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Georgios Chatzoudis | 16.02.2016 | 2391 Aufrufe | 1 | Interviews

"Die 'Historikerstreiter' konstruierten ihre Vergangenheit"

Interview mit Gerrit Dworok über den "Historikerstreit"

Der sogenannte "Historikerstreit" gehört zu den bedeutendsten gesellschaftlichen Debatten der Bonner Republik. Ausgelöst hatte ihn Jürgen Habermas 1986 mit einem Beitrag für die Wochenzeitung Die Zeit, in dem er führenden deutschen Zeithistorikern revisionistische Tendenzen im Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit vorwarf. Verkürzt auf den Punkt gebracht, entzündete sich Debatte an Ernst Noltes These, der Gulag sei Auschwitz vorangegangen bzw. die Vernichtungspolitik der Nationalsozialisten sei eine Abwehrreaktion auf die sowjetischen Verbrechen gewesen. Was schon länger eine fachwissenschaftliche Auseinandersetzung unter Historikern war, wurde so zu einer öffentlichen Debatte mit zwei Lagern: linksliberal versus rechtskonservativ. Der Historiker Dr. Gerrit Dworok hat sich rund dreißig Jahre nach dem Artikel von Jürgen Habermas die Debatte noch einmal genauer angeschaut und unter einer neuen Fragestellung analysiert: Welchen Beitrag leistete der "Historikerstreit" für die Nationswerdung in Deutschland? Wir haben ihn dazu interviewt.

"Thematisch kein auf die 1980er Jahre zu reduzierender Streit"

L.I.S.A.: Herr Dr. Dworok, Ihre Dissertationsarbeit ist jüngst als beeindruckendes Buch erschienen und trägt den Titel „‘Historikerstreit‘ und Nationswerdung. Ursprünge und Deutung eines bundesrepublikanischen Konflikts“. Schon der Titel lässt aufhorchen, denn mit den Begriffen „Historikerstreit“ und „Nationswerdung“ sind emotional stark aufgeladene Debatten verbunden, die Sie entsprechend als Konflikt betrachten. Wie kamen Sie dazu, diese zwei konfliktbeladenen Diskurse miteinander zu verknüpfen? Was hat der „Historikerstreit“ mit dem Prozess der Nationswerdung zu tun - wobei hier noch eine weitere nicht unproblematische Variable hinzukommt, denn es geht Ihnen offenbar nicht um die deutsche, sondern konkret um die bundesrepublikanische Nationswerdung, oder?

Dr. Dworok: Lassen Sie mich zuerst etwas zu meiner Motivation sagen, den „Historikerstreit“ trotz der bereits existierenden Veröffentlichungen einmal aus dezidiert historiographischer Perspektive in den Blick zu nehmen: Der „Historikerstreit“ gilt gemeinhin als eine Schlüsseldebatte um das Selbstverständnis und die politische Kultur der Bundesrepublik Deutschland (so wurde die Debatte beispielsweise von Hans-Ulrich Wehler, einem der Hauptakteure des damaligen Konflikts, eingeschätzt). Eine Gruppe linksliberaler Intellektueller habe in den 1980er Jahren den Versuch der Regierung Kohl unterbunden, mit Hilfe der „neokonservativen“ Historiker Michael Stürmer, Ernst Nolte, Andreas Hillgruber und Klaus Hildebrand einen geschichtspolitischen Roll Back einzuleiten, dessen Folgen eine Renationalisierung der Bundesrepublik sowie der Zerfall der politischen Kultur gewesen wären. Gleichzeitig wird immer wieder betont, dass der „Historikerstreit“ wissenschaftlich rein gar nichts gebracht hätte (entsprechend äußerte sich jüngst Norbert Frei im Juni 2015 auf einer Veranstaltung der Gerda Henkel Stiftung). Diese in Geschichtswissenschaft und Medien oft wiederholten Hypothesen haben mein Interesse geweckt, denn sie bilden die Eckpfeiler eines Narrativs, das aus der Rückbetrachtung eines altersbedingt unbeteiligten Historikers äußerst einseitig und beschwörend anmutet – zumal, wenn man bedenkt, dass Erinnerungs- und Vergessensprozesse in Demokratien eigentlich nicht derart minderkomplexe Muster aufweisen wie in dem angesprochenen Narrativ (der Erzählung einer in die politische Kultur des zivilisierten Westens hineinwachsenden Bundesrepublik) suggeriert wird. Dieser Widerspruch motivierte mich zur Auseinandersetzung mit dem Konflikt. Zurückgreifen konnte ich dabei auf die politikwissenschaftliche Studie „What´s right? What´s left?“, die Steffen Kailitz im Jahre 2001 veröffentlichte und in der die Positionen der einzelnen „Historikerstreiter“ deutlich und erstmals durchgehend sachlich herausarbeitet wurden. In meinem Buch habe ich nun versucht, den „Historikerstreit“ in die bundesrepublikanische Geschichte einzuordnen, was uns zu Ihrer zweiten Frage führt: warum die Verknüpfung mit dem Begriff Nationswerdung?

