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Judith Wonke | 22.05.2018 | 244 Aufrufe | Interviews

"Es gibt immer weniger hibakusha"

Interview mit Dr. Stefanie Schäfer zum Atombombenmuseum Hiroshima

Am 6. August 1945 wurde die Atombombe "Little Boy" über der japanischen Stadt Hiroshima abgeworfen. Es war der erste und - zusammen mit dem Angriff auf Nagasaki - der bislang einzige Einsatz von Atombomben. Bis heute wird dieses Ereignis nicht nur in Japan, sondern weltweit erinnert, denn der 6. August gilt gemeinhin als Beginn des nuklearen Zeitalters. Stefanie Schäfer setzt sich mit dieser Thematik auseinander und stellt die These auf, Hiroshima sei keinesfalls ein homogener Erinnerungsort, sondern von vielen nationalen Erinnerungskulturen und Identitäten geprägt. Im Interview erklärt sie dieses Konzept des Erinnerungsortes und beantwortet Fragen nach dem transnationalen Erinnerungswandel im 20. Jahrhundert, der Rolle der Vereinigten Staaten von Amerika und der Bedeutung eines Opfernarratives. 

Abbildung (r.): Hiroshima Peace Memorial Museum, Copyright: CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=245122

"Der Atombombenabwurf bedeutet zugleich den Beginn des nuklearen Zeitalters"

L.I.S.A.: In Ihrem kürzlich erschienenen Buch thematisieren Sie das Atombombenmuseum von Hiroshima und nähern sich dem Forschungsfeld aus einer japanologischen Perspektive. Woher rührt Ihr Interesse an der Thematik?

Dr. Schäfer: Sehr viele Arbeiten über Kriegserinnern in Japan, aber auch über die Atombombenabwürfe und das Gedenken an diese wurden von deutschen Wissenschaftler_innen geschrieben. Wenn man in Deutschland aufwächst, setzt man sich unweigerlich mit der Frage, welche Lehren wir aus der Vergangenheit ziehen müssen auseinander. Und das trägt man dann auch in die Begegnung mit anderen Kulturkreisen – so war das zumindest bei mir und offensichtlich auch bei vielen KollegInnen.

L.I.S.A.: Was wird in diesem Museum erinnert? Der Atombombenabwurf selbst oder der Beginn des nuklearen Zeitalters? Und welche Rolle spielen die hibakusha – also die Überlebenden der Katastrophe?

Dr. Schäfer: Im Selbstverständnis des Museums und der Stadt Hiroshima bedeutet der Atombombenabwurf zugleich den Beginn des nuklearen Zeitalters wie auch seinen (vorerst) tragischen Höhepunkt. Der Schwerpunkt der Ausstellung liegt auf dem Abwurf selber, aber das Museum berichtet auch über die Entwicklung der Bombe, die historischen Ereignisse, die zum Krieg und zum Abwurf der Bombe führten, bis hin zur heutigen Bedrohung durch Atomwaffen und die Abrüstungsbewegung. Ziel ist es, auf zivilgesellschaftlicher Ebene die Friedenserziehung und Abrüstung voranzubringen. Daher gibt es zahlreiche Aktivitäten, die die Ausstellung begleiten. Die Überlebenden der Atombombe sind dabei im Laufe der Jahre immer wichtiger geworden. Gerade im Umgang mit Generationen, die weder die Atombombe noch Krieg im Allgemeinen erlebt haben, wurde die Begegnung mit Augenzeugen zu einem wichtigen Instrument. Seit einiger Zeit ist man sich aber zudem bewusst, dass es immer weniger hibakusha gibt. Das hatte Einfluss auf den zweiten Auftrag des Museums, die Bewahrung der Erinnerung. So gibt es nun umfangreiche Bemühungen, die Augenzeugenberichte aufzuzeichnen.

"Fundamentale[r] Wandel des öffentlichen Erinnerns"

L.I.S.A.: Sie bezeichnen die Erinnerung an die Atombombenabwürfe als eine frühe Form des transnationalen Erinnerungswandels im 20. Jahrhundert. Können Sie dies erläutern? Was änderte sich? Und welche Akteure ergeben sich in der Erinnerung an Hiroshima?

Dr. Schäfer: Das 20. Jahrhundert brachte einen fundamentalen Wandel des öffentlichen Erinnerns mit sich. Dabei sieht man allgemeinhin die Erfahrungen des Ersten und Zweiten Weltkriegs - insbesondere des Holocaust - im Mittelpunkt, die in Europa nationalistische, kriegsverherrlichende Gedenkkulturen in den Hintergrund drängten und stattdessen Erinnerungsformen hervorbrachten, die sich kritisch mit der eigenen Geschichte und mit Gewalt auseinandersetzen. Dieser Diskurs wurde dann, so die allgemeine Annahme, auf andere Orte weltweit übertragen.

