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Georgios Chatzoudis | 29.04.2014 | 1800 Aufrufe | Interviews

#gld14 | Medien der Vergangenheit - Medien der Gegenwart

Skypeinterview mit Christoph Pallaske über Verlauf und Ergebnisse

In der vergangenen Woche fand am Historischen Institut der Universität zu Köln die Tagung #gld14 | Geschichtsdidaktische Medienverständnisse | Entwicklungen – Positionen – neue Herausforderungen des KGD-Arbeitskreises dWGd | digitaler Wandel und Geschichtsdidaktik statt. Der in München 2013 (#gld13) begonnene offene Dialog zwischen interessierten Wissenschaftler/innen und Lehrer/innen zur Bedeutung des digitalen Wandels für das Geschichtslernen in- und außerhalb der Schule wurde fortgesetzt. Wir haben via Skype mit einem der Organisatoren der Veranstaltung, Dr. Christoph Pallaske, über Verlauf und Ergebnisse der Tagung gesprochen.

"Erfordert der digitale Wandel ein neues Medienverständnis der Geschichtsdidaktik?"

[11:36:20] Georgios Chatzoudis: Herr Dr. Pallaske, Sie und Ihr Kollege Prof. Dr. Marko Demantowsky haben am vergangenen Freitag und Samstag die Tagung #gld14 in der Universität zu Köln organisiert. Worum ging es genau?


[11:40:52] Christoph Pallaske: Letztes Jahr im März fand die Tagung #gld13 | Geschichte Lernen digital 2013 in München statt. Ein wichtiges Ergebnis war, die Gründung des Arbeitskreises "dWGd | digitaler Wandel und Geschichtsdidaktik" (Twitter: @dWGd_kgd) der KGD (Konferenz für Geschichtsdidaktik) anzugehen, der sich dann im September 2013 in Göttingen konstituiert hat. Die Kölner Tagung #gld14 | Geschichtsdidaktische Medienverständnisse war das erste Arbeitstreffen des neuen Arbeitskreises. In Köln wurde zudem die Münchner Diskussion aufgegriffen: Welche Rolle spielen Medien für das Geschichtslernen und die Geschichtsdidaktik?


[11:42:25] Georgios Chatzoudis: Gute Frage - ich vermute mal, dass man sie auch ganz knapp beantworten kann: eine überragende, oder?


[11:48:08] Christoph Pallaske: Ja klar, es herrscht Einigkeit darüber, dass Vergangenheit und Geschichte immer nur medial vermittelbar sind. Aber da hörte der Konsens in München auch schon auf. Dort wurde besonders darum gestritten, ob der digitale Wandel ein neues Medienverständnis der Geschichtsdidaktik erfordert. Tatsächlich wurde in vergangenen Jahren kaum grundsätzlich über einen geschichtsdidaktischen Medienbegriff debattiert - obschon sehr viel über Medien, hier über bestimmte Mediengattungen geforscht und veröffentlicht wurde. Der bis heute vorherrschende Medienbegriff der Geschichtsdidaktik ist der von Hans-Jürgen Pandel aus den 1980er Jahren, der Medien in Quellen der Vergangenheit und Darstellungen der Geschichte sowie Fiktionen kategorisiert. In Köln wurde auch über Pandels Medienbegriff gestritten.

"Über Medien zu reden, führt schnell zu einer babylonischen Sprachverwirrung"

[11:50:30] Georgios Chatzoudis: Heißt das, dass der Medienbegriff dringend einer Neujustierung bedarf? Bedenkt man, dass Pandels Begriff aus den 80ern stammt, müsste sich doch angesichts des digitalen Wandels in den vergangenen zwanzig Jahren etwas getan haben, das nach einer Neudefinition geradezu schreit, oder?


[12:00:25] Christoph Pallaske: In Köln wurde hierüber auf zwei Ebenen diskutiert, wobei die Frage ist, ob und wie sich diese Ebenen in Beziehung setzen lassen - dazu später. Die erste Ebene lässt sich wie folgt zusammenfassen: Was ist der spezifische Medienbegriff der Geschichtsdidaktik? Das Alleinstellungsmerkmal des Geschichtsunterrichts und der Geschichtsdidaktik ist die Kategorie Zeit - daher die große Bedeutung der Unterscheidung in Quellen und Darstellungen. Während Marko Demantowsky meinte, der Ansatz Pandels sei immer noch der geeignetste, gab es auch Kritik- etwa an Pandels Konzept zur Authentizität, ob es "objektive" Quellen auf der einen Seite und "perspektivische", mehr oder weniger fiktionale Darstellungen auf der anderen Seite gebe. Hilke Günther-Arndt, die den Eröffnungsvortrag hielt, hat deshalb einen neuen Vorschlag zur Kategorisierung gemacht und teilt Darstellungen von Geschichte in die Unterkategorien "Geschichtswissenschaft" und "Geschichtskultur" ein. Das der eine Diskussionsstrang. Jetzt zum digitalen Wandel, der vor allem den Umgang mit Medien von Lerner/innen sicher ganz tiefgreifend verändert. Hierzu wurden in Köln verschiedene Impulse gesetzt, aufbauend auf die Diskussion in München.