Gegen Ende meiner Studienzeit kam ich im Rahmen einer wissenschaftlichen Übung mit der Nationalismusforschung in Berührung. Da mir bis dahin nur die kritische deutsche Rezeption von Frühnationalisten wie Ernst Moritz Arndt sowie von rassistischen Radikalnationalisten wie Gottfried Feder bekannt war, verblüfften mich die in der Übung vertieften Ansätze vor allem Ernest Renans, Karl W. Deutschs, Benedict Andersons und Ernest Gellners enorm. Es wurde mir klar, dass die Entstehung und Gestaltung von Nationen eng verbunden ist mit dem kollektiven Prozess des Erinnerns und Vergessens. „Streitgeschichte“ bildet diesbezüglich ein gesellschaftliches Politikum, das für kollektive Identitäten von größter Bedeutung zu sein scheint. Im deutschen Fall musste dies aufgrund der NS-Vergangenheit und der totalen Niederlage von 1945 in besonderem Maße gelten. Die Lektüre von Aleida Assmanns Studien zur Erinnerungskultur, welche sich sehr intensiv etwa mit Ernest Renans Bild vom „täglichen Plebiszit“ einer Nation beschäftigen, bestätigten diese Annahme. Für mich lag es deshalb nahe, den „Historikerstreit“ in nationalismustheoretischer Perspektive zu untersuchen. Allerdings gab es dabei ein Problem: die geschichtliche Nationsforschung legt bis heute ihren Fokus auf das 19. und das frühe 20. Jahrhundert. Die Zeit nach 1945/49 – als insbesondere in Deutschland keine mehrheitsfähige nationalistische Strömung existierte, gleichwohl aber das Thema Nation und die organisatorische Frage der deutschen Teilung einen empirisch nachweisbaren Diskurs bildeten – ist mit den bislang entwickelten historiographischen Analysemodellen (von Theodor Schieder bis Miroslav Hroch) nicht zu fassen. Ich habe deshalb in Anlehnung an die Forschungen Renans und vor allem Gellners den Terminus der „Nationswerdung“ aufgegriffen und als Untersuchungskonzept ausformuliert: Nationswerdung ist ein dynamischer (potentiell unendlicher) Prozess, der mit der Entstehung (und genauso wenig mit dem vermeintlichen Untergang) eines Nationalstaates nicht abgeschlossen ist, sondern so lange fortexistiert, wie nationales Denken und vor allem Fühlen mehrheitsfähig sind und das Leben einer Gesellschaft (ob nun bewusst oder auch unbewusst) in der Art beeinflussen, dass ihre Mitglieder sich im nationalen Sinne als politische Gemeinschaft und als kulturelles Kollektiv verstehen. Will man diesen Prozess untersuchen, so muss man sich sowohl organisatorische Aspekte eines Staatswesens als auch die Entwicklung seiner politischen Kultur betrachten. Gellner definierte diesbezüglich die Formel: „Nationalismus – Kultur und Macht“. Dies habe ich in Bezug auf die Bonner Republik berücksichtigt, womit wir bei Ihrer dritten Frage sind: deutsche oder bundesrepublikanische Nationswerdung?

