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"Im Gelände Geschichte verorten"
NS-Konzentrationslager als Erinnerungsorte

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Georgios Chatzoudis | 20.06.2012 | 4651 Aufrufe | Interviews

Gabionen als Markierung für die ehemaligen Holzbaracken der KZ-Häftlingsunterkünfte, KZ-Gedenkstätte Neuengamme, 1.11.2007

Interview mit Dr. Alexandra Klei

„KZ-Gedenkstätten sind Tatorte, welche die Spuren der Verbrechen, die dort begangen wurden, teilweise noch in sich tragen bzw. auf sie verweisen." Das hat  Dr. Jörg Skriebeleit, der wissenschaftliche Leiter der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg, 2001 geschrieben, als er nach der Bedeutung von Gedenkstätten im erinnerungspolitischen Diskurs gefragt worden war.

Die Historikerin Dr. Alexandra Klei beschäftigt sich aus einem besonderen Blickwinkel mit NS-Lagern als Orte der Erinnerung bzw. als heutige Gedenkstätten. Ihr Augenmerk richtet sich vor allem auf die Architektur der Lager. Wir wollten von ihr unter anderem wissen, wie sich Geschichte durch bauliche und gestalterische Repräsentation vermittelt.

"In Buchenwald sind viel mehr KZ-Gebäude erhalten geblieben"

L.I.S.A.: Frau Dr. Klei, Sie sind Architekturtheoretikerin und forschen zur Architektur nationalsozialistischer Konzentrationslager. Was ist daran aus geschichtswissenschaftlicher Sicht interessant?

Dr. Klei: Meine Forschungen beziehen sich weniger auf die Baugeschichte der Konzentrationslager als vielmehr auf den Umgang mit den Gebäuden nach der Befreiung und daran anschließend damit, welche Bedeutung der Architektur in der Gestaltung und Nutzung der Orte als Gedenkstätten gegeben wird. Das bedeutet auch die Auseinandersetzung mit der Frage, welche Aspekte der Geschichte der Lager, das heißt welche Erkenntnisse der historischen Forschung, mit dem ehemaligen Lagergelände verknüpft werden und so auf dieser Ebene an die Besucher/innen vermittelt werden können.

Die Thematisierung des Ist-Zustands heutiger Gedenkstätten zielt darauf ab, herauszuarbeiten, in welchem Verhältnis die Geschichte des historischen Ortes Konzentrationslager zur heutigen Gedenkstätte steht: Welche Ereignisse, welche Personen, welche Geschichte wird mit welchem Bereich informativ und gestalterisch im Gelände verknüpft? Wo werden die Grenzen der Darstellung gezogen? Wo und wie wird der Lagerbereich definiert? Auf welche Aspekte werden komplexe historische Sachverhalte reduziert, um sie an die Besucher/innen zu übermitteln? Wenn wir uns auf die Gegebenheiten des konkreten Raumes einlassen, können wir die Entscheidungen nachvollziehen, die zu seiner Gestaltung und Herausbildung geführt haben.

Dieser Ansatz erweitert die Forschungen, die sich mit den politischen und gesellschaftlichen Bedingungen sowie den Intentionen der unterschiedlichen Akteur/innen bei der Einrichtung von Gedenkstätten oder Errichtung von Denkmalen beschäftigen. Um dies an einem Beispiel zu verdeutlichen: Für die Gedenkstätte Buchenwald ist dies hinsichtlich der Mahnmalsanlage von 1958 gut erforscht. Ebenso stellen zahlreiche Veröffentlichungen die seit dem Ende der 1940er Jahre geführten Debatten um den Umgang mit dem ehemaligen Lagergelände dar und gehen dabei auf die unterschiedlichen Entwürfe für seine Gestaltung ein. Aber dass die Intentionen gesellschaftlicher Akteure nicht mit der Geschichte des Ortes gleichzusetzen sind, zeigt dann der Blick auf die konkreten Umsetzungen. So sind auf dem Gelände in Buchenwald viel mehr Gebäude des ehemaligen KZ erhalten geblieben, als ursprünglich angedacht.

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Erhaltene Gebäude der ehemaligen Desinfektion und der Effektenkammer, Gedenkstätte Buchenwald am 2.10.2007

"Der gebaute Raum als Quelle für historsiche Forschungen"

Das bedeutete unter anderem auch, dass das Gelände der Gedenkstätte viel größer war, als in den Plänen skizziert wurde, auf die sich einige Veröffentlichen beziehen. Zudem heißt es auch, dass für die Darstellung nicht nur der eingezäunte Bereich der Gefangenen in die Gedenkstätte einbezogen wurde, sondern auch angrenzende Bereiche von Zwangsarbeit.

