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Georgios Chatzoudis | 13.07.2017 | 801 Aufrufe | Interviews

"Ich ziehe es vor, Archive zu besuchen"

Interview mit Markwart Herzog zur "Gleichschaltung" des Fußballs im NS

Das nationalsozialistische Regime versuchte von seinen Anfängen an den Sport mit dessen Strukturen, Vereinen und Funktionären nicht nur zu kontrollieren, sondern mit dem faschistischen System gleichzuschalten. So wurden unter anderem über sogenannte Arierparagrafen Sportler und Vereinsmitglieder jüdischer Herkunft ausgeschlossen, Sportvereinen dezidiert politische Funktionen zugewiesen und kleinere sportliche Vereinigungen zu Fusionen mit anderen oder größeren Vereinen gezwungen. Im Sammelband "Die 'Gleichschaltung' des Fußballsports im nationalsozialistischen Deutschland" widmen sich die Autoren der unterschiedlichen Gleichschaltungsmaßnahmen und fragen, inwiefern diese Maßnahmen gegriffen haben. Wir haben dem Herausgeber und Sporthistoriker Dr. Markwart Herzog sowohl zum Band insgesamt als auch zu seinen Aufsätzen über den Umgang des FC Bayern München mit dessen jüdischen Mitgliedern und über die Fusionsbemühungen von Vereinen in der Pfalz unsere Fragen gestellt.

"Wir wissen sehr wenig über interne Vorgänge in den Fußballvereinen"

L.I.S.A.: Herr Dr. Herzog, Sie haben in der Reihe "Irseer Dialoge" einen neuen Band zur Sportgeschichte herausgebracht: Die „Gleichschaltung“ des Fußballsports im nationalsozialistischen Deutschland. Was war der Anlass, dieses Buch zu veröffentlichen? Ist darüber nicht schon längst alles gesagt worden?

Dr. Herzog: Anlass für das Forschungsprojekt war eine Tagung, die – unterstützt von der DFB-Kulturstiftung – von der Schwabenakademie Irsee im Frühjahr 2013 veranstaltet wurde. Sporthistorische Tagungen haben in Irsee mittlerweile Tradition. Die erste fand im Jahr 2000 statt. Damals gab es generell so gut wie keine quellengestützten Forschungen über die Geschichte des Fußballsports in Deutschland; deshalb auch nicht über Fußball im „Dritten Reich“. Nicht zuletzt dank der Impulse, die von den Irseer Konferenzen zur Sportgeschichte ausgingen, hat sich das entscheidend geändert.

Über die großen Transformationen in der nationalen Sportpolitik sind wir zwar schon seit längerer Zeit durch die Forschungen des Nestors der Sportgeschichte des Nationalsozialismus, Hajo Bernett, und seines Schülers Hans-Joachim Teichler gut unterrichtet. Aber der Fußball war ein Nachzügler. Erst durch Nils Havemanns im Jahr 2005 erschienene, wegweisende Studie Fußball unterm Hakenkreuz verfügen wir über erste belastbare Erkenntnisse, zumindest über den DFB. Dennoch wissen wir bis heute nur sehr wenig über die internen Vorgänge in den einzelnen Fußballvereinen beim Übergang in die nationalsozialistische Diktatur. Deshalb betreten die meisten Beiträge in unserem Band echtes Neuland.

"Kein Historiker könnte das mit gutem Gewissen unterschreiben"

L.I.S.A.: Einige Resultate des Bandes wurden bereits kontrovers diskutiert. Im Nachrichtenmagazin Der Spiegel wurden drei mehrseitige Artikel dazu veröffentlicht. Wie bewerten Sie die Resonanz auf das Buch?

