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Georgios Chatzoudis | 12.12.2017 | 955 Aufrufe | Interviews

"Ich halte diese Freiheiten für Unterwerfung"

Interview mit Patrick Schreiner über alte und neue Freiheiten und Zwänge

Der Begriff "Neoliberalismus" gehört seit vielen Jahren zum festen Repertoire gesellschaftlicher Debatten. Für die einen ist er ein politischer Kampfbegriff, für andere ein wissenschaftlicher ökonomischer Ansatz und für ganz andere wiederum Ideologie und Herrschaftskonzept in einem. Der Politikwissenschaftler Patrick Schreiner begreift den Begriff vor allem als Letzteres und hat darüber zuletzt zwei Bücher geschrieben. Der Titel des ersten Bandes "Unterwerfung als Freiheit" klingt paradox und hat deshalb gleich unser Interesse geweckt: Was hat eine liberale Ordnung mit Unfreiheit zu tun? Diese und andere Fragen haben wir Patrick Schreiner gestellt und dabei auch gleich sein zweites Buch mitberücksichtigt, in dem er bei klassischen und aktuellen Denkerinnen und Denkern nach Antworten auf die Frage gesucht hat, warum wir uns vermeintlich neoliberal verhalten.

"Vermittlung kritischer Sozialwissenschaft an ein breiteres Publikum"

L.I.S.A.: Herr Schreiner, Sie haben zwei Bücher zum sogenannten Neoliberalismus verfasst. In beiden Publikationen konzentrieren Sie ich darauf, so Ihre These, wie der Neoliberalismus sich auf unsere Alltagskultur und unser tagtägliches Verhalten, kurz: auf unser Leben auswirkt. Bevor wir zu den Büchern im Einzelnen kommen, was hat Sie dazu bewogen, diese Bücher zu schreiben?

Schreiner: Die Feststellung, dass dieses neoliberale Denken tiefer verankert ist, als man auf den ersten Blick meinen könnte. Ich arbeite hauptamtlich als Gewerkschafter. Gemeinsam mit vielen Kolleginnen und Kollegen werbe ich etwa für höhere Löhne, für weniger soziale Ungleichheit, für eine bessere soziale Sicherung und für die Berücksichtigung der ökonomischen Bedeutung des Staates im allgemeinen und öffentlicher Ausgaben im Besonderen. Eine immer wiederkehrende Erfahrung, die ich dabei mache, ist die: Man widerlegt bestimmte neoliberale und marktradikale Annahmen und Argumente. Man erntet Kopfnicken - um am Ende doch wieder mit den gleichen oder ähnlichen neoliberalen Glaubenssätzen konfrontiert zu werden. Glaubenssätzen wie die von der Überlegenheit des Marktes, von der Unfähigkeit öffentlicher Institutionen, von der unumgänglichen Globalisierung, vom Segen der Lohnzurückhaltung usw. Meine Vermutung war und ist: Dieses Denken ist offenbar tiefer verhaftet als nur in bestimmten Annahmen zu Sozial-, Wirtschafts- oder Arbeitsmarktpolitik. Neoliberalismus ist mehr als nur „Angebotspolitik“, „Strukturreformen“ oder „Chancengleichheit“. Er ist vielmehr tief im Leben, im Denken, im Fühlen, im Selbstbild, im Alltag, in der Moral der Menschen verankert.

Als Sozialwissenschaftler lag mir nun daran, dem nachzuspüren. Und als Gewerkschafter lag mir daran, das in einer allgemeinverständlichen Form zu tun. Ich verstehe meine Bücher zum „Leben im Neoliberalismus“ nicht als wissenschaftliche Beiträge, sondern als Beiträge zur Vermittlung kritischer Sozialwissenschaft an ein breiteres Publikum.

"Wir sollen besser, wettbewerbsfähiger, schlauer, attraktiver als andere sein"

L.I.S.A.: Das erste Buch trägt den paradoxen Titel „Unterwerfung als Freiheit“. Das müssen Sie bitte erklären. Wie passen Unterwerfung und Freiheit zusammen?

Schreiner: Diese begriffliche Paradoxie soll die Widersprüchlichkeit einfangen, von der heutige Gesellschaften gekennzeichnet sind: Einerseits gibt es seit Jahrzehnten Entwicklungen, die zu etwas führen, das viele Menschen als „Freiheit“ empfinden. Und zwar durchaus oft zu Recht so empfinden, würde ich sagen: Soziale Bindungen und soziale Kontrollen nehmen ab, Denk- und Handlungsspielräume wachsen, durch Geburt und Sozialisation geprägte Hierarchien – etwa der Geschlechter, der Religionen oder der Herkunft – verlieren an Bedeutung. Wir können heute Dinge tun und denken, die noch vor fünfzig oder hundert Jahren nicht machbar und nicht denkbar waren. Dies geschieht allerdings in einer Form, die stark von Marktprinzipien geprägt ist. Anerkennung und sozialer Status werden in diesem Sinne an konforme Denk- und Handlungsweisen gebunden. Die zunehmenden Freiheitsgrade führen eben gerade nicht dazu, dass Menschen per se Anerkennung und soziale Teilhabe erfahren. Ganz im Gegenteil muss man sich diese mehr denn je verdienen - im Wesentlichen durch Erfolg am Markt bzw. in der Konkurrenz mit anderen.

