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M.A. Victoria-Katharina Martinelli | 29.03.2020 | 587 Aufrufe | Artikel

Gerontology and the Humanities – Perspectives for Historical Ageing Studies and Approaches to Gerontological Medievistics

04.11. - 06.11.2019 | Deutsches Historisches Institut in Rom. Ein Tagungsbericht

Die am Deutschen Historischen Institut in Rom durchgeführte internationale Tagung widmete sich dem Thema „Alter(n)“ aus den Blickwinkeln zahlreicher Disziplinen. Zu diesen zählte auch das Feld der modernen Gerontologie mit ihren verschiedenen Fächern. Denn bisher hat ein Austausch zwischen Gerontologie und Geisteswissenschaften nur ansatzweise stattgefunden. Als Untersuchungszeitraum wurde ein breiter chronologischer Bogen von der Antike bis zur Frühen Neuzeit mit einem Fokus auf dem Mittelalter gewählt, das im Vergleich mit den anderen Epochen bislang nicht dieselbe Berücksichtigung erfahren hat.

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Deutsches Historisches Institut in Rom

In der historischen Forschung stellt das Alter bisher ein eher randständiges Thema dar, das daher noch zahlreiches Potential birgt. In der thematisch-konzeptionellen Einführung CHRISTIAN A. NEUMANNs (Rom) wurde die Entwicklung der historischen Altersforschung und der modernen Gerontologie skizziert. Verschiedene Aspekte des Alter(n)s sind Gegenstand wissenschaftlichen Interesses geworden und in den vergangenen Dekaden aus unterschiedlichen Perspektiven analysiert worden. Diesbezüglich machte Neumann auf ein nach wie vor bestehendes Desiderat an inter- und transdisziplinären Ansätzen aufmerksam. Deshalb verfolgte das Tagungsprogramm drei Hauptziele: (1) das Thema „Alter(n)“ fester zu etablieren und es zu einer eigenständigen Analysekategorie zu machen; (2) den neu entwickelten Ansatz der „Gerontomediävistik“ im Hinblick auf dessen Anwendbarkeit und als heuristisches Forschungskonzept zu diskutieren. Der Ansatz verbindet Gerontologie und Mediävistik interdisziplinär, indem gerontologische Fragestellungen, Ansätze und Theorien auf historische Themen und vormoderne Quellen angewendet werden; (3) den Austausch zwischen den verschiedenen Disziplinen auf drei Ebenen zu vertiefen: insbesondere zwischen der modernen Gerontologie und den Geisteswissenschaften, zwischen den verschiedenen geisteswissenschaftlichen Disziplinen sowie innerhalb der Mediävistik.

Die erste, der Gerontologie gewidmete Sektion konzentrierte sich darauf, inwiefern gerontologische Fragestellungen, Theorien, Konzepte und Methoden auch in den Geisteswissenschaften Anwendungen finden könnten.

Den Auftakt hierzu bildete HANS-WERNER WAHLs (Heidelberg) Beitrag aus dem Bereich der Geropsychologie, welche sich vor allem mit dem Individuum und dessen Entwicklung befasste. Die Altersphase sollte nicht losgelöst, sondern als eine Stufe im gesamten Lebenslauf angesehen werden. Verschiedene Kontexte, die zu drei Aspekten zusammengefasst werden können, beeinflussen die subjektive Wahrnehmung des Alters („tripartite contextual model“): 1. die Lebensspanne mit Ereignissen, die prägend wirken können, 2. die soziale Integration und die räumlichen und technologischen Gegebenheiten sowie 3. der historisch-kulturelle Kontext. Mit dem Erreichen der Altersphase ist die menschliche Entwicklung keineswegs abgeschlossen. Auch im Alter existiert eine, wenn auch veränderte, Zukunftsperspektive. Weitere Untersuchungsaspekte der Geropsychologie betreffen kognitive Funktionen, Persönlichkeit, Weisheit, soziale Beziehungen und die Bewältigung kritischer Lebenssituationen. Manche dieser Aspekte weisen Überlappungen mit der Soziogerontologie auf. Ungeachtet klar erkennbarer Tendenzen müsse, so Wahl, stets das hohe Maß intra- und interindividueller Variabilität berücksichtigt werden. Grundsätzlich ist das Alter nicht mit Verlust und Verletzlichkeit gleichzusetzen, sondern kann auch persönliche Gewinne hervorbringen, die sich aus einer längeren Lebensdauer ergeben. Eine erhöhte Lebenserwartung hat nicht nur zur Folge, dass die Zahl der gesunden Jahre zunehmen kann, sondern auch die Zahl derjenigen, die sich durch Krankheit und Gebrechlichkeit kennzeichnen. Die zeitliche Entfernung zum Tod („distance-to-death“) lässt den Rückgang des persönlichen Wohlbefindens in der letzten Lebensphase plausibler erscheinen als die zeitliche Entfernung zur Geburt.

