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Georgios Chatzoudis | 04.12.2018 | 1622 Aufrufe | 1 | Interviews

"Folgsamkeit der Klienten als Ressource"

Interview mit Bettina Grimmer über Jobcenter als Disziplinierungsinstitutionen

Im Zuge der jüngsten Debatte um die Abschaffung von Hartz IV wurde auch vielfach Kritik an Mitarbeitern der arbeitsvermittelnden Jobcenter geäußert. Die Bundesagentur für Arbeit verwahrte sich gegen Vorwürfe, Arbeitslose würden gegängelt oder gar gedemütigt. Vielmehr sei "wieder eine Atmosphäre des konstruktiven Miteinanders" geboten, so zuletzt Valerie Holsboer, Vorstandsmitglied der Bundesagentur, in einem Zeitungsinterview. Ist ein konstruktives Miteinander aber überhaupt möglich, wenn eine der beiden Parteien dazu angehalten wird, folgsam zu sein? Die Soziologin Dr. Bettina Grimmer von der Universität Siegen hat sich im Rahmen ihrer Dissertation mit den sozialen Beziehungen in Jobcentern beschäftigt und kommt zu der These, dass es dabei in erster Linie darum gehe, Folgsamkeit bei den sogenannten Klienten herzustellen. Wir haben sie ihr zu ihrer Arbeit und ihren Forschungsergebnissen befragt.

"Termine im Jobcenter schienen ein großes Konfliktpotenzial zu bergen"

L.I.S.A.: Frau Dr. Grimmer, Sie haben im Rahmen Ihrer Dissertation die Arbeitsvermittlung in Jobcentern untersucht. Nun ist zuletzt das Buch dazu erschienen, das den Titel „Folgsamkeit herstellen“ trägt. Bevor wir zu einigen Details kommen, was hat Sie zu Ihrem Thema geführt? Welche Vorüberlegungen gingen dem voraus?

Dr. Grimmer: Ich untersuchte damals in einem internationalen Forschungsverbund die Teilhabechancen von Arbeitslosen in Europa und rekonstruierte dafür die Arbeitslosengesetzgebung in Deutschland. Dabei begann ich mich zu fragen, was die praktischen Konsequenzen dieser Gesetze sind und wie sie bei den Betroffenen ankommen. Ich sprach mit Erwerbslosen und politisch Aktiven, die sich auch Jahre nach der Einführung der Hartz-Gesetze noch dagegen wehrten. Während im wissenschaftlichen Diskurs die Kritik an der neuen Politik meist auf der rechtlichen Ebene verblieb, haben die Betroffenen und Praktiker vor allem ihre praktische Umsetzung in den ARGen und Jobcentern kritisiert. Aus irgendeinem Grund schienen die Termine im Jobcenter ein großes Konfliktpotenzial für die Beteiligten zu bergen. Dem wollte ich auf den Grund gehen und die Jobcenter-Gespräche ethnographisch beobachten.

"Folgsame Klienten sind nicht nur arbeitspraktisch angenehm"

L.I.S.A.: Dem Titel des Buches entsprechend lautet Ihre zentrale These, dass der Prozess der Arbeitsvermittlung in den Jobcentern seit der Arbeitsmarktreform der Agenda 2010 vor allem einem Leitmotiv unterworfen sei: der Herstellung von Folgsamkeit. In zahlreichen anderen Studien wird dagegen behauptet, Sinn und Zweck sei die Aktivierung von Arbeitslosen, um sie in den Arbeitsmarkt (re)integrieren zu können. Was meinen Sie mit Folgsamkeit und zu welchem Zweck?

Dr. Grimmer: Was den Geist der Gesetze anbelangt, ist dies sicherlich richtig: es geht darum, die Arbeitslosen zu aktivieren – also sie zu befähigen oder zu zwingen, selbständig auf dem Arbeitsmarkt aktiv zu sein und zu bleiben. Die praktische Logik der Arbeitsvermittlungsgespräche ist jedoch eine andere. Dies liegt nicht etwa daran, dass die Arbeitsvermittler ihre Arbeit nicht richtig erledigen würden – im Gegenteil, ich habe viele idealistische und umsichtige Arbeitsvermittler kennengelernt, auch einige überforderte, aber niemanden mit irgendwelchen Machtphantasien. Es hat strukturelle Gründe.

