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Georgios Chatzoudis | 20.07.2012 | 1685 Aufrufe | Interviews

"Immenses Wissen auf ihrem Gebiet"

Interview mit Dr. Oliver Ramonat

In Frankfurt am Main hat die vierte Staffel des Projekts Frankfurter Stadtteilhistoriker begonnen. Die Stiftung Polytechnische Gesellschaft Frankfurt sucht 25 Teilnehmer, die sich für Geschichte interessieren und ihre Stadt beziehungsweise ihre Stadtteile erforschen möchten. Doch zu welchem Zweck? Und vor allem: mit welchen belastbaren Ergebnissen? 

Wir haben mit den Historiker Dr. Oliver Ramonat gefragt, der das Projekt bereits zum zweiten Mal betreut.

Dr. Oliver Ramonat

"Geschichte ist keine rein akademische Veranstaltung"

L.I.S.A.: Herr Dr. Ramonat, Sie haben unter anderem auch bei L.I.S.A. eine neue Ausschreibung für das Projekt Frankfurter Stadtteilhistoriker eingestellt. Um was für ein Projekt handelt es sich bei den Stadtteilhistorikern genau? An wen richtet sich die Suche nach Teilnehmern?

Dr. Ramonat: Es ist ein Projekt für ehrenamtlich tätige, historisch interessierte Bürger in Frankfurt am Main. Es wird getragen von der Stiftung Polytechnische Gesellschaft Frankfurt; diese Stiftung fördert nur Projekte in Frankfurt. Die Stipendiaten sollen sich mit einem Thema direkt vor ihrer Haustür beschäftigen. Viele tragen seit vielen Jahren ein solches Thema mit sich herum – bei den „StadtteilHistorikern“ finden sie nun einen geeigneten Projektrahmen, vor allem also fachliche und praktischen Unterstützung, eine Gruppe von Gleichgesinnten und einen erleichterten Zugang zu Ämtern und – über unseren Projektpartner ‚Frankfurter Neue Presse’ – der Öffentlichkeit.

L.I.S.A.: Warum halten Sie es für wichtig bzw. förderungswürdig, dass Laien sich mit der Geschichte ihrer Stadt beschäftigen?

Dr. Ramonat: Geschichte und Geschichtsbewusstsein sind keine rein akademischen Veranstaltungen, und waren es wohl auch noch nie. Die StadtteilHistoriker leisten einen Beitrag zum Aspekt der ‚Geschichte als Erinnerung’, wie der Althistoriker Alfred Heuß das in Unterscheidung zur ‚Geschichte als Wissenschaft’ genannt hat. Geschichte ist darüber hinaus ein klassisches Gebiet der Allgemeinbildung und der Identität. Man benötigt geschichtliches Wissen, um am kulturellen Gedächtnis teilzuhaben. Schon das würde wohl eine Förderung rechtfertigen. Dazu kommt das immense Wissen, das die von Ihnen so genannten Laienhistoriker auf ihrem Gebiet haben. Dieses Wissen, geboren aus Leidenschaft für die Sache und Engagement für den Stadtteil, möchte das Projekt allgemeiner zugänglich machen, möchte es ins Bewusstsein der gesamten Stadtöffentlichkeit heben. Zugleich sollen die Stipendiaten an gewisse Standards herangeführt werden, so dass ihre Ergebnisse nachvollziehbar und diskutierbar werden. Sie sollen das Bewusstsein in den Stadtteilen und schließlich in der gesamten Stadt verändern und bereichern.

Zoom

Workshop der dritten Staffel

"Hilfe und Unterstützung bei den vielen Einzelproblemen"

L.I.S.A.: Sie planen nun bereits in die vierte Staffel der Stadtteilhistoriker. Welche Erfahrungen haben Sie aus den ersten drei Runden gesammelt? Welche Erwartungen haben die Teilnehmer an das Projekt und zu welchen Ergebnissen sind die Teilnehmer gekommen?

Dr. Ramonat: Ich selber bin erst seit der dritten Staffel dabei. Die Erfahrungen sind durchweg sehr positiv. Ich habe die regelmäßigen Treffen der Stipendiaten organisiert und moderiert, und ich kann nur feststellen, dass in der Gruppe das gesamte notwendige Wissen vorhanden war, und zwar für alle Stufen eines solchen Projekts. Also von der Präzisierung der Fragestellung über die ersten Archivanfragen bis zur Veröffentlichung als Broschüre oder im Internet – nicht zuletzt hier auf LISA. Die meisten StadtteilHistoriker sind auch nach Projektende noch aktiv an ihren Themen und in ihrem Stadtteil – auch das ist als sehr gutes Zeichen zu werten. Die Stipendiaten erwarten vor allem Hilfe und Unterstützung bei den vielen Einzelproblemen, die ein solches publizistisches Projekt und die notwendigen Recherchen verschiedener Art mit sich bringen. Viele trauen sich erst durch das Projekt, ein schon lange verfolgtes Lieblingsthema endlich anzugehen. Einige Ergebnisse finden sich hier auf LISA und die ersten beiden Jahrgänge sind in einer Broschüre zusammengefasst, die bei der Stiftung Polytechnische Gesellschaft kostenlos erhältlich ist.

