Registrieren
merken
Georgios Chatzoudis | 24.05.2016 | 1316 Aufrufe | Interviews

"Die deutsche Kultur blieb sein Vaterland"

Interview mit Michael Brenner zum Tod von Fritz Stern

Fritz Stern gehörte zu den Zeitzeugen, die fünf verschiedene deutsche Staaten erlebt haben - "five Germanys I have known". Geboren 1926 in Breslau zu Zeiten der Weimarer Republik, wurde er im Alter von zwölf Jahren gemeinsam mit seiner Familie aus Nazideutschland vertrieben und emigrierte in die Vereinigten Staaten von Amerika. Bereits kurz nach dem Krieg besuchte er die Bundesrepublik und bereiste bei einem seiner zahlreichen Aufenthalte auch die DDR. Die Vereinigung beider deutscher Nachkriegsstaaten kommentierte er als die "zweite Chance der Deutschen". Die enge Verbundenheit Fritz Sterns zu Deutschland und seiner wechselhaften Geschichte im 20. Jahrhundert bestimmte sein Wirken als Historiker, das mit seinem Studium 1946 begann und nun mit seinem Tod im Alter von 90 Jahren zu Ende gegangen ist. Wir haben den Historiker Prof. Dr. Michael Brenner von der Universität München um einen Blick zurück gebeten.

"Plötzlich waren Helmut Schmidt oder Henry Kissinger mit im Raum"

L.I.S.A.: Herr Professor Brenner, der Historiker Fritz Stern ist tot. Haben Sie als Internationaler Präsident des Leo Baeck Instituts den Preisträger der Leo-Baeck-Medaille persönlich kennengelernt? Wie erinnern Sie sich an Fritz Stern?  

Prof. Brenner: Ich habe Fritz Stern nicht im Zusammenhang mit dem Leo Baeck Institut kennengelernt, sondern viel früher als meinen akademischen Lehrer an der Columbia University, wohin ich 1988 zu meiner Promotion kam. Er war ein akademischer Lehrer, wie es ihn heute so nicht mehr gibt. Er war in vielerlei Hinsicht unorthodox. Ich erinnere mich, wie er auf die Frage, welches das beste Geschichtsbuch über das 19. Jahrhundert sei, spontan sagte: Die Buddenbrooks. Doch gleichzeitig war er natürlich auf der Höhe der aktuellen Forschung, und wir haben in seinen Seminaren die neuesten Debatten zum deutschen Sonderweg heftig diskutiert.  

Seine Seminare, oft bei ihm zu Hause, waren nicht nur „Sternstunden“ in europäischer Geschichte, sondern brachten uns Doktoranden auch mit einem Zeitzeugen in Kontakt, der vieles aus seinem eigenen Leben zu berichten hatte. Der Chemiker und Nobelpreisträger Fritz Haber war sein Taufpate, später lernte er Albert Einstein kennen, und manchmal klingelte während der Seminare das Telefon, und er rief aus: "Oh hello Helmut" oder "One moment, Henry" - und plötzlich waren Helmut Schmidt oder Henry Kissinger sozusagen mit im Raum. Er bat uns dann, sein Wohnzimmer kurz zu verlassen – und manchmal vergaß er danach auch, seine Studenten wieder zurückzurufen. 

Prof. Dr. Michael Brenner, Lehrstuhl für jüdische Geschichte und Kultur, Universität München

"Fritz Stern war ein gnadenlos kritischer Geist"

L.I.S.A.: In Nachrufen wird Fritz Stern als "leidenschaftlicher Liberaler", als "Schutzengel der freien Welt", als "Alliierter der Vernunft", als "der beste Freund Deutschlands jenseits des Atlantiks" und sogar als "der gute Onkel aus Amerika" bezeichnet. Wird ihm das gerecht? Was trifft aus Ihrer Sicht zu, was eher nicht?  

