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Björn Schmidt | 04.10.2016 | 898 Aufrufe | Interviews

Geschichtsschreibung zwischen "narrativem Sog" und wissenschaftlichem Standard

Interview mit Susanne Popp und Jutta Schumann zu populären Geschichtsmagazinen

Sie liegen an jedem größeren Zeitungskiosk aus – reichlich bebilderte Geschichtsmagazine, die mit historischen Themen und Persönlichkeiten aufmachen. In ihrer Darstellung und Verbreitung unterscheiden sich diese "Special Interest"-Magazine zwangsläufig von wissenschaftlichen Zeitschriften und sprechen ein breites, historisch interessiertes Publikum an. Doch welches Verhältnis besteht eigentlich zwischen diesen populären Magazinen und den Geschichtswissenschaften? Welchen Themen widmen sich die Beiträge und wie werden die Inhalte präsentiert? Und welche Schlüsse lassen sich für die Wissensvermittlung in der Geschichtswissenschaft und -didaktik ziehen? Prof. Dr. Susanne Popp und Dr. Jutta Schumann haben sich im Rahmen des Forschungsprojekts EHISTO auf internationaler Ebene mit populären Geschichtsmagazinen beschäftigt. Wir haben Sie zu den Ergebnissen befragt.

Pressefoto des Forschungsprojekts

"Magazine treffen den 'populären' Geschmack und formen ihn damit auch"

L.I.S.A.: Frau Prof. Dr. Popp, Frau Dr. Schumann, Sie haben sich in Ihrem Forschungsprojekt populären Geschichtsmagazinen gewidmet. Vielleicht zunächst der Versuch einer Genre-Bestimmung: Was fassen Sie unter diesem Begriff? Was macht das „Populäre“ dieser Magazine aus?

Prof. Popp / Dr. Schumann: Das sind zwei Fragen, die nicht leicht zu beantworten sind, denn hinter dem Begriff „Geschichtsmagazine“ verbirgt sich eine große Bandbreite von illustrierten Print- und manchmal auch Online-Zeitschriften, die in der Regel unter kommerziellen Gesichtspunkten produziert werden, die periodisch erscheinen, auf ein breites Publikum ausgerichtet sind, auch am Kiosk und im Supermarkt angeboten werden und sich auf sehr unterschiedlichen Ebenen und mit vielfältigen Zugriffsweisen dem Thema „Geschichte“ zuwenden. So können z. B. so genannte “Special Interest“-Magazine, die sich ihrem Anspruch nach mit dem Thema Geschichte in seiner ganzen Breite beschäftigen, von “Very Special Interest“-Magazinen unterschieden werden, die sich auf einen ganz bestimmten Themenbereich der Geschichte spezialisieren, wie z. B. die Antike oder auch die Geschichte der Automobile. Ein besonderer Fall sind dabei so genannte „militärgeschichtliche Magazine“, die nicht selten die Linie zu ideologisch rechts ausgerichteten Publikationen überschreiten. Für unser international vergleichendes Projekt haben wir uns ausschließlich auf „Special Interest“-Magazine konzentriert, doch erscheint auch eine Untersuchung bestimmter Sparten der „Very Special Interest“-Magazine für die Zukunft interessant.

Eine weitere Unterscheidung ergab sich aus der Analyse von rund 1.000 Titelblättern, die in acht Länder-Studien untersucht wurden: Es gibt im „Special Interest“-Bereich einerseits Magazine, die die „Geschichte“, die sie präsentieren, insofern an ein wissenschaftliches Verständnis anbinden, als sie HistorikerInnen als AutorInnen gewinnen (z.B. Damals), während am anderen Ende des Spektrums „Geschichte“ offenbar als unerschöpfliche journalistische Quelle für – sich in einer Endlosschleife wiederholende – „Human Stories“ über historische „Celebrities“ und „prominente“ Ereignisse aufgefasst wird, die in der öffentlichen Geschichtskultur stark verankert und in der Medienlandschaft breit verhandelt werden. Nicht die wissensorientierte und reflektierende Auseinandersetzung mit Geschichte scheint im Mittelpunkt dieses boulevardesken Zugriffs zu stehen, sondern die Weckung von Sensationslust, das Erregen von voyeuristischer Neugier und das Versprechen von Spannung, die sich hier eben des Reservoirs historischer Themen bedienen. Umgekehrt aber kann sich der „Gebrauch der Geschichte“ durch die Magazinkultur auch auf andere Formen der Unterhaltung und des Genusses richten, wie z.B. ästhetische Erfahrungen, nostalgische Emotionen oder die Selbstattributierung des Rezipienten mit dem „Niveaumilieu“ (Schulze), ohne dass dabei das eigentliche Ziel einer vertieften Auseinandersetzung mit der Vergangenheit notwendig im Zentrum stehen muss.

