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Georgios Chatzoudis | 31.03.2016 | 1748 Aufrufe | Interviews

"Geisteswissenschaftler sind beruflich potentielle Allrounder"

Interview mit Annette Specht, Paula Peretti und Frank Wießner über Promotion und Beruf

Von der Promotion erhoffen sich viele Geisteswissenschaftlerinnen und Geisteswissenschaftler bessere Chance auf dem Arbeitsmarkt. Nicht zu unrecht, denn nach dem jüngsten Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs des Bildungsministeriums sind anderthalb Jahre nach der Doktorarbeit nur etwa drei Prozent der Promovierten weiterhin erwerbslos. Dennoch sind viele Doktoren und Doktorinnen der Geisteswissenschaften in Sorge um ihre berufliche Zukunft. Das Career Center, das Graduiertenzentrum und die Förderberatung der Universität Bonn haben diese Unsicherheit zum Anlass genommen und Anfang März erneut zur  Veranstaltung Doktorhut - alles gut?! eingeladen. Wir haben anschließend die Referenten Prof. Dr. Frank WießnerDr. Paula Peretti und Dr. Annette Specht um einen Rückblick auf den Austausch mit Promovierenden und Promovierten gebeten.

©Universität Bonn / Frommann

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"Aus dem Blickwinkel des Berufslebens wieder an den Unibetrieb erinnern"

L.I.S.A.: Was hat Sie motiviert, an der Veranstaltung als Referenten teilzunehmen?    

Wießner: Ich wurde als Referent angefragt; es freut mich, dass meine Befunde immer noch als relevant erachtet werden. Ich halte es aber auch nach wie vor für wichtig, eine aktive Diskussion zu führen, was auf das Studium oder die Promotion in Sachen Arbeit folgt. Das ist übrigens nicht nur in den Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften von Relevanz.

Peretti: Ich hätte es als Studentin oder Doktorandin auch sehr begrüßt, an solch einer Veranstaltung teilnehmen zu können. Leider gab es das in meiner Bonner Zeit noch nicht (Promotion 1992/93). Es ist einfach auch spannend, sich mit Abstand und aus dem Blickwinkel des Berufslebens wieder an den Unibetrieb und das wissenschaftliche Arbeiten zu erinnern – das hat mich auch als Referentin durchaus inspiriert! Das zweckfreie Forschen und die konsequente Beschäftigung mit einem Thema – auch wenn es nicht direkt wirtschaftlich nutzbar ist – bleibt auch im Berufsleben wichtig. Das Innehalten, der berühmte Blick über den Tellerrand – sonst hat man keine neuen Ideen.

Specht: Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie im Laufe der Promotion die Frage nach der beruflichen Zukunft immer stärker in den Vordergrund rückte. Geisteswissenschaftler sind beruflich potentielle Allrounder, daher ist es wichtig, sich in der Findungsphase möglichst breit zu informieren und zu vernetzen. Die Doktorhut-Veranstaltung zielt genau in diese Richtung, und insofern war ich gerne bereit, dort das Tätigkeitsfeld eines wissenschaftlichen Bibliothekars vorzustellen, zumal bei diesem Beruf Image und tatsächliche Arbeit stark differieren. 

Bibliothekar werden? - Dr. Annette Specht (Universitäts- und Landesbibliothek Bonn) stellte das Berufsfeld Bibliotheken vor

"Fragezeichen und Ausrufezeichen gehören beide hinter den Titel"

L.I.S.A.: Der Titel der Veranstaltung „Doktorhut – alles gut?!“ ist bewusst mit einem Frage- und einem Ausrufezeichen versehen. Würden Sie eher zu dem Fragezeichen oder zu dem Ausrufezeichen tendieren? Lohnt sich eine Promotion in einem geisteswissenschaftlichen Fach überhaupt?  

Peretti: Gute Frage. Ich kann hier auch nur mit Ja und Nein antworten. Es lohnt sich, weil es für einen selbst eine wichtige Erfahrung ist – inklusive Rückschlägen und Frustration zwischendurch – und man später nicht vor komplizierten und langwierigen Aufgaben zurückschreckt. Aber es lohnt sich nicht, wenn man nur promoviert, um es später mit der Karriere leichter zu haben. Gerade im Medien-Umfeld, in dem ich mich bewege, kommt es meist auf ganz andere Dinge, Fähigkeiten und Talente an, die während einer Promotion nicht gefragt sind.    