Die Geschichte einer Gedenkstätte ist schließlich nicht nur die Geschichte der Diskussionen oder Querelen um ihre Einrichtung und politischen Indienstnahme, sie ist vielmehr auch die eines konkret gestalteten und veränderten Ortes, an dem Aussagen und Vorstellungen zu seiner historischen Funktion vermittelt werden.

Nicht zuletzt kann der gebaute Raum, wie wir ihn heute vorfinden, weiterhin als Quelle für historische Forschungen verstanden werden: Wann wurde welches Gebäude wofür errichtet? Wie wurde es genutzt und wann musste es für welchen Funktionswandel umgebaut werden? Was grenzte an das Lager und wer konnte welche Vorgänge aus welcher Perspektive beobachten? Das sind nicht nur einige Fragen, die die Forschungen zur Geschichte der Konzentrationslager begleiten, es sind auch Aspekte, die heute in den Gedenkstätten erfahrbar sind, wenn die Gestaltung sie thematisiert.

L.I.S.A.: Wie erinnern wir uns heute an die Verbrechen, die in NS-Lagern verübt worden sind? Welche Bedeutung spielt dabei die Architektur der Lager?

Dr. Klei: Ich möchte die Antwort auf die Gedenkstätten selbst beziehen, denn es gibt viele darüber hinausgehende Formen der Erinnerung an diese Verbrechen; verwiesen sei nur auf Reden auf Gedenkfeiern oder auch Spielfilme. Letztere vermitteln als Subtext auch Informationen zum Beispiel darüber, wie die Konzentrationslager aussahen, und prägen damit die Vorstellungen über sie mit.  

Zwei Aspekte der Gedenkstätten sind heute besonders offensichtlich: Zum einen hat sich in den letzten 20 Jahren durchgesetzt, dass sie sich an allen Orten ehemaliger Stammlager in Deutschland auf das ehemalige Lagergelände beziehen; das heißt, der Ort selbst wird ausgestellt, einzelne Bereiche werden direkt mit textlichen Informationen oder Bildern verbunden. Die Darstellung zur Geschichte erfolgt damit nicht mehr einzig und allein in zusammenhängenden historischen Ausstellungen in geschlossenen Räumen. Die ehemaligen Lagergelände sind quasi zu Freilichtmuseen geworden. Zu dieser Entwicklung gehört auch, dass heute Umnutzungen ehemaliger KZ-Gebäude, wie sie in den Jahrzehnten nach der Befreiung gang und gäbe waren, als nicht angemessen wahrgenommen werden, daher umstritten sind und rückgängig gemacht werden.

Der zweite Aspekt ist, dass die Gedenkstätten sich nicht allein auf die Geschichte des Ortes als Konzentrationslager beziehen, sondern vielmehr ihre eigene Entstehungsgeschichte mit ausstellen. Dies kann einen durchaus beachtlichen Teil der Darstellung im Gelände einnehmen und dient offensichtlich nicht allein der Information. Auf diese Weise werden auch die eigenen und aktuellen Formen des Gedenkens legitimiert, in dem zum Beispiel darauf verwiesen wird, welche Bereiche oder Opfergruppen, damit Teile der Geschichte, bisher aus der Erinnerung ausgeschlossen waren. So wird im Zuge der Neugestaltung „gutes Handeln“ für sich in Anspruch genommen und der eigene Umgang mit dem Ort und seiner Geschichte von dem Gedenken unter anderen politischen und gesellschaftlichen Vorzeichen abgegrenzt.

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Erhaltene Ecke eines Gefängnisbaus, der sich zwischen 1949/50 und 2003 auf dem Gelände der ehemaligen KZ-Häftlingsunterkünfte befand, KZ Gedenkstätte Neuengamme 30.10.2007

"Die Erinnerung an den Nationalsozialismus hat sich geändert"

Auffällig vor Ort ist in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme, dass die Informationen zur Nachgeschichte des Geländes exakter waren als diejenigen zur Lagergeschichte. Während Letztgenannte häufig allgemeine Erzählungen von Leid und Elend der Gefangenen behandeln, zeichnen sich Erstere durch präzise Angaben zur wechselhaften Nutzungsgeschichte einzelner Gebäude aus, oder beschreiben Neubauten sehr detailliert mit Maßangaben, architektonischen Fachbegriffen, der Einordnung in eine lokale Bautradition und der Nennung eines Architekten.

Beide hier genannte Aspekte sind natürlich vor dem Hintergrund zu sehen, dass sich die Erinnerung an den Nationalsozialismus allgemein geändert hat. Dazu gehört auch, dass Gedenkstätten heute staatlich geförderte Orte sind, deren Existenz allgemein anerkannt ist und deren Bedeutung politisch und gesellschaftlich betont wird.