Noch schwieriger ist die Beantwortung der Frage, was man unter „populär“ verstehen soll. Grundsätzlich weist der Begriff des „Populären“ im Zusammenhang mit kulturellen Phänomenen eine so große Bedeutungsvielfalt auf, dass manche kulturwissenschaftlichen Abhandlungen ganz darauf verzichten, ihn zu definieren. „Populär“ kann z. B. im quantitativen Sinne einfach nur eine weite Verbreitung suggerieren, der Begriff kann aber auch als Opposition zwischen einer als kulturell anspruchslos empfundenen Unterhaltungskultur im Vergleich zu einer als anspruchsvoll attribuierten „Hochkultur“ verstanden werden. Der Begriff kann ferner eine Protest- oder auch eine traditionell-folkloristische Kultur kennzeichnen, oder „populär“ heißt einfach nur, dass es sich um ein Produkt der kommerzialisierten Kulturindustrie handelt, die den Massenkonsum im Blick hat. Wir haben den Begriff in unserem Projekt im Sinne einer Erhöhung der Zugänglichkeit von kulturellen Phänomenen auch für Kommunikationspartner mit geringerem „kulturellen Kapital“ interpretiert. Dieser Ansatz zielt darauf, die Dichotomie zwischen „trivial culture“ and „high culture“ aufzuheben, indem für die Kulturproduzenten und die Kulturkonsumenten ein Kontinuum von mehr oder weniger verfügbarem „kulturellem Kapital“ angesetzt wird. In diesem Sinne wird „populär” ein Kulturprodukt genannt, wenn es die Zugangsbarrieren für Kommunikationspartner mit geringerem „kulturellem Kapital“ absenkt. Damit ist keine Aussage über den kulturellen Anspruch, den quantitativen Erfolg, die politische Intention oder die Zuordnung zu „traditionell“ bzw. „modern“ gemacht; auch wird nicht unterschieden, ob das kulturelle Produkt der kommerziellen Kulturindustrie entstammt oder nicht.

Wenn man die Frage nach dem „Populären“ der Geschichtszeitschriften ausgehend von diesem Ansatz zu beantworten versucht, so heißt dies, dass die Magazine sich dadurch auszeichnen, dass sie die soziokulturellen Zugangsbarrieren für Geschichtsinteressierte niedrig halten: z. B. durch die umfangreiche und vielfältige Illustrierung der Hefte, durch ein ansprechendes, aufmerksamkeitslenkendes und Relevanz setzendes Layout, anschlussfähige, d.h. aus der Medienwelt vertraute, Themen, durch die Nutzung bestimmter, oft Spannung, aber auch Nähe erzeugender Erzählmuster, durch das Sprachniveau, das u.a. Fachtermini vermeidet, durch eine geringe Anzahl oder das Fehlen von Fußnoten etc. Das sind Botschaften an die potentiellen KäuferInnen/LeserInnen mit dem Versprechen, dass der Zugang zu historischem Wissen und die Beschäftigung mit Geschichte leichtgängiger und unterhaltender gestaltet sind, als dies üblicherweise in der Wissenschaft und damit in Fachpublikationen der Fall ist. 

Für uns als GeschichtsdidaktikerInnen sind vor diesem Hintergrund natürlich nicht nur die von den Magazinen genutzten Methoden zur Vermittlung historischen Wissens interessant, sondern uns interessiert auch ihre Rolle als Teil der gesellschaftlichen Geschichtskultur. Geschichtsmagazine gelten dementsprechend, ähnlich wie viele andere Produkte der Geschichtskultur, als Medien, die den „populären“ Geschmack einerseits treffen wollen und ihn damit andererseits auch formen. Sie greifen populäre Strömungen (z. B. im Fernsehen, Kino, Buchbestseller) innerhalb der Gesellschaft auf, machen sich diese zu Nutze machen und tragen damit zur weiteren „Popularisierung des Populären“ bei. Auch in diesem Zusammenhang spielt also der Begriff des „Populären“ eine Rolle, wobei wir als Geschichtsdidaktikerinnen hier eben die Geschichtsmagazine als geschichtskulturelles Massenprodukt untersuchen, das Rückschlüsse auf verbreitete Geschichtsvorstellungen zulässt, die im kollektiven Gedächtnis der nationalen Geschichtskulturen verankert sind. Insofern war es auch eine wichtige Frage in unserem Forschungsprojekt, was denn das nun eigentlich für ein Wissen ist, das von den Geschichtsmagazinen an das Publikum weitergegeben wird. Wird hier Wissen aus der wissenschaftlichen Forschung „popularisiert“ oder generieren Geschichtsmagazine als Teilbereich der Geschichtskultur relativ unabhängig von aktuellen Forschungsthemen der institutionalisierten Wissenschaft eigene Wissensinhalte, die für ein breites Publikum anschlussfähig sind? Ein Vergleich über fünf Jahre, der die Themen von Geschichtsmagazinen und wissenschaftlichen Zeitschriften nebeneinander stellt, stützt die Annahme, dass die Themenwahl der Magazine erheblich mehr an der aktuellen Geschichtskultur als an einem – zu „popularisierenden“ – Fortschritt der Geschichtswissenschaften ausgerichtet ist.

