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Georgios Chatzoudis | 12.07.2016 | 1862 Aufrufe | Interviews

"Höchste Zeit, das Ritual gegen den Strich zu lesen"

Interview mit Jan Taubitz über die Zeitzeugenschaft zum Holocaust


Nur wenige Holocaust-Überlebende können als Augenzeugen von der nationalsozialistischen Vernichtung der europäischen Juden noch berichten. Die Sorge um den Erhalt ihrer Erinnerungen an das Erlebte kommt dabei nicht erst jetzt auf, sondern setzte bereits zu einer Zeit ein, als die Überlebenden noch in der Mitte ihres Lebens standen, wie der Historiker Dr. Jan Taubitz in seiner Dissertation Holocaust Oral History und das lange Ende der Zeitzeugenschaft feststellt. Seither wird das Ende der Zeitzeugenschaft beschworen, mit der Folge, dass zahlreiche Institutionen, insbesondere in den USA, Augenzeugen interviewen und diese Gesprächsdokumente mit großem Aufwand für die Nachwelt achivieren. Jan Taubitz hat diese Geschichte der Holocaust-Memorierung in den Vereinigten Staaten untersucht und geht dabei nicht zuletzt der Frage nach, ob durch diese Form der Erinnerungskultur, den Holocaust Oral Histories, das Ende der Zeitzeugenschaft überwunden werden kann.

"In ihrer historischen, institutionellen und medialen Kontextgebundenheit"

L.I.S.A.: Herr Dr. Taubitz, Sie haben über die Erinnerungen von jüdischen Überlebenden der NS-Vernichtungspolitik geforscht, genauer über die Zeitzeugenschaft des nationalsozialistischen Völkermords an den Juden Europas. Welche zentrale Fragestellung leitet Sie bei der Erforschung dieses Themas?  

Dr. Taubitz: Zwischen 1979 und 1999 sind auf amerikanische Initiative etwa 85.000 lebensgeschichtliche Interviews mit Überlebenden und anderen Zeitzeugen des Holocaust aufgezeichnet worden. Die Interviews bezeichne ich als Holocaust Oral Histories. Sie stehen einerseits in der Tradition der amerikanischen Oral History, andererseits hat sich ihre Bildsprache, narrative Modellierung, Produktion und erinnerungskulturelle Bedeutung entscheidend gewandelt, so dass sie nicht mehr treffend unter den Sammelbegriff Oral History fallen. Meine zentrale Frage an die Holocaust Oral Histories lautet deshalb: Warum entstanden sie zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort in einer bestimmten Form?

Ich spüre insgesamt drei größeren Themen nach. Erstens, in welchen wissenschaftlichen und erinnerungskulturellen Traditionen stehen die Interviews? Zweitens, welche Organisationen waren an der Aufnahme beteiligt, was war ihre Motivation und Mission, wie sind sie vorgegangen, welche Beziehungen gab es zu anderen Oral History Archiven, zur Wissenschaft, Politik und Filmindustrie? Und drittens, welche Wechselbeziehungen lassen sich in den Geschichten und Bildern der Interviews zu anderen Darstellungen des Holocaust vor allem in Film und Fernsehen, aber auch in Literatur oder Ausstellungen aufspüren? So konnte ich aufzeigen, wie die videografierten und auralen Zeugnisse mit Überlebenden die Erinnerung an den Holocaust in den Vereinigten Staaten von Amerika beeinflusst haben und wie die amerikanische Kultur gleichzeitig die Form der Zeitzeugeninterviews wie auch den Ausdruck der in ihnen zutage kommenden Erinnerung geprägt hat. Die Rede der Überlebenden wird somit in ihrer historischen, institutionellen und medialen Kontextgebundenheit erfasst. 

"Im Übergang von der heißen zur kalten Erinnerung"

Installation aus Videointerviews im Los Angeles Museum of the Holocaust

L.I.S.A.: Ihr Buch trägt den Titel „Holocaust Oral History und das lange Ende der Zeitzeugenschaft“. Impliziert der Titel, dass mit dem Tod des letzten Augenzeugen auch die Zeitzeugenschaft zu Ende geht? Befinden wir uns derzeit im Übergang von der „heißen Erinnerung“ zur „kalten Erinnerung“?  