Zur Erklärung möchte ich drei Argumente anführen. Erstens wird beim kritischen Quellenstudium der Beiträge zum „Historikerstreit“ (von denen 47 zentrale Schriften im Quellenband „Historikerstreit – Die Dokumentation der Kontroverse um die Einzigartigkeit der nationalsozialistischen Judenvernichtung“ gesammelt sind) sehr schnell deutlich, dass der Konflikt thematisch kein auf die 1980er Jahre zu reduzierender Streit gewesen ist. Er war auch keinesfalls beschränkt auf die Frage der Einzigartigkeit von Auschwitz. Vielmehr offenbaren die Beiträge – abseits von den vielen persönlichen Angriffen – diverse kritische sowie auch affirmative Rückgriffe auf die Streitgeschichte der Bonner Republik. Thematisiert wurden beispielsweise: die Deutsche Frage, die Wiedergutmachungszahlungen der Regierung Adenauer, die Westbindung, die nationale Identität der Deutschen, die Entnazifizierung, die 68er, die Hochschulreform, die Aufarbeitung der NS-Geschichte sowie einige weitere konfliktbeladene Aspekte der bundesdeutschen Vergangenheit. Ferner ist zweitens von Bedeutung, dass der Streit ein dezidiert westdeutscher Konflikt gewesen ist, in dem die Kontrahenten nicht bloß die DDR, sondern auch die Perspektiven Mitteleuropas sträflich vernachlässigt haben. Schließlich kommt als drittes Argument für eine dezidiert bundesrepublikanische Ausrichtung hinzu, dass die politische Auswirkung des „Historikerstreits“, nämlich die Etablierung einer Art „Staatsräson des Erinnerns und Gedenkens“, auch in der Berliner Republik maßgeblich bleibt. Das Gedenken an den Holocaust ist eines der wichtigsten Aspekte dessen, was heute gerne als aufgeklärter Patriotismus bezeichnet wird. Dies ist nicht ohne die spezifische Geschichte der Bonner Republik und insbesondere ohne die Berücksichtigung des „Historikerstreits“ zu verstehen. Betrachtet man die drei genannten Argumente, so scheint die Aussage von einer bundesrepublikanischen Nationswerdung plausibel, wobei jedoch klar sein dürfte, dass bundesrepublikanische Nationswerdung gleichzeitig auch deutsche Nationswerdung ist.

"Linksliberalismus und Liberalkonservatismus im Streit um die Mitte"

L.I.S.A.: Um was ging es beim „Historikerstreit“ genau? Haben sich die Beteiligten über die Vergangenheit oder eher über die damalige Gegenwart bzw. die perspektivische Zukunft Deutschlands gestritten?

Dr. Dworok: Nach meiner Auffassung war der „Historikerstreit“ ein Kulminationspunkt von drei diskursiven Konfliktlinien, welche die Geschichte der Bonner Republik von Anfang an durchzogen haben:

  1. Die westdeutsche Suche nach nationaler Identität.
  2. Der Ort des Nationalsozialismus und seiner Verbrechen in der deutschen Geschichte.
  3. Linksliberalismus und Liberalkonservatismus im Streit um die macht- und kulturpolitische Mitte der Bundesrepublik.

Nur in Bezug auf diese generisch zu betrachtenden, interdependenten Konfliktlinien lässt sich der Streit meines Erachtens als Diskurs bezeichnen. Dabei ist Diskurs in diesem Kontext zu definieren als gesellschaftliche Auseinandersetzung über einen längeren Zeitraum hinweg. Die „Historikerstreiter“ konstruierten ihre Version der Vergangenheit im Kontext politisch-kultureller Erfahrungen und Gegenwartswahrnehmungen. Ihre Aussagen sind deshalb als historisch kontextabhängig und gleichzeitig zukunftsorientierend zu verstehen.

"Es ging ganz klar um Geschichtspolitik"

L.I.S.A.: Würden Sie bitte die genannten drei Konfliktebenen näher beschreiben?

