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Judith Wonke | 28.11.2017 | 519 Aufrufe | Interviews

"Fassade eines halbwegs eigenständigen Sports"

Interview mit Nils Havemann zur "zweiten" Gleichschaltung des Fußballs im Nationalsozialismus

Die "erste" Gleichschaltung, wie Dr. Nils Havemann die Ereignisse bis 1934/35 bezeichnet, beschränkte sich im Wesentlichen auf die Auflösung von alten Landesverbänden sowie die Umstellung auf das "Führerprinzip" - ein Wandel der in einigen patriarchalisch-autoritär geführten Vereinen nicht nur auf Ablehnung stieß. Im Frühjahr 1936 folgte dann ein Wendepunkt und nach den Olympischen Spielen beschleunigte sich der Prozess der Unterwerfung. Doch wie genau drückte sich diese aus? Wie unterscheiden sich diese "beiden" Gleichschaltungen? Und welche Auswirkungen hatte der Ausschluss von Vereinsmitgliedern auf nicht-jüdische Mitglieder? Dr. Nils Havemann gibt auf diese und weitere Fragen in unserem Interview Antworten. 

"Hohes Maß an ideologischer Linientreue"

L.I.S.A.: Herr Dr. Havemann, Sie differenzieren in Ihrem Aufsatz zwischen der "ersten" und "zweiten" Gleichschaltung deutscher Fußballvereine. Wie lassen sich diese beiden Phasen unterscheiden und wo sehen Sie den „Wendepunkt“ der Entwicklungen?

Dr. Havemann: Angesichts der großen Bedeutung, die der Sport schon damals besaß, strebte das NS-Regime nach der „Machtergreifung“ sofort danach, auch den Sport „gleichzuschalten“, um alle wichtigen gesellschaftlichen und politische Bereiche auf die NS-Ideologie auszurichten. Doch die „erste Gleichschaltung“, die sich zeitlich bis 1934/35 erstreckte, beschränkte sich im Bereich des vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) organisierten „bürgerlichen“ Fußballs – von einigen regionalen und lokalen Besonderheiten abgesehen – zunächst auf die Auflösung der alten Landesverbände sowie die Umstellung des Vereinswesens auf das „Führerprinzip“. Letzteres war bei den allermeisten Funktionären insofern willkommen, als das vom Bürgerlichen Gesetzbuch vorgeschriebene Demokratieprinzip der Clubs in den Jahren zuvor häufig als Last empfunden worden war. Die meisten Vorsitzenden pflegten ohnehin einen patriarchalisch-autoritären Führungsstil, der sich bei den großen Vereinen im Übrigen noch bis in die 1980er Jahre beobachten ließ. Der eigentliche Wendepunkt, den ich die „zweite Gleichschaltung“ nenne, setzte erst im Frühjahr 1936 ein und hatte weitaus gravierendere Folgen für den Fußball wie für den Sport insgesamt. Während in den drei Jahren zuvor der DFB und seine Vereine große Freiräume in der Organisation ihrer sportlichen Wettbewerbe und der Führung ihrer Geschäfte genossen hatten, begann das NS-Regime am 23. April 1936 mit dem „Erlass über die Errichtung des Reichssportamtes“, den gesamten Bereich der Leibesübungen eng an sich zu ziehen. Der Prozess der Unterwerfung beschleunigte sich nach dem Ende der Olympischen Spiele. Zu spüren bekam dies nicht zuletzt das alte Führungspersonal im deutschen Fußball, das im Zuge zahlreicher Intrigen nach und nach seiner einflussreichen Stellungen enthoben oder seiner Zuständigkeiten beraubt wurde. Viele Personen, die bis 1936 den Ton im „bürgerlichen“ Fußball angegeben hatten, verschwanden allmählich von der Bildfläche oder wurden zu „Frühstücksdirektoren“ degradiert, die sich bisweilen mit ihren alten Titeln schmücken durften, aber ansonsten im Fußball kaum noch Gestaltungsspielräume hatten. Übrig blieben von der ehemaligen Garde nur jene Personen, die ein hohes Maß an ideologischer Linientreue an den Tag legten, aufgrund ihrer verwaltungstechnischen Erfahrungen unverzichtbar erschienen oder sich – wie beispielsweise Reichstrainer Sepp Herberger – in den zermürbenden Konflikten mit den ehrgeizigen Parteirepräsentanten listig zu behaupten wussten. Im organisatorischen Bereich machte sich die „zweite Gleichschaltung“ nicht zuletzt darin bemerkbar, dass der DFB und seine Vereine ihre kommerziellen Aktivitäten im Umfeld des deutschen Spitzenfußballs herunterfahren mussten und auch die Hoheit über ihre Spielprogramme weitgehend verloren, weil vor allem Begegnungen mit ausländischen Mannschaften außenpolitischen Erwägungen des NS-Regimes zu gehorchen hatten. – Übrigens wird in der Forschung der Terminus „bürgerlicher“ Sport verwendet für in ihrem Selbstverständnis weltanschaulich neutrale Organisationen; von diesen unterschied sich in der Weimarer Republik der von den Kirchen oder Linksparteien betriebenen Sport, der sich außersportlichen Zielen wie Glaube oder Klassenkampf verschrieben hatte.

