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Georgios Chatzoudis | 20.02.2018 | 2654 Aufrufe | Interviews

"Gewisses Maß an Schwierigkeit ist allen Leuten zumutbar"

Interview mit Robert Pfaller über die Infantilisierung von Sprache

Die Sprache und deren tagtägliche Anwendung ist zu einem Politikum geworden. Wer sich in der Öffentlichkeit zu politisch und gesellschaftlich umstrittenen Themen äußern möchte, kann sich allein schon durch ein unbedachtes Vokabular angreifbar machen. Die Sensibilitäten für korrekte Bezeichnungen sind hoch, Identität und die Rücksicht auf die jeweilige von ausschlaggebender Bedeutung. Mit dem Effekt, dass wir uns nicht mehr zutrauen, uns gegenseitig als erwachsene Menschen anzusprechen, meint der Philosoph und Kulturwissenschaftler Prof. Dr. Robert Pfaller in seinem aktuellen Buch "Erwachsenensprache". Eher treffe das Gegenteil zu und führe zu eine Infantilisierung von Sprache und Verhalten. Wie das genau zu verstehen ist, dazu haben wir ihm unsere Fragen gestellt.

"Die eigenen Besonderheiten und Empfindlichkeiten hinter sich lassen"

L.I.S.A.: Herr Professor Pfaller, in Ihrem jüngsten Buch „Erwachsenensprache. Über ihr Verschwinden aus Politik und Kultur“ argumentieren Sie, dass sich die Sprache, über die wir informiert werden und über die wir uns mitteilen, die Sprache von Kindern bzw. von Nicht-Erwachsenen sei. Könnten Sie eingangs bitte ein oder zwei Beispiele nennen? Und was ist dagegen Erwachsenensprache?

Prof. Pfaller: Kindlich ist zum Beispiel die in aktuellen Sprachpolitiken wirksame Idee, man könnte böse Worte einfach durch gute Worte ersetzen. Ebenso kindlich ist das Erstaunen darüber, dass die vermeintlich guten Worte dann immer schon nach kurzer Zeit selbst als böse erscheinen. Besonders infantil - und infantilisierend - ist es zum Beispiel, wenn man in den USA meint, sogar erwachsene Menschen vor sogenannter "erwachsener Sprache" ("adult language") warnen zu müssen. Diese massive Propaganda der "Sensibilisierung", die dazu führt, dass auch Volljährige sich selbst plötzlich die Empfindlichkeit etwa eines 4-Jährigen zuschreiben, ist meines Erachtens ein neoliberaler Versuch der Privatisierung des öffentlichen Raumes. Sämtliche Formen vernünftiger, mündiger Bürgerlichkeit sollen damit außer Kraft gesetzt werden. Es soll keine erwartbaren Standards der Verständigung und der Solidarität mehr geben.

Meine Parole von der "Erwachsenensprache" ruft dem gegenüber in Erinnerung, dass Erwachsenheit in Europa zum Glück noch als eine Tugend gilt (während das Adjektiv "adult" in den USA meist etwas Anstößiges bezeichnet). Erwachsen mit einander zu sprechen, bedeutet, die eigenen Besonderheiten und Empfindlichkeiten hinter sich zu lassen, um stattdessen das in den Blick zu nehmen, was die Diversen trotz aller Unterschiede gemeinsam haben könnten: ihre Interessen. Eine wichtige Voraussetzung dazu bildet die Erinnerung daran, dass Erwachsene durchaus in der Lage sind, mit kleinen Unannehmlichkeiten, etwa sogenannten "Mikroaggressionen", selbst fertig zu werden. Wohingegen es die Aufgabe der Politik ist, jene Dinge zu regeln, welche die Individuen nicht von sich aus beeinflussen können - zum Beispiel die Finanzmärkte.