[12:02:04] Georgios Chatzoudis: Könnten Sie den zweiten Strang noch etwas erläutern? Welche konkreten Impulse sind das?

 

[12:04:15] Christoph Pallaske: Es ist schwierig, diese Diskussion zu bündeln. Über Medien zu reden, führt schnell zu einer babylonischen Sprachverwirrung, einfach weil es ganz verschiedene Diskussionszusammenhänge im Alltag, in den Fachwissenschaften und in den Fachdidaktiken gibt. Das war ja auch der Eindruck aus München. Wir haben uns deshalb auch bemüht, interdisziplinär zu werden, um einen Überblick über den Stand in anderen Disziplinen zu gewinnen. Vor allem ist es schwierig, "Medien" oder das "Medium" begrifflich überhaupt ab- und einzugrenzen. Ist ein digitales Gerät oder das Internet an sich ein Medium? Für sich genommen noch nicht. Jan Hodel hat in seiner Dissertation "Verkürzen und Verknüpfen" den Begriff der "digitalen Netzmedien" geprägt, um das Zusammenwirken und die Medialität verschiedener Komponenten zu beschreiben.

 

[12:15:37] Georgios Chatzoudis: Bleiben wir bei den "digitalen Netzmedien". Wie verändern sie das Lernen?


[12:17:26] Christoph Pallaske: Digitale Medien schaffen insofern veränderte Lern- oder Denkräume, als sie insbesondere durch Multi- und Intermedialität gekennzeichnet sind. Besonders der letzte Aspekt, wie digitale Medien das Nutzungs- und Kommunikationsverhalten von Lerner/innen verändern, wurde in Köln vielfach angesprochen. Der digitale Wandel bewirkt erstens ein verändertes Rezeptionsverhalten: Im entgrenzten Internet stehen Medien nicht nur (viel) zahlreicher zur Verfügung. Auch die Medienaneignung verändert sich. Anke John beispielsweise hat in ihrem Vortrag über "Bilder im Netz" darauf hingewiesen, dass es einen Unterschied macht, eine im Geschichtsbuch präsentierte Bildquelle zu analysieren oder sich auf Bildersuche ins Netz zu begeben. Dort werden weit größere Möglichkeiten zur Bildanalyse geboten, allerdings muss der Umgang eingeübt werden.


Auch der interdisziplinäre Blickwinkel machte deutlich: Digitale Medien rücken stärker den Lerner und die Lernerin in den Mittelpunkt. Die Möglichkeit, mit digitalen Medien z.B. in kollaborativen Lernumgebungen zu arbeiten, macht andere Formen von Lernprozessen möglich. Lerner/innen können sich auch über Social Media zunehmend in Auseinandersetzungen über Geschichte einbringen. Es war in Köln zugleich ausgemacht, dass wir über diese veränderten Lernprozesse noch nicht sehr viel wissen. Vorschläge zu Forschungsvorhaben gingen in diese Richtung: Was passiert beispielsweise bei Twitter und auf Facebook-Seiten zu historischen Themen?

[12:23:51] Georgios Chatzoudis: Welche Antworten konnte die Tagung anbieten?

 

[12:25:19] Christoph Pallaske: Über die Frage, wie man den digitalen Wandel bezüglich eines Medienbegriffs zu fassen und unter einen Hut bekommt, gab es verschiedene Vorschläge, etwa von Lisa Rosa, die ein umfassendes, mediengeschichtliches begründetes Konzept (angelehnt an Michael Giesecke) vorschlug, oder von Astrid Schwabe mit einem integrativen Konzept digitaler Medien, die zugleich forderte, die Medialität bei der Analyse von Quellen und Darstellungen stärker zu berücksichtigen. Im Einzelnen sollen in den kommenden Tagen die Präsentationen auf der dwdg-Seitezum Nachlesen zur Verfügung gestellt werden.