Im Anschluss referierte PAUL HIGGS (London) über das Feld der Kulturellen Gerontologie („cultural gerontology“), die sich im Kontext des cultural turn aus der allgemeinen Gerontologie heraus entwickelte und soziale Konstruktionen des Alters in den Vordergrund rückt. Die Kulturelle Gerontologie behandelt Themen wie Körper, Mode, Konsum, Sexualität und Performativität, und weist damit Schnittstellen mit anderen Bereichen der Gerontologie wie Geropsychologie und Soziogerontologie auf. Wie sich Alter in seiner Repräsentation und Praxis gestaltet, ist kulturabhängig. Durch die Einführung von Rentensystemen im Zusammenhang mit der Genese der Nationalstaaten und infolge von Industrialisierung und Urbanisierung wurde die Rente als eigenständige Lebensphase etabliert. Zudem wurde mit dieser die Vorstellung verknüpft, dass so die Leistungen eines langen Arbeitslebens anerkannt würden. Durch die im 20. Jahrhundert deutlich gestiegene allgemeine Lebenserwartung und zusätzliche gesunde Jahre wurde das hohe Alter nicht länger als ein Residuum angesehen. In der heutigen Gesellschaft bestehe ein weit verbreiteter Wunsch darin, möglichst ohne sichtbare Alterszeichen zu altern („ageless ageing“). Im Zuge der beschriebenen Entwicklungen wurde zwischen einem „Dritten Alter“ („Third Age“) intensiver und selbstbestimmter Aktivität als erstrebenswertem Ziel moderner Leistungsgesellschaften und einem gefürchteten „Vierten Alter“ („Fourth Age“) differenziert, das sich durch Schwäche und Abhängigkeit charakterisiert. Der Versuch, den Übergang in diese letzte Lebensphase so lang wie möglich hinauszuzögern, ist zum Teil mit der Negierung des biologischen Alters und dem Kaschieren wahrnehmbarer altersbedingter Veränderungen verbunden, anstatt sie als Bestandteil der eigenen Identität zu akzeptieren.

MARY HARLOW (Leicester) präsentierte ein Panorama des Alters in der römischen Antike und verfolgte dabei schwerpunktmäßig eine Genderperspektive. Die Zeitgenossen unterschieden zwischen einem ehrwürdigen und einem schändlichen Alter. Das Alter(n) von Frauen zu untersuchen, gestaltet sich verhältnismäßig diffizil, da üblicherweise nur Männer als Autoren auftraten und der Nachwelt ihre Zeugnisse der Selbst- und Außenwahrnehmung hinterließen. Durch den Kontrast zu den Charakteristika, welche der Jugend zugeschrieben wurden, wurden diejenigen des Alters evident. Jede Altersstufe wurde mit der Erwartung eines spezifischen, altersgemäßen Verhaltens verbunden. Falls alte Menschen gegen diese Altersnormen verstießen, liefen sie Gefahr, von der Gesellschaft verschmäht und verlacht zu werden. Die römische Literatur kennt nicht wenige satirische Darstellungen alter Menschen, die auf diesen Normvorstellungen basieren. Manche Brüche der sozialen Konventionen wurden auch absichtlich vollzogen. Als Quellengrundlage dienten Harlow unter anderem Aristoteles’ Rhetorik, Ptolemäus’ von Alexandria Tetrabiblos und Marcus Tullius Ciceros Cato Maior de Senectute. Aus diesen Werken präsentierte sie einige ausgewählte Passagen, welche das hohe Alter in verschiedener Hinsicht thematisieren. Obwohl die senectus überwiegend negativ bewertet wurde, wurden von den Zeitgenossen auch gewisse positive Aspekte hervorgehoben, zu denen insbesondere Erfahrung, Weisheit und gravitas zu zählen sind.