Dr. Herzog: Als Bandherausgeber freue ich mich natürlich ebenso wie der Verlag, dass die Medien so stark reagiert haben. Gemeinsam mit Havemanns DFB-Studie ist dieser Band das meist diskutierte Buch zur deutschen Fußballgeschichte. Vor allem wegen meines 40-seitigen Beitrags über die „Gleichschaltung“ und die „Arisierung“ des FC Bayern, auf den Sie mit Ihrer Frage anspielen. Ich selbst wurde – ebenso wie vor über einem Jahrzehnt Nils Havemann – äußerst scharf angegriffen. Der Grund ist jeweils identisch: Havemann und ich haben uns nicht an Festschriften, Vereinspublizistik oder Zeitzeugen gehalten, die ein verklärtes Licht auf die Vergangenheit werfen. Vielmehr sind wir in die Archive gegangen. Wir haben reiche Dokumentenüberlieferungen gefunden, die bis dato niemand ausgewertet hatte. Auf dieser Basis konnten wir einerseits neue Erkenntnisse gewinnen, andererseits konnten wir weit verbreitete Überzeugungen als unbegründet zurückweisen, die vorher wie Glaubensgewissheiten gehütet wurden und als unantastbar galten.

So stellt sich der FC Bayern zum einen als Opfer der nationalsozialistischen Sportpolitik dar, zum anderen als Organisation, die sich der „Gleichschaltung“ bis in die Kriegsjahre widersetzt hätte. Hier wurde sogar der Begriff der „Heldengeschichte“ verwendet. Dieses Geschichtsbild beschönigt die tatsächlichen Begebenheiten. Den Auftakt dazu setzte eine Festschrift des FC Bayern aus dem Jahr 1950, die für die späteren Jahrzehnte stilbildend wurde. Heute ist es vor allem die FC Bayern Erlebniswelt, also das Vereinsmuseums in der Allianz Arena, und die Wanderausstellung Verehrt – Verfolgt – Vergessen: Opfer des Nationalsozialismus beim FC Bayern München, die dieses Geschichtsbild weitertragen. Beide Ausstellungen orientieren sich an der sehr apologetisch angelegten Festschrift. Das ist zweifelsohne klug gemachte PR, aber kein Historiker könnte das mit gutem Gewissen unterschreiben. In der FC Bayern Erlebniswelt können Sie etwa lesen „the men in red suffered systematic discrimination“; Beweise bleiben die Ausstellungsmacher schuldig. Diese Geschichtsklitterung wurde sogar von Sportwissenschaftlern und Publizisten für bare Münze genommen, die sich sonst – vor allem wenn es um den DFB geht – viel auf ihre gesellschaftskritische Einstellung zu Gute halten.

"Das Blütenweiß des FC Bayern ist ein bisschen grauer geworden"

L.I.S.A.: Wie erklären Sie sich diese Diskrepanz in der Darstellung? Gelten hierbei unterschiedliche Standards?

Dr. Herzog: Genau so ist es. Der FC Bayern war in der NS-Zeit nicht besser, aber auch nicht schlechter als andere Fußballclubs, was übrigens auch für den DFB gilt. Der bürgerliche Verband und seine Vereine haben versucht, sich mit allen politischen Systemen zu arrangieren, um das Kulturgut Sport durch die sich ändernden Zeiten zu bringen. Dagegen vermittelt die „kritische“ Sportwissenschaft ein historisch unzulässiges Schwarz-Weiß-Bild vom „Fußball unterm Hakenkreuz“: hier der böse, nationalistische DFB und viele seiner bürgerlichen Vereine, dort der gute „Judenclub“ FC Bayern – oder der „Arbeiterverein“ Borussia Dortmund. Mit diesem manichäischen Weltbild soll eine Sehnsucht gestillt, die Welt des Fußballs in ein einfaches, moralisierendes und zudem unaufrichtiges Raster gepresst werden. Das ist eine Einstellung, die Sie auch in den Ressentiments „antikapitalistischer“ Fangruppen finden, die in den Stadien auf Spruchbändern „Krieg dem DFB!“ verkünden, aber Borussia Dortmunds Börsengang begrüßen.

Genau dieses Schwarz-Weiß-Raster gibt es in der Geschichtsforschung nicht. Mit Recht hat Thomas Nipperdey (Deutsche Geschichte, Bd. 2) geschrieben, „die Grundfarbe der Geschichte ist grau, in unendlichen Schattierungen“. In dieser Hinsicht vorbildlich ist deshalb der Titel der stilbildenden Vereinsmonografie von Stefan Goch und Norbert Silberbach über den FC Schalke im Nationalsozialismus: „Zwischen Blau und Weiß liegt Grau“. Durch meine Aktenfunde ist das Blütenweiß des FC Bayern nun ein bisschen grauer geworden – aber ist wohl begründete Enttäuschung nicht besser als eine Täuschung?