Dr. Taubitz: Wird heute über Zeitzeugen des Holocaust oder auch des Zweiten Weltkriegs gesprochen, kann man mitzählen, nach wie vielen Worten das unmittelbar bevorstehende Ende der Zeitzeugenschaft beschworen wird. Das Ende ist allgegenwärtig und hat sich mittlerweile als festes Ritual herausgebildet. Höchste Zeit, dieses Ritual einmal gegen den Strich zu lesen.

Bei der Beschäftigung mit den Holocaust Oral Histories ist mir aufgefallen, dass das ständige Rekurrieren auf das Ende kein aktuelles Phänomen ist. Im Gegenteil, es hängt unmittelbar mit der Entstehung der Interviews zusammen. Die Organisationen, die die Zeitzeugen interviewten, betonten bereits in den 1970er und 1980er Jahren, dass es bald keine Überlebenden mehr geben werde, die man interviewen könne. Aus diesem Grund müsse man sofort mit der Aufnahme starten. Zu diesem Zeitpunkt hatte eine breitere Auseinandersetzung mit der Erinnerung der Überlebenden beziehungsweise die Ära der Zeitzeugen, wie Annette Wieviorka es überzeugend apostrophierte, jedoch gerade erst begonnen. Das Ende und der Anfang der Zeitzeugen gehören also zusammen.

Meine These ist: Die Ära der Zeitzeugen konnte sich nur entfalten, weil gleichzeitig ihr drohendes Ende beschworen wurde. Seit mehr als 35 Jahren gibt es nun schon diese dialektische Spannung. Dementsprechend befinden wir uns seit Jahrzehnten im Übergang von der heißen zur kalten Erinnerung. Erst der Übergang erzeugt die Spannung, in dem die Zeitzeugen und ihre Interviews ihre Bedeutung erlangen konnten. 

"Die anderen Begriffe sind auch nicht besser"

L.I.S.A.: Auch der zweite zentrale Begriff im Titel Ihres Buches regt zu Fragen an: Warum haben Sie sich für den Begriff „Holocaust“ entschieden, anstatt beispielsweise für „Shoah“, „final solution“, „Vernichtung der europäischen Juden“. Welches Konzept steht hinter dem Begriff „Holocaust“?  

Dr. Taubitz: Ja, der Begriff Holocaust ist umstritten und wird von vielen abgelehnt. In meinem Buch, wie in vielen anderen auch, steht deshalb der Standard-Disclaimer, in dem ich erkläre, warum ich diesen Begriff verwende, obwohl er so kontrovers ist. Das Problem ist: Die anderen Begriffe sind auch nicht besser. Sie verweisen lediglich auf andere Traditionen der Auseinandersetzung mit dem Holocaust. Final Solution übersetzt einen Euphemismus der Täter, Vernichtung der europäischen Juden wurde von Raul Hilberg eingeführt, der ebenfalls sehr täterzentriert geforscht hat, und selbst Shoah hat einen problematischen religiösen Ursprung, denn in der Bibel steht der Begriff für eine von Gott gesandte Katastrophe. Jeder, der sich mit diesem Ereignis beschäftigt, steht also vor einem sprachlichen oder sogar sprachpolitischen Dilemma, aus dem es keinen eleganten Ausweg gibt.