In der zweiten Sektion wurde das Alter im Zusammenhang von Generationenbeziehungen aus der Perspektive unterschiedlicher Disziplinen analysiert.

HARTWIN BRANDTs (Bamberg) Beitrag behandelte die Fragestellung, inwieweit sich die Krise der spätrömischen Republik als Ausdruck eines Generationenkonflikts interpretieren lässt. Zunächst erläuterte er grundlegende Schlüsselbegriffe der Generationenforschung, bevor er auf die gewählte Fallstudie einging, die auf einer detaillierten Analyse zweier spätrepublikanischer Schriften gründete: Ciceros Epistulae ad Atticum und Sallusts De coniuratione Catilinae. Diese Quellen generieren das Bild einer rebellischen Jugend, die sich auf ‚barbarische‘ Weise gegen die etablierte Autorität der Älteren auflehnte. Jedoch kann vermutet werden, dass die älteren Aristokraten eine solche Darstellung gezielt als Erklärungsmodell einsetzten, um so Korruption und eigene Regelverstöße unerwähnt zu lassen. Diese Art der Narrativierung fungierte somit als Interpretationsmuster zur Stabilisierung bestehender Machtverhältnisse. Tatsächlich seien die Probleme deutlich komplexer gewesen. Den damaligen Krisenzustand schilderte Brandt als eine Phase generationenübergreifender Ambivalenz, in der vonseiten beider Parteien politisch unangemessenes Verhalten gezeigt wurde.

Dem menschlichen Lebenszyklus aus dem Blickwinkel der Osteoarchäologie widmete sich LIDIA VITALE (Rom). Während des Alterungsprozesses treten physische Veränderungen auf, die sich am menschlichen Skelett ablesen lassen. Zwischen den einzelnen Lebensphasen bestehen charakteristische Unterschiede. Das höhere Alter kennzeichnet sich durch diverse degenerative Prozesse. Verschiedene Analysemethoden zur Bestimmung des Alters zum Todeszeitpunkt sowie eine Vielzahl der Faktoren, die ihre Spuren an den Knochen hinterlassen, unter anderem Umwelteinflüsse, Lebensstil und körperliche Aktivität, wurden erläutert. In der osteoarchäologischen Analyse werden sieben Lebensstadien unterschieden: Fötus, Säugling / Kleinkind, Kind, Jugendlicher, junger Erwachsener, Erwachsener mittleren und hohen Alters (ab 50 Jahren). Physische Veränderungen treten vermehrt und in schneller Abfolge im ersten Lebensdrittel auf, verlangsamen sich danach aber zunehmend. Bis zum Erwachsenenalter generieren die Phasen der körperlichen Entwicklung recht regelmäßige Veränderungen, während die Deformationen der Skelette älterer Menschen viel individueller ausfallen. Dies hat zur Folge, dass sich das Sterbealter bei Kindern und Jugendlichen mit wesentlich höherer Präzision bestimmen lässt. Der osteoarchäologische Ansatz lasse sich, so Vitale, mit einem historischen oder kulturanthropologischen verknüpfen. Sind schriftliche Quellen nur spärlich vorhanden oder fehlen gar gänzlich, sind osteoarchäologische Untersuchungen von grundlegender Bedeutung.