 

Abschließend lässt sich bilanzieren: „Den“ geschichtsdidaktischen Medienbegriff gibt es nicht. Auch im Sinne eines pluralistischen Wissenschaftsverständnisses ist der Frage- und Forschungskontext entscheidend. Während der „klassische“ Medienbegriff mehr die (notwendige!) Kategorisierung von Objektivationen und Materialisierungen von Quellen und Geschichtsdarstellungen anstrebt, gibt der digitale Wandel eher Anlass, nach konkreter Mediennutzung und -aneignung zu fragen. Weil diese Diskussionen, die schwer integrierbar sind, alle unter dem großen Label „Medien“ laufen, könnte man tatsächlich überlegen, ob der Begriff sich als Oberkategorie bezüglich des Geschichtslernens überhaupt noch eignet, oder ob begrifflich nicht differenziert werden sollte: Auf der einen Seite (Lern-) Objekte als Medien der Vergangenheit, auf der anderen Seite (Lern-) Instrumente als Medien der Gegenwart. Warten wir es ab.

"Die Diskussionen in Köln verliefen gelegentlich spontaner"

[12:38:38] Georgios Chatzoudis: Kommen wir noch auf das Tagungsformat zu sprechen. Beim letzten Mal - also bei der #gld13 im März 2013 - gab es noch einen Livestream zur gesamten Veranstaltung. Das stieß damals bei einigen Tagungsteilnehmern auf Kritik, weil eine Übertragung und Aufzeichnung unweigerlich diszipliniert und spontane Diskussionen eher erschwert. Dieses Mal haben Sie sich bewusst gegen einen Livestream entschieden. Hat das der Debatte gut getan?

 

[12:51:10] Christoph Pallaske: Das Münchner Format haben wir ja bewusst als "interaktive Netztagung" angelegt - für uns "Neuland" mit vielen positiven Effekten. Eine Tagung live zu streamen löst den Anspruch ein, fachwissenschaftliche Diskussionen zu öffnen. Das war vor allem deshalb spannend, weil in München sowohl Fachwissenschaftler als auch Praktiker des Geschichtslernens in Dialog getreten sind. Über Twitter gab es durch den Livestream auch eine muntere Diskussion mit den Zuschauern. Das Kölner Format entsprach eher einer klassischen Tagung - allerdings wieder mit Twitterwall. Ein Vorteil gegenüber dem Format der interaktiven Netztagung lag darin, dass die Diskussionen in Köln gelegentlich spontaner verliefen. Jedenfalls - wir finden beide Formate sinnvoll. Der Arbeitskreis hat in Köln beschlossen, dass jetzt jedes Jahr ein Arbeitstreffen und eine Tagung "Geschichte Lernen digital" durchgeführt werden soll. Wir planen jetzt schon #gld15. Die Tagung wird in Basel zum Thema "Wikipedia" stattfinden - diesmal möglichst wieder als interaktive Netztagung mit Livestream.

 

[12:51:41] Georgios Chatzoudis: Dennoch konnte die Tagung auch von außen verfolgt und von außen auch kommentiert werden. Über Twitter war es möglich, an der Veranstaltung teilzuhaben, weil Teilnehmer der #gld14 darüber kommuniziert haben. Wie fällt dabei Ihre Bilanz aus?

 

[12:57:23] Christoph Pallaske: Auch in Köln wurde viel getwittert, das Twitter-Protokoll kann man hier: https://storify.com/pallaske/gld14-geschichte-lernen-digital-2014 einsehen. Allerdings gab es nur relativ wenige Tweets von "außen". Das Protokoll kann einen ersten Eindruck davon vermitteln, wie kontrovers in Köln diskutiert wurde. Neben Vorträgen gab es auch eine Podiumsdiskussion am Freitagabend, die sich mit der Bedeutung des Medienwandels auf die Lernmedien der Zukunft befasste. Auch hier lohnt es sich, die Tweets nachzulesen.

 

[12:57:48] Georgios Chatzoudis: Letzte Frage; Sie haben schon einen Ausblick auf die nächste #gld gegeben. Die Wikipedia steht dann im Mittelpunkt. Warum?

 

[13:07:15] Christoph Pallaske: In München und Köln wurden - und das war für den Aufschlag des neuen Arbeitskreises ganz wichtig - die "großen", grundsätzlichen Fragen zur Bedeutung des Medienwandels zu klären versucht. Wir wollen jetzt konkreter werden und auch Antworten auf Herausforderungen und Probleme praxisnaher Themen finden. Die enorme Bedeutung der Wikipedia einzuschätzen und Konzepte zum sinnvollen Einsatz und zur kritischen Reflektion von Wikipedia-Einträgen zu entwickeln sind Fragen, zu denen es sowohl aus Sicht der Hochschulen, der Lehrenden wie der Studierenden, als auch aus Sicht von Schulen, Lehrer/innen und Schüler/innen großen Klärungsbedarf gibt. Wir sind gespannt.

 

[13:07:56] Georgios Chatzoudis: Herr Dr. Pallaske, wir wünschen Ihnen weiterhin viel Erfolg und vielen Dank für das Gespräch. Alles Gute!

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