenen Fangbootes mit der Möglichkeit, Walkadaver mit Druckluft schwimmfähig zu halten wurde ab 1868 in Norwegen der Walfang revolutioniert. Ab 1899 wurde diese Technologie in Japan eingesetzt. Das Harpunengeschoss besteht aus ausklappbaren Widerhaken und einem Sprengkopf.

L.I.S.A.: Was reizt Sie als Europäer, sich mit japanischer Geschichte zu beschäftigen? Haben die Menschen in Japan ein besonderes Geschichtsverständnis?

Schladitz: In Erfurt, wo ich begonnen habe, mich mit japanischer Geschichte zu beschäftigen, wurde Geschichte in weltregionaler Perspektive vermittelt. Die außereuropäische Geschichte hatte dabei einen wichtigen Stellenwert. Ich fand es spannend, eine Geschichte zu studieren, in der Europa nicht immer im Mittelpunkt stand, sondern nur eine Weltregion von vielen war.  Wie auch in anderen Teilen der Welt kann die Beschäftigung mit der Vergangenheit wichtige Einblicke in aktuelle Prozesse geben. Darüber hinaus spielt die Interpretation der Geschichte natürlich auch in Japan eine wichtige gesellschaftliche und politische Rolle.

Japans koloniale Vergangenheit und die Kriege mit seinen ostasiatischen Nachbarn bilden bekanntlich nach wie vor den Hintergrund für zahlreiche internationale Konfliktfälle. Die Auseinandersetzungen über Zwangsarbeiter, Trostfrauen, die Anerkennung und Vermittlung der Schuldfrage in Schulbüchern und den umstrittenen Yasukuni-Schrein sind insbesondere in den letzten zwei Dekaden ein wiederkehrender Anlass für Streit. Seit den 1990er Jahren erlebt Ostasien als Wirtschaftsregion einen großen wirtschaftlichen Aufschwung. Durch den Wegfall der Teilung des Kalten Krieges, der Expansion Chinas und dem Ende der Militärdiktatur in Südkorea ist der Austausch auf kultureller und wirtschaftlicher Ebene und damit auch die Auseinandersetzung mit ihrer gemeinsamen Vergangenheit immer intensiver geworden. Im „Pazifischen Jahrhundert“ sind damit auch viele der ungelösten Streitfragen wieder aktuell geworden. Im politischen Klima nach dem Zweiten Weltkrieg zählte hingegen eine schnelle Stabilisierung der geteilten Region mehr als eine Aufarbeitung der Vergangenheit. Zudem wurde der Friedensvertrag von San Francisco durch den Kalten Krieg nicht von Schlüsselnationen wie der VR China und der Sowjetunion unterzeichnet und war nicht überall eindeutig, was den zukünftigen Grenzverlauf anging. Dies ist ein Grund für die zahlreichen Gebietskonflikte, die Japan weiterhin um verschiedene Inselgruppen hat.

Sowohl beim aktuell die Tagespresse beherrschenden Konflikt mit China und Taiwan um die Senkaku– (bzw. Diaoyu–) Inseln als auch bei Japans Konflikt mit Russland um die südlichen Kurilen, die seit dem Zweiten Weltkrieg von Russland besetzt werden oder der Streit um die Liancourt-Felsen (Takeshima/Dokdo) mit Korea versuchen jeweils alle beteiligten Parteien, ihre Ansprüche auf die Territorien durch historische Belege, Karten und Verträge zu begründen. In allen Fällen geht es aber nicht nur um die Deutungshohheit über die Vergangenheit, sondern um den Zugriff auf Fischgründe und unterseeische Rohstoffe – beides Dinge, die aufgrund ihrer stetigen Verknappung durch Überfischung und den steigenden Rohstoffbedarf in Zukunft von großem Wert sein werden.

Nicht zuletzt argumentieren auch beim Konflikt um den japanischen Walfang sowohl Befürworter als auch Gegner mit geschichtlichen Daten darüber, ob Japan Dinge wie eine „Walfang-Tradition“ oder „Walfang-Kultur“ als Legitimation zum Walfang hat.

