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Georgios Chatzoudis | 25.12.2013 | 2050 Aufrufe | Interviews

Griechenland - "Die Solidarität innerhalb der Familien und unter Freunden fängt das Schlimmste noch auf"

Wie verbringen Sie Weihnachten und Silvester? Drei Fragen an Alexander Herda

Dr. Alexander Herda ist Archäologe und Privatdozent der Humboldt-Universität zu Berlin. Derzeit erforscht er im Rahmen des Marie Curie-Fellowships der Gerda Henkel Stiftung und mit Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) in Athen die Architektur der antiken Stadt Milet: Thales or Hippodamos: Agora and town planning in Miletos before and after the Persian Wars.

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"In Athen"

L.I.S.A.: Herr Dr. Herda, Sie leben und forschen zurzeit in Athen. Wo und wie werden Sie Weihnachten dieses Jahr verbringen?

Dr. Herda: Weihnachten werde ich mit meiner griechischen Freundin Vaso in Athen feiern. Meine beiden Kinder Benjamin und Sophia, die auch hier leben, sind seit vorgestern mit von der Partie.

"Melomakarona und Kourabiedes - unglaublich süß"

L.I.S.A.: Wie wird in Griechenland Weihnachten gefeiert? Ist es anders als beispielsweise in Deutschland? Gibt es bestimmte Bräuche und Sitten? Und wie wirkt sich die anhaltende Wirtschafts- und Finanzkrise auf Land und Menschen in der Weihnachtszeit aus?

Dr. Herda: Bisher habe ich den Eindruck, dass die Unterschiede zwischen den griechischen Weihnachten, die hier Christougenna, "Christi Geburt" heißen, zu unseren Weihnachten in Deutschland oder überhaupt in Nordwesteuropa nicht so groß sind.  Es gibt die typischen (Leucht-)Dekorationen auf den Straßen und öffentlichen Plätzen, die, wenn es dunkel wird, erst ihren besonderen Charm verstrahlen. Auf dem Syntagma-Platz vor dem Parlament, an dem auch die Hermou, die Haupteinkaufsmeile Athens beginnt, steht blau beleuchtet das karavaki, das traditionelle Weihnachstboot, daneben kann man sich mit einem Weihnachtsmann für 3 Euro fotografieren lassen. Weihnachtsbäume begegnen einem dort wie überall in Wohnungen, auf Balkonen und in Geschäften. Die Mutter meiner Freudin hat uns am 3. Advent mit melomakarona und kourabiedes eingedeckt, typischem Weihnachstgebäck. Das erstere ist in viel Honigwasser eingelegt und unglaublich süß, das zweite aus Mandeln und einer Art Mürbeteig bestehend, wird in Bergen von Puderzucker verschüttet und zerfällt auf der Zunge. Ich habe erfahren, dass es hier auch eine Art Sternensinger gibt, die die Weihnacht ankündigen, aber auch an Neujahr und Drei Könige (Epiphania, 6. Januar) herumziehen. Sie singen ta Kalanda und werden dafür mit Süßigkeiten oder barer Münze belohnt. Die Truthähne, die hier zur Zeit überall in den Schaufenstern der Metzger hängen, und von denen wir am 25. einen 'traditionell' verspeisen werden, sind wahrscheinlich ein Kulturimport aus den Vereinigten Staaten von Amerika.

Die Auswirkungen der allgemeinen Krise unseres kapitalistischen Wirtschaftssystems sind in Griechenland wie in einigen anderen Ländern der Eurozone, etwa Portugal und Spanien, täglich zu spüren. Und das nicht nur zur Weihnachtszeit. Das Ausmaß der neuen Armut wird am deutlichsten in den vielen Obdachlosen, die überall im Straßenbild auszumachen sind. Ansonsten fängt bisher die Solidarität innerhalb der Familien und unter Freunden noch das Schlimmste auf. Viele Freunde von Vaso sind arbeitslos und müssen sehen, wie sie über die Runden kommen. Wohnungen werden verkauft, alles zu Geld gemacht, was geht, um den Lebensunterhalt finanzieren zu können. Einem Freund von mir zahlt sein Arbeitgeber immer nur den Lohn von vor 6 Monaten aus, und das schon seit mehr als einem Jahr. Ihm fehlt also das Gehalt des letzten halben Jahres. Aber er ist froh, dass ihm nicht gekündigt wurde, wie sonst zahlreichen seiner Kollegen. Große Feierstimmung kommt daher nicht auf.

"In absehbarer Zeit auch Deutschland"

L.I.S.A.: Was machen Sie an Silvester und was wünschen Sie sich für das neue Jahr?

Dr. Herda: Zu Silvester werden wir in Berlin mit Freunden feiern. Das hat sich so ergeben, da ich einige bürokratische und sonstige Dinge zu erledigen habe und Anfang Januar von meiner Berliner Universität eingeladen wurde, einen Vortrag über meine aktuellen Forschungen im antiken Milet (heute Miletos/Balat, Provinz Aydin, Türkei) zu halten.

Für 2014 wünsche ich uns vor allem, dass wir und unsere gewählten VolksvertreterInnen, die europäischen PolitikerInnen, wieder verstärkt im tatsächlichen Interesse der Allgemeinheit verantwortlich handeln, wie gute BürgerInnen und wirkliche 'Staatsmänner und -frauen' halt. Die jetzige Krise, die in absehbarer Zeit auch Deutschland in ungeahntem Ausmaß erfassen wird, ist die Folge der Gedankenlosigkeit vieler und eines unkontrollierten Egoismus weniger. Man braucht nur in die Geschichte zu blicken, um sich auszumalen, wie das enden wird. Die 'demokratischen' antiken griechischen Polisstaaten jedenfalls sind ausnahmslos untergegangen.

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