"Das Selbstbild des FC Bayern bedarf einer kritischen Überarbeitung"

L.I.S.A.: Welches Feedback haben Sie auf Ihren Aufsatz erhalten?

Dr. Herzog: Die Frustration war groß, das können Sie an den sehr emotionalen Reaktionen ablesen, und das obwohl ich die „Bayern“ in keiner Weise als Nazi-Verein dämonisiere. Und diese Debatte wurde von Anfang an weltweit geführt. Im frankophonen, vor allem aber im spanischsprachigen Raum, besonders in Lateinamerika, ist das Interesse an allem, was die Münchner „bestia negra“ betrifft, immens groß.

Ich hatte gefordert, dass der Club seine Geschichte in der NS-Zeit von unabhängigen Historikern professionell erforschen lassen sollte. Andere Fußballvereine haben das schon vor über einem Jahrzehnt geleistet, die „Bayern“ bis heute nicht. Deshalb haben renommierte Wissenschaftler meine Forderung in Der Spiegel, in L’Équipe und in Le Monde unterstützt. Als sich die in Tel Aviv beheimatete Internetplattform HaGalil ebenfalls auf meine Seite stellte, mussten die „Bayern“ reagieren. Und sie taten es, wie kaum anders zu erwarten, professionell. Jedenfalls haben sie angekündigt, ihre Geschichte in der NS-Zeit historiografisch seriös und unabhängig aufarbeiten lassen zu wollen. Ich bin gespannt, wer mit diesem Forschungsauftag betraut wird. Die Fachleute sind sich einig: Das schiefe Selbstbild des FC Bayern bedarf dringend einer kritischen, methodisch geschichtwissenschaftlichen Überarbeitung. Noch besser wäre es, die gesamte Geschichte des FC Bayern in kultur-, sozial- und wirtschaftshistorischer Perspektive aufzurollen und darzustellen.

"Der FC Bayern begann schon sehr bald Maßnahmen zu ergreifen"

L.I.S.A.: Wie schätzen Sie mit Blick auf Ihre Aktenfunde die Bereitschaft der Fußballfunktionäre des FC Bayern München ein, sich nach 1933 an die neue politische Lage anzupassen?

Dr. Herzog: Wenn wir auf die Vereine blicken, die im DFB organisiert waren, bietet sich uns ein teilweise erstaunlich buntes Bild. Fußballclubs wie etwa der 1. FC Nürnberg haben sich sehr früh und überaus radikal an die NS-Politik angepasst, ihre jüdischen Mitglieder ausgeschlossen und Wehrsport ins Programm aufgenommen. Andere Vereine hatten es nicht so eilig. Bei der Recherche müssen Sie Glück haben und aussagekräftige Dokumente finden, was sich in vielen Fällen als sehr schwierig erweist. Ich hatte dieses Glück.

So stieß ich im Archiv des Registergerichts München auf die komplett überlieferten Protokolle der Mitgliederversammlungen des FC Bayern seit 1925. Wenn man diese Dokumente sichtet, zeigen sich erhebliche Unterschiede zu jenem Selbstbild der „Bayern“, das auch die Mainstream-Medien verbreitet haben. Dort können Sie nachlesen, dass sich der „Vereinsführer“ Siegfried Herrmann am 12. April 1933 von einer Mitgliederversammlung mit einem „Ermächtigungsgesetz“ ausstatten ließ. Auf dieser Grundlage sollte er die „die Arierfrage im Club“ lösen und die Freiheit haben, gegen die Satzung und gegen geltendes Recht zu verstoßen. Mit diesem „Ermächtigungsgesetz“ begann der Club, einer Verpflichtung nachzukommen, zu der er sich am 9. April 1933 in einer öffentlichen Deklaration bekannt hatte, nämlich „alle Folgerungen, insbesondere in der Frage der Entfernung der Juden aus den Sportvereinen, zu ziehen“. Der FC Bayern begann also schon bald nach der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler, erste Maßnahmen zur Ausgrenzung jüdischer Mitglieder und Funktionäre zu ergreifen, ließ sich jedoch – anders als der 1. FC Nürnberg – bis zum formellen Ausschluss seiner jüdischen Mitglieder noch zwei Jahre Zeit.

