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Prof. Dr. Dr. h.c. Andreas Speer | 10.03.2018 | 650 Aufrufe | Interviews

„Interdisziplinarität als Gegenentwurf zu Betriebsblindheit“

Künstler-Talk zur Ausstellung des a.r.t.e.s. kunstfensters „fern | weh“

Von Mai bis Oktober 2017 haben die Kunstwerke der Ausstellung „fern|weh“ die Räumlichkeiten der a.r.t.e.s. Graduate School for the Humanities Cologne bereichert. Die Ausstellung des a.r.t.e.s. kunstfensters widmete sich der Sehnsucht, dem Alltäglichen und Bekannten zu entfliehen, der Präsentation von fernen und fremden Lebensräumen sowie der Bereitschaft, diese zu erkunden. Am 27. Oktober wurde die Ausstellung mit Finissage und Künstler-Talk feierlich beschlossen. Drei der beteiligten Künstlerinnen und Künstler – Rozbeh Asmani, Luciano Baccaro und Francesca Magistro – haben uns Rede und Antwort gestanden zu ihren Werken, dem Konzept der Ausstellung und der Zusammenarbeit mit den Kuratorinnen und Kuratoren von a.r.t.e.s.

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a.r.t.e.s. Graduate School: Liebe Francesca, lieber Luciano und lieber Rozbeh, seit Mai haben ausgewählte Werke von euch die Wände unserer Graduiertenschule geschmückt. Welche Kunstwerke habt ihr bei a.r.t.e.s. ausgestellt und worum geht es bei ihnen?

Rozbeh Asmani (RA): Für die Ausstellung „fern|weh“ habe ich eine Mini-Werkschau zusammengestellt. Als Einstieg dient die Arbeit „Shirin“ in zwei Versionen, einzeln und mehrteilig. Künstlerischer Ansatz des Multiples Shirin (von farsi = süss; auch ein weibl. Vorname) ist die Transformation eines gebräuchlichen europäischen Motivs eines Genussmittels und dessen semantische Überführung in einen soziokulturellen und politischen nahöstlichen Konflikt. Mit den sinnlichen Implikationen, die der Schokolade inhärent sind und ihrer Verbindung mit einem islamisch-kulturellen geschlechtsspezifischen Symbol, einer verhüllten Frau, kommentiere ich die politische Situation im Nahen Osten und macht diese zugleich sinnlich erfahrbar. Ursprünglich sollte die Schokolade mit einer lilafarbenen Verpackung umwickelt werden. Da aber, wie ich durch die mit dem Druck beauftragte Firma erfuhr, Lila im Zusammenhang mit Schokolade nur für die Marke „Milka“ der „Kraft Foods Schweiz Holding“ zugelassen ist, musste ich den Entwurf farblich modifizieren: aus lila wurde blau. Diese Erfahrung mit dem Markengesetz war der Auslöser für meine bis heute andauernde Recherche von Farbmarken, die beim Marken- und Patentamt angemeldet sind. Sie ist auch die Grundlage für meine Werkserie „Corporate Colours“, eine Serie von Siebdrucken, die markenrechtlich gesicherte Farben in ihrer Anwendung zeigt: die lilafarbene Kuh, der himmelblaue Wolkenhimmel einer deutschen Tankstelle, das Geschmackssortiment eines traditionellen Kaffeeherstellers oder braunes Fahrzeug und Overall eines Transportunternehmens sowie das blaue Rund mit Schriftzug einer Cremedose in arabischen und entfremdeten lateinischen Buchstaben. Ein Blick genügt und wir erinnern nicht nur den Markenzusammenhang, sondern auch Zeit und Umstände unserer Begegnung mit diesen Waren und Dienstleistungen. Nicht nur Farben sind durch den Markenschutz dem Zugriff entzogen, sondern auch für dreidimensionale Formen gibt es die Möglichkeit, Marken zu erwerben. Das Überraschungs-Ei ist nur eins von vielen Beispielen für geschützte dreidimensionale Marken. Auch auf sie verweise ich mit eigenen Arbeiten und eigne mir diese in meinen Kleinskulpturen aus Bronze und Neusilber mit einem Augenzwinkern an.