Dr. Dworok: Zum ersten wurde um die westdeutsche Suche nach kollektiver Identität gestritten. Die Frage war, ob die Nation als Bezugspunkt weiterhin Bestand haben dürfe. Damit verbunden war außerdem strittig, inwieweit das weltweit verbreitete Konzept der Nationalstaatlichkeit als Ordnungsmodell auch für die Bundesrepublik gelten konnte. Wir müssen hierbei bedenken, dass sich der Streit vier Jahre vor der deutsch-deutschen Vereinigung abspielte, als niemand ernsthaft an die Lösung der Deutschen Frage in naher Zukunft glauben konnte. Auf linksliberaler Seite wurde damals die Existenzberechtigung des deutschen Nationalstaates weitestgehend abgelehnt. Heinrich August Winkler sah in der Teilung die logische Konsequenz deutschen Großmachtstrebens und sprach sich deshalb gegen eine nationalstaatliche Vereinigung der Deutschen in Ost und West aus. Gleichwohl erkannte er ein kulturnationales Band an, das die Bundesbürger mit ihren Nachbarn aus der DDR verbunden habe. Jürgen Habermas vertrat hingegen die Auffassung, die Bundesrepublik sei eine gänzlich postnationale Demokratie, deren Basis in einem kosmopolitischen Verfassungspatriotismus zu sehen sei. Dies waren Ansichten, welche Liberalkonservative und Konservative nicht teilten. Für sie war die nationale Einheit der Deutschen gemäß Präambel des Grundgesetzes ein politisch bindendes Ziel, wobei nicht alle davon überzeugt waren, ob dieses je erreicht werden würde. Für sie galt mehrheitlich die Devise: Wir wollen die deutsche Einheit in einem gemeinsamen und friedlichen Europa, was wiederum die Lösung des Ost-West-Gegensatzes voraussetzte.

Ganz entscheidend war im Kontext der nationalen Identität die Rolle, welche die Beteiligten der deutschen Geschichte zumaßen, was uns direkt zur zweiten Konfliktebene des „Historikerstreits“ führt: der Verortung des Nationalsozialismus und seiner Verbrechen in der deutschen und europäischen Geschichte. Habermas und viele seiner Mitstreiter waren der Auffassung, dass das Gedenken an Auschwitz als Gründungsmythos der Bundesrepublik zu gelten habe. Die kritische und antifaschistische Erinnerung an das deutsche Verbrechen sei eine Bürgerpflicht, die positive Rückbesinnung auf Nationalgeschichte hingegen eine gefährliche Tendenz. Diese Auffassung wurde von Liberalkonservativen mehrheitlich nicht geteilt. Sie sahen in der positiven Besinnung auf nationale Geschichte eine Möglichkeit zur Ausprägung eines kollektiven Bewusstseins der Deutschen. Dabei muss – entgegen der bis heute existierenden Apologie-Vorwürfe gegenüber den „Neokonservativen“– ganz klar festgehalten werden, dass nicht nur linksliberale „Historikerstreiter“ wie Winkler, Wehler und Jürgen Kocka, sondern eben auch die als „Vierer-Bande“ diffamierten Historiker Stürmer, Hillgruber, Nolte und Hildebrand (sowie in zweiter Reihe auch Joachim Fest) Beachtliches dazu beigetragen haben, die Weimarer Republik und den Nationalsozialismus historisch zu analysieren und letztendlich auch aufzuarbeiten. Warum nun aber die scharfen Attacken gegen Letztgenannte?

Ich glaube, dass hier zwei Gründe von entscheidender Bedeutung sind. Erstens ist davon auszugehen, dass viele Linksliberale tatsächlich fürchteten, Helmut Kohl würde sich ins Gefolge von Margaret Thatcher und Ronald Reagan einreihen und die von ihm diagnostiziere „geistig-moralische Krise“ durch einen strikten Konservatismus zu überwinden suchen. Da Konservatismus von vielen Deutschen eng mit dem Phänomen des radikalen Nationalismus, konkret also mit der Harzburger Front, der bürgerlichen Kooperation mit Adolf Hitler in den 1930ern und letztlich mit dem Nationalsozialismus konnotiert wurde, konnte diese Entwicklung als Bedrohung empfunden werden. Es ist ja ganz eindeutig, dass Habermas mit seinen Suhrkamp-Bänden zur „Geistigen Situation der Zeit“ (veröffentlicht 1979) einen Bezug zu Karl Jaspers und seinen Betrachtungen der Zeit der Präsidialkabinette („Die geistige Situation der Zeit“, veröffentlicht 1931) herstellen wollte. Liest man die Texte der Habermas-Bände, so entsteht das Bild einer Bedrohung der Demokratie von rechts. Dass dies maßlos übertrieben war und Kohl in vielen Bereichen die Stabilitätspolitik seines Vorgängers Helmut Schmidt fortsetzte, lässt sich im Nachhinein einfach sagen – doch als Historiker sollten wir berücksichtigen, was die Beteiligten damals subjektiv wahrnahmen.