Prof. Dr. Susanne Popp und Dr. Jutta Schumann

"Geschichtsmagazine unterliegen starkem Zwang zur Bebilderung"

L.I.S.A.: Die Magazine befinden sich in direkter Konkurrenz zueinander und als „Special Interest“-Literatur auch im Wettbewerb mit anderen Magazinen, zu denen die Leserin oder der Leser am Kiosk vielleicht eher greift. Welchen Einfluss hat der Faktor der Wirtschaftlichkeit auf die Themenauswahl und die Art der Präsentation?

Prof. Popp / Dr. Schumann: Geschichtsmagazine haben in der Regel das primäre Ziel, finanziell erfolgreich zu sein. Die Vermittlung historischen Wissens, neuer historischer Erkenntnisse oder auch der Anspruch, zur Förderung eines reflektierten Geschichtsbewusstseins beizutragen, spielt dementsprechend eine untergeordnete bzw. keine Rolle. Im Zuge unserer Forschungen sind wir zu dem Ergebnis gekommen, dass im Hinblick auf die grobe Themenauswahl der Geschichtsmagazine zunächst aber gar kein so großer Unterschied im Vergleich zu den z. B. in der Schule vermittelten Themen ins Auge sticht. Dies liegt daran, dass die Anschlussfähigkeit an geläufige historische Themen eine zentrale Rolle spielt und die Artikel sich daher an einem ohnehin vorhandenen geschichtskulturell relevanten Basiswissen orientieren, das z.B. in der Medienlandschaft und in der Alltagswelt (z.B. Werbung) zirkuliert, aber auch in der Schulbildung generiert wird. Doch heißt die auf den ersten Blick auch für die Schule relevante Beschäftigung mit Geschichtsmagazinen, z.B. zum Thema „Napoleon“, noch lange nicht, dass die Artikel auch die für die Schule als zentral für die Thematik gesetzten Aspekte verfolgen. So beschäftigt sich beispielsweise das brasilianische Magazin Aventuras na História unter der Überschrift „Napoleon“ mit dem Liebesleben des Kaisers,1 zwei Ausgaben der deutschen Zeitschrift P.M. History befassen sich mit dem Feldzug nach Ägypten: Ersteres ist für die Schule kein Thema und das zweite allenfalls ein Randthema.2 Auch wenn sich also auf den ersten Blick die Themenwahl der Magazine an schulische Inhalte anzunähern scheint, weist die Ausrichtung der Magazinartikel zumeist auf eine grundlegend andere Schwerpunktsetzung bei den Inhalten hin.

Hilfreich ist bei der Beurteilung der von den Geschichtsmagazinen gewählten Blickwinkel eine Berücksichtigung der von den Medienwissenschaften bereits seit langem in die Forschung mit einbezogenen unterschiedlichen Theorien zum „Nachrichtenwert“, die von Susanne Kinnebrock und Fabio Crivellari in dem zu unserem Projekt erschienenen Aufsatzband thematisiert werden: Katastrophen beispielsweise, Konflikte, kriminelle Machenschaften oder das Ringen um Macht verbunden mit Erfolg und Scheitern und insbesondere der personalisierende Zugriff sind zentrale Faktoren, die gemäß den Medienwissenschaften von Journalisten genutzt werden, um einem Beitrag z.B. „Valenz“ oder „Identifikationspotential“ zu geben, so dass er dadurch attraktiver und „zugänglicher“ wird.

Auch die Geschichtsmagazine arbeiten mit diesen Methoden, obwohl sie natürlich keine aktuellen Themen, sondern historische Sachverhalte thematisieren. Der Nachrichtenwert „Aktualität“ ergibt sich bei den Themen der Geschichtsmagazine daraus, dass sie in der politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Gegenwart – z.B. in der Erinnerungs- und Gedenkkultur (z.B. Gedenkjahre) oder auch in Bezug auf bestimmte Medienereignisse (z.B. Fernsehen, Buchbestseller) – präsent sind. Aus dieser „Aktualität“ folgt zugleich ein gewisser Bezug bzw. eine „Nähe“ zum Publikum. Grundsätzlich können historische Themen auf vielfältige Weise Teil der aktuellen Lebenswelt sein: topographisch, temporal, emotional. Genau diese Elemente versprechen auch die Möglichkeit, ein historisches Thema kommunikativ zu verwerten, indem man es zum Gegenstand eines Gesprächs mit anderen machen kann.