Specht: Fragezeichen und Ausrufezeichen gehören beide hinter den Titel. Wenn man nicht schon die Chance als lohnend ansieht, sich über Jahre hinweg intensiv mit seinem Forschungsgegenstand zu beschäftigen und mit der wissenschaftlichen Fachwelt zu interagieren, sollte man sich auf eine Promotion gar nicht erst einlassen. Sie bietet aber auch diverse Möglichkeiten zur Vernetzung und kann so helfen, den eigenen Weg zu finden. Ob der Doktorhut schließlich dazu beiträgt, ein berufliches Ziel zu erreichen, wird man in den meisten Fällen erst im Nachhinein wissen.

Wießner: Das „Lohnen“ sehe ich etwas zwiespältig: Zuallererst sollte doch das Interesse an wissenschaftlicher Arbeit und natürlich auch am Untersuchungsgegenstand das Movens geben. Und klar, manchmal ist eine Promotion auch eine Chance auf eine Art „verlängerte Jugend“, weil man so noch einige Zeit im – zugegeben – meist angenehm-libertären Uni-Umfeld bleiben kann. Aber sicher gibt es auch Bereiche, in denen man ohne Promotion praktisch keine Perspektive hat. Ich vergleiche das ein bisschen mit dem Meisterbrief im Handwerk.     

Arbeitsmarktchancen für GeisteswissenschaftlerInnen - Prof. Dr. Frank Wießner (Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt) beim Eröffnungsvortrag

"Schritt aus der akademischen Forschung in die außeruniversitäre Berufswelt"

L.I.S.A.: Wie haben Sie die Teilnehmer der Veranstaltung erlebt? Was waren die Fragen, die die Teilnehmer am stärksten beschäftigen?  

Specht: Nach meinem Eindruck waren die Teilnehmer ganz unterschiedlich motiviert. Einige wussten schon ziemlich genau, wo sie hinwollten, und waren an konkreten Tipps interessiert. Andere wollten sich einfach über verschiedene Berufsfelder informieren. Dementsprechend lag das Interesse einerseits darauf, wie das vorgestellte Berufsfeld in der Praxis aussieht und welche Voraussetzungen man dafür mitbringen sollte, andererseits wurden Fragen zu Bewerbung und Einstiegsmöglichkeiten gestellt.    

Wießner: Zunächst habe ich eine gewisse Zurückhaltung wahrgenommen. Wer gibt schon gerne zu, dass er einerseits hochqualifiziert ist, zugleich aber aufgrund ebendieser Spezialisierung in einer engen Nische sitzt und dabei das Gefühl hat, kaum noch herauszufinden. Folgerichtig ging es dann um die Frage, wie man den Schritt aus der akademischen Forschung in die außeruniversitäre Berufswelt am besten vollzieht. Oder auch, ob eine Promotion wirklich erforderlich, oder nicht umgekehrt manchmal sogar hinderlich sein kann, wenn man keine universitäre Laufbahn anstrebt.    

Peretti: Sie waren überwiegend Erfahrungen interessiert, die man selber im Berufsleben gemacht hat. Und an der Frage, inwiefern das Studium auch inhaltlich überhaupt relevant für den Beruf ist. Ich bin der Meinung, dass man nicht erwarten sollte, eine Arbeitsstelle oder einen Beruf zu finden, der mit den Studieninhalten im engeren Sinne zu tun hat. Man muss einen sehr weiten Blick entwickeln und eher frei assoziieren, welcher Beruf passen könnte. Ein frisch promovierter Archäologe zum Beispiel wäre meines Erachtens ein wunderbarer Lektor in einem Sachbuchprogramm eines Verlags. Warum nicht? Wahrscheinlich wird es als Archäologe eher schwer sein, eine genau passende Arbeitsstelle zu finden. Aber mit dem großen historischen, kunstgeschichtlichen und analytischen Wissen wäre er oder sie gut in der Lage, Sachtexte oder populärwissenschaftliche Texte zu beurteilen und auch mit den Autoren zusammen zu bearbeiten.  