Apropos Ereignis –  es gab tatsächlich den ernstdiskutierten Vorschlag, den Holocaust nur als das Ereignis zu bezeichnen. Da die alternativen Begriffe ähnlich problematische Konnotationen tragen, sind bei dem Begriff Holocaust vermutlich vor allem die amerikanische Popularisierung und die Dominanz des Begriffs als Grund für die Ablehnung zu sehen. Das soll in einer Arbeit, die eine amerikanische Perspektive einnimmt, jedoch nicht einfach bei Seite geschoben werden. Durch die Verwendung des amerikanisierten Wortes soll diese Verbindung im Bewusstsein bleiben. Holocaust ist ein Begriff meines Untersuchungsgegenstandes. Die Mehrzahl der untersuchten Oral History Archive verwendet ihn und führt ihn sogar in ihrem Namen. So nahmen das Holocaust Survivors Film Project, das Fortunoff Video Archive for Holocaust Testimony, das U.S. Holocaust Memorial Museum, das Holocaust Oral History Archive of Gratz College und viele weitere Organisationen das Wort bereits in ihrem Namen auf. Gewissermaßen ist nur Steven Spielberg mit seiner Shoah Foundation aus der Reihe getanzt, was zeigt, dass der Begriff selbst in den USA nicht unumstritten ist. Wie gesagt, eine wirklich elegante Lösung für dieses sprachliche Problem sehe ich nicht. 

"Was mir fehlt, ist die Integration von Ereignis und Erinnerung"

Die „Videoinstallation“ in The Memory Thief, Regie und Drehbuch: Gil Kofman, USA: Stark Raving Films 2007, min: 62:00

L.I.S.A.: Sie problematisieren in Ihrem Buch des Weiteren das Konzept der Oral History. Wie steht es in diesem Zusammenhang um den Quellenwert von Videointerviews? Wie verhalten sich das Erlebte und das Erzählte zueinander?

Dr. Taubitz: Oral History Interviews sind faszinierende Quellen, die traurig oder schockierend, aber auch anrührend und spannend oder sogar humorvoll sind. Einige sind belanglos, andere irreführend oder bemerkenswert eigensinnig. Einige sind Kunstwerke der Gesprächsführung, andere wiederum katastrophale Exempel einer gestörten Kommunikation. Sie widerstreben oftmals den Seh- oder Hörgewohnheiten der Rezipienten, die es nicht gewohnt sind, längeren Erzählpassagen vor dem Bildschirm oder Tonbandgerät zu folgen, und können im nächsten Moment unglaublich fesselnd sein. Manchmal sind sie tief in Archiven verborgen und nur schwer zugänglich und dann wieder allgegenwärtig, in Museen, im Fernsehen und auch im Internet.

Wir haben es hier mit einem Dokument zu tun, das grundsätzlich auf mindestens zwei Zeitebenen verweist: die des Erlebten und die des Erzählens. Generationen von Historikern haben eine umfangreiche Methodik entwickelt, um mit dieser Problematik umzugehen. Hierbei lassen sich grundsätzlich zwei verschiedene Ansätze unterscheiden. Die Interviews werden entweder in Hinsicht auf das historische Ereignis, über das sie berichten, befragt oder die Manifestation der Erinnerung steht im Mittelpunkt. Der erste Ansatz zeichnet sich häufig durch eine referenzielle Betrachtungsweise des Interviews aus, dessen Erkenntnisinteresse beispielsweise darauf gerichtet ist zu erfahren, was an einem bestimmten Tag an einem bestimmten Ort passiert ist. Hier können sie persönliche Einblicke bieten, wo die klassischen Quellen der Geschichtswissenschaft wie Verordnungen, Berichte, Listen, Memos, die durch Raul Hilberg berühmt gewordenen Zugfahrpläne und so weiter schweigen. So können Oral History Interviews Forschungslücken schließen und überhaupt erst Fragestellungen ermöglichen, für die es keine oder nur wenige andere Quellen gibt. Die israelische Historikerin Nechama Tec hat mit Oral History Interviews die Geschichte der Bielski-Partisanen geschrieben, was später mit James-Bond-Darsteller Daniel Craig verfilmt wurde, und Christopher Browning hat Interviews aus ganz unterschiedlichen Provenienzen verwendet, um die Geschichte eines einzelnen nationalsozialistischen Lagers zu rekonstruieren.

