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Lena Reuter | 26.04.2020 | 495 Aufrufe | Interviews

"Ich bin skeptisch, ob es möglich ist, Feindbilder völlig zu beseitigen"

Interview mit Stefan Butter über Feinbilder in US-amerikanischen Spielfilmen

Mit Hollywood verbindet man Blockbuster, Actionfilme und Romanzen in hoher filmischer Professionalität. Kinofilme sind jedoch nicht nur ein beliebtes Unterhaltungsmedium, sie transportieren auch Konzepte und Werte der Gesellschaften, in denen sie produziert werden. Dazu gehören nicht zuletzt Vorstellungen von „Gut“ und „Böse“. Während der „Gute“ in der Regel ein Stellvertreter der eigenen Gesellschaft ist, wird als „Böser“ die Karikatur des Anderen präsentiert – mit allen negativen Eigenschaften, die man bei sich selbst nicht wahrnehmen möchte. Entlehnt aus realen tagespolitischen Ereignissen wie dem Kalten Krieg oder dem „Krieg gegen den Terror“ wurden und werden so Feinbilder gezeichnet, die wiederum unsere Wahrnehmung und damit die Realität beeinflussen. Muss der „Böse“, ohne den kein Held auskommt, immer ein Stereotyp des Anderen sein? Wie halten wir es in Zeiten komplexerer Diskussionen mit unseren Feinbildern? Dieser Frage ist Dr. Stefan Butter in seiner umfassenden Studie zum Feindbildwandel in den USA nachgegangen, zu der wir ihn im L.I.S.A.Interview befragt haben.

"Das Medium Film wurde von der Geschichtswissenschaft nur wenig beachtet"

L.I.S.A.: Herr Dr. Butter, Sie widmeten sich in Ihrer vor Kurzem veröffentlichten Dissertation den "Bösen", soll heißen Feinbildern in US-amerikanischen Spielfilmen. Sie schreiben, dass Ihre Arbeit Sie lange, beinahe 14 Jahre, begleitet hat. Woher rührt Ihr Interesse an dieser besonderen Thematik? Und welche Überlegungen gingen der Studie voraus? 

Dr. Butter: Als ich 14 Jahre alt war, habe ich angefangen, mit Freunden Amateurfilme zu drehen. Von da an habe ich mich mit Filmen auch immer stärker theoretisch auseinandergesetzt. Während meines Studiums gab es dazu an der Universität allerdings, gerade im Fach Geschichte, kaum Angebote; es war offensichtlich, dass das Medium von der Geschichtswissenschaft nur wenig beachtet wurde. Schon deshalb fand ich es spannend, in meiner Zulassungsarbeit für das Staatsexamen mit Spielfilmen als Quelle zu arbeiten. Als Thema wählte ich den „Ost-West-Konflikt im amerikanischen Spielfilm der 1980er Jahre“, weil ich hierzu direkt eine ganze Reihe Filme im Kopf hatte, die zu untersuchen interessant sein würde. Zudem erschien mir die Betrachtung des Jahrzehnts, in dem der Kalte Krieg zu Ende ging, besonders spannend. Im Zuge dieser Arbeit stieß ich dann auf die Feindbildthematik als einen zentralen Aspekt, der sich schnell herauskristallisierte. Es wurde mir bewusst, was für eine wichtige Rolle die UdSSR bzw. der Kommunismus als Feindbild für die Vereinigten Staaten gespielt hatte. Insbesondere die Umorientierung auf andere Feindbilder als Reaktion auf die weltpolitischen Umwälzungen konnte ich in dieser Arbeit aber natürlich nur anreißen, und da ich mich damit gerne noch intensiver beschäftigen wollte, entschloss ich mich, darüber zu promovieren. Die Entwicklungen in den Jahren, in denen ich an der Dissertation gearbeitet habe, haben mir die Relevanz des Themas dann immer wieder neu vor Augen geführt.

"Gemeinsames Feindbild Kommunismus ermöglichte die Integration der BRD in den Westen"

L.I.S.A.: Warum, glauben Sie, konnten gerade US-amerikanische Spielfilme in Europa so populär werden? Warum können wir uns gerade in Deutschland gut mit den "Helden" identifizieren oder erkennen wir in den "Bösen" unsere (politischen) Gegner wieder?

Dr. Butter: Dabei spielen sicherlich mehrere Faktoren eine Rolle. Zunächst einmal haben die USA im 20. Jahrhundert weltweit einen erheblichen auch kulturellen Einfluss entwickelt, der sich schon früh auch auf Deutschland erstreckte. Modernisierung wurde ja schon seit dem Beginn dieses Jahrhunderts gerade im Hinblick auf die Entstehung einer Massenkultur in vieler Hinsicht als „Amerikanisierung“ erlebt (und von diversen Zeitgenossen beklagt).