An die Studien von Philippe Ariès zur sozialen Konstruktion der Kindheit anknüpfend, analysierte MONICA FERRARI (Pavia) Fürstenspiegel, Berichte sowie Tagebücher der Höfe der italienischen Renaissance und des frühneuzeitlichen Frankreich. Anhand dieser Quellen lässt sich auch die Beziehung zwischen dem heranwachsenden Fürsten und den älteren Personen des Hofes untersuchen. Für die Analyse des Alters erweist sich die Auseinandersetzung mit Kindheit und Jugend als weiterführend, weil die verschiedenen Lebensphasen in den Diskursen eng miteinander verflochten sind und die ihnen zugeschriebenen Charakteristika oft in Relation modelliert wurden. Die adligen Kinder wurden dahingehend erzogen, ihre Kindheit, zumindest im Geiste, möglichst frühzeitig abzulegen und sich wie ein Erwachsener zu verhalten. Das verfolgte Erziehungsideal war dasjenige des puer senex, bei dem es sich um ein Konzept handelt, das sich z. B. in der mittelalterlichen hagiographischen Literatur findet, dessen Ursprünge aber bis in die Antike zurückreichen. Eine frühe Reife sollte die Kinder beispielsweise dazu befähigen, bei öffentlichen Anlässen würdevoll zu sprechen, um so auch die Familienehre zu steigern. Die älteren Erzieher hatten die Aufgabe, die Wildheit ihrer Schüler zu bändigen, die ihnen zu Gehorsam verpflichtet waren. Die große Bedeutung dieser Beziehung zwischen Jung und Alt wird insbesondere am Fall eines Kindkönigs deutlich, der durch seine Unerfahrenheit und ohne einen verständigen Lehrmeister die Stabilität seines Reiches gefährden konnte.

Im Fokus der Präsentation LUCIANA REPICIs (Turin) stand das aristotelische Alter(n)skonzept. Das Älterwerden wird von Aristoteles als ‚natürliche Krankheit‘ charakterisiert, die alle Lebewesen betrifft. In der sublunaren Sphäre durchlaufen alle Organismen fortwährende Prozesse der Veränderung und unterliegen der Vergänglichkeit. Alles Lebendige wächst, altert und vergeht, weshalb kein Individuum ein ewiges Leben erreichen kann. Die Fähigkeit zur Reproduktion ist ein Privileg aller sterblichen Wesen, so dass zumindest die Spezies unsterblich ist. Den Alterungsprozess von Organismen versteht Aristoteles als einen allmählichen Verfall, der durch das Nachlassen der natürlichen Wärme verursacht wird. Aus diesem Grund wird der alte Mensch als kalt und trocken angesehen. Physische und psychische Veränderungsprozesse sind untrennbar miteinander verflochten und wirken sich auf das Verhalten aus. Die mittleren Jahre gelten als Blütezeit des Lebens, die keinerlei Defizite aufweisen, weshalb Menschen dieser Altersstufe die geeignetsten Amtsträger der Polis repräsentieren.

In der dritten Sektion wurde das Alter aus der Perspektive diverser Disziplinen untersucht.

Aus der Optik der literaturwissenschaftlichen disability studies beleuchtete SONJA KERTH (Bremen) die Rolle älterer Figuren in mittelalterlichen deutschsprachigen höfischen Romanen. Zahlreiche, mit dem Alter in Zusammenhang stehende Aspekte wurden zur Sprache gebracht, unter anderem Generationenbeziehungen, Herrschaftsnachfolge, Geschlechterverhältnisse sowie die Weisheit der Älteren und die physische Stärke der Jungen. Anhand dreier Fallstudien – EneasErec und Iwein – wurde eine überwiegend negative Darstellung des Alters herausgestellt, das mit Schwäche, Beeinträchtigungen und Hässlichkeit verbunden wurde. Allerdings wird es nicht als eine Phase extremer Gebrechlichkeit dargestellt. Trotz dieses primär negativen Altersbildes erscheinen auch positive Attribute, darunter insbesondere Autorität und Erfahrung. Wenngleich ältere Charaktere in der von Kerth thematisierten Textgattung nicht als Protagonisten in Erscheinung treten, bilden sie dennoch einen wichtigen Teil komplexer Handlungsgefüge, indem sie einen nicht unwesentlichen Einfluss auf die jüngeren Protagonisten ausüben.