Luciano Baccaro (LB): Ich hatte die Möglichkeit, drei dokumentarische Fotografie-Projekte auszustellen: „Io parlo italiano“, „Sulla Strada in bicicletta“ und „La Transumanza“, sowie sechs Bilder, die ich 2010 in Berlin aufgenommen habe. Von allen Projekten zeige ich eine Auswahl, die ich zusammen mit dem Team des kunstfensters zusammengestellt habe. Mit Ausnahme von „La Transumanza“ sind alle Projekte Schwarz-Weiß-Fotografien. Ich habe dieses künstlerische Mittel genutzt, weil es einerseits den Betrachterinnen und Betrachtern hilft, sich auf die Subjekte der Fotos zu konzentrieren, und mich andererseits dazu anhält, dass ich mich bei meinem Erleben der Welt auf das Essentielle konzentriere. Meine Fotografien sollen meine Reisen dokumentieren, und besonders die Menschen, denen ich auf ihnen begegne. Sie dokumentieren darüber hinaus meine eigenen Traditionen, denen ich mich besonders verbunden fühle, wenn ich aus dem Ausland zurückkehre. Durch die Begegnungen mit fremden Menschen und das Entdecken neuer Welten spüre ich Dankbarkeit, und die Fotografie ist mein Mittel, um dies auszudrücken.

Francesca Magistro (FM): Ich habe an der Ausstellung mit meinem Projekt „Antisocial hours workers“ teilgenommen, das ich 2013 in Newport, Wales, erarbeitet habe, sowie mit einer Serie von Fotografien, die 2011 in der litauischen Hauptstadt Vilnius entstanden sind. „Antisocial hours workers“ sind Individuen, die zu ‚unsozialen‘ Uhrzeiten arbeiten, also abends oder nachts. Sie betreiben ihre Geschäfte zu Zeiten, in denen sich die meisten anderen Menschen ihrem Sozialleben widmen. Das Ziel meiner Bilderserie ist, die soziale Unsichtbarkeit dieser Menschen zu zeigen, indem ich ihre Identitäten durch genau die Tätigkeiten verschleiere, die sie ausüben. So wird deutlich, wie wir alle von genau diesen Tätigkeiten profitieren, die diejenigen unsichtbar machen, die sie zu solch ‚unsozialen‘ Stunden ausüben müssen. Die Vilnius-Serie spiegelt die Anziehungskraft wider, die diese Stadt auf mich ausgeübt hat, als ich dort war, und ihre Geschichte: die Dörfer, die Feindseligkeit, die Seuchen, die Dürre, die Zerstörung des Zweiten Weltkriegs, die späte Konversion zum Christentum und die politische und soziale Assimilation an Polen. Ich habe versucht, den Erfolg der Unabhängigkeit darzustellen, aber auch die Nachwirkungen der nationalsozialistischen Gewalt, die Deportationen und den Widerstand. Ich wollte die Widersprüche deutlich machen, aber auch die gegenseitigen Bezugnahmen, wie beispielsweise beim Parlament und dem Fernsehturm auf der einen Seite, die beide unter der sowjetischen Herrschaft gelitten haben, und dem modernen Europa Business Center in der Innenstadt auf der anderen Seite. All diese Gebäude sind Zeugnisse von Vilnius’ multikultureller Vergangenheit, haptische Zeugnisse quasi, die sie greifbar machen in den Silhouetten der Gebäude und die fast ein Drittel der Fläche der Hauptstadt ausmachen. Ich habe mir Gedanken gemacht über die Bewohnerinnen und Bewohner, mich gefragt, ob sie isoliert sind oder nicht, ob sie sich zerrissen fühlen zwischen dem Gestern und Heute. Mich haben die Geschichte und das Leben einer Stadt, die immer noch Spuren der kommunistischen Herrschaft trägt, einfach fasziniert.

Für die Ausstellung sind zwei Künstler, eine Künstlerin und ein Kurations-Team zusammengekommen, die sich vorher nicht kannten, um zusammen zu demselben Thema „fern|weh“ zu arbeiten. Wie hat sich die Zusammenarbeit zwischen euch gestaltet?