"Ein dichtes Netzwerk von Walfangstationen an der Küste Japans"

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Das Walfangmutterschiff Nisshin Maru, markiert mit der Aufschrift RESEARCH, im Hafen von Tokio, 2009. Das Schiff läuft jährlich mit einer kleinen Flotte in das Südpolarmeer aus und steht im Zentrum des Konfliktes um den Walfang.

L.I.S.A.: Ihr Dissertationsprojekt behandelt die Geschichte des japanischen Walfangs. Wann setzt diese Geschichte ein und was sind die entscheidenden Meilensteine bis heute? Welche Bedeutung hat der Walfang für ein Land wie Japan?

Schladitz: Walfang wird auf den japanischen Inseln in verschiedener Form mindestens seit dem 12. Jahrhundert betrieben – allerdings nicht überall. Insbesondere an der Südküste Japans wurde an der Küste vorbeiziehenden Walen seit dem 17. Jahrhundert mit einer ausgereiften Technik aus kleinen Ruderbooten mit Lanzen und Netzen nachgestellt. Die Wale wurden vollständig für die verschiedensten Dinge verarbeitet. Da der Bau von Hochseeschiffen unter dem Shōgunat verboten war, blieben folglich auch die japanischen Walfänger an der Küste. Im 19. Jahrhundert erschlossen stattdessen zunehmend amerikanische Walfänger den Pazifik als Fanggebiet und kamen damit immer häufiger in Kontakt mit den Japanern. Als 1853 eine amerikanische Flotte vor der Küste Japans aufkreuzte und mit dieser Machtdemonstration die Aufnahme von Handel und Diplomatie einforderte, spielte der amerikanische Walfang eine entscheidende Rolle – die Amerikaner hatten begonnen, Wale vor der Küste Japans zu jagen und brauchten dringend Versorgungsstützpunkte.

Das Meiji-Zeitliche Ideal der Modernisierung der japanischen Industrie machte schließlich auch vor dem Walfang nicht halt. Nach einigen früheren, weniger erfolgreichen Versuchen reiste ein japanischer Unternehmer, Jūrō Oka, nach Norwegen und besichtigte die dortige Walfangindustrie. Er kaufte schließlich Ausrüstung ein und heuerte norwegische Harpuniere an. 1899 stach der erste moderne japanische Walfänger in See. An diesem Punkt setze ich meine Untersuchung an.

Die neue Industrie war erfolgreich und expandierte in den folgenden Jahren stark. Dieser Prozess der landesweiten Etablierung lief nicht ohne Rückschläge durch Schiffsunglücke oder Proteste der Bevölkerung gegen die Walfangstationen an einigen Standorten ab, aber um 1909 bildeten diese Walfangstationen an der Küste Japans und seiner Kolonien ein dichtes Netzwerk, von dem aus die dampfgetriebenen Fangboote ausliefen. Durch den Zusammenschluss mehrerer Firmen wurde die Fangindustrie zudem zentralisiert. Auch Walfleisch wurde nun in ganz Japan vermarktet.

1934 begann die nächste große Expansion. Die japanischen Walfänger schickten das erste Fabrikschiff zum Walfang in das Südpolarmeer. Dieser Schritt brachte die Japaner in direkte Konkurrenz zu den etablierten Walfängern unter britischer und norwegischer Flagge. Während diese bereits seit 1931 über Fangquoten im Südpolarmeer verhandelten, bauten die Japaner stetig ihre Fangflotte aus – ohne beschränkenden Abkommen beizutreten. Nachdem Kühlschiffe eingesetzt wurden, ließ sich auch Walfleisch direkt nach Japan transportieren. Der Großteil des Öls wurde nach Deutschland verkauft, wo das Nazi–Regime nach Rohstoffen für Fette, Schmierstoffe und Sprengstoffe suchte.