DANIEL SCHÄFER (Köln) untersuchte, inwieweit sich die spätmittelalterliche Medizin mit Fragen des Alter(n)s befasste, und wie sich während der Renaissance eine „Protogeriatrie“ herausbildete. Deren Wurzeln reichen allerdings bis in die Antike zurück. Ab dem 11. Jahrhundert lässt sich im lateinischen Westen eine erhebliche Erweiterung des medizinischen Wissens durch die Rezeption islamischer und griechischer Texte (insbesondere Galen von Pergamon) verzeichnen. Weitere Impulse ergaben sich aus der vollständigen Übersetzung der aristotelischen Naturphilosophie ins Lateinische. Ab dem 13. Jahrhundert wurden in den sogenannten regimina sanitatis und insbesondere in den speziell auf alte Menschen zielenden regimina senum diätetische Regeln und Heilmittel zusammengestellt, dank derer die Jugend so lange wie möglich erhalten werden sollte. Gabriele Zerbis Gerontocomia war die erste gedruckte systematische Abhandlung über Altersmedizin, die mittelalterliches scholastisches Wissen mit antikem vereinte. Hinsichtlich eines ab dem Hochmittelalter steigenden Interesses an lebensverlängernden Mitteln wurde auch die Wirkung astrologischer und natürlicher Einflüsse auf die Gesundheit von den zeitgenössischen Medizinern betrachtet. Neben diesen Fortschritten der theoretischen Medizin lassen sich ebenfalls im Bereich der praktischen, vor allem in der Chirurgie, Weiterentwicklungen verzeichnen. Abschließend wies Schäfer darauf hin, dass einige der damaligen Erkenntnisse auch heute noch von Bedeutung sind.

Einen anthropologischen Zugang zum Alten Testament wählte Kathrin LIESS (München), indem sie soziale, physische, chronologische und symbolische Aspekte des Alters unterschied und analysierte. Ein langes Leben konnte als Geschenk Gottes gedeutet werden. Die außergewöhnlich hohen Altersangaben der Genesis, die von numerischer Symbolik geprägt sind, heben die erwähnten Persönlichkeiten auf eine mythische Ebene. Weisheit und Würde wurden mit der senectus verbunden und ein sichtbares Alterszeichen wie weißes Haar wurde damit symbolhaft korreliert. Weisheit wurde nicht nur als Zuwachs an praktischer Lebenserfahrung verstanden, sondern auch als innerer Reifungsprozess, welcher den Menschen näher zu Gott bringen sollte. Das Alter wurde auch als Zeit der Buße und Distanzierung vom Irdischen angesehen. Diesem Altersbild entsprechend, finden sich zahlreiche Passagen, in denen jüngere Menschen dazu angehalten werden, die Älteren zu ehren und auf ihren erfahrenen Rat zu vertrauen. Darüber hinaus existieren Erzählungen über junge Menschen, die, von Gott auserwählt, mit einem besonderen Maß an Einsicht gesegnet worden seien, wodurch sie ihr Alter transzendieren. Neben diesem positiven Altersbild findet sich auch dessen negative Seite, die sich unter anderem durch Gebrechlichkeit und Kummer kennzeichnet. 

Im Fokus der vierten Sektion stand die mittelalterliche Geschichte.

