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Lennart Pieper | 30.10.2018 | 383 Aufrufe | Interviews

„Grenze zwischen Zivilisten und Soldaten wurde aufgehoben“

Interview mit Birthe Kundrus über die Erfahrungsgeschichte des Zweiten Weltkrieges

Der Zweite Weltkrieg unterschied sich von allen Vorgängern durch die brutale Gewalt seiner Kriegsführung. Diese wiederum hatte ihre Ursache in der Erklärung des Krieges zum „Rassenkrieg“ durch die Nazis. Die Sozialhistorikerin Prof. Dr. Birthe Kundrus von der Universität Hamburg hat jüngst ein neues Buch zum Thema vorgelegt, in das sie verstärkt die Perspektiven und Wahrnehmungen der Zeitgenossen hat einfließen lassen. Als Quellengrundlage dienten ihr dazu vor allem Selbstzeugnisse wie Briefe und Tagebücher. Weshalb akzeptierten weite Teile der Gesellschaft die NS-Propaganda? Wie gingen die Soldaten mit den im Krieg begangenen Verbrechen um und wie nahmen die Zivilisten den Krieg wahr? Fragen wie diese führen zum Konzept einer Erfahrungsgeschichte des Krieges, über das wir mit Frau Kundrus gesprochen haben.

„Eine andere Perspektive auf den Krieg einnehmen“

L.I.S.A.: Frau Professorin Kundrus, aus welchen Überlegungen heraus haben Sie sich des Themas Krieg und Holocaust angenommen?

Prof. Kundrus: Eine gute Frage. Schließlich gibt es unzählige Bände zum Zweiten Weltkrieg. Also musste etwas Neues her. Eine andere Perspektive auf den Krieg einzunehmen, das war der Plan. Und: Das Buch sollte für ein breites Publikum attraktiv sein. Im Mittelpunkt sollten die Erfahrungen und Deutungen unterschiedlichster Zeitgenossen und Zeitgenossinnen stehen. O-Töne aus Tagebüchern und Briefen lieferten hierfür das Fundament. Ein nationaler Tunnelblick kam dabei nicht in Frage, schließlich hatten Diplomaten und die Menschen in den von den Deutschen so rasant besetzten Staaten viel berichtet über ihre neuen Herrscher und ihren „merkwürdigen Führer“. Schließlich war die Idee, mit einer Karikatur oder einem Foto als Aufhänger für die einzelnen Kapitel neugierig zu machen auf die Inhalte. Ziel war, Anschaulichkeit mit Argumentation zu verbinden, die Analyse erzählerisch zu entwickeln, um auf diese Weise einen Beitrag zu einer modernen Gesellschaftsgeschichte des Nationalsozialismus und seines Krieges zu leisten.

„Die rassistisch-völkische Signatur dieses Krieges war für die verbrecherische Gewalt ursächlich“

L.I.S.A.: Ihre zentrale These besagt, dass in der Verkehrung des Zweiten Weltkriegs zum „großen Rassenkrieg“ (H. Göring) durch die Nationalsozialisten die Wurzel für die enthemmte Gewalt und Brutalität in der Kriegsführung lag. Worin unterschied sich dieser von vorangegangenen Kriegen und welche Rolle spielte dabei das Konzept „Rasse“?

Prof. Kundrus: Göring erinnerte in seiner Ansprache zum Erntedankfest 1942 die Deutschen daran, dass dieser Krieg nicht die Fortsetzung des Ersten Weltkrieges, sondern ein neuer Typus von Krieg sei, ein „Rassenkrieg“ – gegen „die Juden“, Männer, Frauen, Kinder, und deren angebliches Streben nach Weltherrschaft. Mit dieser Erklärung des Krieges zum völkischen Endkampf hob die NS-Führung die Grenze zwischen Zivilisten und Soldaten auf. Sie erklärte völkerrechtliche Bindungen für gänzlich obsolet. Zudem verdrehte sie schlicht die realen Verhältnisse und erklärte die deutschen Aggressoren zu Opfern. Denn es war das NS-Regime, das ein „Germanisches Großreich“ in Europa errichten und „Lebensraum für die arische Rasse“ schaffen wollte. Je schwieriger die Verwirklichung dieser Vision wurde, desto brutaler führten die Wehrmacht, ihre Verbündeten und die angeschlossenen SS-Einheiten den ohnehin schon rücksichtslosen Krieg. Und desto gewalttätiger agierten die zivilen Besatzungsbehörden gegenüber den einheimischen Gesellschaften, insbesondere in Osteuropa. Die rassistisch-völkische Signatur dieses Krieges war für die verbrecherische Gewalt ursächlich, und sie markiert das historische Außergewöhnliche dieses Krieges.