Die Rede von „Selbstverantwortung“ und von „Chancengleichheit“ ist beispielsweise Ausdruck dessen. Wir sollen besser, wettbewerbsfähiger, schlauer, attraktiver als andere sein. Dadurch hält nun wiederum eine neue Form der Konformität durch die Hintertür Einzug, denn die daraus resultierenden Denk- und Verhaltensweisen der Menschen unterscheiden sich tatsächlich nur unwesentlich voneinander. Ich halte genau das für Unterwerfung. Wir unterwerfen uns, indem wir dieses – in meinen Augen ungute – Spiel mitmachen. Diese Unterwerfung hat aber noch eine zweite Dimension: als Unterwerfung unter Expertinnen und Experten. Weil niemand mehr überblicken kann, was genau für Erfolg und Anerkennung erwartet wird oder notwendig ist, suchen die Menschen permanent Rat: bei Karriere- und Selbstfindungscoaches, in Ratgeberliteratur, in Esoterik, in Mode- und anderen Konsumzeitschriften, auch in manchen Psychotherapien und vielem mehr. Interessanterweise werden die meisten dieser Beratungsangebote an Märkten generiert und angeboten.

"Staat und Gesellschaft werden von Verantwortung für Ungerechtigkeiten freigesprochen"

L.I.S.A.: Sie behaupten, dass wir uns alle, mehr oder weniger, marktkonform verhalten würden. Zu diesem Verhalten zählten Attribute wie Selbstthematisierung, Selbstdarstellung, Selbstdisziplinierung, Selbstoptimierung und Selbstunternehmertum. Das klingt eigentlich nicht verkehrt. Wo ist das Problem?

Schreiner: Zunächst möchte ich das „mehr oder weniger“ in Ihrer Frage dick unterstreichen. Ich beschreibe gesellschaftliche Entwicklungen, die ich für sehr wirkmächtig und weitreichend halte. Aber natürlich ist kein Mensch ausschließlich neoliberal in dem eben beschriebenen Sinne. Umgekehrt glaube ich aber auch nicht, dass ein Mensch sich dem vollständig entziehen kann. Wir geraten in ein Hamsterrad, aus dem es kein Entrinnen zu geben scheint.

Für problematisch halte ich diese Entwicklungen aus mindestens fünf Gründen. Erstens stehen sie einer solidarischen, auf Kooperation basierenden Gesellschaft entgegen. Wenn wir im anderen vorrangig einen Konkurrenten sehen, indem wir uns an seinem Gehalt, seinem Bildungsgrad, der Zahl seiner Facebook-Likes oder was auch immer messen, dann übersehen wir die Möglichkeiten, die in einem echten Miteinander stecken können. Zweitens bekommen im Zeitalter des Neoliberalismus die verbleibenden Formen von Kooperation einen instrumentellen Charakter. Es ist ja nicht so, dass nicht kooperiert wird – Unternehmen und sogar ganze Volkswirtschaften etwa sind gigantische Strukturen, in denen Kooperation hergestellt wird. Aber sie sind von Konkurrenz geprägt; das Miteinander und die Kooperationspartnerinnen dienen dazu, gegenüber anderen Unternehmen oder Ländern die Nase vorn zu haben. Drittens verändern sich mit diesen Entwicklungen unsere Vorstellungen von Schuld und Verantwortung in unguter Weise. Wir geben uns für unser (angebliches) Versagen selbst die Schuld – und genauso wichtig: anderen für deren (angebliches) Versagen. Staat und Gesellschaft umgekehrt werden damit von Verantwortung für reale Probleme und Ungerechtigkeiten freigesprochen. Wir geben damit den Anspruch preis, positive gesellschaftliche Veränderungen auch nur zu denken. Und schließlich untergraben Konkurrenz und daraus resultierende soziale Ungleichheiten, Abstiegsängste, Narzissmen, Egoismen und Entsolidarisierungen die Grundlagen für – viertens – gesellschaftlichen Zusammenhalt sowie – fünftens – individuelles Wohlbefinden. Anzeichen in dieser Richtung scheinen mir beispielsweise die Wahlergebnisse in verschiedenen Ländern der letzten Jahre, die immer weitere Verbreitung so genannter Gated Communities, Hirndopings, religiöser Fundamentalismen und vielleicht auch psychischer Erkrankungen zu sein.

"Erinnert sei an die Beschimpfung von Arbeitslosen"

L.I.S.A.: Ein wiederkehrender Punkt in Ihrem Buch ist die Behauptung, dass persönlicher Misserfolg oder individuelle Schicksalsschläge immer wieder darauf zurückgeführt würden, dass man selbst daran schuld sei. Das Individuum umgebende Umstände würden dabei stets ausgeblendet. Könnten Sie das an ein oder zwei Beispielen bitte konkretisieren?