Mit Blick speziell auf die Popularität amerikanischer Spielfilme muss man zudem konstatieren, dass das Hollywoodkino seinen weltweiten Erfolg nicht zuletzt seinen Qualitäten verdankt. Die Profitorientierung macht Hollywood zwar auch immer wieder zur Zielscheibe von Kritik, man rümpft – heute zum Beispiel angesichts der vielen Fortsetzungen, Remakes und Reboots – gerne und mitunter sicher auch zu Recht die Nase über den geringen künstlerischen Anspruch industriell gefertigter Ware für den Massengeschmack; aber das hohe Maß an Professionalität auf allen Ebenen der Produktion kann man nicht bestreiten. Hollywoodfilme sind schlichtweg oft gut gemacht und sprechen deshalb viele Menschen an.

Was nun die „Bösen“ angeht, ist es in der Tat so, dass es da seit dem Zweiten Weltkrieg zumindest hinsichtlich Westdeutschlands eine weitgehende Übereinstimmung gab und gibt. Das gemeinsame Feindbild Kommunismus ermöglichte schließlich die rasche Integration der BRD in den Westen und half dabei, aus ehemaligen Feinden Verbündete zu machen. Und die USA blieben auch nach dem Kalten Krieg ein enger Partner des nun wiedervereinigten Deutschlands. Entsprechend gab es bei der Einschätzung, von wem man bedroht wird, in den letzten Jahrzehnten mehr Einigkeit als Unterschiede, auch wenn die einzelnen Feindbilder bei uns nicht immer gleichermaßen bedeutsam waren. Sehen kann man das aktuell etwa bei der weit verbreiteten Furcht vor dem Islam, die in der Bundesrepublik zum Beispiel auch eine Anknüpfungsmöglichkeit für Rechtsextreme an breitere Bevölkerungskreise schafft.

Interessant erscheint mir in dem von Ihnen angesprochenen Zusammenhang noch, dass wir uns mit „Helden“ der Art, wie sie in erfolgreichen US-Spielfilmen häufig auftreten, die nicht zuletzt Konflikte oft auf sehr gewalttätige Art und Weise lösen, offenbar leichter tun, wenn es sich dabei nicht um Deutsche, sondern um Amerikaner oder – wie bei James Bond – auch einmal um Briten handelt. Ich vermute, dass das damit zu tun hat, dass wir deutsche „Krieger“ aufgrund unserer Geschichte nicht so einfach gut finden können. Deutschland ist von manchen Wissenschaftlern ja auch als „postheroische“ Gesellschaft charakterisiert worden. Das Bedürfnis nach Geschichten, in denen ein „Held“ die „Bösen“ auslöscht, ist aber offenbar gleichwohl vorhanden. So gesehen bieten die amerikanischen „Helden“ sich als weniger problematischer Ersatz für deutsche an. Das müsste aber einmal genauer untersucht werden.

"'God, how I miss the cold war'"

L.I.S.A.: Sie beschreiben einleuchtend den Bedrohungswandel von der Thematik des Kalten Krieges und der Sowjetunion als Standardgegner in US-amerikanischen Spielfilmen hin zum „war on terror“. Welcher der vielen Filme, die Sie in Ihrem Buch besprechen, ist hier bezeichnend?

Dr. Butter: Man könnte diesbezüglich eine ganze Reihe Filme nennen. Ein gutes Beispiel ist sicherlich „The Peacemaker“ mit George Clooney und Nicole Kidman aus dem Jahr 1997. Dieser Film beschwört das paradigmatische Bedrohungsszenario des „war on terror“ mit den zentralen Elementen Massenvernichtungswaffen, Terroristen und „Schurkenstaaten“. Die Atomwaffen sind obendrein in Russland gestohlen worden – ein charakteristischer Plot der 1990er Jahre. Russland selbst erscheint in dieser Zeit nicht mehr als Feind, aber als Hort aller möglichen Bedrohungen, die aus seiner Schwäche und Instabilität resultieren. „God, how I miss the cold war“, ruft der Nationale Sicherheitsberater einmal in diesem Film aus, an dem man sehr gut sehen kann, wie die Welt nach dem Kalten Krieg als gefährlicher wahrgenommen wird, obwohl die Feinde, mit denen man es zu tun hat, schwächer sind als die UdSSR. Denn im Gegensatz zu den Sowjets gelten die Machthaber der „Schurkenstaaten“ und Terroristen wie die in „The Peacemaker“ als irrational und daher nicht abschreckbar.