Oral History Interviews können also Auskunft über die Zeit des Nationalsozialismus geben, über stattgefundene Ereignisse und darüber, wie diese wahrgenommen wurden. Sie zeigen die Handlungsräume der historischen Akteure auf, bezeugen aber auch deren Misshandlungen, Sorgen und Gefühle. Gleichzeitig verweisen Oral History Interviews immer auf die Zeit ihrer Entstehung und die Umstände, unter denen sie zustande gekommen sind. An der Änderung der Erzählstruktur, dem Aufkommen und Verschwinden bestimmter Themen, der Art der Fragstellung, dem Verhältnis von Interviewten und Interviewern, der Kameraführung und der persönlichen Ausstrahlung in videografierten Interviews können der Ausdruck von Erinnerung und der Umgang mit Geschichte zur Zeit der Entstehung der Interviews untersucht werden. Was mir fehlt, ist die Verbindung dieser beiden Perspektiven auf Oral History Interviews. Am besten ist es vermutlich Browning gelungen, der in seiner Rekonstruktion der NS-Geschichte immer wieder aufzeigt, dass bestimmte Themen, beispielsweise sexualisierte Gewalt, in den Interviews erst in den 1990er Jahren auftauchen und dann auch nur in bestimmten Settings. Hier erfolgte die Integration von Ereignis und Erinnerung.

"Zeitzeugenberichte oszillieren zwischen zwei Extremen"

L.I.S.A.: Anknüpfend daran diskutieren Sie in Ihrer Arbeit eine weitere Dichotomie - die zwischen Gedächtnis und Geschichte. Wie gehen Sie diesen Gegensatz methodisch an?  

Dr. Taubitz: Das Gedächtnis gehört zu den inflationären Leitbegriffen der Kultur- und Sozialgeschichte. Es muss für die verschiedensten Ebenen historischer Überlieferung und Konstruktion einstehen. Der Begriff hat sich verselbstständigt, wie seine vielfältigen Ausprägungen zeigen, die das Gedächtnis immer unschärfer und willkürlicher erscheinen lassen und seinen analytischen Gebrauch erschweren. So gibt es neben dem kollektiven, kulturellen, kommunikativen, sozialen und individuellen Gedächtnis noch das lebende, verkörperte, traumatische, tiefe, qualvolle, gedemütigte, verdorbene, entstellte, heroische, unheroische, zum Schweigen gebrachte, unterdrückte, abwesende, geheime, prothetische, stellvertretende, provisorische, authorisierte, öffentliche, mediale, nationale, europäische, kosmopolitische, globale und universale Gedächtnis.

Erschwerend hat sich in den letzten Jahrzehnten ein Verständnis von Gedächtnis durchgesetzt, das es in ein dichotomisches Verhältnis zur Geschichte stellt. Das liegt bereits Maurice Halbwachs Verständnis zu Grunde, der hervorhob, dass es zwar mehrere Gedächtnisse gebe, jedoch nur eine ungeteilte Geschichte. Die Geschichte-Gedächtnis-Dichotomie bietet jedoch einige Fallstricke, die den Zugang zu den Holocaust Oral Histories verstellen. In erster Linie kategorisieren sie Repräsentationen der Vergangenheit, indem sie sie in ein vorgestelltes Kontinuum einordnen. Die Geschichtswissenschaft wird als Möglichkeit der objektiven Beschreibung der Vergangenheit eingeordnet. Das andere Extrem sind massenmediale Produkte, die nicht wissenschaftlichen Standards verpflichtet sind, sondern Marktgesetzen folgend Geschichte zum bloßen Amüsement anbieten. Zeitzeugenberichte oszillieren zwischen diesen beiden Extremen und werden oft über-, aber auch unterschätzt. Des Weiteren fußt das Gedächtnis auf Trägergruppen wie Nation, Familie oder etwa Religionsgemeinschaft und impliziert somit Identitäten, die in aller Regel nicht notwendig sind, um die Fragestellung zu bearbeiten.