So ein Arbeitsvermittlungsgespräch besteht aus verschiedenen Aufgaben, die erledigt werden müssen. Zunächst die Datenerfassung und -aktualisierung: die Klienten müssen eine Menge Informationen über sich preisgeben. Dann die Kontrolle der Eigenbemühungen: haben sie sich tatsächlich so oft beworben, wie es im Vorfeld von ihnen verlangt wurde und dies auch dokumentiert? Entsprechend der Stellensituation folgt dann der dritte Schritt: die Arbeitsvermittlerin wird einige Stellenangebote ausdrucken und den Klienten auffordern, sich zu bewerben. Am Ende wird eine Eingliederungsvereinbarung abgeschlossen, die de facto eine Selbstverpflichtung des Klienten ist, monatlich eine gewisse Anzahl an Bewerbungen vorzuweisen, um nicht sanktioniert zu werden. Alle diese Schritte gehen von den Arbeitsvermittlern aus, und die Klienten haben jedes Mal die Wahl, „ja“ oder „nein“ zu sagen. Das Hauptanliegen der Arbeitsvermittler ist es natürlich, ihre Arbeit schnell und einfach erledigen zu können, und deshalb haben sie ein Interesse daran, dass ihre Klienten möglichst immer „ja“ sagen. Eine Arbeitsvermittlerin sagte einmal zu mir: „Das ist ein super Kunde, der macht alles, was du willst“.

Folgsame Klienten sind aber nicht nur arbeitspraktisch angenehm. Indem sie ihre Kooperationsbereitschaft unter Beweis stellen, zeigen sie auch, dass sie die Regeln des Jobcenters anerkennen und willens sind, sich eine Arbeit zu suchen. Denn unterschwellig (das zeigt sich bereits an der Formulierung: „Fördern und Fordern“) steht immer der Verdacht im Raum, dass diese Person vielleicht gar nicht arbeiten will. Gegen diesen Verdacht müssen die Klienten ankämpfen, um nicht nur ihre Leistungen, sondern auch ihr Gesicht zu wahren. Es gelingt ihnen durch die Darstellung von Folgsamkeit.

"Die Räume des Jobcenters halten Klienten auf maximaler Distanz"

L.I.S.A.: Sie zeigen in Ihrer Untersuchung, dass der Prozess der Arbeitsvermittlung in Jobcentern von einem gezielt inszenierten Setting gerahmt ist, bei dem neben der speziellen Beziehung zwischen Arbeitssuchenden und Arbeitsvermittlern der Raum bzw. die Raumordnung eine wichtige Rolle spielt. Welche? Könnten Sie das an ein oder zwei Beispielen konkretisieren?

Dr. Grimmer: Ich verstehe den Raum als Assemblage aus Architektur, Einrichtung und Praktiken der Teilnehmenden. Damit symbolisiert er nicht nur etwas (z.B. Funktionalität, Effizienz usw.), sondern er fordert seine Besucher auch dazu auf, sich körperlich in ihn einzupassen. Ich habe beobachtet, dass die Räume des Jobcenters – mehr als andere städtische Behörden – ihre Klienten auf maximaler Distanz halten: alle Türen sind immer geschlossen bzw. verschlossen, Kollegen unterhalten sich niemals auf dem Flur, sondern hinter verschlossenen Türen, die Toiletten sind strikt getrennt, die Mitarbeiter vermeiden körperlichen Kontakt mit den Klienten, sie lüften und desinfizieren viel, teilweise ist Sicherheitspersonal präsent. Diese Distanzierungsmechanismen beinhalten sogleich Annahmen über die Klienten, nämlich dass von ihnen gewisse Gefährdungen ausgehen könnten, wie Spionage, Diebstahl, Verschmutzung, Vandalismus oder körperliche Übergriffe. Es wird eine räumliche Infrastruktur aufrechterhalten, die diese Gefährdungen minimieren soll. Für die Mitarbeiter ist diese sinnvoll – die Klienten wissen jedoch bereits bevor sie überhaupt mit ihren Ansprechpartnern ins Gespräch kommen: dass man ihnen hier misstraut.

"Die Bürokratie schafft hier eine emotional entlastende Distanz"

L.I.S.A.: Wie sind Sie in Ihrem Projekt vorgegangen? Was ist in diesem Zusammenhang unter einem ethnographischen Ansatz zu verstehen? Waren Sie im Sinne der Methode der dichten Beschreibung bei Gesprächen im Jobcenter anwesend? Was können Sie dabei über die spezielle Konstellation sagen, dass sich in Jobcentern zwei Personen gegenübersitzen, bei der die eine im Besitz dessen ist, was die andere begehrt: bezahlte Arbeit. Müsste dieses asymmetrische Verhältnis sich nicht letztlich zugunsten der Empathiefähigkeit des Vermittelnden auswirken?