Aller Anfang sind Kinderbücher - Dr. Paula Peretti (Bastei Lübbe / Boje Verlag) zeigte Wege in das Berufsfeld Verlag auf

"Einen Blick in potentielle Arbeitsfelder werfen"

L.I.S.A.: Welche Tipps würden Sie Promovierenden geisteswissenschaftlicher Fächer mit auf den Weg geben? Welche Tipps Masterstudierenden, die sich für eine Promotion in einem geisteswissenschaftlichen Fach interessieren?    

Wießner: Investieren Sie keine kostbare Lebenszeit in ein Thema, das Sie nicht interessiert! Und umgekehrt: Verlieren Sie bei aller Begeisterung für eine bestimmte Materie nicht den Blick für den Arbeitsmarkt! Seinen Sie realistisch und vor allem auch ein Stück weit konzessionsbereit. Wenn es mit dem Traumjob nicht klappt, dann kann eine umsichtige Suchstrategie eher zu einem „Brotberuf“ verhelfen, der noch Raum lässt für anderweitige Selbstverwirklichung, diese aber oft überhaupt erst finanziell ermöglicht.    

Peretti: Um bei dem Beispiel des Archäologen zu bleiben, würde ich ihm/ihr raten, stets auch über den Tellerrand zu schauen: Praktika in angrenzenden Bereichen suchen, eine oder zwei weitere Sprache neben Englisch lernen. Wichtig finde ich auch, dass man die Scheu überwindet, neben allen akademischen Fähigkeiten, auch einfach verständlich zu schreiben und vorzutragen, ich meine, komplexe Sachverhalte einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Das hilft in jedem Beruf weiter! Einige Teilnehmer von „Doktorhut“ meinten, dass sei immer noch ein „No-Go“ im akademischen Betrieb. Was auch hilft, ist z.B. sich als wissenschaftliche Hilfskraft in der Vermittlung und Präsentation von Inhalten zu üben.    

Specht: Eine Promotion kann nicht nur Mittel zum Zweck der Berufsfindung sein, aber für die meisten akademischen Berufe schadet sie jedenfalls nicht. Die Promotionsphase bietet zudem die Gelegenheit, sich umfassend über berufliche Möglichkeiten zu informieren. Dabei sollte man jede Chance nutzen, einen Blick in potentielle Arbeitsfelder zu werfen, auch wenn sie zunächst einmal nicht als die erste Wahl erscheinen.

"Nicht zuletzt braucht es manchmal auch etwas Glück"

L.I.S.A. Was ist Ihrer Ansicht nach der wichtigste Faktor für einen reibungslosen Übergang aus der Promotionszeit in den Beruf?

Wießner: Information, Information, Information! Je früher und je strukturierter, desto besser! Wer seinen Markt kennt und realistisch einschätzt, verbessert seine Chancen auf einen reibungslosen Übergang und eine erfüllende Tätigkeit erheblich. Natürlich helfen auch Netzwerke und nicht zuletzt braucht es manchmal auch etwas Glück, um an die richtige Stelle zu kommen. Ich weiß, das klingt jetzt recht unwissenschaftlich, ich bin aber trotzdem fest davon überzeugt. Technisch gesehen ist das quasi das Residuum, d.h. die „Restgröße“, die unsere wissenschaftlichen Modelle nicht erklären können.

"Empfand es als überaus positiv, eigenverantwortlich forschen zu können"

L.I.S.A.: Was war für Sie persönlich der intensivste „Gewinn“ ihrer eigenen Promotionszeit?

Peretti: Die Freiheit! Zeit, in der ich relativ zweckfrei denken, planen und gestalten konnte. Diesen Luxus hat man später kaum noch. Man muss darauf achten, sich immer mal wieder Freiräume zu schaffen. Gelingt selten.    