"Lackmustest für die politische Haltung"

L.I.S.A.: Wie änderte sich durch die „Gleichschaltung“ und den Ausschluss der jüdischen Vereinsmitglieder der Alltag für die nicht-jüdischen Mitglieder?

Dr. Havemann: Mit der „ersten Gleichschaltung“ begann unmittelbar auch der Ausschluss der jüdischen Vereinsmitglieder. Allerdings ist in diesem Zusammenhang zu betonen, dass die Vereine in diesem Bereich häufig eigenmächtig handelten. Denn sowohl das NS-Regime als auch der DFB verlangten zunächst „nur“, dass Juden (und „Marxisten“) aus führenden Stellungen entfernt werden sollten, sie durften aber weiterhin am regulären Sportbetrieb in den Vereinen teilnehmen. Erst die „zweite Gleichschaltung“ ab 1936 war gleichbedeutend mit dem vollständigen Ausschluss. Die Art, wie einzelne Vereine bis dahin mit ihren jüdischen Sportkameraden umgegangen waren, erwies sich daher oft als der eigentliche Lackmustest für die politische Haltung der nicht-jüdischen Mitglieder. Angesichts der enormen Heterogenität der Vereine, die Menschen aus allen politischen und sozialen Milieus anzogen, ist es nicht verwunderlich, dass die Verhaltensweisen gegenüber den jüdischen Mitgliedern anfangs oft widersprüchlich und voller Ambivalenzen waren. In diesem Zusammenhang sollte der korrumpierende Effekt der „Erfolge“, die das NS-Regime mit seinen gewaltigen Investitionen auch im Bereich des Sports feierte und entsprechend propagandistisch ausschlachtete, nicht unterschätzt werden. Aus Sicht der nicht-jüdischen Mitglieder erfuhr der Fußball einen enormen Aufschwung, der sich nicht nur im Spitzensport, sondern gerade auch im Alltag des Breitensports bemerkbar machte: Dass in den Vereinen plötzlich jene materiellen Probleme behoben waren, die den Sportverkehr während der Wirtschaftskrise fast zum Erliegen gebracht hatten, steigerte die Loyalität zum NS-Regime und damit auch zu ihren verbrecherischen Zielen. Dies erleichterte den Ausschluss der Juden, die vor 1933 im „bürgerlichen“ Fußball integriert und als gleichwertige Mitglieder akzeptiert zu sein schienen. Seltsamerweise sind viele jüdische Vereinsmitglieder, die den Massenmord überlebten, nach dem Ende des NS-Regimes sofort wieder in ihre alten Clubs zurückgekehrt, wo sie teilweise wie selbstverständlich mit jenen zusammen arbeiteten, spielten und feierten, die sie wenige Jahre zuvor aus ihren Reihen ausgeschlossen hatten. In einigen Fällen haben sich überlebende Juden sogar für die Täter in den Entnazifizierungsverfahren eingesetzt. Wie dieses Verhalten zu erklären ist, hat die Forschung bislang noch nicht befriedigend beantworten können.