Dr. Grimmer: Zunächst habe ich eine ganze Reihe von Interviews und Gesprächen geführt, mit Arbeitslosengeld II-Empfängern, Sozialarbeitern, Vereinen und politischen Initiativen. Am Ende, und daraus speist sich der Hauptteil meines Buches, habe ich neun Arbeitsvermittler bei ihrer täglichen Arbeit begleitet. Ich lernte ihre Arbeit aus ihrer Perspektive kennen und habe ihre Gespräche mit ihren Klienten beobachtet.

„Man stumpft eigentlich ganz schnell ab“, sagten einige von ihnen anfangs zu mir – und in der Tat stellte ich diesen Prozess im Laufe der Wochen auch an mir selbst fest. Anfangs bewegten mich die Schicksale der Klienten sehr, aber nach und nach begann ich, sie zu akzeptieren – so wie auch die Arbeitsvermittler und die Klienten selbst. Für einige studierte Sozialarbeiterinnen, die ich kennenlernte, war Arbeitsvermittlerin im Jobcenter zu sein eine gute Option, weil sie damit nicht (mehr) so hautnah mit den Problemen der Klienten in Kontakt kamen und die Bürokratie hier eine emotional entlastende Distanz schafft. Allerdings soll dies nicht heißen, dass den Arbeitsvermittlern jegliche Empathiefähigkeit abhandengekommen wäre. Ich habe immer wieder beobachtet, wie einige von ihnen sich gezielt für bestimmte Klienten eingesetzt haben, etwa Krankenversicherungen besorgt, mit anderen Ämtern gesprochen, Arbeitgeber im persönlichen Gespräch überzeugt, den Klienten einzustellen usw. Da ging es wirklich um konkrete Hilfeleistung jenseits von Dienst nach Vorschrift.

"Es geht vielmehr um Arbeitsvermittlung als um eine Transformation des Subjekts"

L.I.S.A.: Sie bezeichnen die Arbeitsvermittlung in Jobcentern als ein neoliberales Projekt, das jedoch nicht abgeschlossen sei. Dabei begreifen Sie „Neoliberalismus“ nicht als ein radikalisiertes liberales Wirtschaftsmodell, sondern vielmehr als kulturelle Alltagspraxis, bei der das Individuum und nicht sozioökonomische und gesellschaftspolitische Strukturen in den Mittelpunkt einer moralisch aufgeladenen Problemanalyse gerückt werden. Verkürzt: Schuld an der Arbeitslosigkeit ist prinzipiell der Arbeitssuchende selbst. Wie Sie zeigen, hat sich gemäß neoliberaler Logik der „Kunde“ an die Erfordernisse des Marktes anzupassen, um vermittelbar zu werden. Wie passt dazu noch Ihre These, das neoliberale Projekt sei nicht abgeschlossen bzw. unvollendet?

Dr. Grimmer: Genau, ich verstehe den Neoliberalismus als politische Ökonomie, die den Markt als schutzbedürftig durch die Politik begreift. Die am Markt teilnehmenden Elemente müssen demnach bestmöglich an seine Erfordernisse angepasst werden, ohne in seine Funktionsweise einzugreifen. In der Arbeitsmarktpolitik finden wir folglich statt hoher Transferleistungen und subventionierter Beschäftigung (das wäre das Gegenmodell) eine Bearbeitung des Individuums durch konditionalisierte, vertraglichte soziale Rechte. Dabei liegt ein individualisiertes Problemverständnis zugrunde: Schuld an der Arbeitslosigkeit ist entweder fehlende Motivation, mangelnde Qualifikation, eingeschränkte Leistungsfähigkeit oder auch unzureichende individuelle Rahmenbedingungen. Im Jobcenter geht es nun darum, solche „Vermittlungshemmnisse“ zu bearbeiten und die Klienten beschäftigungsfähig („employable“) zu machen. Soweit findet man das neoliberale Programm hier auch umgesetzt.