Für die Erinnerung an den Orten und die Bedeutung von Architektur und Präsentation lassen sich hier noch drei Punkte zusammenfassen: Erstens orientieren sich die heutigen Gedenkstätten an der größten räumlichen Ausdehnung des Konzentrationslagers im Gelände. Die vorgestellten Bereiche thematisieren jedoch unterschiedliche Zeitschichten seit der Errichtung. Daraus folgen Gleichzeitigkeiten und Überlagerungen, die keiner chronologischen Darstellung entsprechen. Vielmehr stehen – in der Architektur und den erläuternden Tafeln im Wortsinn – Ereignisse nebeneinander, die historisch nicht zwingend aufeinander bezogen waren, aber mittels der Gestaltungsmittel in ein Verhältnis gesetzt werden. Dabei sind – zweitens – drei zentrale Komplexe herausgearbeitet: die Unterkunfts- und Funktionsbereiche der KZ-Gefangenen, die SS- Bereiche und Areale der Zwangsarbeit von KZ-Insassen.

Und zum Dritten stehen im Zentrum aller Darstellungen die KZ-Gefangenen, damit die Opfer. Das zeigt sich nicht nur an den Denkmalen und in den Inhalten von Texten, sondern auch daran, dass in den Bereichen, in denen sie untergebracht waren, die meisten Informationen mit den unterschiedlichsten Elementen vermittelt werden. Hier hat sich zum Beispiel auch durchgesetzt, dass die Standorte und Grundflächen der vormaligen und heute nicht mehr erhaltenen Baracken mit verschiedenen Materialien und Gestaltungsmitteln nachgezeichnet werden.

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Gabionen als Markierung für die ehemaligen Holzbaracken der KZ-Häftlingsunterkünfte, KZ-Gedenkstätte Neuengamme, 1.11.2007

So werden die Struktur und die Anordnung der Gebäude sichtbar; das sind Informationen, die sich in anderen Bereichen nicht nachvollziehen lassen. In den Texten von Informationstafeln werden die KZ-Gefangenen dann als anonyme Masse vorgestellt, eingeteilt in nationale sowie von der SS definierte Verfolgungskategorien. Ausnahmen, das heißt Verweise auf Opfer als Individuen, finden sich nur in Erinnerungszeichen für einzelne Tote oder für prominente Widerstandskämpfer. Die unterschiedlichen SS-Angehörigen werden in den Geländen daneben nur sehr marginal thematisiert; ihre Geschichte auch anhand von Verantwortlichkeiten und Handlungen ist insgesamt kaum nachvollziehbar.

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Informationstafel zur Markierung des Geländes der ehemaligen Gustloff-Werke II im KZ Buchenwald, links der Bereich des vormaligen Bahnhofes, Gedenkstätte Buchenwald 3.10.2007

L.I.S.A.: Können sie genauer beschreiben, wie die ehemaligen Lagerorte heute aussehen? Wie ist das Verhältnis der heutigen Gedenkstätten zur ursprünglichen Lagerarchitektur?

Dr. Klei: Ganz allgemein gesprochen, sind die heutigen Gedenkstätten geprägt von zwei Schritten im Umgang mit dem Gelände: In den ersten Monaten und Jahren nach der Befreiung wurden die meisten der Lagergebäude abgerissen, bei denjenigen, die erhalten blieben, handelte es sich nahezu ausschließlich um massiv errichtete Bauten. Sie wurden umgenutzt, in der Regel mit Funktionen, die einer Nutzung als Gedenkort entgegenstanden. Diese Entwicklung betraf alle großen Gedenkstätten in Deutschland, was bedeutet, dass keine die Lagerarchitektur insgesamt heute ausstellen kann. In den 1950er, vor allem aber in den 1960er Jahren wurden dann große Denkmalsanlagen errichtet, die mehr oder weniger allgemein an die Opfer erinnern sollten. Sie entstanden entweder in dem Bereich, in dem die Gefangenen untergebracht waren, zum Beispiel auf dem Appellplatz wie in Dachau, oder wurden in angrenzenden Bereichen etabliert, wie zum Beispiel auf dem Gelände der vormaligen Lagergärtnerei in Neuengamme.

Die Gedenkstätten in Ost- und Westdeutschland in der Zeit bis 1990 lassen sich bekanntermaßen generell hinsichtlich der politischen und gesellschaftlichen Bedingungen unterscheiden, unter denen sie entstanden sind. Aus der geteilten Entwicklung resultierte zum Beispiel auch, dass in den großen Mahn- und Gedenkstätten in der DDR seit den 1950er Jahren Museen und Archive auf den Geländen geschaffen wurden. Derartige Einrichtungen entstanden in der BRD zumeist erst mit dem zivilgesellschaftlichen Engagement seit dem Ende der 1970er Jahre.