Somit sind weder die Geschichtswissenschaften noch die Vermittlungsziele von Bildungsinstitutionen als entscheidende Bezugspunkte für die Themenauswahl und -gestaltung der Magazine zu betrachten, sondern die lang-, mittel- und kurzfristig geschichtskulturell relevanten Themen, wobei auch Tourismus-Ziele eine gewisse Rolle spielen können. Dabei fokussieren die Themen nicht selten Aspekte, die weder für die Wissenschaft noch für Bildungsintentionen relevant sind, wie z.B. Attentate, Morde, Aufstieg und Fall eines historischen Protagonisten, Intrigen, erotische Affären oder Ausnahmesituationen durch Kriege oder andere Katastrophen. Solche Themen haben das Potenzial, auf a-historische Weise zu emotionalisieren, persönliche Betroffenheit hervorzurufen oder Identifikationen zu ermöglichen, und können damit bei den potentiellen KundInnen/LeserInnen ein Interesse wecken, das die Kaufentscheidung positiv beeinflusst.

Im Hinblick auf das Hauptziel der Magazine, wirtschaftlich erfolgreich zu sein, müssen aber auch die Bildverwendung und das Layout hervorgehoben werden. Der Einsatz von Bildern kann als ein zentrales Vermittlungselement der Geschichtsmagazine angesehen werden. Bilder geben dem Leser visuelle Anreize, beflügeln seine Vorstellungskraft, können Emotionen wecken und als „Fenster zur Vergangenheit“ aufgefasst werden. In der Umsetzung ihrer zentralen Absicht, Geschichte „lebendig“ werden zu lassen, setzen Geschichtsmagazine daher zu einem nicht geringen Teil auf das Bild, das die Geschichte anschaulich machen und von einer abstrakten Ebene in konkrete Vorstellungen vom Vergangenen („wie es wirklich gewesen ist“) überführen soll.

Gerade die Analyse der in den Magazinen verwendeten Bilder offenbart erhebliche Qualitätsunterschiede in der Herangehensweise an historische Themen. Zu vielen historischen Sachverhalten gibt es nun einmal keine passenden zeitgenössischen Bilder, die dem Leser präsentiert werden könnten. Geschichtsmagazine unterliegen jedoch einem starken Zwang zur reichen Bebilderung, da sonst eines ihrer wichtigsten Merkmale – der Eindruck, dass Geschichte anschaulich, „lebendig“ und unterhaltend vermittelt wird – verlorengeht. Aus diesem Grund wird in bestimmten Magazinen mit Bildmaterial gearbeitet, das keinen Quellencharakter aufweist, sondern zu einem wesentlich späteren Zeitpunkt entstanden ist wie z.B. Historienmalerei oder Standbilder aus Historienfilmen. Gleichwohl wird es von manchen Magazinen – ohne erläuternde Kommentare – in irreführender Weise als Repräsentant der thematisierten Vergangenheit eingesetzt. Auch dieses Vorgehen ist sicher dem Gefühl geschuldet, über die Bilder viele Leser gewinnen zu müssen, um wirtschaftlich erfolgreich zu sein.

Ausgaben des Magazins "P.M. History"

"Authentizität ist ein zentrales Verkaufsargument"

L.I.S.A.: Ein grundlegender Aspekt der Geschichtswissenschaft ist, dass historische Zusammenhänge stets neu betrachtet und bewertet werden. Bleibt den Magazinen Platz für Forschungsdiskussionen? Gibt es Strategien der Zeitschriften bzw. der Autorinnen und Autoren, sich wissenschaftlich zu präsentieren oder ist dies im Gegenteil überhaupt nicht gewünscht?

Prof. Popp / Dr. Schumann: Diese Frage kann nicht pauschal beantwortet werden, da es – sowohl im nationalen wie auch im internationalen Vergleich – eine erhebliche Bandbreite bei der Qualität der Darstellung historischer Zusammenhänge in den Geschichtsmagazinen gibt. Zudem kann die Qualität der Geschichtspräsentation sogar je nach Thema von Heft zu Heft differieren und oft zeigen sich sogar von Autor zu Autor innerhalb eines Heftes deutliche Unterschiede in der Herangehensweise an ein Thema.