"Die 'Bayern' taten das freiwillig, um dem Regime entgegen zu arbeiten"

L.I.S.A.: Wie erklären Sie sich diese nicht unerheblichen Unterschiede im Verhalten der Sport- und Fußballvereine?

Dr. Herzog: Ein wichtiger Grund ist die Tatsache, dass der Fußballdachverband DFB seinen Mitgliedsvereinen keinen Ausschluss „nichtarischer“ Mitglieder vorgeschrieben hatte. Deshalb ist das Vereinsmuseum des FC Bayern schlecht beraten, wenn es behauptet, der Club sei gezwungen worden, seine „nichtarischen“ Mitglieder auszuschließen. Im Audio-Guide heißt es bei Station 107: „Die nationalsozialistischen Gesetze zwingen den Verein zum Ausschluss der jüdischen Mitglieder.“ Eine solche Anordnung der Fußballbehörden gab es nicht, jedenfalls nicht bis zum Jahr 1940. Dennoch hatten im Jahr 1935 zwei Mitgliederversammlungen des FC Bayern jeweils einen „Arierparagrafen“ in ihre Satzung aufgenommen, und zwar einstimmig – im Frühjahr eine mildere Fassung, im Herbst eine radikale, die alle Ausnahmeregeln strich. Die „Bayern“ taten das freiwillig, um dem Regime entgegen zu arbeiten. Auch diese Vorgänge können Sie in den erwähnten Registerunterlagen dokumentiert finden. Ebenso, dass am 26. Juli 1935 mit Richard Amesmeier ein SA-Mann und NSDAP-Mitglied zum „Vereinsführer“ des FC Bayern gewählt wurde.

Im Gegensatz zu diesen Fakten behauptet die FC Bayern Erlebniswelt: Die „Bayern“ versuchen „Jahre lang, Distanz zu den Machthabern zu bewahren“, indem sie bis 1943 „bewusst keine Parteimitglieder in den Vorstand wählen“. Es ist kaum nachvollziehbar, dass sich bisher noch niemand die Mühe gemacht hat, die öffentlich zugänglichen Registerunterlagen zur Kenntnis zu nehmen, die so viel Licht in diese dunklen Jahre werfen – weder die Chronisten noch die Archivare des FC Bayern noch jene Publizisten, die dicke Bücher über den Club geschrieben haben.

"Die Deutsche Turnerschaft hatte die 'Vollarisierung' vorgeschrieben"

L.I..S.A.: Sie nehmen in Ihrem Aufsatz auch den anderen großen Münchener Club unter die Lupe - den TSV 1860 München. Wie verhielten sich die „Sechziger“ in der sogenannte Arierfrage?

Dr. Herzog: Der Gesamtverein des TSV München von 1860 war im Unterschied zum FC Bayern nicht im DFB, sondern in der Deutschen Turnerschaft organisiert. Was die Vereinssatzungen und die „Arierparagrafen“ betrifft, unterschieden sich die Fußballer von den Turnern: Die Deutsche Turnerschaft hatte den Turnvereinen bereits im Frühjahr 1933 die „Vollarisierung“ vorgeschrieben, ebenso die Dachverbände der Box- und Rudervereine. Der DFB hatte keinen derartigen Paragrafen in die Mustersatzungen aufgenommen. Deshalb kann man in einzelnen Fußballclubs – im Unterschied zu den Turnvereinen – noch relativ lang „nichtarische“ Spieler finden, ohne dass die Vereine gegen die Vorschriften der übergeordneten Sportbehörden verstießen.

L.I.S.A.: Haben Sie für diese unterschiedlichen Stadien der "Gleichschaltung" von Sport- beziehungsweise Fußballvereinen noch weitere Beispiele? Was sagen speziell Ihre pfälzischen Quellen dazu?