Eine strikte Ost-/West-Unterteilung bezogen auf den Umgang mit dem historischen Ort nach der Zerstörung der historischen Bausubstanz ist allerdings nicht so einfach. Hier zeigt sich vielmehr eine Vielfalt, die offensichtlich nicht an den politischen Rahmen geknüpft ist: Beispielsweise konnten große Teile der Gelände umgenutzt sein und für ein Gedenken nicht zur Verfügung zu stehen, wie in Neuengamme für zwei Gefängnisse oder in Ravensbrück durch die Nutzungen der sowjetischen Armee. Daneben waren sowohl in Dachau als auch in Buchenwald vor allem die vormals mit Stacheldraht eingezäunten Bereiche der Gefangenen Gegenstand der Präsentation; hier wurden bereits mit der Einrichtung der Gedenkstätten die Grundflächen nicht mehr erhaltener Baracken markiert und Informationstafeln aufgestellt.

Der zweite Schritt begann mit den Umgestaltungen, die nach 1990 einsetzten. Zunächst bezogen sie sich auf die Gedenkstätten der ehemaligen DDR, in den letzten Jahren aber auch auf die in Westdeutschland. Dabei wurden unter anderem an allen Orten die Ausstellungen überarbeitet und erweitert, neue Konzepte der Vermittlung eingeführt und – wie ich bereits ausgeführt habe – die Gelände selbst zum Ausstellungsgegenstand. So führen zum Beispiel Audioguides nicht mehr nur durch die Museen, sondern auch über die Gelände.

Für die letzten 20 Jahre lässt sich beobachten, dass nach und nach immer mehr Bereiche in die Gedenkstätten einbezogen wurden, ehemalige Lagerarchitekturen in ihre Nutzungen übergingen etc. Einzelne Gebäude oder Bereiche werden nun mit Hilfe von Informationstafeln vorgestellt und zahlreiche im Boden liegende Fundamente freigelegt.

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Detail der Freilegung eines Fundamentes der ehemaligen Krankenbaracke III, KZ-Gedenkstätte Neuengamme, 31.10.2007

Kleine Mahnmale und Gedenktafeln für einzelne Opfergruppen werden zum Beispiel an Standorten etabliert, an denen diese Gefangenen eine Zeit lang untergebracht waren. Damit bietet die ehemalige Lagerarchitektur offensichtlich eine Struktur, an die sich die Geschichte des Ortes anbinden lässt. Sie wird so zugleich zum Träger von Informationen, die hier eingelagert und erinnert werden können. Dieser Aspekt muss meines Erachtens für die Diskussion um das „Gedächtnis der Orte“ eine wesentliche Rolle spielen, da zum Beispiel über Zuschreibungen von Authentizität die Bedeutung dieser Orte wesentlich bestimmt wird. 

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Denkmal für die ermordeten Sinti und Roma auf dem Standort von Block 14, Gedenkstätte Buchenwald, 2.10.2007

Auf den Geländen finden sich heute, schlicht gesagt, modernste Ausstellungskonzepte; dies ist sicherlich ein Aspekt, der auf die Historisierung der Ereignisse verweist. Zudem wird die neu errichtete Ausstellungsarchitektur einiger Orte als besonders spektakulär oder aufsehenerregend wahrgenommen und gewürdigt: KSP Jürgen Engel Architekten erhielten unter anderem 2008 für ihren Neubau des Dokumentations- und Informationszentrums Bergen-Belsen den Niedersächsischen Staatspreis für Architektur, auch das Büro von HG Merz bekam für seine Hülle über den Fundamentresten der Station Z in der Gedenkstätte Sachsenhausen mehrere Auszeichnungen, unter anderem 2006 den Deutschen Stahlbaupreis.

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Eingangsbereich des Dokumentations- und Informationszentrums, Gedenkstätte Bergen-Belsen, 2.11.2007

"Weniger Orte für Menschenrechtserziehung"

Ich finde es problematisch, dass nicht hinterfragt wird, welche konkreten Informationen und damit Vorstellungen zur Geschichte des jeweiligen Ortes eingelagert werden und von den Besucher/innen abgerufen werden können. Im Vordergrund steht der Umstand, dass man erinnert und die Orte etabliert sind, verwiesen wird auf die Intentionen und Absichten der Akteure. Dabei ist es doch ganz wesentlich, auf die Inhalte und die Formen ihrer Vermittlung zu achten und sie zu analysieren, da sie mitbestimmen, wie die historischen Orte und damit die Ereignisse wahrgenommen und in der Folge erinnert werden, das heißt, welche Vorstellungen sich die Besucher/innen hier machen können. Die Gedenkstätten haben den Anspruch, Lernorte zu sein. Also ist es sinnvoll und notwendig, danach zu fragen, was man an ihnen lernen kann. Und dies würde ich immer zuerst auf die Geschichte der Lager und des Nationalsozialismus beziehen, weniger auf den gesellschaftlich und politisch immer wieder formulierten Anspruch, Orte einer Menschenrechtserziehung zu sein.