Zweitens ging es aber ganz klar um Geschichtspolitik. Der Vorwurf an Kohl, er nutze Geschichte zu politischen Zwecken – vorgetragen in diversen Beiträgen der linksliberalen Parteiung – war zwar nicht ohne Wahrheitsgehalt. Aber dass die SPD bereits vor dem Machtwechsel im Jahr 1982 eine Historische Kommission beim Bundesvorstand der Partei installierte, um im Sinne Antonio Gramscis die kulturelle Deutungshoheit auf dem konfliktträchtigen Gebiet der Kulturpolitik zu sichern, dieser Umstand wurde in den allermeisten Darstellungen zum „Historikerstreit“ sinnentstellend vernachlässigt beziehungsweise ganz außen vor gelassen. Diesbezüglich muss also festgehalten werden, dass der „Historikerstreit“ gewiss kein Abwehrkampf der Demokraten gegen undemokratische Rechte gewesen ist, sondern vielmehr eine kulturpolitische Auseinandersetzung, in der das linksliberale Lager weitaus bessere Startbedingungen vorfand, als dies oftmals behauptet wird.

Schauen wir schließlich auf die dritte Konfliktebene, die Konkurrenz linksliberaler und liberalkonservativer Kräfte um die macht- und kulturpolitische Deutungshoheit. Wenn man sich die Biographien der „Historikerstreiter“ betrachtet, so wird sehr schnell deutlich, dass die allermeisten von ihnen die Entstehung und Entwicklung der Bundesrepublik aktiv – und teils gar gemeinsam – mitgestaltet haben. Die 68er Jahre führten jedoch in vielerlei Hinsicht zu Brüchen. Die Eingruppierung der Professoren in den „Bund Freiheit der Wissenschaft“ bzw. in den „Bund demokratischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler“ zeichnete ein erstes Bild von der späteren Frontlinie. Genauso aber auch der Gegensatz zwischen den Sozialwissenschaften und der Geschichtswissenschaft, die internen Konflikte der bundesdeutschen Historiographie (etwa: Totalitarismusforschung vs. Faschismusforschung oder Sozialgeschichte vs. Geschichte der Außenpolitik) und nicht zuletzt die Auseinandersetzungen verschiedener philosophischer Schulen (vor allem natürlich der Frankfurter Schule und der Ritter-Schule). In dem Konflikt zwischen Linksliberalismus und Liberalkonservatismus (und Konservatismus) sehe ich einen bemerkenswerten, ja erstaunlichen Aspekt des „Historikerstreits“. Er machte die politische Fokussierung auf die Mitte und das bundesdeutsche Streben nach Konsens so deutlich wie kaum ein anderer kulturpolitischer Konflikt. Im Prinzip ist die Auseinandersetzung auch als ein Kampf um die Daseinsberechtigung des Konservatismus (oder wenn sie so wollen: der Rechten) in der Bundesrepublik zu sehen.

"Der 'Historikerstreit' erreichte sogar das westdeutsche Parlament"

L.I.S.A.: Sie betrachten den „Historikerstreit“ vornehmlich als eine kulturpolitische Debatte, in deren Folge sich Macht und Kultur miteinander verschränkt hätten. Was bedeutet das?

