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Georgios Chatzoudis | 27.08.2015 | 510 Aufrufe | Interviews

"Ideengeber und Träger von Innovationsprozessen"

Interview mit Julia Bruch über Nonnen, Mönche und Klöster im Mittelalter

In der Populärkultur gelten Mönche und Nonnen als weltabgewandte und besonders konservative Gestalten, die in einem finsteren Mittelalter in abgeschiedenen und unheimlichen Klöstern im besten Falle arbeiteten und beteten. Zeugnis davon legen unter anderem ihre Inszenierung in Romanen und Spielfilmen wie "Der Name der Rose" oder - mit Blick auf unsere heutige Zeit - in "Der Da Vinci Code - Sakrileg" ab. Dass dem nicht so ist, haben bereits zahlreiche historische Studien bewiesen - unter anderem die Arbeiten von Georges Duby, Karl Suso Frank oder Gert Melville. Eine neuen Aspekt der Klostergeschichte hat die Historikerin Dr. Julia Bruch im Rahmen ihrer Promotionsarbeit untersucht: Die Zisterze Kaisheim und ihre Tochterklöster. Studien zum Leben und Wirtschaften im spätmittelalterlichen Frauenkloster mit einer Edition des 'Kaisheimer Rechnungsbuches'. Wir haben Sie dazu befragt.

"Die Mönche und Nonnen waren nicht rückständig"

L.I.S.A.: Frau Dr. Bruch, Ihr Forschungsfeld ist das Mittelalter, insbesondere das Spätmittelalter. Dabei konzentrieren Sie sich auf die Geschichte der Orden. Was fasziniert und interessiert Sie an der mittelalterlichen Ordenswelt? Welche Rolle spielt dabei die Aura des Geheimnisvollen und Mystischen, die Orden und Klöster umgibt?

Dr. Bruch: Ich kam zum ersten Mal in Kontakt mit der mittelalterlichen Ordenswelt im Hauptseminar meiner Doktormutter Annette Kehnel zu Klöster und Orden als Innovationslabore. Mich faszinierte die progressive Kraft, die manchen Orden zu bestimmten Zeiten innewohnte und die enorme Bedeutung für die Entwicklung der damaligen Gesellschaft. Natürlich hatte ich „Der Name der Rose“ gelesen und kannte die Vorurteile, die man gegenüber Klöstern und Orden in der Populärkultur hegt. So fand ich gerade die Diskrepanz zwischen dem weit verbreiteten Bild und den Ergebnissen der Forschung vor allem zum Zisterzienserorden spannend. Die Mönche und Nonnen waren eben nicht rückständig und haben Entwicklungen gebremst; gerade im ökonomischen Sektor, den ich schließlich auch untersucht habe, waren sie Ideengeber und Träger von Innovations- wie Fortschrittsprozessen. Die frühesten Rechnungsbücher nördlich der Alpen sind beispielsweise in Zisterzienserklöstern zu finden.

"Die Entstehung der Bettelorden brachte ein neues Konzept mit sich"

L.I.S.A.: Das 13. Jahrhundert wird als Umbruchsphase in der Ordensgeschichte bezeichnet. Was wandelte sich? Waren es eher geistige oder wirtschaftliche Veränderungen, die diese Transformationszeit charakterisieren?

Dr. Bruch: Meiner Meinung nach gehen die geistigen und wirtschaftlichen Veränderungen Hand-in-Hand. Vor allem das Wachstum der Städte mit gleichzeitiger Bedeutungszunahme veränderte die mittelalterliche Welt nachhaltig. Städtische Märkte und Handel wurden für die Zisterzienser sehr wichtig. Man bediente diese Märkte mit eigenen Produkten wie Getreide, Wein oder Stoffen. Große Zisterzen unterhielten nun neben den landwirtschaftlich bedeutenden Grangien (ländliche Wirtschaftshöfe) auch Stadthöfe in den wichtigsten Städten ihrer Umgebung und darüber hinaus in Handelszentren.

Die Entstehung der Bettelorden brachte ein neues Konzept mit sich. Opus Dei in Einsamkeit und Abgeschiedenheit wurde nicht mehr als der alleinige Weg zum Heil betrachtet. Dienst an Gott bedeutete für die Bettelorden Dienst am Nächsten und ein Leben in absoluter Armut. Dieser neue Weg veränderte die monastische Lebensweise nachhaltig.

Universitäten, die in bedeutenden Städten entstanden sind, wurden zu Zentren des Wissens und die Klöster verloren diese Funktion allmählich. So studierten bald Zisterziensermönche an den wichtigen Universitäten. Auch diese Verlagerung der Wissensaneignung veränderte das monastische Leben stark.

Tor zur Klosteranlage Kaisheim

"Männerklöster behielten die Aufsicht über Frauenkonvente"

L.I.S.A.: Ihre Doktorarbeit haben Sie über Frauenklöster der Zisterzienser im schwäbischen Kaisheim geschrieben. Worauf lag dabei der Schwerpunkt Ihrer Studie? Waren Frauenklöster anders organisiert als ihre männlichen Pendants?