Dr. Herzog: Die genannten unterschiedlichen Bestimmungen zur „Arierfrage“ waren in der Pfalz ein Grund für Konflikte in den Sportvereinen. So hatte sich die Fußballabteilung des TSV 1893 Nieder-Olm gegen die Entscheidung des Gesamtvereins gestellt, einen „nichtarischen“ Spieler aus der Jugendmannschaft und aus dem Verein auszuschließen. Beide Seiten, der in der Deutschen Turnerschaft organisierte Gesamtverein und die den Statuten des DFB verpflichtete Fußballabteilung, beharrten auf den Regelungen der jeweils übergeordneten Instanzen. Letztlich setzten sich die Turner durch, der Jugendliche musste gehen. Er war einer jener circa 400 afrodeutschen Kinder, die von französischen und belgischen Kolonialsoldaten aus Schwarzafrika während der Alliierten Rheinlandbesetzung (1919–1930) gezeugt worden waren. Sie wurden als „Rheinlandbastarde“ und „Schwarze Schmach“ diffamiert, verfolgt und zwangssterilisiert. Dieses Phänomen wurde in der sportwissenschaftlichen Literatur bisher nicht behandelt.

"In den 1950er Jahren Arm in Arm mit ehemaligen Nazi-Größen"

L.I.S.A.: Wie verhielten sich die aus rassenpolitischen Gründen ausgeschlossenen deutschen Sportler nach 1945 zu ihre Vereinen – so sie denn die NS-Zeit überlebten?

Dr. Herzog: Worauf ich mir bis heute keinen Reim machen kann: Der gegen den Widerstand der DFB-Behörden aus dem TSV Nieder-Olm ausgeschlossene „nichtarische“ Jugendspieler, der zwei Jahre KZ-Haft überlebte, war in den 1950er Jahren bei Karnevalsumzügen Arm in Arm mit jenen ehemaligen Nazi-Größen zu sehen, die ihn einst aus dem Dorfleben ausgeschlossen und ins KZ gebracht hatten. Der damalige Jugendspieler schien den Tätern verziehen zu haben, er spielte in der Nachkriegszeit noch viele Jahre lang, bekannt als „schwarzer Bomber“, im TSV und war als Bademeister allseits beliebt. An der KZ-Haft und der Zwangssterilisation hat er gleichwohl zeitlebens gelitten und ist letztlich an deren Spätfolgen gestorben.

Diese Rückkehr eines Opfers des Nationalsozialismus in den eigenen alten Verein, aus dem er einst ausgeschlossen wurde, ist keine große Ausnahme. Das prominenteste Beispiel: Der 1933 zurückgetretene jüdische Kaufmann Kurt Landauer ließ sich nach dem Zweiten Weltkrieg erneut zum Präsidenten des FC Bayern wählen. Auch bei Eintracht Frankfurt wirkten „nichtarische“ Vereinsmitglieder, die in der NS-Zeit verfolgt wurden, nach 1945 beim Wiederaufbau des Vereins entscheidend mit. Offenkundig strahlt von dem in Vereinen organisierten Fußballspiel eine ganz enorme Kraft aus, die Gemeinschaften zu bilden und alle politischen Differenzen auszublenden vermag. Wie anders könnten wir erklären, dass sich etwa der jüdische Fußballschiedsrichter Martin Abraham Stock einerseits an der Errichtung eines Gedenksteins für den ehemaligen DFB-Vorsitzenden und SS-Mann Felix Linnemann beteiligte? Oder, andererseits, dass Stock der im Zweiten Weltkrieg als Soldaten gefallenen Kameraden seines Vereins, der Altonaer Spielvereinigung, öffentlich gedachte? Das Vereinsgedächtnis scheint ähnlich wie das Familiengedächtnis zu funktionieren. Es ist bereit, Personen, die dem eigenen Verein nahe stehen, von politischer Verantwortung zu entbinden.

"Ein signifikanter Modernisierungsschub des Sports"

L.I.S.A.: Wir haben nun viel von politischen und ideologischen Einflüssen auf den Fußballsport gesprochen. Aber seit einiger Zeit sind doch auch ökonomische, finanzielle und und fiskalische Gesichtspunkte im Gespräch. Konnten Sie dazu neue Erkenntnisse gewinnen?

