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Georgios Chatzoudis | 08.07.2014 | 1921 Aufrufe | 1 | Interviews

Fanmeilen als „realgesellschaftliches Laboratorium“

Interview mit Dagmar Schediwy über Wesen und Geschichte von "Schland"

Mit der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland etablierte sich in der Bundesrepublik ein neues Phänomen, dessen Kennzeichen Fahnen, Schminke, Hüte und Zylinder, Außenspiegelschlüpfer und Radkappen, Bierdosen, Girlanden, Blütenketten, Brillen, Torten und Krapfen, Fanmeilen und Public Viewing-Bühnen und viele Schlagzeilen in den Farben Schwarz, Rot und Gold sind. Seitdem spricht man vom "Sommermärchen" und freut sich eines neuen unverkrampften und fröhlichen Bekenntnisses zu...ja, zu was eigentlich? Der Nationalmannschaft, den Spielern, dem eigenen Land beziehungsweise zu "Schlaaand"? Wir haben die Sozialpsychologin Dr. Dagmar Schediwy gefragt, die sich bis heute in mehreren Publikationen mit diesem Phänomen beschäftigt.

"Ein historisch völlig neues Phänomen"

L.I.S.A.: Frau Dr. Schediwy, Sie untersuchen seit der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 Fanfeste, Public Viewing-Veranstaltungen und Stimmungen in Deutschland. Ihre Beobachtungen sind in zahlreiche Artikel eingegangen und werden in Ihrem Buch mit dem Titel „Ganz entspannt in Schwarz-Rot-Gold. Der Neue deutsche Fußballpatriotismus aus sozialpsychologischer Perspektive“ analysiert. Wie kamen Sie zu diesem Thema? Was war Anlass, sich mit dem sogenannten deutschen Fußballpatriotismus zu beschäftigen?

Dr. Schediwy: Die Idee zu meiner Forschungsarbeit kam mir in den Anfangstagen der Fußballweltmeisterschaft 2006. Ursprünglich war ich weder fußballbegeistert, noch hatte ich mich wissenschaftlich mit Themen wie Patriotismus oder Nationalismus befasst. Ich überlegte sogar, während der Zeit der WM zu verreisen. Das öffentliche Zurschaustellen von Nationalgefühl war jedoch so massiv, dass ich das Gefühl hatte, einem historisch völlig neuen Phänomen gegenüberzustehen. Ähnliches hatte ich bislang in der Bundesrepublik Deutschland weder im Rahmen internationaler Sportbewerbe noch öffentlicher Massenveranstaltungen erlebt. Als ich nach dem zweiten Deutschlandspiel durch die Stadt radelte und sogar in bekannten Berliner Szenevierteln Gruppen Schwarz-Rot-Gold beflaggter Jugendlicher entdeckte, war mein Entschluss gefasst: Ich wollte diesem für die Nachkriegszeit neuartigen Phänomen auf den Grund gehen. Dabei spielte auch meine Leidenschaft und Neugier als Sozialpsychologin eine Rolle. Ich habe mit einem Wort des Münchner Sozialpsychologen Heiner Keupp den Fußballevent und die Fanmeilen als „realgesellschaftliches Laboratorium“ empfunden, in dem sich eine Vielzahl sozialpsychologischer Themen entdecken und erforschen lässt.

"Es ist das national konnotierte Gemeinschaftserlebnis"

L.I.S.A.: Was sind Ursachen und Gründe für diese Begeisterung? Wie erklären Sie sich diese Euphorie mit Blick auf die deutsche Fußball-Nationalmannschaft? Um was geht es dabei vor allem - den Fußball, das Nationale oder die Mannschaft bzw. die Spieler?