Dr. Dworok: Das ist nicht ganz zutreffend: Nicht erst in der Folge, sondern bereits im Vorfeld und, sehr gut nachweisbar, während der 1980er Jahre lässt sich von einer solchen Verschränkung sprechen. Bekannt ist gemeinhin, dass Helmut Kohl mit zwei Museumsprojekten und einigen symbolpolitischen Handlungen Geschichtspolitik betrieben hat und dabei unter anderem von Michael Stürmer beraten wurde. Auf die Aktivitäten der Historischen Kommission der SPD habe ich bereits hingewiesen. Lassen Sie mich nur hinzufügen, dass der linksliberale „Historikerstreiter“ Hans Mommsen Mitglied der Kommission gewesen ist und Jürgen Habermas regelmäßig und an prominenter Stelle auf kulturpolitischen Kongressen der SPD sprach. Auf einem solchen Kongress trug er beispielsweise das vor, was er später am 11. Juni 1986 als Entgegnung auf Ernst Nolte, Michael Stürmer und Andreas Hillgruber unter dem Titel „Eine Art Schadensabwicklung“ in der ZEIT veröffentlichte. Ferner sind aber auch noch andere Akteure zu nennen, die im Kontext des „Historikerstreits“ geschichtspolitisch aktiv wurden. So vor allem die Grünen, welche mit der Forderung nach einer gerechten Entschädigung von NS-Opfern ein kulturpolitisches Thema aufgriffen und prägten. Schließlich muss betont werden, dass der „Historikerstreit“ am 4. Dezember 1986 im Rahmen der erst zweiten „Kulturdebatte“ des Bundestages sogar das westdeutsche Parlament erreichte. Kohl war in dieser Debatte den Angriffen vor allem der SPD und der Grünen ausgesetzt, wobei die Argumente jenen der linksliberalen Gruppierung im „Historikerstreit“ sehr ähnelten. Dies ist übrigens gar nicht verwunderlich, wenn man die enge Verknüpfung der Historischen Kommission der SPD mit dem linksliberalen Lager in Betracht zieht.  

Neben diesen konkreten Beispielen lassen sich anhand der Streitbeiträge etliche Bezüge auf die Bundespolitik zwischen 1949 und 1986 anführen. Von linksliberaler Seite wurde die Aufarbeitungspolitik der Adenauer-Zeit, also insbesondere die Wiedergutmachungszahlungen und die strafrechtliche Verfolgung von NS-Verbrechen, scharf kritisiert und mit einem angeblichen Schlussstrich-Denken in der CDU/CSU sowie „neokonservativer“ Historiker in Verbindung gebracht. Von liberalkonservativer Seite wurden dagegen Rückbezüge auf die 68er Jahre vorgebracht, deren angeblich negativen Auswirkungen der Linken angelastet wurden. Kurz gesagt: Im „Historikerstreit“ bezogen sich die Akteure fortwährend auf die konfliktreiche Geschichte der Bonner Republik und sie nutzten machtpolitische wie auch kulturpolitische Rekurse, um ihre Position zu untermauern.  

"Ein politischer Prozess, in den die Historikerzunft verwickelt ist"

L.I.S.A.: Von mehreren Historikerinnen und Historikern hat man nach dem Ende des „Historikerstreits“ die Auffassung vernommen, er habe der deutschen Geschichtswissenschaft eher geschadet als sie befördert. Können Sie den Standpunkt nachvollziehen? Inwiefern war der „Historikerstreit“ eine wissenschaftliche bzw. interdisziplinäre Auseinandersetzung, die auch zu neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen geführt hat?

Dr. Dworok: Ich denke, wir müssen diesbezüglich differenzieren. Natürlich kann man behaupten, dass der Konflikt keinerlei wissenschaftliche Bedeutung hatte, da ja die wesentlichen Fragen nicht diskutiert, sondern bloß desavouiert worden sind. Es gibt viele Historiker, die noch heute auf dieser Deutung beharren, um den Fragen der „Neokonservativen“ auch im Nachhinein jegliche Berechtigung abzusprechen.

