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Georgios Chatzoudis | 27.03.2018 | 1286 Aufrufe | Interviews

"Historisches Denken als narrativer Prozess"

Interview mit Jörn Rüsen zum Tod von Hayden White

Am 5. März des Jahres ist der Historiker Hayden White im Alter von 89 Jahren gestorben. Ein entscheidendes Jahr in seinem Leben als Wissenschaftler war das Erscheinen seines bekanntesten Werks 1973: Metahistory. The Historical Imagination in Nineteenth Century Europe. In wenigen Worten handelte das Buch von der zentralen These, dass Geschichte auch nur eine Erzählform von vielen sei - noch knapper ausgedrückt: "Auch Klio dichtet." Mit dieser Auffassung von Geschichtsschreibung wirbelte Hayden White die Geschichtswissenschaft über den amerikanischen Kontinent hinaus auf, sofern diese noch den Standpunkt vertrat, Geschichte darzustellen, "wie es wirklich gewesen war". Wir haben den Historiker und Geschichtstheoretiker Prof. Dr. Jörn Rüsen um ein Interview zu Hayden White gebeten.

"Damals ist er überwiegend auf Ablehnung gestoßen"

L.I.S.A.: Herr Professor Rüsen, vor wenigen Tagen ist mit Hayden White einer der bedeutendsten Historiker der USA gestorben. Sein Hauptwerk "Metahistory" machte ihn weit über den amerikanischen Kontinent hinaus bekannt. Wann sind Sie erstmals mit Hayden White und seinem Werk in Berührung gekommen?

Prof. Rüsen: Die erste Berührung war natürlich die Lektüre von "Metahistory". Meine erste persönliche Begegnung hat wohl anlässlich einer Konferenz des Goethe-Instituts über Historiographie (entweder in Mailand oder in Turin) stattgefunden, in der White seine Ideen über historisches Denken und Historiographie mit führenden französischen, englischen, deutschen und italienischen Historikern diskutiert hat. Damals ist er überwiegend auf Ablehnung gestoßen, hat sich aber glänzend behauptet. Ich war einer der ganz wenigen, die seinen Ansatz, Geschichte erzähltheoretisch zu verstehen, verteidigt hat. Ich habe ihn dann mehrfach in den USA besucht und ihn auf zahlreichen Konferenzen getroffen. Genauere Zeitangaben kann ich nicht machen.

"Sein Einfluss in der Geschichtstheorie kann kaum überschätzt werden"

L.I.S.A.: Hayden White wird aufgrund seines Hauptwerks mit dem sogenannten linguistic turn in der Geschichtswissenschaft in Verbindung gebracht. Wie schätzen Sie Bedeutung und Einfluss dieser Arbeit für das Verständnis von Geschichte ein?

Prof. Rüsen: Whites Bedeutung für die Geschichtstheorie liegt darin, dass er historisches Denken als narrativen Prozess in detaillierten Analysen dargelegt hat. Er hat ein brauchbares Analyseraster vorgelegt, das sich in der Forschung bewährt hat. Sein Einfluss in der Geschichtstheorie in den letzten Jahrzehnten kann kaum überschätzt werden. Er ist zu einer Art Klassiker geworden, allerdings nur auf der Ebene der Reflexion auf Geschichte, Geschichtsschreibung und historisches Denken. In der professionellen, empirisch-forschungsgezogenen Geschichtswissenschaft ist er randständig geblieben. Er hat Geschichtsschreibung als literarische Produktion ernst genommen und in den Vordergrund unseres Verständnisses von historischem Denkens gerückt.

"Man sollte streng zwischen Historiographie und Dichtung unterscheiden"

L.I.S.A.: Hayden White wird oft als ein Historiker charakterisiert, der mit seinem Diktum, dass Geschichte vor allem Erzählung sei, die Geschichtswissenschaft herausgefordert und in Unordnung gebracht habe. Zugespitzt formuliert: Ist Historiographie heute vor allem Dichtung?

Prof. Rüsen: Von Unordnung würde ich nicht reden. Wohl aber von erheblichen Irritationen. Unter dem Einfluss von Bernheim und Droysen wurde historisches Denken vor allem als kognitiver Prozess angesehen (was es ja auch ist). Dass Geschichte 'geschrieben', also immer auch dargestellt wird und nur als Darstellung auch greifbar und kulturell wirksam ist, ist nur wenig beachtet worden. Damit hat Hayden White gründlich aufgeräumt. Dennoch sollte man streng zwischen Historiographie und Dichtung unterscheiden. Dieser Unterschied ist in den Formen literarischer Präsentation evident und kann nicht geleugnet werden. Den Wisssenschaftlichkeitsanspruch der modernen Geschichtswissenschaft hat Hayden White energisch zurückgewiesen. Dass und wie historisches Denken auch in der Form methodisch geregelter Forschung geschieht, und dass Forschung seit dem Ende des 18. Jahrhunderts ein notwendiges Element moderner Geschichtskultur geworden ist und dass es Erkenntisfortschritt durch Forschung gibt, wird in Whites Geschichtstheorie ausgeblendet. Das hat zu erheblichen Einschränkungen und Einseitigkeiten der Geschichtstheorie geführt.

"Die Einsicht, dass Geschichtsschreibung Literatur ist"

L.I.S.A.: Wie hat die Geschichtstheorie in Deutschland auf Hayden Whites Überlegungen reagiert?

Prof. Rüsen: Zunächst einmal ganz überwiegend ablehnend. Das hat sich dann aber erheblich geändert. White wurde ernst genommen und wurde dann zu einem der meist diskutierten Vertreter der Geschichtstheorie. Das hat dazu geführt, dass die Tradition der "Historik" abgebrochen ist, in der es um Erkenntnis und Methode gegangen war.

L.I.S.A.: Was ist aus Ihrer Sicht das bleibende Verdienst von Hayden White?

Prof. Rüsen: Bleibend ist die systematische Berücksichtigung der historischen Repräsentation in der Geschichtstheorie. Hinter ihre erzähltheoretische Ausrichtung, für die Hayden White (natürlich nicht nur er allein) steht, und hinter die Einsicht, dass Geschichtsschreibung Literatur ist, kann die Geschichtstheorie nicht mehr zurück.

Prof. Dr. Jörn Rüsen hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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