Im Zweiten Weltkrieg wurde der Walfang weitgehend unterbrochen und der Großteil der Walfangflotte zerstört. In der Besatzungszeit durften die Japaner zuerst nur Wale in begrenztem Maße um die Ogasawara-Inseln jagen, ab 1946 aber auch unter strengen Auflagen und mit Beobachtern an Bord wieder in das Südpolarmeer zurückkehren. Unter den Alliierten war diese Erlaubnis nicht unumstritten – den Deutschen wurde der Walfang verboten. Durch prekäre Versorgungslage wurde der Walfang allerdings mit der Genehmigung der amerikanischen Besatzer und auf Drängen der japanischen Walfangindustrie zur Gewinnung von Walfleisch wieder angekurbelt, während die alliierte Besatzung über das Öl verfügen konnte.

1946 wurde auch die Internationale Walfangkommission (IWC) gegründet, ein der Industrie nahe stehendes Gremium, das ähnlich den Abkommen aus den dreißiger Jahren den Walfang regulieren und damit seine fortgesetzte Wirtschaftlichkeit sicherstellen sollte. Japan wurde unter Kontrolle des alliierten Oberkommandos zur Teilnahme an Regelungen verpflichtet und wurde 1951 selbst Mitglied. Bis 1964 ging der internationale kommerziellen Walfang im Südpolarmeer nahezu unbeschränkt weiter. Aufgrund des Zusammenbruchs der Bestände und verschiedener Schutzbestimmungen gingen die Fänge auch in der japanischen Industrie von da an stetig zurück, bis 1986 der kommerzielle Walfang vollständig verboten wurde. Seit 1987 gibt es stattdessen den umstrittenen Forschungswalfang.

"Die Walfangindustrie als Wirtschaftszweig ist heute eher unbedeutend"

L.I.S.A.: Japan wird im Westen und vor allem von Tierschützern für seinen Walfang scharf kritisiert. Zurecht?

Schladitz: Das Problem ist komplex und berührt zahlreiche staatliche und nicht-staatliche Akteure. Eine Gleichsetzung des Walfangs als Symbol für ganz Japan, wie es die Walfänger mit dem „Traditions“-Argument und gelegentlich auch Walfanggegner tun, wird der aktuellen und historischen Lage nicht gerecht. Zwischen Walfängern und ihren Gegnern geht es um die Grundsatzfrage, ob Wale kommerziell bejagt werden dürfen oder nicht. Die meisten Tierschützer lehnen dies kategorisch ab. Die Industrie sieht hingegen Wale weiterhin als Ressource an. Beide Seiten versuchen, mit den verschiedensten Argumenten, der Interpretation wissenschaftlicher Daten und letztlich auch Deutungen der Geschichte ihre Position zu stärken.

Japan hat das Walfang-Moratorium der IWC unterzeichnet und daraufhin offiziell den kommerziellen Walfang beendet. Im Vertrag wurden allerdings zwei Ausnahmeregelungen getroffen: einerseits ist Walfang erlaubt, wenn er dem Eigenbedarf sogenannter indigener Völker dient, andererseits dürfen auch Wale unter Sondererlaubnis zu Forschungszwecken getötet werden. Unterzeichnende Regierungen dürfen hierzu Organisationen mit der Tötung von Walen zu Forschungszwecken - auch solchen, die einem Fangverbot unterliegen - beauftragen. Die so getöteten Wale sollen wiederum soweit wie möglich verwertet werden - etwa indem das gewonnene Fleisch vermarktet wird. Diese Regelung stammt aus dem Artikel 8 der Internationalen Walfangkonvention von 1946 und baut auf die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg auf, als Walforscher direkt auf den Walfangschiffen statistische Erhebungen über Fänge anstellten, um Fortpflanzung und Vorkommen der Wale zu erfassen. Ironischerweise standen zu dieser Zeit insbesondere westliche Walfänger in der Kritik, die Wale verschwenderisch zu verarbeiten.