Wießner: Im Nachhinein mag man etwas darüber lächeln, damals hatte ich ganz stark das Gefühl, endlich meines Glückes Schmied zu sein und die graue Masse der Examina und Diplomprüfungen hinter mir zu lassen. Auch war ich nach dem Studium zunächst für knapp zwei Jahre in der Wirtschaft tätig, ehe ich über eine neue Beschäftigung an einem Forschungsinstitut als externer Doktorand zurück an die Uni kam. Nach einer Zeit, in der ich lediglich als „Kostenstelle“ betrachtet wurde, empfand ich es als überaus positiv, eigenverantwortlich forschen zu können und so als „Aktivposten“ wahrgenommen zu werden.

Doktorhut – alles gut?! – Auch 2016 nutzen die Teilnehmer wieder sehr intensiv die Möglichkeit zum Austausch

"Auf jede Referendariatsstelle beworben, die nicht völlig ausgeschlossen war"

L.I.S.A.: Wie haben Sie den Einstieg in ihren Berufsbereich geschafft?    

Wießner: Durch Vorträge, Publikationen – durchaus auch in sogenannten „populärwissenschaftlichen“ Medien und Gastbeiträgen in Zeitungen – und Networking konnte ich meinem Thema etwas Beachtung verleihen, und plötzlich gehörte ich auch zum Establishment der Science Community ;-) Es war aber auch sehr viel Nacht- und Wochenendarbeit damit verbunden.    

Specht: Mein Interesse am Bibliothekswesen hat sich über eine Stelle als Wissenschaftliche Hilfskraft während der Promotion ergeben. Später habe ich mich auf alle Referendariatsstellen beworben, die eine Sinologin vom Fächerspektrum her nicht völlig ausschlossen. Die Erfahrung mit bibliothekarischer Arbeit war im Auswahlverfahren sicher ein wichtiger Faktor, durch den ich mich von meinen Mitbewerbern abheben konnte. Schon aufgrund der hohen Bewerberzahlen aus den Geisteswissenschaften war aber auch die Promotion definitiv von Vorteil.

"Es dauert meist ein bisschen, bis die Information keimt und konkreten Nutzen stiftet"

L.I.S.A.: Wie schätzen Sie den Nutzen einer solchen Veranstaltung ein?    

Peretti: Hoch, wenn die Teilnehmer auch selbst einiges dazu tun, zum Beispiel das persönliche Gespräch zu anderen Teilnehmern und zu den Referenten suchen. Der Austausch macht es wertvoll.

Wießner: Das könnte man vielleicht mit einer Vorlesung vergleichen: Man hört einige grundlegende Dinge und wenn die Vorlesung gut gemacht ist, dann nimmt man auch noch etwas Inspiration mit nach Hause. Es dauert aber meist ein bisschen, bis die Information keimt und konkreten Nutzen stiftet. Insofern würde ich jetzt keine Wunder erwarten, hoffe aber, dass wir dazu beitragen, Denkprozesse anzustoßen.

"Erkenntnis, dass man mit seinen Sorgen und Nöten nicht alleine ist"

L.I.S.A.: Hätten Sie sich zu Ihrer Promotionszeit eine solche Veranstaltung gewünscht? Wenn ja, warum?    

Wießner: Auch zu meiner Studien- und Promotionszeit gab es schon Informationsveranstaltungen für junge Akademiker. Aber damals waren die Informationen natürlich noch nicht so gut vernetzt und so leicht zugänglich wie heute. Die Kehrseite der Medaille: Bekanntlich wird es in unserer heutigen Informationsgesellschaft immer schwieriger, sich in diesem Informationsdickicht zurecht zu finden. Auch wird so viel geschrieben über tolle Jobs, tolle Start-ups, tolle Gehälter usw., dass man sich ganz schnell ganz schlecht vorkommt. Meistens ist das aber Unfug: In kaum einem Lebensbereich wird so viel geschwindelt und übertrieben, wie wenn es um Arbeit und Geld geht. Und viele „Untersuchungen“ basieren auf höchst zweifelhaften, verzerrten Stichproben, zum Beispiel aus Job-Portalen oder Business Netzwerken, sind also alles andere als repräsentativ. Da können Informationen aus erster Hand und die Erkenntnis, dass man mit seinen Sorgen und Nöten nicht alleine ist, den inneren Kompass vielleicht wieder ein Stück weit einnorden.

Dr. Paula Peretti, Dr. Annette Specht und Prof. Dr. Frank Wießner haben die Fragen schriftlich beantwortet.

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