Schreiner: Die Vorstellung etwa, dass Arbeitslose an ihrer Arbeitslosigkeit, Adipöse an ihrer Adipositas und Minijobberinnen an ihrem prekären Minijob selbst Schuld trügen. Dass zwischen dem Ausmaß von Adipositas in einer Gesellschaft und dem Grad der sozialen Ungleichheit ein direkter Zusammenhang besteht, wird dabei gerne ausgeblendet. Erinnert sei auch an die Beschimpfung von Arbeitslosen bzw. Sozialleistungsempfangenden insbesondere in den 2000er Jahren – „Bild“, Kurt Beck, Oswald Metzger, Wolfgang Clement oder Thilo Sarrazin taten sich hierbei prominent hervor. Interessanterweise sind derlei Geschmacklosigkeiten heute seltener geworden – ein Paradox: Je niedriger die offizielle Arbeitslosigkeit, desto weniger wird den Betroffenen offenbar die Schuld daran unterstellt. Dass solcherlei Ideen gleichwohl nach wie vor wirkmächtig sind, hat der letzte Bundestagswahlkampf gezeigt: „Wenn Sie was Ordentliches gelernt haben, dann brauchen Sie keine drei Minijobs“, gab CDU-Generalsekretär Peter Tauber zum Besten.

"Nicht in ein einziges zusammenfassendes Erklärungsmodell"

L.I.S.A.: Ihr zweites Buch mit dem Titel „Warum Menschen sowas machen“ schließt an das erste an. Sie diskutieren dabei an Klassikern der sozialwissenschaftlichen Literatur Ihre These, dass die Menschen sich neoliberalen Anforderungen unterwerfen. Von Klassikern wie Marx, Max Weber, Adorno oder auch von Hayek, aber auch von zeitgenössischen Autorinnen und Autoren wie Wendy Brown, Luc Boltanski und Naomi Klein erhoffen Sie sich Antworten auf die Frage, wie neoliberale Gesellschaften zu dem geworden sind, was sie sind. Haben Sie Antworten gefunden?

Schreiner: Ja, ich habe Antworten gefunden, allerdings keineswegs DIE Antwort. Was wiederum daran lag, wie ich vorgegangen bin: Ich habe an insgesamt 18 Denkerinnen und Denker bzw. an deren wichtigste Texte die Frage gerichtet, was sie uns über das Leben im Neoliberalismus sagen können. Und das habe ich entsprechend beschrieben – kurz und hoffentlich allgemeinverständlich. Sehr bewusst habe ich diese Überlegungen allerdings nicht in ein einziges zusammenfassendes Erklärungsmodell überführt. Und sehr bewusst habe ich die Frage ausgeblendet, ob die verschiedenen Antworten inhaltlich überzeugend, widerspruchsfrei und angemessen komplex sind. Wenn Sie mich also fragten, ob ich persönlich alle diese 18 Antworten überzeugend finde, dann würde ich sagen: Die meisten ja – aber keineswegs alle. Die Antworten sind so formuliert, dass jede Leserin selbst entscheiden kann, welche Überlegungen sie überzeugend findet und welche nicht.

"Alltagssprache wäre ein weiterer Bereich für eine genauere Betrachtung"

L.I.S.A.: Welche weiteren Phänomene unsere Alltagskultur könnten noch danach untersucht werden, wie sehr sie neoliberalen Logiken folgen? Was ist beispielsweise mit der Wirkmächtigkeit der Bilder, die in Hollywood produziert werden? Und wie steht es um die Alltagssprache? Findet dort auch eine Ökonomisierung beispielsweise von Sprachbildern und Alltagsfloskeln statt?

Schreiner: Ja, natürlich. Filme werden in den beiden Büchern auch angeschnitten. Sie (und keineswegs nur die aus Hollywood) produzieren beispielsweise Vorstellungen vom richtigen Verhalten im Neoliberalismus – vom richtigen romantischen Lieben in Liebesfilmen oder vom Sich-Durchsetzen-gegen-die-Konkurrenz in Sportfilmen. Mit Filmen eng verknüpft ist das Star-Wesen – Stars als Vorbilder, als Menschen, die öffentlich ihren Weg suchen, sich „verkaufen“ und sich durchsetzen müssen. Da ist der Blick in so manche Autobiografie durchaus aufschlussreich. Alltagssprache wäre in der Tat ein weiterer Bereich, der eine genauere Betrachtung lohnen würde, und es ist sicher nicht der einzige. Mein Anspruch war und ist es allerdings nicht, das Thema „Leben im Neoliberalismus“ mit allen Facetten und in großer Detailtiefe zu untersuchen. Mein Anspruch war es vielmehr, die Thematik mit einführendem Charakter und auf das Wesentliche begrenzt zu vermitteln.

Patrick Schreiner hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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