Dr.Herzog: Das ist eine der interessantesten Perspektiven der jüngeren Sportgeschichte, die Nils Havemann auf die Agenda gesetzt hat. Das Überraschende bei unserem Forschungsprojekt war, dass auch bei der „Gleichschaltung“ kommerzielle, ökonomische und infrastrukturelle Aspekte sich im Vergleich zu ideologischen als wichtiger erwiesen. Die Politik der „Gleichschaltung“ der Sportvereine erfolgte in vielen Fällen im Verbund mit der Auflösung von Vereinen und deren mehr oder weniger zwangsweisen Fusion mit anderen Vereinen. Ein dominierendes Motiv dieser Entwicklung lässt sich bis in die Weimarer Republik zurück verfolgen. Damals hatten sich zahlreiche Sportclubs mit dem Bau von Wettkampfanlagen und Turnhallen verschuldet und standen seit der Weltwirtschaftskrise vor dem Bankrott. Zusammenschlüsse waren deshalb sinnvoll. Aber die in Deutschland ausgesprochen fanatisch ausgeprägte „Vereinsmeierei“ stand dem im Weg. Erst unter den politischen Bedingungen der Diktatur konnten wirtschaftlich und sportlich sinnvolle Fusionen durchgesetzt werden, die schon lange auf der Aganda standen.

Vor allem in der Phase der von Havemann sogenannten „zweiten Gleichschaltung“, nach den Olympischen Spielen 1936, haben Lokalpolitiker in zahllosen Kommunen versucht, die Zersplitterung der überschuldeten Sportszenen vor Ort in den Griff zu bekommen. Die relative Schonzeit des Sports war mit dem Abschluss der Sommerspiele von Berlin 1936 zu Ende. Vor allem Lokal- und Regionalpolitiker waren bereit, Einfluss auf den Sport zu nehmen, dabei finanzielle Anreize zu setzen, um die Vereine zu Fusionen zu bewegen. Sie wollten sportlich schlagkräftige Großvereine gründen, die Aushängeschilder der jeweiligen Gemeinden und Städte werden sollten. Schwimmbäder, Sportplatzanlagen und Stadien wurden renoviert, erweitert und gebaut, Bürgermeister ließen sich zu Vorsitzenden von Fußballclubs wählen, um diese sportlich und wirtschaftlich voranzubringen. Die Kommunalpolitik wollte durch attraktive Sportveranstaltungen die Wirtschaft stärken und den Fremdenverkehr ankurbeln. Nicht zuletzt wollten sie natürlich auch propagandistisch von erfolgreichen kommunalen Sportvereinen profitieren, sich in deren Glanz sonnen. Diese Entwicklung muss zwingend als ein signifikanter Modernisierungsschub des Sports interpretiert werden. Es ist ein prägnantes Beispiel für den von dem amerikanischen Historiker Jeffrey Charles Herf sogenannten „reactionary modernism“ des Nationalsozialismus.

"Die 'Gleichschaltung' des Sports ist gescheitert"

L.I.S.A.: Wie haben die Fußball- und Sportvereine sowie deren Funktionsträger auf den Fusionierungsdruck reagiert?

Dr. Herzog: Die vielen kleinen örtlichen Fußballclubs wurden in den NS-Medien als „Zwergvereine“ verachtet. Sie standen dem politischen Trend zu kommunalen Großvereinen, zu gut besuchten Großveranstaltungen, zu professioneller Sportinfrastruktur im Weg. Kaiserslautern bietet hier ein sehr aussagekräftiges Beispiel. Hier hatte das nationalsozialistische Stadtregiment 1938/39 beschlossen, alle Sportvereine zu liquidieren, um deren Mitglieder in einen kommunalen Großverein übergehen zu lassen. Dieser Megaverein sollte auf einem gigantischen Sportgelände Leibesübungen pflegen – mit „Aufmarschplatz“ für 100.000 Leute, und das in einer Stadt die damals circa 65.000 Einwohner zählte. Die Pläne für das Bauprojekt lagen bereits fertig und von der Politik beschlossen auf dem Tisch. Aber die Vorsitzenden der traditionsreichen, bürgerlichen Fußball- und Sportvereine setzten sich gegen diesen Plan zur Wehr. Die Sportbehörden, vor allem Funktionäre des DFB, unterstützen sie in ihrem Existenzkampf. Letztlich scheiterte der Plan. Zwar wurden die Kaiserslauterer Schwimmclubs und Turnvereine aufgelöst und zu größeren Vereinen zusammengeschlossen, aber die wichtigen Fußballclubs blieben weitgehend unangetastet. Bereits mit Ausbruch des Krieges war dieses Projekt einer radikalen Transformation der gesamten Infrastruktur des Sports in Kaiserslautern endgültig vom Tisch.