Um den etablierten Gegensatz von Geschichte und Gedächtnis aufzubrechen, schlage ich vor, die Holocaust Oral Histories nicht als Ausprägungen eines Gedächtnisses, sondern als diskursive Formationen zu begreifen. Durch die Diskursanalyse können die Ausformungen der Erinnerung in kleinere, besser greifbare Äußerungen, die sich zu Aussagen verdichten, aufgespaltet werden. Die Diskursanalyse beinhaltet keine Voreingenommenheit gegenüber den verschiedenen Formen medialer Darstellungen, die ein historisches Ereignis repräsentieren können. So können beispielsweise auch populärkulturelle oder massenmediale Darstellungen berücksichtigt werden, ohne ihnen zugleich eine Verfälschung oder Verharmlosung der Geschichte zu unterstellen. Nicht die qualitative Hierarchisierung oder Kategorisierung der unterschiedlichen kulturellen Produkte ist entscheidend, sondern ihre Wirkung, die sich einerseits an ihrer Reichweite ablesen lässt, aber auch an der Fähigkeit, Bilder und Narrative zu produzieren beziehungsweise zu reproduzieren. Zudem werden Gruppenkonstruktionen vermieden und dennoch die Möglichkeiten und Limitationen des Handelns, Wahrnehmens und Gestaltens der Subjekte erfasst. So wird dem Einfluss vielstimmiger Akteure und Ereignisse auf das Sprechen der Zeitzeugen nachgespürt und im Gegenzug gezeigt, wie die Interviews die Erinnerung an den Holocaust und die Sicht auf dessen Zeitzeugen ordneten.     

"Gemeinsamkeiten verschiedener Repräsentationen der Vergangenheit"

Die Holocaust-Überlebende Hanna Bloch Kohner umringt von Verwandten und Freunden in der TV-Show "This Is Your Life: Hanna Bloch Kohner", Moderator: Ralph Edwards, USA: NBC, 27. Mai 1953, min: 21:18

L.I.S.A.: Gegliedert ist Ihr Werk in den Dreiklang aus Historisierung, Medialisierung und Institutionalisierung. Was meint das? Ist dieser Dreiklang als historische Abfolge zu verstehen – auf die Historisierung folgt die Medialisierung und darauf die Institutionalisierung?   

Dr. Taubitz: Nein, so sollte es auf keinen Fall verstanden werden. Es ist eine Gliederungshilfe, die auf die drei Hauptstränge des Buches verweist. Es sollen keine Hierarchien oder Chronologien impliziert werden und diese Begriffe sollen auch nicht als in sich geschlossen verstanden werden, da sie erst zusammen die Formation historischen Wissens bedingen.

Mit Historisierung ist der Teil überschrieben, der einen Überblick in die Entwicklung der Holocaust Oral Histories gibt. Er beginnt in der unmittelbaren Nachkriegszeit und setzt einen weiteren Schwerpunkt in den 1970er Jahren. Die Entstehung der Interviews wird verknüpft mit erinnerungskulturellen Entwicklungen, politischen Prozessen, sozialen Transformationen und technischen Neuerungen. Es folgt die Herausbildung der geschichts- und sozialwissenschaftlichen Methode Oral History, die in den Vereinigten Staaten eine längere Tradition hat als in Europa. Die Produktionsbedingungen der Holocaust Oral Histories, ihre Entstehung, Sammlung, Aufbereitung und Archivierung werden im zweiten Teil – Institutionalisierung – untersucht. Im dritten Teil steht schließlich die Medialisierung im Zentrum. Die Holocaust Oral Histories wie auch die sie produzierenden, speichernden und verbreitenden Institutionen werden in Beziehung zu vornehmlich fiktionalisierten filmischen Produkten gesetzt. Es werden somit zwei Medialisierungen der Vergangenheit gegenüber gestellt, die nur äußerst selten als zusammengehörend konzeptionalisiert werden. Grundsätzlich lege ich den Schwerpunkt auf die Gemeinsamkeiten verschiedener Repräsentationen der Vergangenheit und reite nicht, wie es in der Regel getan wird, auf den kleinen Unterschieden herum.   