Meine Betrachtung der Gedenkstätten Neuengamme und Buchenwald hat trotz der unterschiedlichen Strategien in der Gestaltung ganz wesentliche Gemeinsamkeiten aufgezeigt, bei denen davon auszugehen ist, dass sie sich auch auf andere Gedenkstätten übertragen lassen. So werden mit Hilfe der Gestaltungsmittel markante Standorte im Gelände, zentrale und nachgeordnete Wege, Grenzen und ein räumliches Verhältnis der unterschiedlichen Funktionen herausgearbeitet und dabei zeitliche, räumliche, funktionale und personelle Eindeutigkeiten hergestellt. So schafft die Gestaltung „dichte“ Orte im Gelände, an denen die Besucher/innen mehr über die Geschichte des Lagers erfahren können als an anderen. Dies ist nicht zwangsläufig an die historischen Abläufe gebunden, sondern orientiert sich zum Beispiel am erwarteten Verhalten der Besucher/innen. So besitzen die Gedenkstätten unter anderem jeweils einen zentralen Weg zwischen dem Bereich, an dem die Besucher/innen eintreffen, und dem Gebäude, in dem die Hauptausstellungen präsentiert werden. An diesem Weg finden sie dann bedeutend mehr Aussagen zur Geschichte des Ortes und zu einzelnen Gebäuden vor, als in den umliegenden Bereichen, wo manchmal nur eine Tafel auf einer grünen Wiese steht und eine kurze Aussage trifft. Dies hat meines Erachtens Folgen für die Rezeption: Bereiche werden aufgrund der heutigen Gestaltung als wichtiger erachtet, nicht aufgrund der historischen Ereignisse, die vermittelt werden sollen.

In der Konsequenz entstehen in den Geländen der Gedenkstätten klar strukturierte und hierarchisierte Räume, in denen einzelne definierte Flächen mit ausgewählten Aspekten des Konzentrationslagers verknüpft sind. Ein Beispiel, an dem das besonders deutlich wurde, ist das erhaltene Krematoriumsgebäude in Buchenwald. Hier werden unterschiedliche Aspekte des Themenkomplexes Tod im Konzentrationslager untergebracht: neben der kommentarlosen Präsentation der Krematoriumsöfen als Verweis auf das historische Ereignis wird das Gebäude zunächst als Erinnerungsort für Überlebende und Angehörige von ermordeten Insassen vorgestellt. Darüber hinaus werden hier der Umgang mit den Toten, die Situation im Lager bei der Befreiung, die Opfer als Individuen (personalisierte Erinnerungstafeln) und als anonyme Masse (Urnen mit Asche) sowie schließlich ausgewählte Vernichtungsaktionen, die sowohl in dem Gebäude selbst (Erhängungen im Keller), als auch an weiter entfernten Orten (Genickschussanlage in einem Pferdestall) stattfanden, thematisiert.

Grundsätzlich erzeugt die Gestaltung des Ortes eine Vorstellung von Konzentrationslagern, in denen zwei Gruppen von Akteuren vorkamen: SS-Angehörige und KZ-Insassen. Ihr Handeln und Erleben wird auf bestimmte Zonen bezogen, das heißt, auf bestimmte Räume im Gelände begrenzt. So wird zum Beispiel die Zwangsarbeit, die KZ-Insassen im Bereich der SS verrichten mussten, in diesem nicht erwähnt, sondern den Arealen zugeordnet, in denen sich Fabrikhallen ansiedelten.

Die Untersuchung hat insgesamt gezeigt, dass der Ort, über den die Gedenkstätten „sprechen“, nur punktuell an den Ort gebunden ist, der das Konzentrationslager war. Die gestaltete Erinnerung an das KZ steht natürlich in einem Abhängigkeitsverhältnis zum historischen Ort. Genau hier befand sich das Konzentrationslager und dies ist der Anlass für die Einrichtung der Gedenkstätte und begründet die heutige Bedeutung des Ortes. Die historischen Ereignisse stellen das Repertoire zur Verfügung. Ihre Darstellung im Gelände ist aber keine direkte Entsprechung, sondern vielmehr durch Auswahl, Abstraktion und Neu-Ordnung bestimmt.

