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Georgios Chatzoudis | 07.11.2017 | 861 Aufrufe | 1 | Interviews

"Es gab keine koloniale Amnesie"

Interview mit Christiane Bürger über Kolonialismus, Genozid und Geschichtsschreibung

Der von 1904 bis 1908 durch die deutsche Kolonialarmee verübte Völkermord im heutigen Namibia wurde von der Bundesregierung lange nicht als solcher anerkannt. Kritiker attestierten nicht nur der Regierung sondern den Deutschen insgesamt eine koloniale Amnesie. Man wolle an die eigene koloniale Vergangenheit weder erinnern noch daran erinnert werden und diese am liebsten vergessen. Die Historikerin Dr. Christiane Bürger bezweifelt die These vom bewussten Vergessen in Sachen Kolonialismus. Sie hält in ihrem Dissertationsprojekt dagegen und behauptet in ihrer Untersuchung der bundesdeutschen sowie der DDR-Historiographie, dass von einer kolonialen Amnesie keine Rede sein könne. Wir haben ihr dazu unsere Fragen gestellt.

"Mich interessierte vor allem, ob es wirklich eine 'koloniale Amnesie' gab"

L.I.S.A.: Frau Dr. Bürger, Sie haben sich in Ihrer Dissertationsarbeit mir der Geschichtsschreibung in der Bundesrepublik und in der DDR über die deutsche koloniale Vergangenheit beschäftigt. Konkret geht es in Ihrer Untersuchung um den Genozid der deutschen Kolonialtruppen an den Herero und Nama von 1904. Bevor wir auf Einzelheiten eingehen – wie kamen Sie zu diesem Thema? Welche Ausgangsbeobachtung bestimmte Ihr Projekt?

Dr. Bürger: Letztlich war sicherlich ausschlaggebend, dass ich nach meinem Studium für ein Praktikum am Goethe-Institut in Dar es Salaam war. Dort war ich, gewissermaßen außerhalb des akademischen Elfenbeinturms, ständig mit der deutschen Kolonialgeschichte konfrontiert – und zwar überwiegend als durch und durch positive Fortschrittserzählung. Das hat mich wirklich irritiert! Zurück in Heidelberg konzentrierte ich mich dann auf den Genozid im kolonialen Namibia, der lange Zeit als vergessen galt. Dabei interessierte mich vor allem, ob es wirklich eine „koloniale Amnesie“ gab, denn schließlich gehörten die kolonialen Verbrechen im Kaiserreich, der Weimarer Republik und – mit Einschränkungen – auch im NS durchaus zu den gesellschaftspolitischen Themen der Zeit.

L.I.S.A.: Sie vergleichen in Ihrer Arbeit die Geschichtsschreibung in der Bundesrepublik mit der in der DDR von 1945 bis in die 1980er Jahre hinein. Wer waren die entscheidenden Akteure, die das koloniale Wissen und das koloniale Narrativ aufrecht erhielten? Wer sind die Träger dieser Kontinuität? Und wie verstehen Sie in diesem Zusammenhang das Konzept des Postkolonialen?

Dr. Bürger: Ich fange mal mit dem Konzept des Postkolonialen an: Postkolonial bedeutet für mich, dass koloniale Denkweisen und Strukturen auch noch nach dem Ende des Kolonialismus, verstanden als politische Herrschaftsform oder Epoche, wirkmächtig bleiben. Das gilt auch für Deutschland beziehungsweise das Deutsche Reich, das ja bereits nach dem Ersten Weltkrieg keine Kolonialmacht mehr war. Hieraus folgte eben nicht, dass Grundannahmen des kolonialen Projekts einfach verschwanden oder das koloniale Projekt nicht länger verfolgt wurde. Ganz im Gegenteil: Gerade im Kolonialrevisionismus der Weimarer Republik war die „Rückgewinnung“ der Kolonien ein zentrales Ziel und man versuchte, gerade die koloniale Herrschaft im damaligen „Deutsch Südwest-Afrika“ als positive Leistung zu inszenieren. Hierbei ist nicht unerheblich, dass die Verbrechen an den Herero und Nama schon für die Verhandlung des Versailler-Vertrags von Bedeutung waren.

In Folge entstanden unglaublich viele Sachbücher und Romane, die ein positives Bild des deutschen Kolonialismus und der Kolonialverbrechen entwarfen. Gerade in der Bundesrepublik konnten sich solche Erzählungen zunächst halten. Überspitzt formuliert lag das daran, dass die männlichen Kolonialenthusiasten ihre Deutungshoheit behaupten konnten. Eine kritische Aufarbeitung gab es – auch vor dem Hintergrund des NS – zunächst nicht.

In der DDR gingen Historiker zwar aufgrund (erinnerungs-)politischer Interessen grundsätzlich kritischer mit der Thematik um, aber auch dort waren postkoloniale Strukturen wirkmächtig. So stammte in Ost und West das vermeintliche Wissen über die Kolonien in großen Teilen aus kolonialen Quellen, deren Inhalte einfach nicht komplett hinterfragt wurden. Koloniale Denkmuster und Vorstellungswelten blieben präsent.

"Das eurozentrische Korsett schränkte eine kritische Auseinandersetzung extrem ein"

L.I.S.A.: Sie behaupten mit Blick auf die DDR-Historiografie, dass diese zwar von Beginn an normativ auf eine kritische Auseinandersetzung mit Rassismus und Kolonialismus angelegt gewesen sei, das obligatorische marxistisch-leninistische Paradigma diese Auseinandersetzung aber verhindert habe. Klingt paradox. Wie ist das zu verstehen?