Als eine generelle Tendenz fällt jedoch auf, dass Geschichtsmagazine – im Unterschied zu Magazinen der Wissenspopularisierung im Bereich der Naturwissenschaften oder auch der Archäologie – eher selten, wenn überhaupt, den Prozess der historischen Forschung und der Gewinnung (stets vorläufiger) historischer Erkenntnisse darstellen. Abstrakte Thesen der Forschung, die oft mühsame Suche nach Indizien und Belegen, die für die eine oder andere Behauptung sprechen können, die detaillierte Quellenkritik, die Diskussion der Gültigkeit und Reichweite der Befunde und offene Fragen (sofern es sich nicht um „Rätsel“ oder „Geheimnisse der Geschichte“ handelt) werden nur höchst selten in das Blickfeld des Lesepublikums gerückt. Es scheint, als ob die Thematisierung der Generierung des dargebotenen Wissens als inkompatibel mit dem Ziel betrachtet wird, einen „narrativen Sog“ zu erzeugen, der eine zugleich erlebnishafte und illusionistische „Zeitreise“ in die Vergangenheit ermöglicht, wie sie angeblich „wirklich gewesen ist“. Folgt man der Praxis vieler Heftgestalter, baut man auf Eindeutigkeit und Gewissheit als Mittel der Geschichtsdarstellung – und vermeidet Mehrdeutigkeiten, Perspektivenwechsel oder Erörterungen der standortbedingt begrenzten Gültigkeit bzw. der Veränderlichkeit historischer Erkenntnisse im fortlaufenden Prozess der wissenschaftlichen Auseinandersetzung. In diesem Punkt entfernen sich damit die Geschichtsmagazine in weit überwiegender Anzahl von den grundlegenden Anforderungen, die nicht nur für den Geschichtsunterricht als Standard für eine kritisch-reflexive Auseinandersetzung mit Geschichte gelten.

Wendet man Alun Munslows Konzept der drei Ebenen der Auseinandersetzungen mit Geschichte – die „rekonstruktive“, die „konstruktivistische“ und die „dekonstruktivistische“ Ebene – auf die Geschichtsdarstellung in den Magazinen an, so ergibt sich als vorherrschende Tendenz die „rekonstruktive“ Ebene, die so „objektiv“ und realistisch wie möglich vergangenes Geschehen eruieren will.3 Dies macht allein schon der Begriff des z. B bei Geo Epoche verwendeten „Verifikationsredakteurs“ deutlich, der die Richtigkeit von Aussagen prüft und die Verlässlichkeit des Dargestellten dem Leser garantiert. Trotzdem muss einschränkend gesagt werden: Die „Rekonstruktion“ der Geschichtsmagazine weicht grundlegend von der kritischen „Rekonstruktion“ von Geschichte ab, wie sie in der historischen Forschung und Historiographie die Norm bildet bzw. bilden sollte.

Auch wenn die Berührungspunkte vieler Geschichtsmagazine mit der Forschung in diesem Bereich nicht sehr stark ausgeprägt sind, betonen einige Magazine ihre „Seriosität“ und angebliche Nähe zur Wissenschaft über die Kurzbeschreibung der AutorInnen, die Vorstellung des Redaktionsteams und seiner Arbeitsweise oder die Präsentation eines Beraters oder sogar eines Beraterteams aus der Wissenschaft. Diese Authentifizierungsstrategien dienen dazu, dem Leser zu suggerieren, dass er ein Produkt in den Händen hält, das ein hohes wissenschaftliches Anspruchsniveau hat, qualitativ hochwertige Inhalte vermittelt und insgesamt dem Kriterium der Wahrheit als Leitdifferenz der historischen Forschung folgt. Auch das äußere Erscheinungsbild des Magazins dient dazu, die Akzente mehr auf „wissenschaftliche Seriosität“ – oder aber auf „aufregende Unterhaltung“ zu setzen, wobei letztere Bezüge zur Wissenschaft in ihren Editorials dennoch herausstreichen.

Für die Geschichtsdidaktik sind diese Beobachtungen ein wichtiger Indikator dafür, dass bei der Vermarktung von Geschichtsmagazinen – nicht anders als bei anderen Produkten der medialen Geschichtskultur – Authentizität, wissenschaftliche „Wahrheit“ und Verlässlichkeit zentrale Verkaufsargumente darstellen. Uns stellt sich allerdings die Frage, ob es nicht doch journalistische Möglichkeiten gibt, zumindest partiell ein elaborierteres Geschichtsverständnis in die Geschichtsdarstellung der Magazine einzuführen, ohne dass die Popularität darunter leidet. In Deutschland zeigen Magazine wie Damals oder aber auch einige sehr gelungene Themenhefte oder Einzelbeiträge in anderen Magazinen, dass dies durchaus möglich ist. Eine weitere Erforschung dieses Punktes wäre aber sicher ein spannendes geschichtsdidaktisch-medienwissenschaftliches Projekt für die Zukunft.