Dr. Schediwy: Es ist das national konnotierte Gemeinschaftserlebnis, das die euphorische Stimmung entfacht. Deutschlandfans berichten immer wieder, wie allein der Anblick anderer Fans in Deutschlandfarben bei ihnen Glücksgefühle auslöst. Noch größer ist das Hochgefühl beim gemeinsamen Fiebern mit der Mannschaft. Als ich am Ende der Fußballevents Deutschlandfans auf der Fanmeile befragte, was für sie das schönste an der WM oder EM gewesen sei, tauchten in den Antworten kaum sportliche Aspekte auf. Selbst bei den wenigen, wo dies der Fall war, wurden sportliche Aspekte immer an den Sieg der deutschen Mannschaft geknüpft. Demgegenüber rückten die sozialen Begleiteffekte des Fußballevents in den Vordergrund: Häufig wurden "das Miteinander", "das Einigkeitsgefühl", "das Gefühl der Zusammengehörigkeit", das "Wir-Gefühl" oder "der Zusammenhalt der ganzen Nation" genannt. Auch das Fehlen von gesellschaftlichen Unterschieden während des Events wurde als schön empfunden. In der Identifikation mit der Nationalmannschaft werden offenbar Unterschiede der Herkunft, des Berufs, der sozialen Schicht und des persönlichen Habitus irrelevant.

Siege der deutschen Mannschaft steigern das Hochgefühl natürlich noch, weil sie von den Fans als eigene Siege verbucht werden und das Selbstwertgefühl steigern. Als "Basking in reflected glory" wird dieses Phänomen in der englischsprachigen Sportliteratur genannt. So wie der Erfolg der eigenen Mannschaft ein Gefühl des Stolzes hervorruft, wird andererseits ihr Scheitern als "Schande" empfunden. Die anfangs vorhandene Euphorie ist dann im Nu vorbei und kehrt sich nicht selten in ihr Gegenteil.

"Das neue Nationalgefühl wurde ganz wesentlich von den Medien selbst mitkreiert"

L.I.S.A.: Während der WM 2006 erfanden die Medien den Begriff „Sommermärchen“, der wahrscheinlich Aufnahme in die „Deutschen Erinnerungsorte“ finden würde, sollte es einmal eine aktualisierte Auflage des dreibändigen Werkes von Etienne Francois und Hagen Schulze geben. Gefeiert wurde dabei vor allem ein neuer fröhlicher, unverkrampfter und weltoffener Patriotismus. Realität oder Wunschdenken?

Dr. Schediwy: "Der fröhliche, unverkrampfte und weltoffene Patriotismus" ist vor allem ein Produkt der Medien, denen es um ein Re-Branding der Marke Deutschland geht. Dabei werden problematische Begriffe wie Patriotismus und Nationalismus von ihrem angestaubten Image befreit und in ein neues Wortumfeld gesetzt. Bereits bei der WM 2006 habe ich jedoch erlebt, wie Deutschlandfans das Abspielen der Nationalhymne des jeweiligen Kontrahenten der deutschen Mannschaft ausbuhten. Für solche Ausfälle, die das Bild der heiteren, weltoffenen Patriotismus konterkarieren, waren die Medien jedoch lange Zeit blind. Im Gegenteil wurde das neue Nationalgefühl, das sich angeblich mit der Weltmeisterschaft 2006 spontan einstellte, ganz wesentlich von den Medien selbst mitkreiert. In einer Printmedienanalyse der WM 2006 habe ich herausgefunden, dass die Medien, allen voran die Bildzeitung, die Menschen schon Wochen vor der WM auf ein neues Deutschlandgefühl einschworen. Dabei gab es eine Arbeitsteilung zwischen der Boulevardpresse und den so genannten "Qualitätszeitungen": Während erstere die notwendigen Affekte erzeugten, stellten letzere die passenden Argumente bereit. Dabei waren zwei Argumentationsmuster besonders prominent: Zum einen wurde gesagt, dass sich in der patriotischen Aufwallung während der Spiele eine Normalisierung des Verhältnisses der Deutschen zu "ihrer Nation" ausdrücke. Im Argumentationsmuster des Partypatriotismus wiederum wurde die schwarz-rot-goldene Begeisterung zu einem Ereignis der Eventkultur erklärt, das keinerlei politische Bedeutung habe. Das führte dazu, dass sogar massiv rechtsradikales Verhalten übersehen oder als Ausdruck von Partystimmung verharmlost wurde.