L.I.S.A.: In Ihrem Buch „Der erinnerte Ort“ unterscheiden Sie im Hinblick auf die Funktion der Lager heute als Gedenkstätten zwischen „Erinnerungsraum“, „Gedächtnisraum“ und „erfahrbaren Raum“. Was genau unterscheidet die Kategorien voneinander?

Dr. Klei: Über Erinnerungs- und Gedächtnisorte und –räume zu sprechen, hat sich in den letzten Jahren etabliert. Meines Erachtens werden dabei aber der konkret hergestellte materielle Ort und die Aussagen, die mit seiner Hilfe hergestellt werden, vernachlässigt: Welche Aussagen und Informationen sind in ihm eingelagert? Welche Erinnerungen können mit Hilfe eines Gebäudes, einer räumliche Situation evoziert werden, welche können sie herausfordern? Die Frage, welche Bedeutung Architektur im Kontext von Erinnerung und Gedächtnis hat, spielt in dem Diskurs um Erinnerungsorte kaum eine Rolle. Es sollte meines Erachtens aber auch darum gehen, die Spezifik der Orte an die konkreten und materiellen Gegebenheiten zurückzubinden. Das bloße Sprechen von einer Aura und einer Authentizität der Orte verschleiert, dass diese nicht an oder in dem Ort selbst liegen, sondern dass derartige Bedeutungen zugeschrieben werden und dass dies mittels anderer Medien und Informationsvermittlung geschieht.

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Alexandra Klei, Der erinnerte Ort. Geschichte durch Architektur. Zur baulichen und gestalterischen Repräsentation der nationalsozialistischen Konzentrationslager, 2011.

"Das Grauen und die Verbrechen sind nicht erfahrbar"

Vor dem Hintergrund meiner auf das empirische Material zurückgehenden Feststellungen, den Theorien zu Erinnerung, kulturellem und sozialem Gedächtnis habe ich daher die genannte Unterteilung in ihrem Verhältnis zum gebauten Raum getroffen. Dabei bedeutet das Sprechen von einem Erinnerungsraum die bewusste Konstruktion eines Ortes, der an einen anderen Ort erinnern soll. Erinnerung ist hier der selektive Zugriff auf einen Ort und seine bauliche Struktur sowie auf die Ergebnisse historischer Forschung und individueller Berichte. Erinnerungsraum beschreibt in diesem Sinn die Konstruktion eines Raumes, dem spezifische Informationen, Funktionen und Bedeutungen mitgegeben werden. Mit Hilfe unterschiedlicher Medien – Informationstexte und Fotografien, Lagepläne, Freilegung von Fundamenten, Gedenktafeln, Nachzeichnungen von fehlenden Gebäuden, Hinweisschildern – wird daraus folgend ein Gedächtnis des Orts hergestellt, dessen konstitutiver Bestandteil Architektur ist. Um diese in ihrer Bedeutung zu verstehen, sind Vorkenntnisse und damit das Hinzuziehen anderer Medien notwendig. Bezogen auf die historischen Orte handelt es sich dabei um Inhalte, die mittels der Gestaltung eingelagert werden. Mit ihrer Hilfe werden, gezielt und ausgewählt, Informationen und Sinnkonstruktionen an den Ort und seine historische bauliche Struktur gebunden. Sie sind es dann, die abgerufen, gelesen, verstanden und in einen Kontext gesetzt werden können. Von einem Gedächtnisraum soll daher in der Verknüpfung von vorhandenem materiellen Raum und durch Erinnerung aufbewahrter Inhalte gesprochen werden. Texte, Fotografien, künstlerische, rekonstruierende, nachzeichnende Installationen, aber auch Hör- oder Gruppenführungen stellen spezifische Aspekte von Sinn und Geschichte her, lagern ihn in dem Ort infolge von Konstruktion, Auswahl, Fokussierung ein. Wenn man das auf die Gedenkstätten auf den Geländen ehemaliger Konzentrationslager bezieht, bedeutet dies zum Beispiel: Nicht das Grauen oder die Verbrechen sind erfahrbar, sondern das, was über das Grauen und die Verbrechen mit den Orten verknüpft wurde. Dabei ist für den Gedächtnisraum nicht entscheidend, was vom Einzelnen mitgenommen wird. Entscheidend ist vielmehr, welche Inhalte ihm zur Auswahl angeboten werden und welche Lesarten sowie Bedeutungen sich daraus ergeben. 