Den Einstieg bildete THIJS PORCKs (Leiden) Beitrag zum frühmittelalterlichen altenglischen Epos Beowulf, das traditionell als ein Werk angesehen wurde, das Verhaltensnormen für junge Krieger setzt. Diese Interpretation wurde dahingehend revidiert, dass das Epos vielmehr als ein Fürstenspiegel für alte Könige zu deuten sei. Diese Auffassung stützte Porck damit, dass alte Charaktere zentrale Rollen einnehmen. Das Verhalten König Hrothgars und dasjenige des alten Königs Beowulf werden einander gegenübergestellt, indem Hrothgar als passiver, Beowulf dagegen als aktiver und vorbildhafter Herrscher auftritt. Für die politischen Schwierigkeiten älterer Herrscher zeigt der anonyme Autor ein gesteigertes Bewusstsein, indem er deren wachsende Passivität und physische Schwäche herausstellt. Angesichts der Tatsache, dass nur wenige Herrscher im angelsächsischen England ein hohes Alter erreichten, und anhand weiterer Quellen und Analysen, vermutet Porck, dass König Offa von Mercien wahrscheinlich als Auftraggeber des Beowulf fungiert habe.

Den zentralen Untersuchungsgegenstand des Vortrags DANIELA SANTOROs (Palermo) bildeten die Praktiken der Ärzte am sizilianischen Königshof und deren Suche nach lebensverlängernden Mitteln. Durch eine Analyse schriftlicher und materieller Quellen erläuterte sie die Maßnahmen, die zur Erhaltung der Gesundheit der Herrscher, von denen manche ein hohes Alter erreichten, zum Wohle des Königreiches ergriffen wurden. In diesem Kontext nehmen die regimina sanitatis eine zentrale Rolle ein. Einige der Ärzte, welche in den Diensten der sizilianischen Könige standen, insbesondere Arnau de Vilanova, setzten auch alchemistische Mittel zum Erreichen der prolongatio vitae ein. Bereits in der Jugend oder in den mittleren Lebensjahren sollten gesundheitserhaltende Maßnahmen beginnen, um auf diese Weise ein gesundes Alter zu erzielen. Es wurde zu einem Lebensstil geraten, der physische und psychische Gesundheit gleichermaßen berücksichtigt. Daher galt zum Beispiel die Empfindung von Glück als für ein langes Leben förderlich, wohingegen Trauer und Wut eine lebensverkürzende Wirkung zugeschrieben wurde.

Der abschließende Vortrag wurde von JOSÉ MIGUEL ANDRADE CERNADAS (Santiago de Compostela) gehalten, der sich mit intergenerationellen Beziehungen in den Klöstern Galiciens im Nordwesten Spaniens vom Frühmittelalter bis zum 13. Jahrhundert befasste. Im Hinblick auf das Lebensalter erwiesen sich die Gemeinschaften als ziemlich heterogen. Die monastischen Regeln gewähren wertvolle Einsichten in die Normen dieses Zusammenlebens von Jung und Alt. Obwohl diese nicht primär das hohe Alter behandeln, finden sich dennoch manche diesbezügliche Regelungen, so zum Beispiel Erleichterungen für ältere Menschen. Die Älteren beanspruchten, als Mentoren der Jüngeren zu fungieren, von denen Gehorsam erwartet wurde, und leitende Funktionen auszuüben. Cernadas arbeitete heraus, dass es eine weit verbreitete Praxis für Laien mit gewissen ökonomischen Ressourcen darstellte, während ihrer letzten Lebensjahre in ein Kloster einzutreten, um dort bis zu ihrem Tode versorgt zu werden. Daneben sind spirituelle Motive zweifellos nicht auszuschließen.