Prof. Brenner: Fritz Stern kämpfte zeitlebens darum, dass „liberal“ in den USA nicht als Schimpfort bezeichnet wurde oder jemanden in die linksextreme Ecke abstellte. Er war in der Tat ein leidenschaftlicher Liberaler. Er war auch ein wahrer Brückenbauer zwischen Deutschland und Amerika – dafür wurde er in Deutschland mehr gewürdigt als in den USA, was natürlich auch mit der unterschiedlichen öffentlichen Rolle des Intellektuellen in den beiden Gesellschaften zu tun hat. Doch auch die Amerikaner erkannten in ihm den Brückenbauer - so durfte er etwa Anfang der neunziger Jahre den damaligen amerikanischen Botschafter Richard Holbrooke auf dessen Amtsgeschäfte in Deutschland einstimmen. Und natürlich gehörten die Gespräche mit Margaret Thatcher über die deutsche Wiedervereinigung zum politischen Höhepunkt seines Lebens – er trug dazu bei, dass die deutsche Einheit in Europa und auch den USA akzeptiert wurde. Es war für ihn unvorstellbar, dass es in einem geeinten Europa zwei deutsche Staaten geben würde.

Als „guten Onkel“ dagegen würde ich ihn nicht bezeichnen, das scheint mir zu harmlos. Denn Fritz Stern war bei allem Respekt vor seinem Gegenüber ein gnadenlos kritischer Geist, der mit seine Meinung nie hinterm Berg hielt und dabei auch niemanden schonte. Kritik gehörte für ihn zum Werkzeug des Intellektuellen – der Kampf um Wahrheit war wichtiger als die Rücksichtnahme auf Verletzlichkeiten. 

"Noch heute sollten alle angehenden Historiker diesen Band lesen"

L.I.S.A.: Fritz Stern wird in Deutschland als Historiker wahrgenommen, der vor allem zur neueren deutschen Geschichte geforscht habe. Was sind dabei seine wichtigsten Werke? Welche Forschungsinteressen bleiben bei dieser Sicht unberücksichtigt?  

Prof. Brenner: Fritz Stern erntete seinen ersten Ruhm auf einem Gebiet, das man als Geistesgeschichte bezeichnen kann und das in Deutschland nach dem  Zweiten Weltkrieg aus nachvollziehbaren Gründen nicht sehr populär war. Ein hierzulande weniger beachtetes Buch war die bereits 1956 von ihm edierte Anthologie zur Geschichtsschreibung, „Varieties of History“ (deutsch:Geschichte und Geschichtsschreibung), die von Voltaire (!) angefangen, Stimmen nicht nur professioneller Historiker versammelte und einen wunderbaren Einstieg in das historische Denken der Neuzeit bietet. Noch heute sollten alle angehenden Historiker diesen Band lesen.  

Stern ging zeitlebens der Frage nach, wie es in Deutschland dazu kommen konnte, dass sich illiberales Denken und Kulturpessimismus durchsetzen konnten. „Kulturpessimismus als politische Gefahr“ war der vielsagende Titel seines ersten Hauptwerks, das noch zur traditionellen Ideengeschichte zu rechnen war. Doch war sein wohl wichtigstes Werk über Bismarcks jüdischen Bankier Gerson Bleichröder auch ein imposanter Beitrag zur Wirtschaftsgeschichte des Kaiserreichs.  

Seit dem Erscheinen dieses monumentalen Werks „Gold und Eisen“ 1977 widmete er sich vor allem Reden und Aufsätzen. Er wurde ein wahrer Meister dieses Genres, zu dem wichtige Beiträge zu Fritz Haber, Albert Einstein oder auch zum „Feinen Schweigen“ der Deutschen während des Nationalsozialismus gehörten. Was in seinem Werk dagegen wenig Spuren hinterließ – und was ihn auch nicht sonderlich interessierte – war die deutsche Sozialgeschichte der Nachkriegsjahrzehnte, die die Geschichtswissenschaft in seiner alten Heimat doch sehr prägte. Man darf nicht vergessen, dass Stern eben auch ein Erzähler war, der sich von Strukturgeschichte nicht sonderlich beeindrucken ließ.

"Immer wieder zum Juden gestempelt"

L.I.S.A.: Fritz Stern ist 1938 vor den Nazis in die Vereinigten Staaten geflohen. Er sagt von sich, dass er damals mit "Hass im Herzen und Heine im Gepäck" emigriert sei. Was meinte er damit genau? Ist dieser Ausspruch repräsentativ für eine Generation jüdischer Deutscher, die in Deutschland verfolgt wurde?  