"Dreh- und Angelpunkt in den sportpolitischen Planungen"

L.I.S.A.: Wie wirkten sich die Olympischen Spiele 1936 auf die Gleichschaltungsmaßnahmen deutscher (Fußball-)Vereine aus und wie entwickelten sich die Prozesse nach Beendigung der Spiele? 

Dr. Havemann: Die Olympischen Spiele waren von Anfang an der Dreh- und Angelpunkt in den sportpolitischen Planungen des NS-Regimes. Es hielt sich mit seinen Maßnahmen im Zuge der „ersten Gleichschaltung“ vor allem deshalb zurück, weil die Olympischen Spiele 1936 in Deutschland stattfinden sollten. Aus der Perspektive des NS-Regimes waren sie eine hervorragende Gelegenheit, sich mit dem trügerischen Schein eines friedlichen Landes zu umgeben. Im Ausland sollte möglichst der Eindruck vermieden werden, als ob der Sport in Deutschland nicht mehr nach jenen Grundsätzen funktionierte, welche die internationalen Sportverbände vorgaben. Eine daraus resultierende Boykottbewegung gegen den deutschen Sport sollte unter allen Umständen verhindert werden, um den propagandistischen Erfolg der Spiele nicht zu gefährden. Folglich wurde die oben bereits angesprochene „zweite Gleichschaltung“ des Sports im Frühjahr 1936 sehr behutsam eingeleitet, sodass die eigentlichen Intentionen bis zum Erlöschen des olympischen Feuers nicht allzu sicht- und spürbar waren. Der erwähnte „Erlass über die Errichtung des Reichssportamtes“ vom April 1936 ließ die genauen Kompetenzen der neuen Behörde im Unklaren. Er legte lediglich fest, dass sich das Reichsinnenministerium mit der Abgrenzung der Zuständigkeiten des Reichssportamtes beschäftigen sollte. All dies war aus nationalsozialistischer Perspektive ein cleverer Schachzug, weil er in der Tat die eigentliche Richtung in der Sportpolitik, nämlich die de-facto Verstaatlichung des Sports bzw. dessen Unterwerfung unter die NSDAP und die Auflösung der eigentlich privatrechtlich organisierten und geschützten Verbände, lediglich andeutete und somit ein lautes, empörtes Raunen sowohl der nationalen als auch der internationalen Sportverbände weitgehend verhinderte. Denn erst einmal trat lediglich zutage, dass der Deutsche Reichsbund für Leibesübungen (DRL) eine hauptamtliche Verwaltung erhalten würde und die alten Fachverbände nun auch im Alltag als „Reichsfachämter“ firmieren sollten – was beispielsweise der DFB selbst nach 1933 als demonstratives Zeichen vermeintlicher und tatsächlicher Kontinuität nicht getan hatte. Es war bezeichnend, dass die Umformung des alten DFB zwar am 1. April 1936 mit seiner Transformation zum Reichsfachamt Fußball im DRL begann, aber einer Anordnung der Reichssportführung zufolge erst am 31. März 1937 vollzogen sein sollte. Ein Boykott der Olympischen Spiele aus Protest gegen die staatliche Gängelung des deutschen Sports war zu diesem Zeitpunkt selbstredend nicht mehr möglich.

"Fassade eines halbwegs eigenständigen Sports"

L.I.S.A.: Welche Maßnahmen wurden ergriffen, um die Vereine außerhalb Deutschlands – trotz Gleichschaltung – relativ eigenständig wirken zu lassen?