„Viele Soldaten machten sich eher Sorgen um ihr eigenes Seelenheil“

L.I.S.A.: Über die Verbrechen der Wehrmacht und ihre Beteiligung am Holocaust sind spätestens seit der ersten Wehrmachtsausstellung von 1995 viele Diskussionen geführt worden. Wie rechtfertigten die Soldaten vor sich selbst die Gräueltaten?

Prof. Kundrus: Genau das war auch eine meiner Fragen. Denn in der Tat: Vermutlich den meisten Soldaten wurde bewusst, dass in diesem „Schicksalskampf“ moralische und ethische Grenzen überschritten wurden, die in anderen Kriegen, selbst im als „total“ empfundenen Ersten Weltkrieg noch weitgehend gegolten hatten. Und damit fühlten sich nicht alle, aber doch etliche Soldaten unbehaglich. Natürlich gab es die Hundertprozentigen, die „Nazis“, die bedenkenlos alles taten, was Führung und Militär von ihnen verlangte – und häufig auch darüber hinaus. Aber es gab eben auch andere, die haderten. Dabei ging es manchen um das Leiden des Gegners, den Hunger und die Misshandlung der Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen, der eingeschlossenen Bevölkerung in Leningrad, das Abbrennen von Dörfern, das Plündern von Gehöften, die Morde an Zivilisten, die Massenerschießungen an Gruben, die entsetzlichen Ghettos im besetzten Polen usw. Viele Wehrmachtssoldaten, Offiziere wie Mannschaften, machten sich jedoch eher Sorgen um ihr eigenes Seelenheil, um ihre moralische Intaktheit. Um ihr Gewissen zu beruhigen, suchten und fanden sie Rechtfertigungen, die ihnen das Regime – nicht zuletzt unter Verweis auf das angebliche finale Ringen der Rassen – zur Verfügung stellte: Alle Juden wären Partisanen; Frauen und Kinder zu erschießen, falle nicht leicht, müsse aber sein, denn sie stellten die nächste Generation des Feindes, die es nun endgültig auszurotten gelte; die Kriegsgefangenen und die Zivilbevölkerung könne man nicht ernähren, es sei denn, die Soldaten wollten selbst hungern oder schlimmer noch, dass ihre Familien zuhause hungerten. Schließlich gab es ein Argument, das vielleicht am stärksten zog, weil es insbesondere auf dem sowjetischen Schauplatz an eigene Erfahrungen anknüpfte: Schaut auf die Rote Armee, die kennt auch kein Erbarmen. Als im letzten Jahr des Krieges die Westalliierten in der Normandie gelandet waren, die meisten deutschen Soldaten fielen und die Alliierten den Bombenkrieg über Deutschlands intensivierten, ließ sich diese Legitimation auch auf die USA und ihre Partner übertragen.

„Viele akzeptierten die Ausgrenzung der deutschen Juden aus der Gesellschaft“

L.I.S.A.: Fiel die rassistische NS-Propaganda in der deutschen Gesellschaft auf fruchtbaren Boden – Antisemitismus etwa hatte eine lange Tradition?

Prof. Kundrus: Denken und Reden heißt ja noch lange nicht, dass Menschen auch demgemäß handeln. Sie brauchen Räume und Strukturen, die es ihnen ermöglichen, diese Ideologien in Handlungen zu überführen, und damit antisemitische Praxen erlauben, ja sogar fördern. Dies war mit dem Dritten Reich der Fall, und zwar in einer letztlich genozidalen Form. Gleichwohl lässt sich aber erkennen, dass viele der nichtjüdischen Briefschreiber und Diaristen, Männer wie Frauen, Zivilisten wie Soldaten, zwar den sozialen Tod, die Ausgrenzung der deutschen Juden aus der Gesellschaft, ihr „Verschwinden“ akzeptierten, mitunter auch begrüßten, jedenfalls aber hinnahmen. Den physischen Tod, den Massenmord, hingegen beurteilte man oftmals als Grenzüberschreitung, als unnötiges Gewalthandeln. Diese Missbilligung nahm im Verlauf des Krieges zu – auch aus ganz eigennützigen Motiven. Denn je näher eine Niederlage, je näher eine Besetzung durch die Alliierten rückte, umso so häufiger fragte man sich: Mussten wir es wirklich so schlimm treiben? Sind z.B. die Luftangriffe schon die Rache der anrückenden Sieger?