Das gilt zum ersten für die Perspektive Andreas Hillgrubers, der den Abwehrkampf der Wehrmacht im Osten aus der Sicht der deutschen Verbände betrachtete. Warum hat man 1944/45 so lange Widerstand geleistet und auf diese Art dazu beigetragen, dass der Schrecken der NS-Herrschaft in den Vernichtungslagern im Osten, in den KZs im Reich und an vielen anderen Orten weiterging, ja sogar die Opferzahlen nochmals massiv in die Höhe trieb? Hillgruber gab naheliegende Antworten: Furcht vor der Niederlage, vor der Rache der Russen, die Liebe zur Heimat, die institutionelle Macht der Armee und nicht zuletzt die Logik der Gewalt. Dieser Ansatz wurde allerdings strikt abgelehnt – Hillgruber als „institutioneller Nazi“ (!) verunglimpft. 25 Jahre nach dem „Historikerstreit“ hat dann Ian Kershaw ähnliche Fragen gestellt und seine Antworten in der Studie „Das Ende“ auch im deutschen Sprachraum dargelegt. Meines Wissens haben ihn Anfeindungen wie damals bislang nicht getroffen.

Ein zweiter Fall, der quasi neuralgische Punkt des „Historikerstreits“, betrifft die spekulativen Fragen Ernst Noltes: „War nicht der Archipel Gulag ursprünglicher als Auschwitz? […] Rührte Auschwitz vielleicht in seinen Ursprüngen aus einer Vergangenheit her, die nicht vergehen wollte?“ Im Kern waren dies interessante Fragen, denn sie zielten darauf ab, den bis 1986 nur unzureichend erforschten Holocaust in Beziehung zu setzen mit dem noch weniger erforschten und häufig apologetisch relativierten Stalinismus. Nolte deutete den Holocaust in einem europäischen bzw. gar weltgeschichtlichen Kontext, was in jüngeren Studien wie Timothy Snyders „Bloodlands“ ja auch getan wird. Problematisch war (und ist) dabei Noltes Hypothese vom Ursprung, von der Reaktion des Nationalsozialismus auf einen angeblich „jüdischen Bolschewismus.“ Dahinter steckt eine Dimension des Nolte´schen Geschichtsdenkens, die seinen Gegnern als Angriffsfläche diente: die bewusste Entscheidung, die Selbstäußerungen der großen Ideologien des 20. Jahrhunderts ernst zu nehmen und selbst den schrecklichsten Massenmördern, also auch Hitler, mit dem Willen zum historischen Verständnis zu begegnen. Und dahinter lässt sich naheliegend ein Hang zur apologetischen Relativierung des Holocaust vermuten, wenngleich Nolte dies in Bezug auf die Apologie verneint. Noltes Entscheidung verstört die Zunft bis heute und war der Grund dafür, dass Nolte in der zweiten Phase des „Historikerstreits“ (1987 hatte er „Der europäische Bürgerkrieg“ veröffentlicht) im Zentrum des Geschehens stand.

Letztendlich denke ich, dass Michael Stürmer mit seiner viel kritisierten Äußerung, dass in einem „geschichtslosen Land (…) derjenige die Zukunft (gewinnt), der die Erinnerung füllt, die Begriffe prägt und die Vergangenheit deutet“, einen wichtigen Hinweis auf Geschichtspolitik in Demokratien gegeben hat. Es gibt eine Konkurrenz um das Geschichtsbild, von daher ist das System durchaus pluralistisch. Gleichwohl ist das Ziel der konkurrierenden Parteien – die Besetzung der Begriffe und die Konstruktion kollektiven Gedenkens – ein politischer Prozess, in den die Historikerzunft verwickelt ist. Für mich ist das eines der Haupterkenntnisse des Konflikts und ich würde meinen, dass er allein in dieser Perspektive eine wissenschaftliche Bedeutung hatte. Hinzu kommt, dass im Zuge des “Historikerstreits“ durchaus sachlich um die Historisierung des NS gestritten wurde und im Nachgang die Erforschung der Sowjetgeschichte sowie eine kleine Renaissance integrativer Totalitarismusansätze erfolgte. Das sind meines Erachtens gute Entwicklungen für die Geschichtswissenschaft.