Genau dieser Ausnahmeregelung bedienen sich seit 1987 die japanischen Walfänger, indem sie sämtlichen Walfang als Forschungsaktivität deklarieren und Schiffe mit den Lettern „RESEARCH“ markieren. Freilich unterschiedet sich die dieses sogenannte „Sampling“ von Walen wenig vom Walfang Japans vor dem Moratorium. Zudem war die statistische Erfassung von Wallängen, Mageninhalten und Geschlecht der getöteten Wale bereits ein zentrales Arbeitsmittel von Walforschern, die in den 1930er Jahren die Fabrikschiffe zur Feldforschung nutzten. Das Flaggschiff der Walfangflotte, die Nisshin Maru, teilt sich den Namen mit dem ersten in Japan gebauten Fabrikschiff von 1937. Auch in der Funktionsweise unterscheiden sich Walfang und Walforschung wenig.

Für das sogenannte „lethal sampling“, also den Abschuss von Walen um an Forschungsproben zu gelangen, hat Japan unter anderem auch Finnwale, die in der Roten Liste der IUCN als gefährdet eingestuft werden, in das Forschungsprogramm aufgenommen. Andere Spezies, wie die hauptsächlich gejagten Zwergwale, werden dort hingegen momentan nicht als gefährdet angesehen, obwohl Angaben zur Populationsgröße umstritten sind. Die Listung dieser Spezies im Washingtoner Artenschutzabkommen hat Japan nicht anerkannt. Deklariertes Ziel der beiden aktuellen Forschungsprogramme JARPA II im Südpolarmeer bzw. JARPN II im Nordpazifik soll letztlich eine Untersuchung der Möglichkeiten sein, die Populationen von ökonomisch wertvollen Walspezies in Zukunft wieder kommerziell auszubeuten.

Vertreter des Walfangs argumentieren, dass es keine wissenschaftlichen Gründe gegen die Wiederaufnahme des Walfangs gibt und die Argumente der Walfanggegner auf einer unrationellen  emotionalen Deutung von Walen als besondere Tiere basieren. Diese Argumente wurden allerdings von japanischer Seite schon in den 1970er Jahren hervorgebracht, als zahlreiche Walpopulationen durch die Industrie vor dem völligen Verschwinden standen.
Walfanggegner hingegen halten die erzielten Forschungsergebnisse für irrelevant und die angewandten Methoden für unangemessen. Forschungsergebnisse zu Bestandszahlen und zur Ökologie ließen sich auch durch nicht-tödliche Methoden erzielen. Darüber hinaus argumentieren sie, dass die langsamen Reproduktionsraten von Meeressäugern den Walfang grundsätzlich verbieten. Die üblicherweise angewandte Tötungsmethode beim Walfang seit 1868 – der Abschuss einer Harpune mit Sprengladung, ist äußerst qualvoll und auf dem Meer naturgemäß unzuverlässig. Die Tiere haben teilweise einen minutenlangen Todeskampf oder sterben erst nach Fangschüssen. Die Vorgabe von Tierschutzbestimmungen, Qualen von Tieren zu vermeiden, lassen sich im Walfang kaum durchsetzen.

Zusätzlich wird von Walfanggegnern die Rolle der japanischen Fischerei bei der Überfischung der Meere und die japanische Blockadehaltung zu Schutzabkommen wie etwa zu Tunfischen als Beispiel angeführt, dass japanisches Meeresmanagement im Falle der kommerziellen Nutzung von Ressourcen grundsätzlich versagt hat. Eine kommerziell interessante Spezies wie etwa Tunfische wird demnach grundsätzlich überfischt und die Walfänger haben bereits vor dem Moratorium gezeigt, wie stark Walpopulationen vor einem Fangstopp dezimiert wurden.