"Populärgeschichte umfasst eine enorme Bandbreite von Produkten"

L.I.S.A.: Spätestens seit Hayden White sind sich Historikerinnen und Historiker bewusst, dass sie immer auch „Geschichten“ schreiben. Zudem gibt es auch in der Wissenschaft einen größer werdenden Druck, die eigene Forschung und deren Ergebnisse richtig zu „verkaufen“. Ist die Trennung zwischen Populärgeschichte und vermeintlich objektiver Wissenschaft überhaupt haltbar? In welchem Verhältnis sehen Sie die beiden Formen der Geschichtsvermittlung?

Prof. Popp / Dr. Schumann: Zu dieser Frage könnte man sicher ein ganzes Buch füllen, denn sowohl die Thesen von Hayden White sind immer wieder diskutiert worden und die Schlagworte „Populärgeschichte“ und „vermeintlich objektive Wissenschaft“ müssten erst einmal genauer hinterfragt werden. Der Hinweis auf Hayden White ist aber natürlich für das Genre der populären Geschichtsmagazine insofern einschlägig, als es ihm ja wesentlich darum ging aufzuzeigen, dass Historiker, die sich literarischer Methoden bedienen, was keineswegs für alle historischen Darstellungen zutrifft, notwendigerweise „fiktive“ Elemente in ihr Werk tragen. Die Geschichtsmagazine bedienen sich in der Tat vielfach literarischer Methoden, um Geschichte darzustellen und – in sehr vielen Fällen – zu „erzählen“. Dabei kann man nicht in allen, jedoch vielen Magazinen und Zeitschriften-Artikeln beobachten, dass auch rhetorische Mittel wie die „erlebte Rede“ und der „innere Monolog“ benutzt werden, deren Inhalte sich naturgemäß jeder quellenkritischen Überprüfung entziehen und die dadurch jenseits der Grenze liegen, die für einen Historiker, der als Wissenschaftler intersubjektive Überprüfbarkeit anstrebt, selbst wenn er für ein breites Publikum schreibt, sakrosankt ist oder sein sollte. Die Funktion jener rhetorischen Mittel ist zum einen, die von den Geschichtsmagazinen oft für sehr wichtig erachtete „Nähe“ des Lesepublikums zum historischen Protagonisten suggestiv zu erzeugen. Zum anderen wird auf diese Weise die Erörterung von Einstellungen und Handlungsmotiven der Protagonisten, die in der Geschichtswissenschaft Gegenstand von quellengestützten Interpretationen und Diskussionen sind bzw. sein müssen, nicht nur entschieden „abgekürzt“ und historisch dekontextualisiert (Personalisierung), sondern auch „vereindeutigt“.

Vor diesem Hintergrund muss man bezogen auf das Verhältnis von „Populärgeschichte“ und „vermeintlich objektiver Wissenschaft“ – gemeint ist hier vermutlich das oben bereits angesprochene Streben nach intersubjektiver Überprüfbarkeit der gemachten Aussagen, ohne die die Disziplin keinen Anspruch auf Wissenschaftlichkeit erheben dürfte – festhalten: Nicht die Frage, ob man Geschichtsdarstellungen populär oder auf eine spezialisierte Scientific Community ausrichtet – sei es durch Sprache, das Thema oder mittels eines ausgeprägten narrativen Stils – macht den Unterschied, sondern die Orientierung auf jene disziplinären Regeln und Standards, die beachtet werden müssen, wenn intersubjektive Überprüfbarkeit der Ergebnisse angestrebt wird. Berücksichtigt werden muss auch, dass Geschichtsmagazine nicht Vertreter der so genannten „Populärgeschichte“ schlechthin sind, sondern sich hinter der Populärgeschichte eine enorme Bandbreite von Produkten verbirgt, die die intersubjektive Überprüfbarkeit und den reflektierten Umgang mit Geschichte unterschiedlich ernst nehmen. Geschichtsmagazine stellen nur einen bestimmten Typ dar (wobei es auch hier wiederum Ausnahmen gibt), der weithin darauf verzichtet, die Uneindeutigkeit und Diskussionswürdigkeit wissenschaftlich generierter Erkenntnisse überhaupt zum Thema zu machen, um den angestrebten Eindruck der „verlässlichen Information“ und die unterhaltende Funktion des „narrativen Sogs“ nicht zu gefährden. Ein „populäres“ Sachbuch hingegen kann durchaus leicht zugänglich verfasst sein und doch wissenschaftliche Standards wahren, indem es wissenschaftliche Theorien diskutiert, verschiedene Perspektiven beleuchtet, die Grenzen gesicherter Erkenntnisse offenlegt und Interpretationen auf ihre Standortgebundenheit hin reflektiert. Die Spannweite dessen, was man „Populärgeschichte“ nennt, verdeutlicht nicht zuletzt die Beschwörung der wissenschaftlichen Korrektheit der historischen Informationen in den Geschichtsmagazinen. Solche Authentifizierungsstrategien wären in anderen Sektoren der „Populärgeschichte“, wie z.B. in den historischen Bänden der C.H. Beck Wissen-Reihe, nicht nur deplatziert, sondern nachgerade absurd.