Dr. Havemann: Die Reichssportführung bemühte sich, auch die weiteren Schritte der „zweiten Gleichschaltung“ derart zu gestalten, dass gegenüber dem Ausland zumindest die Fassade eines halbwegs eigenständigen Sports gewahrt blieb. In dieser Hinsicht geriet vor allem das Bestreben der NS-Gliederungen, die Leibesübungen zu kontrollieren, zu einem großen Problem. Viele Vereine – nicht nur im Bereich des Fußballs – mussten sich auflösen, weil die Mitglieder nun zu Verpflichtungen der Parteigliederungen herangezogen wurden. 1937 umfasste der DRL nur noch rund 3,6 Millionen Mitglieder, nachdem er 1933 weit mehr als 6,2 Millionen gezählt hatte. Es musste also möglichst rasch eine Form gefunden werden, die auf der einen Seite den deutschen Sport stärker den ideologischen Vorgaben des NS-Regimes unterwarf, ihn aber auf der anderen Seite vor einer weiteren Auszehrung durch die konkurrierenden Ansprüche der verschiedenen Gliederungen bewahrte, ihn dadurch leistungsfähig erhielt und dabei gleichzeitig nach außen noch den Eindruck relativer Eigenständigkeit erweckte. Da das NS-Regime weiter großen Wert auf eine Fortsetzung des internationalen Sportverkehrs legte, kam es im Dezember 1938 nach langem Ringen zur Schaffung eines Nationalsozialistischen Reichsbundes für Leibesübungen (NSRL), durch den dem völligen Zusammenbruch des DRL vorgebeugt und der deutsche Sport gegenüber den NS-Gliederungen stark gemacht werden sollte. Dennoch blieb der deutsche Sport auch in den folgenden Jahren Gegenstand widerstreitender Interessen und erbitterter Machtkämpfe, was dazu beitrug, dass der reguläre Sportbetrieb immer mehr zerfaserte, bis er unter den Bedingungen des „totalen Kriegs“ endgültig zusammenbrach.

"Die früheren Schwarz-Weiß-Kategorien haben sich weitgehend aufgelöst"

L.I.S.A.: Auf welches Quellenmaterial beziehen Sie sich in Ihren Forschungen?

Dr. Havemann: Die Quellenlage zum Sport und insbesondere zum Fußball im Nationalsozialismus ist insgesamt als befriedigend zu bezeichnen. Auf der einen Seite ist sehr viel wertvolles Material schon während des Krieges und unmittelbar danach verloren gegangen; auf der anderen Seite haben sich neben den Überlieferungen der Reichskanzlei, des Reichsministeriums des Innern sowie der Partei-Kanzlei der NSDAP, die im Bundesarchiv in Berlin lagern, vor allem die umfangreichen Bestände der Stadtarchive als nützlich erwiesen. Da die Kommunen intensiven Kontakt zu ihren sportlichen Aushängeschildern unterhielten, gibt es zu diesem Themenkomplex umfangreiche Akten, die einen tiefen Blick in die Entwicklungen des Fußballsports vermitteln. Indes gilt dies nicht für jene Sportarten, die damals weitaus weniger als das runde Leder das öffentliche Interesse erregten. Eine gewisse Vorsicht ist selbstverständlich bei der Auswertung von Zeitungen, Zeitschriften oder auch Vereinsfestschriften aus jener Zeit geboten, die vor allem in den früheren Publikationen zu diesem Thema herangezogen wurden: Ihre Lektüre erbringt in der Regel keinen großen heuristischen Ertrag, weil sie allzu oft in propagandistischer Absicht verfasst wurden. Von dieser Warte aus ist es nicht verwunderlich, dass Teile der früheren Sportgeschichte auf die NS-Propaganda hereingefallen sind und geglaubt haben, dass der gesamte „bürgerliche“ Sport ein willfähriger Komplize des Nationalsozialismus gewesen sei. Die jüngere Forschung zeichnet hier ein weitaus differenzierteres Bild und vermittelt mittlerweile einen guten Eindruck davon, wie eng nebeneinander begeisterte Akzeptanz und schroffe Ablehnung des NS-Regimes beziehungsweise seiner Maßnahmen liegen konnten. Die früheren Schwarz-Weiß-Kategorien, wonach ein Verband wie der DFB oder einzelne Vereine wie der FC Bayern München, der FC Schalke 04 oder Borussia Dortmund pauschal als „nazifreundlich“ oder „naziskeptisch“ eingeordnet wurden, haben sich weitgehend aufgelöst und sind einem dunklen Grau gewichen, in dem immer noch viele verwirrende, widersprüchliche und rätselhafte Schattierungen zu entdecken sind.     

Dr. Nils Havemann hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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