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Workshop der dritten Staffel

"Der Unterschied zur Fachhistorie ist die Sprache"

L.I.S.A.: Findet sich für die Arbeit der Stadtteilhistoriker eine Öffentlichkeit? Wo werden deren Ergebnisse veröffentlicht? Ist das Interesse an Ergebnisse von Laienhistorikern möglicherweise größer als das Interesse an professioneller Geschichtsschreibung?

Dr. Ramonat: Das würde ich so nicht sagen, denn es sind schwer vergleichbare Themenfelder, auch wenn es Überschneidungen gibt. Grundsätzlich hat z. B. die dritte Staffel, die ich etwas genauer kenne, auf einem sehr hohen Niveau gearbeitet und es sind Studien entstanden, die keinen Vergleich zu scheuen brauchen. Ich will aber doch einen Unterschied zur Fachhistorie herausgreifen. Die Sprache ist meist eine andere, sie ist nicht so theoretisch und nicht so voraussetzungsreich wie die der akademischen Geschichtswissenschaft, was aber natürlich per se kein Nachteil sein muss. Aber die Themen sind dem entsprechend konkret und eben nicht auf übergreifende Vergleichbarkeit und Abstraktion angelegt, auch wenn ein Stadthistoriker hier gutes Material finden könnte. Den StadtteilHistorikern geht es um die Geschichte einer Straße, nicht um sozialen Wandel schlechthin, sie beschreiben die Baugeschichte eines Denkmals im Stadtteil, nicht die Denkmalkultur der 1920er-Jahre, um nur diese Beispiele herauszugreifen. Hier in Frankfurt erreichen sie so eine breite Öffentlichkeit, durch ihre Themen und auch durch ihr persönliches engagiertes Auftreten. Die Ergebnisse sollen immer im Stadtteil präsentiert werden, die genaue Art der Präsentation ist aber bewusst ganz freigestellt.

Workshop der dritten Staffel

"StadtteilHistoriker leisten wesentliche Grundlagenarbeit"

L.I.S.A.: Kann die professionelle Geschichtswissenschaft von Laien lernen? Wie sind die Ergebnisse der Stadtteilhistoriker aus wissenschaftlicher Perspektive einzuschätzen?

Dr. Ramonat: Dazu habe ich eben schon für die Aspekte Themenwahl und Sprache einiges angedeutet. Betrachtet man die Ergebnisse in der Übersicht, so leisten die StadtteilHistoriker ganz wesentliche Grundlagenarbeit. Sie stellen das Wissen ihrer Gegenwart zu einzelnen Themen zusammen und interpretieren es gewissenhaft und dennoch persönlich. Diese individuelle Interpretation ist aus meiner Sicht angesichts der meistens gewählten Themen und Fragestellungen ein zusätzlicher Wert, weil sie so nicht wiederholbar wäre und für spätere Leser Sinn und Zusammenhang stiftet. Viele führen auch Interviews mit Zeitzeugen und nutzen die buchstäblich letzten Gelegenheiten, mit solchen Zeitzeugen persönlich zu sprechen. Das könnte die Fachhistorie in dieser Breite, Tiefe und Dichte unmöglich leisten und hier kann sie sozusagen rein empirisch lernen. Das meist gegebene Interesse an einer enzyklopädischen Abbildung, so unmöglich sie zu erreichen ist, kommt den Projekten auf dieser Ebene durchaus zugute. Es ist dann die Aufgabe bei der Abfassung der Ergebnisse (und damit Teil des Beratungsprozesses während des Stipendiums), aus dem Material nach und nach eine Darstellung herauszuarbeiten. Dabei ist das wertvolle, unersetzbare von den Stipendiaten erhobene Material zu sichern und dennoch eine lesbare, gute Darstellung zu ermöglichen. – Was man sonst noch lernen kann? Mir ist aufgefallen, dass die aktuellen methodischen Debatten der Fachhistorie und die Forschungsprobleme der Laienhistoriker durchaus sehr viel gemeinsam haben. Geschichte hat eben sehr viel mit der Gegenwart zu tun, und weder der Fachdiskurs noch das breite Geschichtsinteresse können sich davon lösen – so unterschiedlich die jeweiligen Antworten auf den ersten Blick auch sein mögen.

Dr. Oliver Ramonat hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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