„Nah an den Protagonisten“

L.I.S.A.: Die von Norbert Frei herausgegebene Reihe „Die Deutschen und der Nationalsozialismus“, in der Ihr Buch erschienen ist, soll sich vor allem an jüngere Leser richten, die den Nationalsozialismus höchstens noch aus dem Schulunterricht kennen. Die Gesellschaft des Dritten Reiches soll erfahrbar gemacht werden. Wie haben Sie beim Schreiben versucht, dieses Konzept einzulösen?

Prof. Kundrus: Sie fragen nach der größten Herausforderung, nämlich die komplexe deutsche Erfahrungsgeschichte des Zweiten Weltkrieges so zu erzählen, dass sie nicht nur auf knapp 300 Seiten passt, sondern auch den etablierten Kenntnisstand und das wissenschaftliche Niveau hält – und das alles als „Erzählung“, nah an den weiblichen wie männlichen Protagonisten. Das war schwierig. Ich hatte den Eindruck, jeden Monat wuchs mein Bücherstapel durch mindestens ein Dutzend neuer Selbstzeugnisse, verstärkt jetzt auch von Zeitzeuginnen und -zeugen aus dem deutsch besetzten Europa. Toll, dass es auch 73 Jahre nach Kriegsende noch so viele Neuerscheinungen gibt! Nur: wie sollte ich das schaffen, eine Auswahl musste getroffen werden. Astrid Lindgrens Tagebuch z.B. war wunderbar, weil sehr emotional und erfrischend direkt. Die Briefe von Hellmuth Stieff, Generalmajor der Wehrmacht und schließlich beim Widerstand des 20. Juli, zeigen mit ihrem hohen Reflexionsgrad die ganze Ambivalenz eines Soldaten. Stieff war hin- und hergerissen zwischen der Verantwortung für seine Truppen und der Abscheu vor der NS-Kriegführung. Gleichzeitig litt er unter seiner hilflosen Brutalität gegenüber der russischen Bevölkerung. Zudem versuchte ich, möglichst sprechende Quellen zu finden, um z.B. das Atmosphärische des Augenblicks wiederzugeben. Die in Mischehe lebende Hamburgerin Luise Solmitz z.B. war sicherlich eine Tagebuchschreiberin, für die das Einfangen von Stimmungen wichtig war. Die ganze Aufgeregtheit des Augusts 1939 wird lebendig, wenn Solmitz schildert, wie sie abends im Nachthemd zu ihrem noch im Garten sitzenden Mann lief, um ihm das Unfassbare – Hitlers Pakt mit Stalin – zu melden. Schließlich war mir – wie sicherlich vielen Kollegen – die Präsentation der ersten Kapitelversionen in Vorlesungen eine große Hilfe. An den Nachfragen merkte ich, wo das Argument, die Erzählung oder die Analyse noch hakte.

„Überleben, den Krieg überstehen, wurde zum Credo der letzten Wochen“

L.I.S.A.: Warum kapitulierten die Deutschen nicht, auch dann nicht, als längst alles verloren war?

Prof. Kundrus: Kurz gesagt: Was hätten sie sonst tun sollen? Das, was uns heute rational erscheint, war nicht unbedingt das, was die Zeitgenossen für vernünftig hielten. Der Roten Armee Deutschland und das hieß vor allem: die eigenen Familien überlassen? Nach all den Verbrechen, die die Deutschen gerade in der Sowjetunion begangen hatten, und nach der sich abzeichnenden Gegengewalt von Stalins Truppen war das für Soldaten an der „Ostfront“ keine Option. Im Westen war dieses Gefühl nicht so verbreitet, vor den Amerikanern und Engländern hatte man weniger Angst. Furchteinflößend waren aber Himmlers SS-Schergen, die sich nun gegen die eigenen Volksgenossen richteten. Das galt in der sich auflösenden Ordnung auch für selbsternannte braune Rächer auf der Suche nach angeblichen Defätisten. Für viele Heerführer kam eine Kapitulation überhaupt nicht in Frage, sei es aus militärischem Pflichtgefühl, sei es aus Angst vor der Erkenntnis, jahrelang sinnlos gekämpft zu haben. Insofern blieb einfachen Soldaten nur die Desertion – auf die allerdings die Todesstrafe stand, von der die Wehrmachtrichter in jenen Tagen auch allzu häufig Gebrauch machten. Überleben, den Krieg überstehen, also weitermachen: Das wurde zum Credo der letzten Wochen. Was die Zukunft bringen würde, war völlig ungewiss.

Prof. Dr. Birthe Kundrus hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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