"Dass Stereotype hinterfragt werden, ist ohne Zweifel eine positive Entwicklung"

L.I.S.A.: Die Diskurse um die Stereotype, die mit dem Zeichnen eines Feinbildes einhergehen, werden komplexer und auch innerhalb der Handlung von Filmen geführt. Was macht das mit uns? Und brauchen wir Feinbilder?

Dr. Butter: Dass Stereotype häufiger hinterfragt und die Stereotypisierung und Dämonisierung „Anderer“ problematisiert wird, ist ohne Zweifel erst einmal eine positive Entwicklung. Allerdings fällt es vielen Menschen nicht leicht, das zu akzeptieren. So spiegeln Filme und die Diskussionen um diese wiederum gesellschaftliche Konflikte, die in den USA, aber auch in Deutschland zu beobachten sind. Grob gesagt: Während es Leute gibt, die nicht mehr bereit sind, stereotype Darstellungen etwa nichtweißer Charaktere hinzunehmen, finden andere, dass man bei diesen Themen viel zu sensibel geworden ist und unangenehme Wahrheiten durch die oft beschworene „political correctness“ unterdrückt werden. Tatsächlich gab es schon vor zwanzig Jahren Klagen aus Hollywood, dass man außer gutsituierten Weißen eigentlich niemanden mehr als Schurken zeigen dürfe. Dass das reichlich übertrieben war und ist, sieht man beim Blick auf die Filme aber sehr schnell. Trotzdem ist es richtig, dass inzwischen auch häufiger an althergebrachten Vorstellungen gekratzt wird. Das kann einen, wenn man es zulässt, zum Nachdenken bringen.

Ob wir Feindbilder brauchen, ist eine gute Frage. Ihre Verbreitung legt zumindest die Vermutung nahe, dass dem so ist. In jedem Fall erfüllen Feindbilder zahlreiche Funktionen für Individuen und Gesellschaften, die sie verlockend machen und es erschweren, sich von ihnen zu lösen. Ich bin deshalb leider skeptisch, ob es möglich ist, Feindbilder völlig zu beseitigen. Realistischer erscheint es mir, dass ein größeres Bewusstsein für Feindbilder und die aus diesen resultierenden Probleme geschaffen wird. Das wäre ein wichtiger Schritt in die Richtung, unser Handeln nicht oder zumindest möglichst wenig von Feindbildern bestimmen zu lassen.

"Seit der UdSSR gibt es keinen Staat, der die Rolle des 'evil empire' ausfüllen könnte"

L.I.S.A.: Nach all den Gegnern, die die USA in ihren Spielfilmen schon besiegt haben und angesichts der aktuellen politischen Lage - was denken Sie, wer der nächste "Böse" sein wird?

Dr. Butter: Als Historiker, der die Vergangenheit erforscht, weiß man, wie schwierig es ist, die Zukunft vorherzusagen. Klar ist, dass die aktuell dominierenden Feindbilder nicht wie die UdSSR verschwinden werden. Terrorismus insbesondere kann, auch wenn George W. Bush genau das als Ziel des „war on terror“ ausgegeben hat, nicht besiegt werden. Insofern werden die derzeitigen „Bösen“ uns und auch Hollywood erhalten bleiben, selbst wenn sie an Bedeutung verlieren sollten. Ein anderes Feindbild kann aber selbstverständlich irgendwann ins Zentrum der Bedrohungswahrnehmung rücken. In gewisser Weise sieht es seit einigen Jahren nach einer Art Comeback Russlands aus, aber vom Status des zentralen „Bösen“ ist es doch noch weit entfernt. Als Staat erscheint außerdem China als naheliegender Kandidat, zumal die chinesische Führung durchaus den Ehrgeiz zu haben scheint, den Westen bzw. die USA im Hinblick auf globalen Einfluss herauszufordern. Allerdings wird China anders als die UdSSR im Kalten Krieg bislang in militärischer Hinsicht nicht als ebenbürtiger oder gar überlegener Gegner gesehen, und es ist wirtschaftlich sehr eng mit der westlichen Welt verflochten. Hollywood umwirbt den chinesischen Markt seit einiger Zeit heftig und baut dafür zum Beispiel Charaktere, die von chinesischen Darstellern verkörpert werden, in große Produktionen ein. Letztlich ist das ein Problem der USA, um das es in meiner Arbeit geht: Seit die Sowjetunion zusammengebrochen ist, gibt es keinen anderen einzelnen Staat, der deren Rolle als „evil empire“ glaubwürdig ausfüllen könnte. Geblieben sind „schwache“ Feinde und transnationale Bedrohungen. Wir werden sehen, ob sich das irgendwann wieder ändert.

Dr. Stefan Butter hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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