Die Gegenüberstellung von „Populärgeschichte“ und „vermeintlich objektiver Wissenschaft“ ist aber nicht nur im Hinblick auf den eben genannten Punkt zu hinterfragen: Populäre Geschichtsvermittlung baut selbstverständlich auf Erkenntnissen und Ergebnissen der Geschichtswissenschaften auf. Selbst für die Geschichtsmagazine, die bislang nur zu einem kleinen Teil (dies gilt vor allem im internationalen Vergleich) als Medien der „Wissenschaftspopularisierung“ (im Sinne der Popularisierung aktueller wissenschaftlicher Forschung) aufgefasst werden können, weil anders als etwa in „Popular Science“-Magazinen das Konzept des „wissenschaftlichen Erkenntnisprozesses“ keine konstitutive Rolle spielt, gilt Folgendes: Sie stützen sich auf historisches Wissen, das irgendwann wissenschaftlich erzeugt wurde, auch wenn sie – je nach Qualität der Magazine – etabliertes, kommunikativ anschlussfähiges, bisweilen auch veraltetes Wissen verwenden, um ihre spezifische Form der Geschichtsdarstellung und -vermittlung zu kreieren.

"Massenmediale Präsentationsformen lassen sich hier gut herausarbeiten"

L.I.S.A.: Die Magazine lassen sich – ebenso wie historische Fernsehsendungen, Internet-Blogs, etc. – als Teil der „Public History“ verstehen. Wie bewerten Sie den damit verbundenen Effekt, dass historische Themen verstärkt in die Öffentlichkeit getragen werden? Wo liegen die didaktischen Vorteile und Nachteile dieser Geschichtsvermittlung?

Prof. Popp / Dr. Schumann: Die Frage, wie die Popularisierung von Geschichte durch illustrierte Geschichtsmagazine zu bewerten ist, wurde im Projekt, das dem angesprochenen Band zugrunde liegt, sehr kontrovers diskutiert. Während eine Position es grundsätzlich für positiv erachtete, dass Menschen zur Auseinandersetzung mit Geschichte motiviert werden, blickten andere eher kritisch auf jene Magazine, die einer reflektierten Auseinandersetzung mit Geschichte und damit geschichtsdidaktischen Maßstäben sehr wenig genügen oder ganz offensichtlich die Geschichte benutzen, um ideologische Botschaften zu transportieren oder sie nur als Steinbruch für „human interest stories“ mißbrauchen. Generell ist z. B. der Trend zur Personalisierung von Geschichtsvorstellungen – d.h. die Bevorzugung von Narrativen, die mächtige und einflussreiche Akteure als überragende Faktoren des historischen Geschehens betrachten – ebenso unübersehbar wie aus historischer wie geschichtsdidaktischer Perspektive fragwürdig. Ferner ergab der internationale Vergleich, dass entgegen vielfacher Ankündigungen der Editorials keineswegs die „Breite“ der Geschichte berücksichtigt wird. Mit Ausnahme der deutschen Magazine ergaben die acht Länderstudien einen sehr starken Trend erstens zur Darstellung nationaler Geschichtsthemen und zweitens zum Ersten Weltkrieg, der Zwischenkriegszeit und dem Zweiten Weltkrieg. Die rund 1000 Titelblätter zeigten am häufigsten berühmte Persönlichkeiten – und darunter ragten Abbildungen von Hitler, Stalin und Mussolini weit überproportional hervor. Dies sind nur wenige Beispiele dafür, dass Bedenken über den Beitrag der Geschichtsmagazine zur „Public History“ durchaus vertretbar sind. Doch darf man wiederum nicht vergessen, dass es eben auch anspruchsvolle Magazine oder zumindest einzelne qualitativ hochstehende Beiträge in ansonsten wenig reflektiert arbeitenden Magazinen gibt, denen auch das Potential zugesprochen werden kann, dass sie Interesse an Geschichte wecken und fördern können. Hier liegt dementsprechend auch ein Vorteil der Geschichtsmagazine, denn sie führen – zumindest in Einzelfällen – durchaus auch vor, wie Geschichte spannend dargestellt werden kann, ohne gleichzeitig jeglichen Anspruch an wissenschaftliche Standards und eine reflektierte Auseinandersetzung mit Geschichte herunterzuschrauben.