In der Konsequenz heißt dies, dass ein erfahrbarer Raum entsteht, in dem Architektur als Medium von Geschichte eine besondere Rolle innehat: Neben der Vermittlung einer Vorstellung von den Bauformen oder der Materialität, gibt sie die Möglichkeit von unmittelbarer Berührung und Anschauung. Damit ist sie im Unterschied zu anderen Medien erlebbar, indem man sie durchlaufen kann, als physische Erfahrung und mit einer sinnlichen Präsenz. Damit wird Architektur zu einem wesentlichen Bestandteil dessen, was Erinnerungen bestimmt und Gedächtnis ausmacht. Daraus entsteht die Möglichkeit einer authentischen Erfahrung, die sich auf die eigene Anwesenheit zu einem bestimmten Zeitpunkt an diesem Ort bezieht. Diese ist eben nicht in eins zu setzen mit der historischen Erfahrung, sie steht aber im Gegensatz zur Vermittlung durch einen Text oder ein Bild. Mit der veränderten Funktion und dem erzeugten Gedächtnisraum ist nicht der historische Ort erfahrbar. Allerdings wird dieses Defizit in situ aufgrund der Nähe des Objekts eher verunklart als bewusst gemacht. Und dass der Architektur das Verstreichen von Zeit, Ergänzungen oder Veränderungen nicht immer unmittelbar abzulesen sind, täuscht über die Konstruiertheit der Darstellung hinweg. Vor diesem Hintergrund ist eben auch die oftmals behauptete Authentizität der Orte als Teil von Erinnerungsintention und Sinnkonstruktion zu verstehen.

L.I.S.A.: In Ihrem Buch kritisieren Sie, dass sich die Darstellungen in den heutigen Lagergedenkstätten vor allem an den extremsten Lagerbedingungen orientieren. Was meinen Sie damit und warum ist das problematisch?

Dr. Klei: Um dies problematisch zu finden, muss man vielleicht erst klären, vor welchem Hintergrund man dies tut. Ich ging bei meinen Forschungen davon aus, dass die heutigen Gestaltungen im Gelände dieses in seiner Geschichte kenntlich machen und Aussagen zu den hier stattgefundenen Ereignissen treffen sollen. Ich gehe weiter davon aus, dass es für historisch-politische Bildung notwendig ist, Informationen und konkrete Aussagen zu vermitteln und dann auf dieser Grundlage moralische Wertungen zu diskutieren. Gedenkstätten an einem historischen Ort sollte dabei die Aufgabe zukommen, Aussagen über seine spezifische Geschichte zu vermitteln: Was genau ist hier wo und wann passiert? Dafür eignet sich meines Erachtens eben auch die Präsentation im Gelände besonders. Denn sie ist es, die im Gegensatz zu einer Ausstellung im Museum, die Geschichte verorten kann, Ereignisse konkreten Bereichen zuordnen kann usw. Dies unterscheidet sie von anderen Medien, bietet also die Möglichkeit, vorhandenes Wissen aus anderen Quellen zu erweitern.

Die Auswertung der in den von mir untersuchten Geländen vermittelten Informationen – zumeist die Texte der Informationstafeln, die für diesen Aspekt das wichtigste Medium sind – machte deutlich, dass sich die Darstellungen häufig an den katastrophalen Zuständen während der letzten Monate der Lagerexistenz orientierten und dabei wenig konkrete Angaben vermittelt werden. Damit stellen sie zum einen keine Ergänzung oder Erweiterung bestehender Vorstellungen zu Konzentrationslager her, sie bestätigen: Das waren schlimme und grausame Orte, an denen viele Menschen starben. Diese Vermittlung von Eindrücken massenhaften Elends, vom Leiden und Sterben der Gefangenen bedeutet, dass die Wertung des Unrechtscharakters der KZ über das Extrem, wie schlimm, unmenschlich, elend die Bedingungen und wie grausam und gewalttätig die SS-Angehörigen waren, erfolgt. Damit werden zuallererst allgemeine Vorstellungen von Konzentrationslagern bestätigt und wenige konkrete, ortsspezifische Informationen vermittelt. Man kann vor diesem Hintergrund wenig darüber erfahren und lernen, wie Konzentrationslager funktionierten und wie sie sich entwickelten. Die Komplexität ihrer Geschichte wird ausgeblendet. Es wird kaum deutlich, dass ein Konzentrationslager bereits in der Anlage ein Ort des Unrechts und der Grausamkeit war, unabhängig von den katastrophalen Lebensbedingungen. Natürlich müssen diese thematisiert werden, mir geht es um das Verhältnis, in dem die einzelnen vermittelten Aspekte stehen und die Bilder, die hier erzeugt werden.

Ortsspezifische Eindrücke entstehen allerdings, und hier kommen wir noch einmal auf die Bedeutung von Architektur und aktuell eingesetzten Gestaltungsmitteln zu sprechen, aufgrund der Spezifika der Bausubstanz oder des Verhältnisses, das einzelne Komplexe zueinander haben.