Prof. Brenner: Der Spruch „Hass im Herzen und Heine im Gepäck“ zeigt die ganze Ambivalenz seines Verhältnisses zu Deutschland. Er hat nie ein Hehl daraus gemacht, dass er als Jugendlicher (er war ja erst zwölf, als er Deutschland verließ) tiefe Abneigung gegen jene empfand, die ihn und seine Familie vertrieben haben. Vielleicht war der Hass umso größer, weil ja bereits seine Eltern – zum Teil sogar die Großeltern - christlich getauft waren, und die gesamte Familie von den Nazis erst wieder zu Juden gestempelt wurden. Im Übrigen steckt eine gewisse Ironie in der Tatsache, dass der in Deutschland als Protestant aufgewachsene und von Hitler als Jude vertriebene Stern von den Medien hierzulande, zuletzt auch in zahlreichen Nachrufen, immer wieder zum Juden gestempelt wurde. Aber er trug eben auch Heine mit sich, der von sich sagte, den Juden in ihm könne kein Taufwasser abwaschen. So ähnlich muss es Stern wohl auch verstanden haben. Von Heine stammt auch der Spruch, die Bibel sei der Juden portatives Vaterland. In Abwandlung von Heine blieb die deutsche Kultur Sterns Vaterland. Er verehrte den deutschen Dichter, an dessen Biographie er gerade schrieb, übrigens so sehr, dass er in seinem Büro in New York eine Heine-Büste stehen hatte.  

"Ganz anders als bei Adorno, Horkheimer oder Löwenthal"

L.I.S.A.: Fritz Stern ist 1954 erstmals wieder nach Deutschland zurückgekehrt, als er an der Freien Universität Berlin eine Gastprofessur übernahm. Warum ist er nicht - wie viele andere jüdische Emigranten und insbesondere Wissenschaftler - dauerhaft nach Deutschland zurückgekehrt? Wie würden Sie sein Verhältnis zu Deutschland nach 1945 beschreiben?  

Prof. Brenner: Zunächst einmal muss man sagen, dass die überwiegende Mehrzahl der emigrierten Wissenschaftler eben nicht nach Deutschland zurückgekehrt ist. Hinzu kommt, dass Fritz Stern im Alter von zwölf Jahren emigrierte und sich in den USA sozialisierte. Das war natürlich ganz anders als bei Adorno, Horkheimer oder Löwenthal, deren Karrieren schon vor 1933 begonnen hatten. Stern war Amerikaner und zeitlebens stolz darauf. Eine völlige Rückkehr nach Deutschland kam für ihn nicht in Frage. Doch kam er bereits als Student 1950 erstmals zurück. Das war viel früher als andere Historiker mit ähnlichem Hintergrund, wie Peter Gay, George Mosse oder Walter Laqueur, die im Übrigen in Deutschland auch nie die Anerkennung erhielten, die Stern erfuhr. Später war er immer sehr gerne in Deutschland und pflegte hier tiefe Freundschaften. Doch  zu Hause blieb er in New York. Die längste Zeit, die er jemals an einem Stück in Deutschland verbrachte, waren die fünf Monate, in denen er 1993 den damaligen amerikanischen Botschafter Richard Holbrooke als „senior adviser“ in sein Amt einwies.

"Er stellte die ungeheure Verdummung unter seinen Mitbürgern fest"

L.I.S.A.: Welches geistige Vermächtnis hinterlässt Fritz Stern für nachfolgende Generationen im Allgemeinen und für die Geschichtswissenschaft im Besonderen?  

Prof. Brenner: Vor allem wohl sein Plädoyer, politisches Handeln allein durch die ratio bestimmen zu lassen. Wer populistischen Rattenfängern nachläuft, bringt die Demokratie in Gefahr. Dies ist die Lehre seiner Bücher zur deutschen Geschichte. Es ist – leider – auch das Phänomen, das er in seinem letzten Interview anlässlich seines 90. Geburtstags als Gefahr für die Zukunft zu beklagen hatte. Er stellte hier die ungeheure Verdummung unter seinen Mitbürgern fest. Aber auch in Europa sind wieder Bewegungen im Aufschwung, denen er sicherlich lieber als Historiker denn als Zeitgenosse begegnet wäre.

Prof. Dr. Michael Brenner hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

Kommentar erstellen

OKM5WQ