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Georgios Chatzoudis | 30.07.2013 | 1648 Aufrufe | Interviews

"Griechenland gehört zur Europäischen Gemeinschaft"

Kurzinterview mit Martin Walser zur Lage in Griechenland

Martin Walser hat sich in den vergangenen Monaten immer wieder zu Griechenland bekannt. Er rief mehrmals dazu auf, Griechenland als genuinen Teil Europas zu begreifen. Vor einem Ausschluss des Landes aus der Europäischen Gemeinschaftswährung hat er wiederholt gewarnt: "Eine so 'große politische Situation' wie die derzeitige dürfe man nicht den Wirtschaftsfachleuten allein überlassen", sagte der dem Kölner Stadt-Anzeiger in einem Interview. Zuvor hatte Martin Walser in einem Debattenbeitrag in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung seine Vorstellung von Europa eng an die griechische Sprache und Literatur gebunden. Diese eindeutige Parteinahme, ausgesprochen von einem der berühmtesten zeitgenössischen deutschen Schriftsteller, ist in Griechenland dankbar registriert worden. Vielleicht auch ein Grund dafür, dass Martin Walser Mitte Mai in der griechischen Hafenstadt Volos von der Universität von Thessalien die Ehrendoktorwürde erhalten hat, "für seinen Beitrag zu den Geisteswissenschaften und den Werten der Menschlichkeit", so Laudator Professor Nikolaos Kyriazis. Die Rede Martin Walsers "Was ist euch Hecuba?" hat Zeit Online veröffentlicht.

Wir haben Martin Walser nach seiner Rückkehr aus Griechenland um ein kurzes Interview gebeten.

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"Die Krise der Südländer wird überwunden werden"

L.I.S.A.: Herr Walser, Sie sind von der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Thessalien in Volos für Ihren "Beitrag zu den Geisteswissenschaften und den Werten der Menschlichkeit" mit der Ehrendoktorwürde ausgezeichnet worden. Wie kommt es dazu, dass eine Wirtschaftsfakultät eine Ehrung an einen Schriftsteller verleiht? Wofür sind Sie genau geehrt worden?

Walser: In der Verleihungsurkunde heißt es, dass ich die Kunst des Schreibens durch Lehre, Forschung und Bücher vorangetrieben habe. In der Laudatio von Prof. Kyriazis war dann konkret von meiner Literatur die Rede. Er hat z. B.
aus dem Roman "Ein liebender Mann" zitiert, der gerade in Griechenland erschienen war.

L.I.S.A.: Die Ehrendoktorwürde ist bereits Ihre fünfte - drei wurden Ihnen von deutschen Universitäten verliehen, eine von der Katholischen Universität Brüssel. Was bedeutet Ihnen die Auszeichnung einer griechischen Universität? Und: Welche Eindrücke haben Sie aus dem aktuellen Griechenland mitgenommen?

Walser: Natürlich sind Ehrungen durch das Ausland für den Geehrten eindrucksvoller als das Bemerktwerden im Inland. Und dass es eine griechische Universität ist, die auf mich aufmerksam wurde, ist mir besonders willkommen. Seit Griechenland fast täglich in unseren Nachrichten als umstrittenes Thema auftaucht, nehme ich mehr teil am Schicksal dieses Landes als vorher. Und weil es bei uns Experten gibt, die sich ein Europa ohne Griechenland vorstellen können, fühle ich mich engagiert, immer wieder auszusprechen, dass Griechenland zur Europäischen Gemeinschaft gehört. Ich habe in Volos und Athen nur ein lebendiges, schönes, zukunftfähiges Griechenland erlebt. Für mich ist es keine Frage, dass die Krise der Südländer überwunden werden wird.

"Keine politisch-ideologischen Einbildungen"

L.I.S.A.: Im vergangenen Sommer haben Sie sich deutlich gegen den Ausschluss Griechenlands aus der gemeinsamen Euro-Währung ausgesprochen. In der FAZ haben Sie unter anderem die Verbundenheit der deutschen Literatur und Sprache mit dem Griechischem hervorgehoben. Dafür sind Sie unter anderem in der Tageszeitung "Die Welt" als "blauäugig naiv" kritisiert worden. Wie begegnen Sie solcher Kritik heute?

Walser: Das erlebt man als Schriftsteller immer wieder, dass man von sogenannten Experten naiv genannt wird. Warten wir's ab. Ich habe schon ein paar Mal erlebt, wie sich die Experten getäuscht haben. Zum Beispiel: Der Vietnamkrieg der USA, die deutsche Teilung, unsere Teilnahme am Krieg in Afghanistan.

L.I.S.A.: Zum Abschluss noch eine Frage zur Zukunft Europas: Welche Aufgabe kommt Deutschland in einem zukünftigen Europa zu? Welche würden Sie sich wünschen?

Walser: Wie jedes andere europäische Land muss auch Deutschland von Fall zu Fall, von Problem zu Problem konkret und vernünftig reagieren. Dass Deutschland die mächtigste Volkswirtschaft hat, darf nicht zu politisch-ideologischen Einbildungen führen.

Martin Walser hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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