"Die Bilanz des 'Historikerstreits' ist widersprüchlich"

L.I.S.A.: Ziehen wir abschließend ein Resümee Ihrer Untersuchung: Hat der „Historikerstreit“ die bundesrepublikanische Nationswerdung beeinflusst? Hat er Tabus, die bis dato mit Blick auf die NS-Vergangenheit Deutschland möglicherweise galten, gebrochen? Anders gefragt: Hat er gesellschaftspolitisch den Weg zu einer Renationalisierung Deutschlands und seiner Geschichte mitbereitet? Und: Wer hat am Ende gewonnen? Diejenigen, die Sie in Ihrer Arbeit als Linksliberale bezeichnen, oder der von Ihnen als liberalkonservativ gekennzeichnete Flügel?

Dr. Dworok: Nun, das Ergebnis aus dem „Historikerstreit“ ist ambivalent. Auf persönlicher Ebene gab es Gewinner und Verlierer. Linksliberale Kombattanten wie Habermas, Wehler und Micha Brumlik konnten das Narrativ durchsetzen, sie hätten einen neokonservativen Roll Back verhindert, der die politische Kultur des Landes zu zerstören drohte. Auf der anderen Seite musste Andreas Hillgruber die unwürdige Behandlung im „Historikerstreit“ als Niederlage empfinden. Denn man muss sich vergegenwärtigen, dass man mit Hillgruber einen Mann an den Pranger gestellt hatte, dessen Forschungen ganz entscheidend zur Analyse des Nationalsozialismus beigetragen haben und dessen Lebenswerk kurz vor seinem krankheitsbedingten Tod stark und meines Erachtens unrechtmäßig beschädigt wurde. Auch Nolte könnte man als Verlierer der Debatte bezeichnen, weil er – der einst gefeierte Begründer der Faschismusforschung in der Bundesrepublik – nach dem „Historikerstreit“ in eine bemerkenswerte Isolation geriet.

Andererseits lässt sich in der Gesamtschau feststellen, dass beide Lager, die Linksliberalen sowie die Liberalkonservativen, Erfolge verbuchen konnten. Cum grano salis ließe sich behaupten, im Streit wurde ein Kompromisskatalog für den Umgang mit den drei angesprochenen Konfliktfeldern erstritten:

  1. Die Vorstellung von einem kosmopolitischen Verfassungspatriotismus wurde als blutleer entzaubert, die Nation hingegen als kollektiver Bezugspunkt bestätigt, was natürlich erst in Hinblick auf 1989/90 deutlich erkennbar wurde, als Einigungs-Skeptiker wie Günter Grass sich nicht durchzusetzen vermochten.
  2. Die Linksliberalen setzten sich mit der Vorstellung durch, dass das Gedenken an Auschwitz zukünftig einen wesentlichen Aspekt in der Selbstdefinition des Deutschseins bildet. Die kritische Einstellung zur jüngsten Geschichte ist zur Bürgerpflicht des Deutschen geworden.
  3. Mit dieser Vorstellung eng verbunden war die Durchsetzung der linksliberalen Deutungshegemonie auf dem Feld der Geschichtspolitik, die sich nicht zuletzt in der gängigen Charakterisierung des „Historikerstreits“ als geglückte Abwehr des „Neokonservatismus“ äußert. Gleichwohl führte der Konflikt auch dazu, dass Konzepte wie die Sonderwegsthese zu Gunsten einer eher europäischen Perspektive relativiert wurden; eine Entwicklung, die nicht unwesentlich mit den damaligen Impulsen liberalkonservativer Historiker und Publizisten zusammenhängt. Dies hat ironischerweise zur Folge, dass jene (oft linksliberalen) Historiker, die bis heute an der These vom Sonderweg festhalten, Konstrukteure deutscher Nationalgeschichten sind.

Die Bilanz des „Historikerstreits“ ist also widersprüchlich – dass er die bundesdeutsche Nationswerdung neben anderen Momenten deutscher Geschichte nachhaltig beeinflusst hat, davon bin ich jedoch überzeugt.

Dr. Gerrit Dworok hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

Kommentar

von Markus Schneider, MA | 16.02.2016 | 14:15 Uhr
Dass Dr. Dworok die Fragen schriftlich beantwortet hat, merkt man bei jedem Satz. Das Ganze liest sich wie ein geschriebener Monolog, und nicht wie ein Interview. Seine akademische Arbeit kann kaum umständlicher verfasst sein -- da kann man auch gleich das Original lesen.

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