"Die Vereinigten Staaten haben die globale Erinnerungskultur geprägt"

L.I.S.A.: Sie zeigen in Ihrer Studie, dass die Speicherung von Zeitzeugenerinnerung vor allem in den Vereinigten Staaten stattfindet. Wieso hat sich ausgerechnet die USA zu einem Erinnerungsspeicher von NS-Opfern etabliert? Und: Was meinen Sie in diesem Zusammenhang mit „Amerikanisierung des Holocaust“?  

Dr. Taubitz: Viele Ergebnisse meiner Untersuchung lassen sich auch auf andere Länder übertragen. Durch eine Reihe von Faktoren können die Vereinigten Staaten von Amerika jedoch als Brennglas fungieren, das die Entwicklungen besonders deutlich hervortreten lässt. So wurde in Amerika maßgeblich die Methode Oral History entwickelt, die auch die Entstehung der Holocaust Oral History bedingte. Aus Amerika stammen mit dem Fortunoff Video Archive, dem U.S. Holocaust Memorial Museum und der USC Shoah Foundation drei Organisationen, die die Methode entscheidend prägten und stilbildend für Dutzende Oral History Archive in der ganzen Welt wurden. Holocaust Oral Histories sind somit ein originärer Beitrag der Vereinigten Staaten zu einer globalen Erinnerungskultur.

Gleichzeitig hat die USA auch in anderen Bereichen die (globale) Erinnerungskultur geprägt – sowohl in der Wissenschaft als auch in Film und Fernsehen –, was in einer produktiven Wechselbeziehung auch die Holocaust Oral Histories formte. Spätestens seit dem ungeheuren Erfolg von „Schindlers Liste“ im Jahr 1993 wird die amerikanische Holocaust-Erinnerung kritisch reflektiert. Unter dem Schlagwort Amerikanisierung – ein normativer und zumeist negativ verstandener Begriff, dessen Steigerungsformen McDonaldisierung oder Hollywoodisierung sind – werden zwei Kritikpunkte vereint. Einerseits wird die Kommerzialisierung des Holocaust missbilligt, worunter die Unterwerfung der Geschichte nach marktliberalen Gesichtspunkten verstanden wird. Andererseits wird das Metanarrativ der amerikanischen Erinnerung kritisiert, dessen zentraler Aspekt die Zukunftszugewandheit und der Optimismus noch im tiefsten Dunkel ist, was in Spielfilmen wie „Schindlers Liste“ oder bereits in „The Diary of Anne Frank“ aus dem Jahr 1959 wirkungsvoll in Erscheinung tritt, aber auch in Ausstellungen wie der im U. S. Holocaust Memorial Museum auftaucht. Dies ist ein genuines Element der Holocaust Oral Histories, das sich gleichermaßen aus ihrer Struktur als auch aus ihrem Inhalt erschließt. Durch ihre hohe Reputation und besondere Aura waren sie in der Lage, die amerikanische Holocaust-Erzählung zu exportieren, ohne Gefahr zu laufen, als Amerikanisierung in Europa und Israel abgelehnt zu werden. 

"Jedes Oral History Interview ist einer Rahmung unterworfen"

Der Holocaust-Überlebende Leslie Aigner im Kreise seiner Angehörigen im Videointerview der Shoah Foundation, Nr. 1400, Interviewerin Merle Goldberg, 12. März 1995, Band 1 von 5, min: 2:10

L.I.S.A.: Was bedeutet es für die Zeitzeugenschaft, wenn die Speicherung von Erinnerungen einem gewissen Format folgt, sozusagen formalisiert bzw. formatiert wird? Verstärken solche Tendenzen einförmige Narrative und Lesarten?   

Dr. Taubitz: Ja, die Frage führt zum diskursiven Kern meines Arguments. Die Oral History Archive formalisierten und kodifizierten die Struktur der Interviews nachhaltig. Das geschah einerseits durch die performative Praxis der Interviewaufnahmen, aber auch durch immer umfangreichere pre interview questionnaires, also Fragebögen, die mit den Zeitzeugen einige Tage vor dem Interview durchgegangen wurden. Diese determinierten bereits vor dem eigentlichen Interview die spätere Erzählung.