Der Theorie entsprechend müssten nun aber marktfähige Subjekte erzeugt werden, die unternehmerisch denken und handeln und selbst zu aktiven Gestaltern werden sollen, anstatt sich von einem Zeitarbeitsvertrag zum nächsten treiben zu lassen. Und genau an diesem Punkt habe ich meine Zweifel. Denn erstens ist fraglich, wie unter dem beschriebenen moralischen Zwang, zu kooperieren, um sich nicht der Unwilligkeit verdächtig zu machen, autonomes Handeln erlernt werden soll. Zweitens müsste empirisch überhaupt erst nachvollzogen werden, wie sich eine solche Subjekttransformation jenseits des Büros im Alltag der Klienten gestalten sollte – hier fehlt es dem Aktivierungsdiskurs an einem entsprechenden Konzept von Sozialisation. Und drittens: Wenn man die im Gespräch verhandelten und von den Arbeitsvermittlern als wünschenswert definierten Normen betrachtet, also den aus ihrer Sicht idealen Arbeitnehmer rekonstruiert, findet man viel eher Hinweise auf einen mittelschichtsorientierten, konformen Normalarbeiter als auf ein neoliberales Unternehmersubjekt. Letztendlich geht es doch vielmehr um (manchmal erzwungene) Arbeitsvermittlung als um eine Transformation des Subjekts.

"Durch jede Zustimmung erkennen der Klienten die symbolische Ordnung an"

L.I.S.A.: Kommen wir abschließend noch einmal zu Ihrer These der Herstellung von Folgsamkeit zurück. Inwiefern wäre der Begriff der Unterwerfung hierbei zu stark? Immerhin stellen Sie das Gefüge in Jobcentern als ein Gefüge aus Herrschaft und symbolisch ausgeübter Gewalt dar.

Dr. Grimmer: Die Folgsamkeit der Klienten wird im Gespräch von beiden Teilnehmern als Ressource genutzt. Durch die Arbeitsvermittler sogar in doppelter Hinsicht: einerseits ist sie Garant für die reibungslose Erledigung ihrer Arbeit, andererseits ein wichtiger Indikator zur Einschätzung der Arbeitswilligkeit der Klienten. Letztere scheinen dies intuitiv zu wissen und stellen ihre Kooperationswilligkeit entsprechend unter Beweis. Dabei ergibt sich für sie die paradoxe Situation, dass sich ihre Position im Gespräch verbessert (sie also als moralisch integre Person betrachtet werden), je mehr Wissen sie über sich preisgeben und je fragloser sie den Forderungen der Arbeitsvermittler Folge leisten.

Mit Unterwerfung hat dies indirekt zu tun, denn hier unterwirft sich nicht eine Person der anderen, und auch rechtliche Zwänge (wie etwa Sanktionsandrohungen) spielen eher eine untergeordnete Rolle im Gespräch. Was man bei den folgsamen Klienten beobachten kann, ist eine Unterwerfung unter die „symbolische Ordnung“ (Bourdieu) des Jobcenters, die beispielsweise besagt: „Eingliederungsvereinbarungen sind sinnvoll und angebracht (weil den Klienten nicht zu trauen ist); es steht dem Arbeitsvermittler zu, alles über mich zu wissen; jede Arbeit ist besser als keine Arbeit usw.“ Durch jede Zustimmung der Klienten (z.B. Fragen beatworten, Eingliederungsvereinbarung unterschreiben) erkennen sie die symbolische Ordnung an und helfen dabei, sie zu reproduzieren. Dazu gehört auch, die defizitorientierte Deutung ihrer selbst anzuerkennen („Sozialleistungen zu beziehen ist moralisch fragwürdig und Grund für meine Hilfebedürftigkeit sind individuelle Vermittlungshemmnisse“) und an dieser Stelle kann man mit Bourdieu von symbolischer Gewalt sprechen.

Sich gegen diese Ordnung aufzulehnen ist nicht einfach, denn ein Widerspruch wird meist als Unwilligkeit gedeutet und ist nicht nur ein Angriff auf die Ordnung des Jobcenters, sondern auch auf den Arbeitsvermittler, der mit seiner symbolischen Autorität diese Ordnung repräsentiert. Diese Konstellation macht die Gespräche letztendlich so konfliktträchtig.

Dr. Bettina Grimmer hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

Kommentar

von Jan-Holger Kirsch | 05.12.2018 | 12:23 Uhr
Für eine stärker historische Einordnung des Themas siehe:
Wiebke Wiede, Von Zetteln und Apparaten. Subjektivierung in bundesdeutschen und britischen Arbeitsämtern der 1970er- und 1980er-Jahre, in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History 13 (2016), S. 466-487, URL: http://www.zeithistorische-forschungen.de/3-2016/id=5398

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