Wale waren unter den ersten vom Menschen ausgebeuteten wild lebenden Lebewesen, deren Schutz und Bewahrung vor dem möglichen Aussterben auf internationaler Ebene intensiv diskutiert wurde. Hierfür spielte anfänglich die große wirtschaftliche Bedeutung und die Sorge um den Fortbestand der Walfangindustrie eine entscheidende Rolle. Kritische Töne setzten das große maschinelle Abschlachten der Tiere früh mit einem Krieg gleich. Die universelle kulturelle Faszination mit den Tieren spielten hierbei definitiv eine große Rolle. Obwohl es in den 1930er und 1940er Jahren noch keine ausgeprägten zivilgesellschaftlichen Bewegungen für den Meeresschutz gab, zeigen zeitgenössische Diskussionen, dass sich die Menschen sehr wohl Gedanken über ein mögliches Aussterben der Wale gemacht haben. Die Umweltschutzbewegungen, die in den 1960er und 1970er Jahren begannen, gegen Walfang zu protestieren, hatten also durchaus geistige Vorfahren.

Der Verzehr von Walfleisch wurde und wird immer als großer kultureller Unterschied zwischen Japan und den meisten westlichen Ländern wahrgenommen. In Japan war die Gewinnung von Walfleisch ein wichtiger Teil des Walfangs, während westliche Walfänger vor Allem Öl gewinnen wollten. Aus verschiedenen Quellen wurde gelegentlich der Verzehr von Walfleisch auch in westlichen Ländern angepriesen. Durchgesetzt hat sich dies allerdings nie.

Im Verhältnis zu seiner historischen Bedeutung seit Anfang des 20. Jahrhunderts bis in die 1970er Jahre ist die Walfangindustrie als Wirtschaftszweig heute unbedeutend. Da die Expeditionen einer Fangflotte ins Südpolarmeer sehr teuer sind, auf der anderen Seite Walfleisch aber auch in Japan einen schrumpfenden Markt hat, müssen sie als Forschung von Regierungsstellen subventioniert werden. Trotzdem ist dies natürlich ein Industriezweig, der auch für sein eigenes Überleben kämpft und innerhalb der von Lobbyarbeit beeinflussten Politik Japans Einfluss ausüben kann. Obwohl das viel beworbene Walfleisch in den Essgewohnheiten der meisten Japaner keine oder nur eine geringe Rolle spielt, können sich doch viele an die wichtige Rolle von Walfleisch in der Nachkriegszeit erinnern. Es ist daher verständlich, dass die Waljagd für viele Japaner zumindest akzeptabel ist.

Die Zukunft des Konfliktes lässt sich schwierig vorhersagen. Neben den Japanern jagen auch norwegische und isländische Walfänger kommerziell Wale und Südkorea hat einen Einstieg in den Fang angekündigt. Ein Kompromissvorschlag, den Walfang aus dem Südpolarmeer in japanische Küstengewässer zu verlegen und dort legal durchzuführen, haben sowohl Umweltschützer von Greenpeace als auch Walfänger, die sich nicht aus den internationalen antarktischen Gewässern vertreiben lassen wollen, bisher abgelehnt.

"Die Beziehungen zwischen Mensch und Umwelt historisieren"

L.I.S.A.: Sie sprechen in Ihrem Projekt von Verflechtungsgeschichte. Was bedeutet das?

Schladitz: Unter dem Eindruck der Globalisierung und der postkolonialen Geschichtsschreibung haben Historiker sich seit einigen Jahren vermehrt der Historisierung von globalen Reisen, Warenströmen und Technologietransfers zugewandt. Die dadurch erschlossenen Perspektiven haben eine gute Möglichkeit eröffnet Geschichten der Globalisierung anhand einzelner Waren oder Akteure zu schreiben. In Bezug auf den japanischen Walfang sind dies die zahlreichen Grenzüberschreitungen, Aneignungen und Wissenstransfers seit dem Ende des 19. Jahrhunderts. Gerade bei einem solchen Thema, bei dem die Abhängigkeit und Wechselwirkungen der menschlichen Akteure etwa mit dem Meer oder den technischen Einrichtungen der Walfangschiffe offensichtlich sind, will ich jedoch unter dem Begriff der Verflechtung auch die Beziehungen zwischen Mensch und Umwelt historisieren.

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