"Kulturalisierung gesellschaftlicher Benachteiligungen und Missstände"

L.I.S.A.: Sie kritisieren in Ihrem Buch die sogenannte political correctness- ein Kampfbegriff, den insbesondere die Neue Rechte immer wieder ins Feld führt. Der Vorwurf: Der Mainstream sei ständig darauf bedacht, bestimmte Begrifflichkeiten zu vermeiden und sie durch Leerformeln bzw. neue Kunstworte zu ersetzen. Ist der Vorwurf der political correctness tatsächlich ein (ursprünglich) „rechtes Narrativ“? Und: Was ist verkehrt daran, Sprache ethisch zu verbessern, wenn man davon ausgeht, dass Sprache Wirklichkeit schafft? Wird die Welt nicht ein Stückweit gerechter, wenn beispielsweise Berufsbezeichnungen geschlechtsneutral formuliert werden?

Prof. Pfaller: Es geht hier meines Erachtens nicht darum, wer hier was erzählt. Sondern um eine Reihe realer Probleme. Das erste Problem besteht meines Erachtens in der Kulturalisierung gesellschaftlicher Benachteiligungen und Missstände. Wenn man zum Beispiel möchte, dass Frauen ihren Lebensunterhalt vollständig durch eigene Erwerbsarbeit bestreiten, dann braucht man einen massiven Ausbau des Sozialstaates. Genau in dem Moment aber, in dem man diesen Plan in der neuen Austeritätspolitik der 1980er Jahre still verabschiedet, gelangt das Binnen-I zur Prominenz. Und so verhält es sich doch überall: wo die entscheidenden ökonomischen Maßnahmen unterlassen werden, lässt man stattdessen Dilettanten an der Sprache herumdoktern.

Dadurch entsteht das zweite Problem. Wenn man Probleme der Ökonomie ersatzweise auf der Ebene der Kultur und der Sprache zu lösen versucht, löst man sie nicht nur nicht, sondern schafft zusätzliche neue Probleme - zum Beispiel das des permanenten sprachlichen Reparaturbedarfs. Es ist ja bezeichnend, dass kaum ein einziger vermeintlich "emanzipatorischer" Verbesserungsvorschlag es bisher dauerhaft in den allgemeinen Sprachgebrauch geschafft hat - so umständlich und ungeeignet sind die meisten von ihnen. Darüber hinaus sind sich die Verbesserer ja auch noch völlig uneins: wollen sie geschlechtsneutrale Sprache? Dann wären zum Beispiel Bezeichnungen wie "Mag." und "Dr." ja OK. Oder sollen lieber Frauen "sichtbar gemacht werden"? Dann müssen die "Mag.a" und die "Dr.in" her. Und wenn man schon so sehr davon überzeugt ist, dass Sprache Wirklichkeit schaffe (was freilich, wenn überhaupt, erst dann gelingt, wenn einmal eine brauchbare neue Sprache geschaffen wird): dann muss man sich auch darüber Sorgen machen, was es bedeutet, wenn Bezeichnungen für das Gemeinsame verlorengehen - wenn also zum Beispiel die Eisenbahnerin zum Eisenbahner nicht mehr sagen kann, "Pass auf, Alter, wir sind schließlich beide Eisenbahner!"

Auf jeden Fall haben die unbeholfenen Sprachbemühungen vor allem anderen aber immer schon eine Wirklichkeit geschaffen: Sie haben meist akademische Eliten, die sich für solche Fragen ereifern können, von der Mehrheit der übrigen Bevölkerung separiert, die derlei nicht ohne Grund für irrelevant hält. Die Sprachpolitiken sind auf diesem Weg zum Distinktionskapital urbaner Mittelschichten geworden, die dadurch andere zu rückständigen Barbaren stempeln konnten. Diese anderen, denen die Teilhabe am Fortschritt erst ökonomisch und nun auch symbolisch verwehrt wurde, wählen seither eben gerne barbarisch.

"Wir empfinden Vorbilder und Ideale meist nur noch als repressive Zumutung"

L.I.S.A.: Sie kommen in Ihrem Buch immer wieder auf die Psychoanalyse von Sigmund Freud und Jacques Lacan zu sprechen, um zu erklären, warum wir uns in unserer Kommunikation so infantil verhalten. Im Zentrum stehen dabei zwei der drei Ich-Instanzen, das Ich und das Über-Ich. Entscheidend sei dabei – wie bei vielen Zeitgenossen zu beobachten –,  dass beide Instanzen zusammenfielen und nahezu deckungsgleich seien: der Abstand zum eigenen Ich gehe dabei verloren, das Ich verabsolutiere sich, ein Bewusstsein für alles außerhalb des Ichs gehe dabei verloren. Was genau geht dabei verloren? 