FM: Luciano Baccaro und ich fotografieren beide. Ich tendiere dazu, natürliche Momente oder das Alltagsleben einzufangen, und frage nur selten Menschen, ob sie für mich posieren. Ich folge eher den Menschen und den Kreisen, die sich um sie ziehen, etwa ihre Aktivitäten, die Rahmenbedingungen, der Dekor, um einen bestimmten Moment in einem Bild zu inszenieren. Luciano scheint den Menschen, ihren Momenten und ihrem Leben ebenfalls sehr nah zu sein. Meine „Antisocial hours workers“ stehen insofern mit seinen Familien von „La Transumanza“ in Beziehung, als dass sie ebenfalls ein integraler Bestandteil des Alltags sind, und trotzdem an den Rändern der Gesellschaft leben. „Io Parlo Italiano“ korrespondiert wiederum mit meiner Vilnius-Serie, da sie sich beide mit den Herausforderungen der sich immer schneller wandelnden Welt beschäftigen. Unser Zugriff auf “fern|weh” ist also die Betrachtung entwurzelter oder umhertreibender Menschen. ‚Wanderlust‘ bzw. ‚Fernweh‘ bezeichnen die ewige Suche und Sehnsucht nach dem Unbekannten, während wir gleichzeitig versuchen, uns selbst zu finden. Es geht um das Verhältnis von Raum, Ort und Identität. Ganz konkret materialisieren sich diese Inhalte in den Menschen und den Welten, die meine Arbeiten zeigen. Die Werke von Rozbeh Asmani und des Künstlers der Amplifier Foundation beschäftigen sich dagegen auf eine abstraktere Weise mit ihnen.

RA: Für mich hat sich die Zusammenarbeit im Großen und Ganzen als fruchtbar herausgestellt und es sind darüber hinaus sogar freundschaftliche Beziehungen hervorgegangen, die in Zukunft zum weiteren Austausch führen werden. Da die Arbeit an einer ernstgemeinten Ausstellung immer mit viel Entscheidungskraft, Aufopferung und Zeit verbunden ist, muss ich das Engagement des -Teams ausdrücklich loben, das meine Anforderungen und Wünsche zu jeder Zeit lösungsorientiert vorangebracht hat. Es ist sinnvoll, die hierarchische Grundstruktur einer Institution zu umgehen, um eine organisch wachsende, projektorientierte und interdisziplinäre Plattform zu fördern und um Kunst und Wissenschaft zusammen an einer Sache arbeiten zu lassen. Interdisziplinarität ist eben nicht, wenn zwei Personen aus verschiedenen Disziplinen unter ihrem Niveau arbeiten, sondern ein Gegenentwurf zur ‚Betriebsblindheit‘. Es helfen uns tausende Spezialisten relativ wenig, wenn sie nicht in der Lage sind, Phänomene und Probleme zu deuten, die in anderen Bereichen ebenso auftauchen und die man zur Synthese bringt. Wenn Forschung einen Effekt auf die Gesellschaft haben soll, müssen die Ergebnisse aus Wissenschaft und Kunst im besten Fall verbunden werden.

Zuletzt eine Frage zu den Räumlichkeiten: Wie war es für euch, in den Büroräumen der Graduiertenschule auszustellen, und welche Grenzen hat dieser Ansatz?

LB: Mit den Besonderheiten und Einschränkungen klarzukommen, die es mit sich bringt, wenn man in tägliche genutzten Büroräumen ausstellen möchte, war tatsächlich der schwierigste Teil bei der Entwicklung des Projekts – und das kann ich sowohl für mich als auch für das kunstfenster-Team sagen. Besonders die Lichtverhältnisse und die Enge der Flure haben uns zu schaffen gemacht. Dank der tollen Zusammenarbeit zwischen uns Künstlerinnen und Künstlern und dem Team haben wir aber ein – wie ich finde – wirklich gutes Endergebnis erreichen können. Jedes Projekt hatte genug Platz, um seine eigene Wirkung zu entfalten, so dass auch die Besucherinnen und Besucher die Möglichkeit hatten, die gezeigten Werke individuell zu genießen. Ich bedanke mich sehr herzlich bei dem kunstfenster-Team für Ihren Einsatz und für die Möglichkeit, meine Kunst in Köln auszustellen! Damit spreche ich auch für alle beteiligten Künstlerinnen und Künstler.

Wir danken Rozbeh Asmani, Luciano Baccaro und Francesca Magistro für das Gespräch und die Einblicke in ihre Arbeit!

 

Das Interview führte Simona Böckler (a.r.t.e.s. Graduate School for the Humanities Cologne).

Übersetzung aus dem Englischen: Julia Maxelon

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