Überrascht war ich von der Ungenauigkeit der vermittelten Aussagen; die historische Forschung ist viel weiter als die Aussagen im Gelände dies vermuten lassen. Hier werden wenige Ereignisse konkret mit den verantwortlichen Akteur/innen vorgestellt, es mangelt an eindeutigen Zahlenangaben oder anderen Daten. Bei beiden Beispielen, Buchenwald und Neuengamme, fehlten im Gelände auch Darstellungen zum Rahmen der Ereignisse, es gab keine konkreten quantitativen Angaben zu den Tätern oder Opfern, die eine Zuordnung vermittelter Information erleichtern würden.

Natürlich sind die Ausstellungen im Gelände nicht die einzige Möglichkeit, sich über die Geschichte des Ortes zu informieren. Audioguides zum Beispiel können eine Ergänzungen sein. Bei den untersuchten Gedenkstätten haben sich hier dann wesentliche Unterschiede gezeigt: Während der Audioguide in Buchenwald die allgemeine Erzählung von Leid und Elend vor allem fortführt und wenige ergänzende Informationen bietet, ist der für Neuengamme komplex und bietet den Besucher/innen die Möglichkeit, zwischen unterschiedlichen Inhalten, wie Bau- und Nachgeschichte oder Aussagen von Zeitzeugen zu bestimmten Orten und Ereignissen, auszuwählen. Dies ist zum einen eine umfangreiche Ergänzung zu dem, was im Gelände auf Tafeln oder mit der Gestaltung gesagt wird, zum anderen macht diese Form der Vermittlung auf einen wesentlichen Punkt aufmerksam, den die Gestaltung des Geländes komplett vernachlässigt: Es ist im Rahmen eines einzigen Besuches kaum möglich, alles über die Geschichte dieses Konzentrationslagers zu erfahren. Die Nutzer/innen des Audioguides müssen sich bewusst für einzelne Inhalte entscheiden und damit andere ebenso bewusst vernachlässigen. Ich halte das für ein sinnvolles Konzept, denn es macht deutlich, dass man sich für Inhalte entscheidet und andere ausblendet.

Dem historischen Ort wird heute im Diskurs zu der Frage, wie man nach dem Ende der direkten Zeitzeugenschaft an die Ereignisse erinnern will, eine hohe Bedeutung beigemessen. Ich denke, dass sich dies in den Gedenkstätten auch in der Form und den Inhalten der vermittelten Informationen widerspiegeln muss.

L.I.S.A.: Heinrich Böll und Zygmunt Baumann haben vom 20. Jahrhundert als vom „Jahrhundert der Lager“ gesprochen und geschrieben. Inwieweit ist eine solche Bezeichnung hilfreich für das kollektive Erinnern an die Geschichte des vergangenen Jahrhunderts?

Dr. Klei: Zunächst müsste ich an dieser Stelle zurückfragen, welches Kollektiv sich zu welchem Zweck erinnert. Es ist also nicht so einfach und generell zu beantworten. Vor dem Hintergrund, dass sich Lager als Mittel der Separierung und Ausgrenzung von großen Menschengruppen durchgesetzt haben, erscheint mir eine solche Bezeichnung sinnvoll. Es muss natürlich deutlich werden, dass die Konzentrationslager nicht die einzige Lagerform waren, die etabliert wurde. Das galt ja bereits für die Zeit des Nationalsozialismus.

Zugleich sind Lager aber nicht unbedingt ein Charakteristikum des vergangenen Jahrhunderts. Ihre Geschichte reicht weiter zurück und nach wie vor gibt es welche. Die Frage wäre also, welchen Gewinn bringt eine solche Bezeichnung, welches Verständnis des Zeitgeschehens ermöglicht sie? Wer heute einen Ort als Konzentrationslager bezeichnet, unternimmt ja immer auch den Versuch, Ereignisse als besonders drastisch darzustellen, sie in die Nähe des Nationalsozialismus zu rücken und damit einem aktuellen politischen Anliegen zu dienen. Aber das Guantanamo-Gefangenenlager ist kein ein nationalsozialistisches Konzentrationslager, ein Gulag kein Lager für Asylbewerber. Wie sich die Vernichtungslager im Kontext „Jahrhundert der Lager“ einordnen sollen, weiß ich nicht zu sagen.

Ich halte nicht viel davon, komplexe historische Zusammenhänge auf derartige Schlagworte zu reduzieren. Ich denke, es ist notwendig, die Spezifika der jeweiligen Lager, ihre Geschichte, Bedeutung und Funktion jeweils deutlich zu machen und diese sowohl im Sprechen über sie als auch in der Gestaltung der Erinnerung an sie zu verdeutlichen. Die Erinnerung egal welchen Kollektivs sollte weder dazu anregen, Ereignisse zu verharmlosen noch die Unterschiede zu verwischen.

Dr. Alexandra Klei hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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