Die Beiträge der zahlreichen beteiligten Disziplinen machten deutlich, dass beträchtliche Berührungspunkte und Schnittmengen existieren, von denen manche bisher übersehen wurden. Es herrschte ein grundlegender Konsens dahingehend, dass sich der auf drei Ebenen angelegte Austausch als innovativ und fruchtbar erwies. Daher wäre es wünschenswert, diese vielfachen Verflechtungsprozesse noch weiter voranzutreiben. Aus Sicht der heutigen Gerontologie könnte die Berücksichtigung der Vormoderne und einer historischen Dimension im Allgemeinen dazu dienen, Theorien, Konzepte und Erkenntnisse auf ihre allgemeine Validität und Zeitungebundenheit hin zu überprüfen. Zweifellos existieren gewisse Grenzen der interdisziplinären Verschränkung, und die überlieferten vormodernen Quellen ermöglichen es nur bedingt, einige in der modernen Gerontologie fest etablierte Fragestellungen mit den damit verknüpften Methoden zu verfolgen. Jedoch wurde einer kritischen und reflektierten Applikation ein hohes innovatives Potential zugesprochen. Den Geisteswissenschaften, insbesondere der Mediävistik, die schwerpunktmäßig behandelt wurde, eröffnet die Integration gerontologischer Theorien, Konzepte und Fragestellungen neue, ansonsten vernachlässigte Perspektiven und regt dazu an, empirische Befunde stärker zu theoretisieren. Die Berücksichtigung der verschiedenen Stadien der menschlichen Entwicklung und damit verbundener Zusammenhänge könnte zu einem tieferen Verständnis des Verhaltens historischer Akteure beitragen. Das hohe Alter und das Lebensalter im Allgemeinen stellen vielversprechende Analysekategorien dar. 

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Organisator: Christian A. Neumann (Deutsches Historisches Institut in Rom)

Datum, Ort: 04.11.2019 bis 06.11.2019, Rom
Bericht von: Victoria-Katharina Martinelli, Universität Kassel zusammen mit Salvatore Martinelli, Bibliotheca Hertziana 

Conference overview

Welcome: Alexander Koller (Rome)

Introduction: Christian A. Neumann (Rome)

Session I - Theoretical and Methodological Perspectives of Gerontology for the Humanities Chair: Christian A. Neumann (Rome)

Hans-Werner Wahl (Heidelberg): Understanding Aging from a Psychological Point of View: Gains and Losses Go Hand in Hand

Paul Higgs (London): Cultural Gerontology

Mary Harlow (Leicester): Growing Old in Rome

Session II - Old Age in the Context of Intergenerational Relationships from the Angles of Different Disciplines Chair: Kordula Wolf (Rome)

Hartwin Brandt (Bamberg): Generation Conflicts and the Crisis of the Late Roman Republic. Remarks on Sallust and Cicero

Lidia Vitale (Rome): The Life Cycle: Age from the Perspective of Human Osteoarchaeology

Monica Ferrari (Pavia): Feelings of the Stages of Life: the Education of Princes in the Modern Era as a Privileged Observation Point

Luciana Repici (Torino): Aristotle’s Philosophical Reflections on Old Age

Session III - Old Age Seen from the Perspectives of Different Disciplines Chair: Luisa Valente (Rome/Sapienza)

Sonja Kerth (Bremen): ein krücke was sîn stiure [A crutch supported him]. Literary Perspectives on Old Age and Disability in Medieval Courtly Romances ('Eneas', 'Erec', 'Iwein')

Daniel Schäfer (Cologne/Köln): (Proto-) Geriatrics – a Subdiscipline of Late Medieval Medicine under the Banner of Humanism?

Kathrin Liess (München): Perspectives on Old Age in the Old Testament

Session IV - Medievalist Views on Old Age Chair: Sebastian Kolditz (Roma-Heidelberg)

Thijs Porck (Leiden): Old Age and Kingship in Anglo-Saxon England: “Beowulf” as a Mirror for Elderly Kings

Daniela Santoro (Palermo): The Treatment of Old Age at Court: the Kings of Sicily from Roger II to Martin II (Century XII–XV)

José Miguel Andrade Cernadas (Santiago de Compostela): Old Age and Generations in Monastic Communities

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