L.I.S.A.: Ist das Beispiel Kaiserslautern typisch oder eher eine Ausnahme? Wie schätzen Sie in diesem Zusammenhang die Umsetzung der "Gleichschaltung" insgesamt ein?

Dr. Herzog: Die „Gleichschaltung“ des Sports ist gescheitert – vor allem im Fußballsport. Es gab sehr viel mehr Konflikte und Verwerfungen zwischen den Sportbehörden und den Parteiinstanzen und es gab einen ausgeprägteren Mangel an ideologischer Anpassung des Fußballsports, als man bisher anzunehmen bereit war. Die Frustration und Enttäuschung auf Seiten der Vereine über die nicht enden wollenden Eingriffe der Politik in den Sport waren immens. Die Mitgliederzahl der Sportvereine sank dramatisch, unter anderem deshalb, weil die HJ, die Jugendorganisation der NSDAP, den Vereinen den Jugendsport entzogen hatte. Ein regionaler Sportfunktionär klagte 1937 in einem Schreiben, das er an einen NS-Regionalpolitiker adressierte: „Wenn wir die Vereine heute zerschlagen und gegen ihren Willen in den Großverein eingliedern, werden nur wenige Mitglieder wirklich zum Großverein kommen. Der Rest wird verbittert zur Seite stehen.“

Mancher Fußballverein musste mehrfach „gleichgeschaltet“ werden, jeweils verbunden mit einem Revirement der Funktionäre. Das ist auch der Grund, warum die Reichsorganisationsleitung der NSDAP im Juni 1939 die Liquidierung aller Turn- und Sportvereine und deren Transformation in „NS-Ortssportgemeinschaften“ bzw. „NS-Dorfsportgemeinschaften“ beschlossen hatte – nicht nur in Kaiserslautern, sondern im ganzen „Großdeutschen Reich“. Letztlich war es der Krieg, der dafür sorgte, dass dieses Projekt vorläufig, bis zum erhofften „Endsieg“, auf Eis gelegt wurde – was übrigens auf ausdrückliche Anordnung Hitlers geschah. Nur im „Mustergau“ Sudetenland und im annektierten Lothringen wurde das Experiment der Transformation des bürgerlichen Vereinssports in einen nationalsozialistischen Parteisport verwirklicht.

Es ist ein Paradox der Sportgeschichte, dass eine politische „Gleichschaltung“ des Sports auf deutschem Boden erst nach der Befreiung von der nationalsozialistischen Diktatur gelang: vorübergehend im Saargebiet unter französischer Besatzung, dauerhafter im „real existierenden“ Sozialismus der DDR. Aber das ist eine andere Geschichte, die in unserem Band ebenfalls dargestellt wird.

"Eine geradezu irrationale Scheu vor Primärquellen und Archiven"

L.I.S.A.: Abschließend - wie lautet Ihr Resümee? Was ist in dem von Ihnen herausgegebenen Band noch zu erwarten?

Dr. Herzog: Zahlreiche Aufsätze unseres Bandes über die „Gleichschaltung“ des Fußballsports im nationalsozialistischen Deutschland beweisen, wie spannend, (scheinbar) widersprüchlich, verworren und ambivalent sich Sportgeschichte erweist, wenn man nicht nur die Presse auswertet oder Goebbels’ Propaganda Glauben schenkt, sondern sich die Mühe macht, Primärquellen aufzustöbern und auszuwerten. In der deutschen Fußballpublizistik gibt es teilweise immer noch eine geradezu irrationale Scheu vor Primärquellen und Archiven. Schwer zu glauben, aber wahr: Im Fußballmagazin 11 Freunde wurde der Sporthistoriker Erik Eggers einmal dafür gescholten, dass er seinen Argumentationsgang mit „zu vielen“ Quellenangaben untermauert. Ganz ähnlich wurde auch ich in der Debatte um die „Gleichschaltung“ und die drei „Arierparagrafen“ des FC Bayern angegriffen, weil ich meine Darstellung „nur“ auf archivalische Quellen stütze, anstatt etwa den Anekdoten hoch betagter Zeitzeugen zu vertrauen. Ich ziehe es gleichwohl vor, Archive zu besuchen; nur dort ist historiografischer Erkenntnisfortschritt möglich.

Dr. Markwart Herzog hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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