Ein weiteres Argument der Kritiker der um sich greifenden Kommerzialisierung von „Geschichte“ bezieht sich darauf, dass durch den Geschichtsboom beliebige Versatzstücke aus der „Geschichte“ zur oberflächlichen Unterhaltung „mißbraucht“ werden. John Tosh äußert sich vor diesem Hintergrund und sieht in England die Gefahr, dass die Popularität von Magazinen, historischen Fernsehsendungen etc. nicht ein Mehr an Interesse an Geschichte hervorbringt, sondern vielmehr das Niveau der Auseinandersetzung mit Geschichte so herabsetzt, dass eine wirklich reflektierte Beschäftigung mit Geschichte nicht mehr stattfindet. Man liest oder sieht zwar etwas über die Vergangenheit, doch ist die große Frage, ob dies wirklich etwas mit historischem Denken und einer kritischen Herangehensweise an Geschichte zu tun hat: „We are confronted by the paradox of a society which is immersed in the past and yet detached from its history“.4

Die Geschichtsdidaktik kann zunächst einmal von den Geschichtsmagazinen profitieren, da sie tatsächlich eine unglaubliches Reservoir an Beispielen bieten, wie mit unterschiedlichen Qualitätsstandards an die Vermittlung von Geschichte herangegangen werden kann. Vermittlungsstrategien, die nicht mit den Standards einer qualitativ anspruchsvollen Auseinandersetzung mit Geschichte kollidieren, interessieren uns natürlich allein schon deswegen, weil wir uns davon Anregungen für unser Fach erwarten. Ebenso bieten aber die qualitativ sehr unterschiedlichen Geschichtsmagazine die Möglichkeit, an diesem Beispiel eine kritische Medienkompetenz aufzubauen und den Blick dafür zu schärfen, welche Publikationen mit welchen Standards arbeiten. Dies könnte im Endeffekt auch ein wichtiger Beitrag zur Stärkung jener Magazine sein, die im (kommerzialisierten) „Geschichtsboom” gleichwohl Standards in der Auseinandersetzung mit geschichtlichen Themen hochhalten und im Bereich des Populären historische Auseinandersetzung ermöglichen, die tatsächlich Orientierung in der Gegenwart bieten kann, weil sie Zusammenhänge sachgerecht und quellennah beleuchtet, Kontexte vertiefend rekonstruiert und neben „narrativen Ereignissen“ auch strukturelle Prozesse und Entwicklungen sichtbar macht.

Die Nachteile und Grenzen der Geschichtsvermittlung durch die Magazine sind in den vorherigen Aussagen bereits sichtbar geworden. Hier sind unter anderem der „narrative Sog“, der oftmals keinerlei reflektierende Distanzierung erlaubt, ebenso zu nennen wie das „personalisierte“ Geschichtsbild, das viele Magazine vermitteln. Dasselbe gilt für die Rolle historischer Quellen und die Quellenkritik als Methode sowie für die kritische Auseinandersetzung mit Forschungspositionen und differierenden Deutungen. Abgesehen von der Einhaltung solcher Mindeststandards (aus historischer und geschichtsdidaktischer Sicht) könnten Geschichtsmagazine aber durchaus auch ihr Spektrum erweitern und die Konzentration vor allem auf die rekonstruierende, „gesicherte“ Geschichte aufgeben. Der Blick auf den Forschungsprozess des Historikers oder die Gegenüberstellung mehrerer Thesen zu einem Sachverhalt schließen zwar die Vermittlung eines eindeutigen „Abbilds“ der Geschichte aus, müssen aber trotzdem nicht zwangsläufig Langweile und Desinteresse beim Leser produzieren.

Abschließend kann – speziell für den Schulunterricht – festgehalten werden, dass die Auseinandersetzung mit der Präsentation von Geschichte in geschichtskulturellen Produkten wie den Geschichtsmagazinen sehr wichtig ist. Denn gerade die Präsentationsformen von Geschichte in Massenmedien lassen sich am Beispiel der Geschichtsmagazine gut herausarbeiten, dekonstruieren sowie kritisch evaluieren, was für die Entwicklung eines reflektierten Geschichtsbewusstseins gewinnbringend sein und zur Ausbildung lebenslanger Kompetenzen beitragen kann. Erweitert auf die internationale Ebene können Geschichtsmagazine als geschichtskulturelle Produkte schließlich sogar transnationale Perspektiven aufzeigen, wenn sie z.B. ein historisches Thema aus unterschiedlichen nationalen Blickwinkeln interpretieren.

1 Aventuras na História 09 (2007), Titel in deutscher Übersetzung: „Napoleon, der Eroberer. Der große Kaiser betrachtet aus einer neuen Perspektive: In den Bettlaken seiner Geliebten“.
2 P.M. History (2003) und 7 (2003), Der Feldzug nach Ägypten.
3 Alun Munslow: Narrative and History. Basingstoke / New York 2007, S. 1-15, hier vor allem S. 10.
4 John Tosh: Why History Matters. London: Palgrave Macmillan, 2008, S. 6.

Prof. Dr. Susanne Popp und Dr. Jutta Schumann haben die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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