Prof. Pfaller: Unser Ich steht kaum mehr in Bezug zu einem entfernten, weiter oben angesiedelten Über-Ich, sondern ist von diesem sozusagen "umzingelt". Das umzingelnde Über-Ich stellt dem Ich nun keine höheren Ideale mehr vor Augen, sondern ruft ihm nun dauernd zu: "Sei ganz du selbst!" Im Gegensatz zu früheren Generationen empfinden wir Vorbilder und Ideale darum meist nicht mehr als lustvollen Ansporn, sondern nur noch als repressive Zumutung. Dabei gerät auch in Vergessenheit, dass Ideale nur Rollen sind und lediglich gespielt werden müssen. Wir hingegen meinen, alles, was wir sein wollen, wirklich sein zu müssen. Daher zum Beispiel der Boom der kosmetischen Chirurgie oder die Fitnessmanie.

"Die Postmoderne hat Errungenschaften diffamiert oder verabschiedet"

L.I.S.A.: Ihr Buch liest sich auch wie ein Plädoyer gegen die Postmoderne. Sie gehen sogar noch weiter und erklären die Postmoderne zur Ideologie des Neoliberalismus. Könnten Sie den Zusammenhang bitte kurz erläutern? Immerhin gilt doch die Postmoderne als Absage an alle großen Erzählungen und somit als ein Gewinn an Perspektiven und letztlich an Freiheiten.

Prof. Pfaller: Die emanzipatorischen Errungenschaften der Postmoderne werden überschätzt. Anstatt den bisher marginalisierten Gruppen einen Zugang zu den universalistischen Errungenschaften der Aufklärung zu eröffnen, hat die Postmoderne lieber diese Errungenschaften diffamiert oder verabschiedet. So hat man dafür gesorgt, dass die Marginalisierten von sich aus marginal bleiben wollen. Wie die psychoanalytische Kulturtheoretikerin Insa Härtel treffend bemerkt, hat man zum Beispiel genau in dem Moment, als auch Frauen in größerer Zahl den Status der Autorin erobern konnten, den Autor für tot und die Autorschaft zu einer entbehrlichen männlichen Attitüde erklärt. Insofern ist die postmoderne Absage an die großen Erzählungen aus meiner Sicht in erster Linie eine Befreiung von der Freiheit.

"Ein Jargon, um von den entscheidenden gesellschaftlichen Fragen abzulenken"

L.I.S.A.: Kommen wir abschließend noch einmal zurück zur Sprache der Erwachsenen. Selbst in den Öffentlich-Rechtlichen Medien gibt es inzwischen zahlreiche Initiativen, Sprache zu vereinfachen. Welche Folgen befürchten Sie genau, wenn Kommunikation so ausfällt, dass alle ihr folgen können? Ist das nicht als ein Akt der Demokratisierung zu verstehen?

Prof. Pfaller: Sicherlich haben manche Kulturwissenschaften, zum Beispiel die Gender-Theorie, einen überkomplizierten Jargon entwickelt, der keinen Erkenntnisgewinn mit sich bringt, sondern vor allem die Funktion hat, von den entscheidenden gesellschaftlichen Fragen abzulenken: die entscheidende Frage ist ja zum Beispiel nicht, ob es überhaupt Frauen gibt oder wie viele Geschlechter es gibt, sondern welche Nachteile jeweils damit verbunden sind. Andererseits ist eine gewisse, über die Alltagssprache hinausgehende Präzision in den Wissenschaften notwendig, um Probleme erkennbar zu machen. Solche neuen Gedanken und Begriffe haben dann aber meist auch ohne größere Schwierigkeiten in den Alltagssprachgebrauch Eingang gefunden - zum Beispiel der "Mehrwert", die "Ausbeutung" oder die "Verdrängung". Dieses Maß an Schwierigkeit ist allen Leuten zumutbar und darf nicht getilgt werden. Sonst bekommen alle nur noch das zu hören und zu lesen, was sie ohnehin schon selbst meinen.

Prof. Dr. Robert Pfaller hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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