Hiroshima relativiert diese westliche Selbstwahrnehmung. Es ist ein außereuropäischer Ort, der bereits unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg eine wesentliche Rolle für die Entstehung dieses Erinnerungswandels spielte. Vom ersten Augenblick an verstanden Aktivisten und Politiker vor Ort ihre Aufgabe als eine globale und Friedensaktivisten aus Europa und den USA besuchten wiederum Hiroshima. Diese enge Vernetzung, gegenseitige Besuche, Briefwechsel, gemeinsame Konferenzen, ein enger Austausch von Auschwitz- und Atombombenüberlebenden, Gastausstellungen und so weiter belegen die transnationale Dimension des Erinnerungswandels.

"Frage nach der eigenen Kriegsschuld"

L.I.S.A.: Welche Rolle spielen die Vereinigten Staaten von Amerika in der Erinnerung an den Atombombenabwurf? Wie drücken sich diese Interessen im Atombombenmuseum von Hiroshima aus?

Dr. Schäfer: Über viele Jahrzehnte hinweg thematisierte die Ausstellung weder wer die Atombombe abwarf, noch warum dies geschah. Das ist aber weniger einer direkten Einflussnahme durch die USA geschuldet, sondern dem Umstand, dass japanische Offizielle, aber auch Friedensaktivisten Konflikte scheuten. Manche wollten amerikanische oder amerika-freundliche Abrüstungsbefürworter nicht abschrecken, andere sorgten sich vor einer Konfrontation mit dem Verbündeten USA, wieder andere befürchteten, damit auch die Frage nach der eigenen Kriegsschuld stellen zu müssen. Heute geht die Ausstellung relativ offen und kritisch mit der militaristischen Vergangenheit Japans und mit der Verantwortung der USA um, aber das ist das Ergebnis eines fast zehn jährigen Prozesses, der Mitte der 1980er begann und dabei nicht zuletzt auch die Gräben in der japanischen Gesellschaft offen legte. Ich konnte bei meiner Arbeit keine Belege für eine direkte Einflussnahme durch die USA finden. Man war sich bewusst, wie sensibel man in Japan auch nur auf den Versuch einer Einflussnahme reagiert hätte. Zugleich bedeutet Hiroshima auch einen wunden Punkt für die USA – sowohl in ihrem Selbstverständnis als Garant von Menschenrechten aber auch in Hinblick auf die nukleare Abschreckungspolitik. Daher blieb man eher auf Abstand zu der Stadt und ihrer Geschichte.

"Inbegriff des Leidens der Zivilbevölkerung"

L.I.S.A.: Ist in der japanischen Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg ein Opfernarrativ von Bedeutung?

Dr. Schäfer: Dem ist definitiv so, auch wenn sich die Bedeutung des Opfernarrativs in den letzten zwanzig Jahren relativiert hat. Gerade in den Dekaden unmittelbar nach dem Krieg nahm sich die Bevölkerung weithin als Opfer einer gierigen und manipulativen Militärclique wahr, die das Land getäuscht und in einen Krieg hineingezogen hatte. Hiroshima ist in diesem Kontext der Inbegriff des Leidens der Zivilbevölkerung. Seit den späten 1980ern und frühen 1990ern wurden aber immer öfter kritische Erinnerungen an die militaristische Vergangenheit und Kriegsverbrechen auf dem asiatischen Festland thematisiert. Die Gründe dafür sind vielschichtig. Starke zivilgesellschaftliche Initiativen und der Einfluss des besagten transnationalen Erinnerungswandels spielten dabei ebenso eine Rolle wie das wirtschaftliche Erstarken der asiatischen Nachbarn.

L.I.S.A.: Auf welches Quellenmaterial beziehen Sie sich in Ihren Forschungen?

Dr. Schäfer: Ich stütze mich sehr stark auf die Berichte der örtlichen Zeitung, die sich im besonderen Maße dem Atombombenerinnern und der nuklearen Abrüstung widmet. Sie dokumentiert im Detail die einzelnen Entscheidungen und Ereignisse rund um das Museum. Darüber hinaus habe ich Aufzeichnungen aus dem Stadtarchiv verwendet. Als städtische Einrichtung geben diese Aufschluss über die Entscheidungen hinter den Kulissen. Das Museum stellte mir ferner umfassende Bilddokumente zur Verfügung, die die Rekonstruktion der Ausstellungen ermöglichten.

Dr. Stefanie Schäfer hat die Fragen der Redaktion schriftlich beantwortet. 

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