Das ideale Interview hatte etwa die Aufteilung 15–20 Prozent Vorkriegszeit, 60–70 Prozent Kriegszeit und 15–20 Prozent Nachkriegszeit – Idealwerte, denen sich viele Interviews annäherten. Das soll jedoch nicht heißen, dass alle Oral History Interviews gleich sind, geschweige denn, dass alle Holocaust-Überlebenden ähnliche Erfahrungen machten. Der Holocaust war ein räumlich und zeitlich weit ausgreifendes Ereignis, was sich in den Zeugnissen widerspiegelt. Die narrative Modellierung, also die generelle Struktur der Erzählung, hat sich jedoch seit den späten 1970er Jahren weitestgehend vereinheitlicht. Die Interviews beschäftigen sich in aller Regel einleitend mit der unmittelbaren Vorkriegszeit in Europa, die oftmals als sehr harmonisch dargestellt wird. Sie enden mit der Befreiung und zumeist mit einer kurzen Beschreibung der Emigration, zumeist nach Israel oder in die USA, sowie dem erfolgreichen Wiederaufbau des Lebens in der neuen Heimat. Bereits Lawrence Langer, der selbst zahlreiche Interviews für das Fortunoff Video Archive führte, merkte mit Blick auf den vergleichbaren Aufbau an, dass quasi alle Interviews auf die gleiche Art und Weise begönnen und die meisten auch auf die gleiche Art endeten. Diese Äußerung macht deutlich: Jedes Oral History Interview ist einer Rahmung unterworfen, die sowohl auf direkte institutionalisierte Auslöser als auch auf indirekte und vorkritische, diskursiv hervorgebrachte Impulse zurückzuführen ist. 

"Film und persönliche Erinnerung gehen eine Symbiose ein"

L.I.S.A.: Ab wann wird die Erinnerung zum Steinbruch für unterschiedliche Zwecke – beispielsweise für Filme? Sie untersuchen diese Frage vor allem entlang des Kinofilms „Schindlers Liste“.  

Dr. Taubitz: „Schindlers Liste“ ist neben der TV-Miniserie „Holocaust“ aus dem Jahr 1978 sicherlich das eindrücklichste Beispiel, das mir untergekommen ist. Steven Spielbergs Film basiert auf Interviews, die der australische Schriftsteller Thomas Keneally für seine Recherchen zum Geschichtsroman „Schindlers Liste“ (1982) und Jon Blair mit Zeitzeugen für die Dokumentation „Schindler“ (1983) führten. Keneally hatte 1980 zufällig Bekanntschaft mit dem Holocaust-Überlebenden Leopold Page alias Poldek Pfefferberg in dessen Koffergeschäft in Beverly Hills gemacht. Dieser berichtete Keneally von Oskar Schindler. Keneally beschloss daraufhin, die wahre Begebenheit in Form eines Romans zu erzählen. Hier wird bereits die enge Verflechtung von Erinnerung und Fiktion deutlich. Keneallys Roman und Blairs Dokumentation waren dann die Hauptquellen für Spielbergs Film. Ohne sie wäre „Schindlers Liste“ ein völlig anderer Film geworden, wenn er überhaupt jemals gedreht worden wäre. Darüber hinaus war eine Vielzahl von Holocaust-Überlebenden in verschiedenen Funktionen an der Entstehung des Films beteiligt. Überlebende und ihre Nachfahren spielten als Schauspieler mit, sie waren als historische Berater tätig und mit Branko Lustig war sogar der Produzent ein Überlebender.