"Eine stärkere Sensibilisierung gegenüber nationalistischen Tendenzen"

L.I.S.A.: Kritiker dieses Fußballpatriotismus heben hervor, dass sich das gesellschaftspolitische Koordinatensystem insgesamt nach rechts verschoben habe. Verstärker seien dabei nicht zuletzt die Massenmedien, die sich gerade im Zuge solcher "Wettkämpfe der Nationen" zunehmend einem nationalen bzw. Wir-Jargon verschreiben würden. Sehen Sie das auch so?

Dr. Schediwy: Dass sich das gesellschaftliche Koordinatensystem insgesamt nach rechts verschoben hat, kann ich so nicht bestätigen. Ausgelöst durch die Finanzkrise werden auch im gesamtgesellschaftlichen Diskurs vermehrt kapitalismuskritische Stimmen laut. Wahlerfolge einer rechtspopulistischen Partei wie der AFD würde ich nicht unbedingt mit Sportgroßereignissen in Verbindung bringen, auch wenn hier sowohl im Fernsehen wie in der Boulevardpresse nach wie vor der "Wir-Jargon" dominiert.

Bei den so genannten Qualitätszeitungen beobachte ich aber eine stärkere Sensibilisierung gegenüber nationalistischen Tendenzen. Nicht alles, was eindeutig nationalistischen oder rechtsradikalen Impulsen entspringt, wird weiterhin euphemistisch als Patriotismus verkauft. Auch insgesamt wird die gesellschaftliche Ikonisierung des Fußballs ein Stück weit in Frage gestellt: So machte zum Beispiel Die Zeit kurz vor der Fußballweltmeisterschaft mit dem Titel "Darf man Fußball hassen?" auf.

"Das Ausdrücken von Nationalgefühl ist schon fast eine soziale Konvention"

L.I.S.A.: Gut acht Jahre bzw. zwei Weltmeisterschaften später wird hierzulande wieder kräftig mitgefiebert und mitgefeiert, wenn die deutsche Nationalmannschaft spielt. Alles wie gehabt oder hat sich etwas verändert?

Dr. Schediwy: Mittlerweile hat man sich an schwarz-rot-goldene Fahnenmeere, Autokorsos und ekstatisch feiernde Fans im Zwei-Jahres-Rhythmus gewöhnt. Man weiß jetzt auch besser als noch vor acht Jahren, dass der Spuk spätestens nach vier Wochen vorüber ist. Der Fußballevent entwickelt sich immer mehr zu einem gesellschaftlich akzeptierten Fest mit genau definierten Regeln und Ritualen, das Ähnlichkeiten mit bereits etablierten Festen hat. Wie zu Weihnachten werden einem zum Beispiel beim Metzger oder im Fitnessstudio neuerdings "Schöne Spiele" gewünscht. Dabei ist das Mitfeiern und das Ausdrücken von Nationalgefühl schon fast zu einer sozialen Konvention geworden, die normativen Charakter hat. Dass es Menschen gibt, die weder am Fußballgucken noch am öffentlichen Ausdruck von Nationalgefühl Spaß und Interesse haben, wird immer weniger akzeptiert.

Dr. Dagmar Schediwy hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

Kommentar

von Marcus Cyron | 08.07.2014 | 18:44 Uhr
"Bereits bei der WM 2006 habe ich jedoch erlebt, wie Deutschlandfans das Abspielen der Nationalhymne des jeweiligen Kontrahenten der deutschen Mannschaft ausbuhten." - hieran merkt man, daß mit den Studien offenbar wirklich erst 2006 begonnen wurde. Diese Unsitte ist leider schon so lange im Fußball verbreitet wie ich mich dafür interessiere (1991 - und es ist sicher schon weitaus länger) und alles andere als nur auf deutsche Fans beschränkt. Es ist ein Fußballtypisches Phänomen, daß nicht überbewertet werden sollte. Es ist ein Psychospiel, das nichts mit Überhöhung der eigenen Mannschaft oder gar Nation zu tun hat, sondern der (sportlichen) Einschüchterung des Gegners dienen soll. Das Problem ist also nicht nationaler Natur, sondern eine grobe Unsportlichkeit.

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