Dr. Bürger: Ja, das ist auch paradox. Offiziell war die DDR ja ein antirassistischer, antikolonialer Staat und grenzte sich damit ideologisch von der Bundesrepublik ab. Gleichzeitig war sie dem marxistisch-leninistischen Geschichtsbild verpflichtet, das extrem starr ist und einem eurozentrischen Fortschrittsnarrativ unterliegt. Schließlich ist es in einer Zeit entstanden, in der das die weltanschauliche und historiografische Norm war. Nur schränkte dieses eurozentrische Korsett eine kritische Auseinandersetzung extrem ein. Da hilft es dann auch nicht sonderlich viel, wenn das koloniale Projekt mit marxistischer Terminologie erzählt wird. Letztlich gelang es schlicht nicht, eine wirklich neue, antikoloniale und antirassistische Erzählung zu entwerfen, denn dafür hätte man sich von den historiografischen Vorgaben befreien müssen.

"Horst Drechsler verwendete 1966 erstmals den Begriff des Genozids"

L.I.S.A.: Welche Geschichtsschreibung war mit Blick auf Namibia einflussreicher bzw. wegweisender beim Aufbrechen traditioneller bis apologetischer Narrative? War es eher die DDR- oder die BRD-Historiografie? Von wo gingen die entscheidenden Impulse aus?

Dr. Bürger: In meinem Untersuchungszeitraum war das auf jeden Fall die DDR-Historiografie. Viele der derzeitigen Forschungspositionen lassen sich beispielsweise auf den DDR-Historiker Horst Drechsler zurückführen. In seiner 1966 veröffentlichten Studie verwendet er etwa erstmals den Begriff des Genozids in diesem Zusammenhang und vertritt die sogenannte Kontinuitätsthese, derzufolge es eine Verbindung zwischen kolonialen Gewaltverbrechen und NS gibt. Das ist bis heute relevant und brisant: In der aktuellen politischen Debatte über Entschädigungszahlungen und die „Wiedergutmachung“ kolonialer Verbrechen, die in Namibia und Deutschland geführt wird, sind das zentrale Argumente.

"Erst durch populäre Texte auf historische Themen aufmerksam geworden"

L.I.S.A.: Welche Bedeutung kommt neben der wissenschaftlichen bzw. professionellen historiografischen Auseinandersetzung mit dem Genozid in Namibia den populären Darstellungsformen, wie Film, Roman und Zeitschriften, zu?

Dr. Bürger: Wie so oft in der Erinnerungskultur gilt auch für meinen Untersuchungsgegenstand, dass den populären Medien eine große Bedeutung zukommt. Uwe Timms Roman „Morenga“ popularisierte das Thema bereits in den 1980er Jahren, zumal der Stoff auch noch verfilmt wurde.

Spannend ist auch, dass Historiker und Historikerinnen zum Teil erst durch populäre Texte auf historische Themen aufmerksam werden. Mitunter verschwimmen dann auch die Grenzen zwischen den verschiedenen Textarten. Wissenschaft ist ja nie hermetisch. Dennoch haben Historikerinnen und Historiker aufgrund ihres Status eine große Deutungs- und Legitimationsmacht.

"Die Bundesregierung stuft die Ereignisse offiziell als Völkermord ein"

L.I.S.A.: Sie machen in Ihrer Studie mehrere Zäsuren aus: Ein zentraler Begriff dabei ist der von der „kolonialen Amnesie“, den Sie untersuchen und letztlich dekonstruieren. Demnach könne von einer kolonialen Amnesie, wie oft behauptet, keine Rede sein. Worauf stützen Sie dieses Urteil?

Dr. Bürger: Die Fülle der Quellen, in denen sich verschiedenste Akteure und Akteurinnen mit dem kolonialen Namibia und dem Genozid auseinandersetzten, ist eklatant. Sie erlaubt, eindeutig schlusszufolgern, dass die Ereignisse nicht vergessen wurden.

L.I.S.A.: Verlassen wir zum Abschluss kurz Ihren Untersuchungszeitraum: Hat sich nach der Vereinigung beider deutscher Staaten in der Historiografie über Namibia und den Genozid etwas Entscheidendes verändert?

Dr. Bürger: Ja! Hundert Jahre nach Beginn der kolonialen Gewaltverbrechen, im Jahr 2004, erfuhr das Thema erhebliche Aufmerksamkeit. HistorikerInnen und vor allem VertreterInnen der Opferverbände trugen das Thema in die Öffentlichkeit. Die damalige Entwicklungsministerin, Heidemarie Wieczorek-Zeul, entschuldigte sich in Namibia, wobei sie den Terminus „Völkermord“ verwendete. Und ganz wichtig: Die Bundesregierung stufte die Ereignisse im Jahr 2016 in einem offiziellen Dokument als Völkermord ein. Wir werden sehen, welche Konsequenzen dies nach sich zieht.

Dr. Christiane Bürger hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

Kommentar

von Claudia Strachan | 08.11.2017 | 21:21 Uhr
Wirklich gut zu wissen, dass es in Deutschland offiziell als Völkermord bezeichnet wird, und dass sich mit der Geschichte überhaupt gnadenlos auseinander gesetzt wird. Da ist Deutschland sehr vielen anderen Ländern weit voraus. Für mich als Deutsche in England setzt es der ständigen "jüngsten Vergangenheit" etwas entgegen, wovon sich besonders die Briten eine Scheibe abschneiden sollten, denn der hiesige Nationalstolz hat seine Fundamente auf zweifelhaftem Boden gebaut. Da kann man viel eher von einer Amnäsie sprechen.

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