Auf der anderen Seite wirkte „Schindlers Liste“ dann wieder als Katalysator für die Interviews. Ohne den Spielfilm hätten Holocaust Oral Histories nicht ihre heutige Bedeutung erlangt und wären nicht in diesem Ausmaße überhaupt entstanden. Ein wirkmächtiger Gründungsmythos umweht die Entstehung der Shoah Foundation, die innerhalb kürzester Zeit zum größten Oral History Archiv wurde. Spielberg berichtete, wie während der Dreharbeiten immer wieder Überlebende auf ihn zugekommen seien, um ihm ihre persönlichen Geschichten zu erzählen. Er habe ihnen entgegnet, dass sie ihre Geschichte nicht ihm, sondern der Kamera erzählen sollten, denn es seien wichtige Zeugnisse, die für die Nachwelt aufbewahrt werden müssten. „Schindlers Liste“ und die Shoah Foundation demonstrieren so die enge institutionelle Verbindung von Film und Holocaust Oral History, zwei recht unterschiedliche Auseinandersetzungen mit der Vergangenheit, die sich oft voneinander abgrenzen und sich doch gegenseitig authentifizieren und bestärken.

Lässt man die institutionellen Verbindungen einmal außer Acht und schaut in den Inhalt der Interviews, so wird deutlich, dass auch auf dieser Ebene Film und persönliche Erinnerung eine Symbiose eingehen. In den Interviews kommt es vor, dass Zeitzeugen einzelnen Aspekte ihrer Erzählung mit dem Verweis erklären: „Es war wie in Schindlers Liste.“ Das zeigt zunächst, wie die Erinnerung durch die wirkungsvollen Bilder und Geschichten von Spielfilmen beeinflusst werden kann, es verdeutlicht jedoch auch, dass Verstehen und Verstandenwerden eine unverzichtbare Basis für die Erzählung der Zeitzeugen bilden und zwar nicht nur im Konnex der Interviewpartner, sondern auch mit Blick auf eine außenstehende Zuhörer- oder Zuschauerschaft. Der Verweis auf die tradierten Narrative und Motive von Spielfilmen wie „Schindlers Liste“ ist somit eine Möglichkeit, das Verstandenwerden zu garantieren, auch wenn die Geschichte so ungeheuerlich ist, dass sie sich dem Verstehen eigentlich entzieht.

"Zeitzeugen als Hologramme in Interaktion mit Schülern und Studenten"

L.I.S.A.: Sie stellen zum Abschluss Ihres Buches eine Frage, die offen bleibt: Was passiert mit den Holocaust Oral Histories, wenn es keine Zeitzeugen mehr gibt? Haben Sie inzwischen darauf eine Frage?  

Dr. Taubitz: Das ist die Preisfrage! Oren Baruch Stier hat es griffig mit der Frage übersetzt: Wie überlebt man eigentlich das Überleben? Ich bin der Meinung, dass die Interviews den Anspruch nicht erfüllen können, das Ende der Zeitzeugenschaft für alle Zeiten zu überwinden. Sie ziehen ihre Bedeutung aus der Spannung, dass das Ende nah, aber noch nicht ganz erreicht ist. Sollte das Ende einmal tatsächlich erreicht sein, befürchte ich, dass mit den Zeitzeugen auch die Zeitzeugeninterviews allmählich aus Ausstellungen und Unterrichtskonzepten verschwinden werden. Sie sind zu schwer zu rezipieren und in ihrer Interpretation zu sehr an ihren Entstehungskontext gebunden. Die Shoah Foundation hat das erkannt und experimentiert mit Spracherkennungssoftware und Projektionstechnologie, um Zeitzeugen irgendwann zeitgemäß als Hologramme in Interaktion mit Schülern und Studenten treten zu lassen. Allein diese Experimente zeigen, dass den Interviews in ihrer jetzigen Form nicht zugetraut wird, ihre Bedeutung und Eindringlichkeit für längere Zeit zu bewahren. Das ist meine pessimistische Prognose. Gleichzeitig kann nicht genug betont werden, wie Zeitzeugeninterviews im Wechselspiel mit wissenschaftlichen Auseinandersetzungen und populärkulturellen Darstellungen das Holocaust-Bewusstsein der letzten Jahrzehnte geprägt haben. Das wird sicherlich noch lange Zeit nachwirken.

Dr. Jan Taubitz hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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