Dr. Bruch: Ja, ich habe die Zisterzienserinnenkonvente, die Kaisheim organisatorisch zugeordnet waren untersucht. Dabei stand ein Rechnungsbuch im Vordergrund (1288-1360), das im Kloster Kaisheim angelegt worden war und die schriftliche Kontrolle der Rechnungen aus den untergeordneten Klöstern enthält. Naturgemäß lag damit mein Schwerpunkt auf dem ökonomischen Sektor der Klöster. Ich bearbeitete Fragen zur klösterlichen Wirtschaft und zur internen Organisation der Frauenkonvente. Aber auch zur Rechnungsführung allgemein und zum Verhältnis von Frauenklöstern und Männerklöstern innerhalb des Zisterzienserordens und damit zur ordensinternen Struktur.

Ich konnte nachweisen, dass die Frauenklöster nicht nur als Teil des Ordens wahrgenommen wurden, sondern auch im ökonomischen Sektor ähnlich organisiert waren wie ihre männlichen Pendants und vergleichbar wirtschafteten. Die Äbtissinnen und weitere Nonnen mit Ämtern wie Kämmerinnen oder Kellerinnen verfügten über eigene Etats, mit denen sie eigenständig wirtschafteten. Auch für die Rechtsgeschäfte, die sich in Urkunden niederschlugen, brauchten sie keinen Prokurator. Sie handelten selbst qua Amt und im Namen des Konvents. Allerdings behielten Männerklöster – wie Kaisheim – die Aufsicht über Frauenkonvente im geistigen und wirtschaftlichen Bereich. Wovon das Rechnungsbuch sehr eindrücklich Zeugnis ablegt. 

Kloster Kaisheim, 1930.

"Mich hat die enorme Wandelbarkeit und Anpassungsfähigkeit des Ordens beeindruckt"

L.I.S.A.: Der Orden der Zisterzienser hat sich um 1100 als Protestbewegung gegen die Verweltlichung insbesondere der Benediktiner formiert, ist aber im Laufe der Zeit selbst zu einem der mächtigsten und wohlhabendsten Orden aufgestiegen. Wie wurde dieser Widerspruch ausgehalten?

Dr. Bruch: Der Zisterzienserorden wurde sozusagen von seinem eigenen Erfolg überrollt. Man kann diese Entwicklung als Abfall von den ursprünglichen Idealen werten. Kritiker daran finden sich im eigenen Orden – man denke an die ordensinternen Reformen des 15. sowie die Abspaltung der Trappisten im 17. Jahrhundert – und vor allem auch unter den Ordenshistorikern. Die große Zisterziensertagung der 1980er Jahre trägt den Namen „Ordensleben zwischen Ideal und Wirklichkeit“ und auch 2007 wurde auf einer internationalen Tagung, immerhin abgeschwächt, nach „Norm und Realität“ gefragt. Die Diskussion um das „Ideal“ oder die „Norm“ hat mich in meiner Arbeit weniger beschäftigt. Was mich viel mehr beeindruckt hat, ist die enorme Wandelbarkeit und Anpassungsfähigkeit, die der Orden besaß –immerhin existiert er heute noch. Mit der Möglichkeit die eigenen Grundordnung oder Verfassung (charta caritatis) durch ein Ordensgremium, dem jährlich tagenden Generalkapitel, zu verändern und neu auszulegen, waren die Zisterzienser flexibel und konnten auf äußere Einflüsse reagieren. Dieses System funktionierte übrigens so gut, das andere Orden diese interne Struktur übernahmen.

Kaisheim, aus: Neuburger Taschenbuch für 1809 Neuburg, Stöttner, 1809

"Der kulturelle Austausch hatte sich im Spätmittelalter in die Städte verlagert"

L.I.S.A.: Die Orden und Klöster des Mittelalters galten vor allem als die geistigen Zentren der christlichen Welt. Wenn wir uns einmal auf das für Historikerinnen und Historiker schwierige Feld der Analogie bewegen: Welche heutige Institutionen sind die Orden und Klöster unserer Zeit?

Dr. Bruch: Im Spätmittelalter, der Zeit mit der ich mich beschäftigt habe, verloren die Klöster allmählich diese Funktion. Wie oben angedeutet wurden die Universitäten zu den neuen Zentren des Wissens. Heute ist zwar nicht mehr wie damals die Theologie Leitwissenschaft, die Funktion als Wissenszentren haben die Universitäten allerdings nicht verloren. Der kulturelle Austausch, der trotz Abgeschiedenheit durch die Mönche und Nonnen getragen wurde und in den Klöstern stattfand, hatte sich im Spätmittelalter ebenfalls in die Städte (und an die Höfe) verlagert.

Heute findet dieser immer noch in den Städten statt und verlagert sich allerdings wohl immer mehr ins Internet wird sozusagen dezentral. Allumfassende geistige Zentren, wie es die Klöster im Mittelalter waren, gibt es heute nicht mehr.   

Dr. Julia Bruch hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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