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Patricia Scheuss | 12/03/2015 | 1980 Views | Interviews

Erich Sander als Gefängnisfotograf

Interview mit Jürgen Müller über Erich Sander im NS-Dokumentationszentrum Köln

Fast zehn Jahre saß Erich Sander, Sohn des berühmten Kölner Fotografen August Sander, als Häftling in der Strafanstalt in Siegburg ein. Sander was als Sozialist während der NS-Zeit in Köln im Widerstand aktiv und wurde 1935 in einem aufsehenerregenden Prozess wegen Vorbereitung zum Hochverrat verurteilt. Im Zuchthaus setzte er seine Widerstandstätigkeit fort – als Gefängnisfotograf dokumentierte er die Situation der politischen Gefangenen und schmuggelte zahlreiche Briefe und Fotografien aus der Haftanstalt nach draußen. Durch diese Aktivitäten entstand eine einzigartige Dokumentation der Situation im Zuchthaus Siegburg. Eine umfassende Ausstellung im NS-Dokumentationszentrum Köln zeigt das politische und private Leben und Werk Erich Sanders sowie zahlreiche Fotografien seines Vaters. Wir haben Kurator Dr. Jürgen Müller einige Fragen zur Ausstellungskonzeption und zur Person Erich Sander gestellt.

V.l.n.r.: Totenmaske Erich Sander (Faksimile), Dr. Jürgen Müller, Aufnahme aus der Ausstellung

Google Maps

"In diesem Verhalten war unter anderem seine hohe Haftstrafe begründet"

L.I.S.A.: Herr Müller, das NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln zeigt zurzeit eine Ausstellung über Erich Sander mit dem Titel „August Sanders unbeugsamer Sohn“. Wer war Erich Sander? Und warum die hervorgehobene Referenz auf den Vater?

Dr. Müller: Erich Sander, Sohn einer bürgerlichen Familie, war bereits in jungen Jahren Kommunist. Er trat der KJVD und später der KPD bei. Er war als Funktionär tätig. Nach einem Strategiewechsel der KPD, umgesetzt seit Sommer 1928, entfremdete sich Erich Sander von der KPD immer stärker. Während die KPD die Strategie einer vorrangigen Bekämpfung der SPD als „Sozialfaschisten“ folgte, war Erich Sander für eine Einheitsfront mit der SPD. Anfang 1929 wurde Erich Sander aus der KPD ausgeschlossen. Im April 1932 trat Erich Sander in die Sozialistische Arbeiter-Partei Deutschlands (SAPD) ein. Dort hielt er Vorträge, stieg zum führenden Funktionär der SAPD für den Raum Köln auf. Nach der Machtübernahme der NSDAP setzte er seine Arbeit in der Illegalität fort. So schmuggelte er unter anderem verbotene Zeitungen nach Köln. Im Herbst 1934 wurde er verhaftet. Ende Mai 1935 wurde er wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ in einem Prozess vor dem Oberlandesgericht Hamm zu einer Haftstrafe von zehn Jahren Zuchthaus verurteilt. Erich Sander machte aus seiner Einlassung vor Gericht eine Anklage gegen den Nationalsozialismus und die Methoden der Gestapo. Auf seine Initiative hin präsentierten die Mitangeklagten ihre Folternarben. In diesem Verhalten war unter anderem seine hohe Haftstrafe begründet. Die Haftstrafe verbüßte er größtenteils im Zuchthaus Siegburg. Dort musste er unter anderem als Lazarettflurwärter und als Gefängnisfotograf arbeiten. Ein Gnadengesuch, für das er seiner kommunistischen Gesinnung hätte abschören müssen, lehnte er ab. Ein halbes Jahr vor Ende seiner Strafhaft, starb Erich Sander in Folge einer Fehldiagnose und unterbliebener ärztlicher Versorgung.  

Der Vater hatte wesentlichen Einfluss auf die fotografische Arbeit des Sohnes. Erich Sander fertigte zwischen 1914 und 1934 rund 1100 Fotografien - vor allem Landschaftsaufnahmen - für den Vater an. Erich Sander wollte das Werk seines Vaters fortführen. Noch in der Haft korrespondierten die Eltern mit dem Sohn über die Auswahl von Aufnahmen für Fotobände. Im politischen Bereich entwickelte sich August Sander während des Kriegs vom Hurra-Patrioten zum Pazifisten und Sozialisten. Im väterlichen Atelier lernte Erich Sander linke Intellektuelle und linke Künstler (wie die Kölner Progressiven) kennen. Vater und Mutter hielten während der Haftzeit zu ihrem Sohn Erich einen engen Kontakt. Neben den Haftbesuchen und der offiziellen Korrespondenz wurden Briefe aus der Haft heraus und Objekte wie beispielsweise eine Kamera und Bücher in die Strafanstalt hinein geschmuggelt. August Sander brachte politische Manuskripte des Sohnes und kommunistische Presseerzeugnisse vor dem Bombenkrieg in Sicherheit und begab sich dabei selbst in Gefahr von der Gestapo entdeckt zu werden. Die Bedeutung des Verlustes seines Sohnes für August Sander wird in dessen Trauer deutlich. In seiner Wohnung im Westerwald (nach dort siedelten August und Anna Sander 1942/43 um) hatte August Sander neben seinem Sekretär eine Art Altarwand für den toten Sohn.

NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln

"Gezeigt werden auch heimlich im Zuchthaus Siegburg angefertigte Fotografien"

L.I.S.A.: Was genau ist in der Ausstellung zu sehen? Worauf liegt der thematische Schwerpunkt?

Dr. Müller: In der Ausstellung werden fünfzig Fotoarbeiten von August Sander präsentiert. Sie zeigen die Familienmitglieder (Erich Sander hatte noch einen Bruder und eine Schwester), die Wohnung der Familie Sander in Köln-Lindenthal und zahlreiche befreundete Künstler, die August Sander in seiner Arbeit beeinflussten. Darüber hinaus werden vierzig Arbeiten von Erich Sander gezeigt. Neben Landschaftsaufnahmen vor allem Fotografien, die er offiziell (im Auftrag der Anstaltsleitung) und heimlich im Zuchthaus Siegburg anfertigte. Darüber hinaus werden in rund dreißig Vitrinen Dokumente aus dem Leben von Erich Sander gezeigt, wie zum Beispiel sein 1921 angefertigter Lebenslauf (Faksimile), seine unterschiedlichen Parteiausweise, Manuskripte für Vorträge und aus der Haft geschmuggelte Briefe (Faksimiles) sowie die Totenmaske von Erich Sander Faksimile (3-D-Druck). 

Ausstellungsraum im NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln

"Er fertigte Aufnahmen für den Kriminalbiologischen Dienst an"

L.I.S.A.: Wie war es Erich Sander möglich, als Inhaftierter Fotos zu machen? Wie gelangte das Bildmaterial nach draußen?

Dr. Müller: Erich Sander war von der Anstaltsleitung mehrfach mit fotografischen Arbeiten betraut worden. Seit dem 16. Dezember 1941 wurde er offiziell als „Hausarbeiter (Fotograf)“ geführt. Im Jahr 1942 war er am intensivsten als Fotograf tätig. Er fertigte Aufnahmen für den Kriminalbiologischen Dienst an - Gefangene, die als „geistig-minderwertig“ eingestuft wurden sowie sogenannte Berufs- und Gewohnheitsverbrecher und Sittlichkeitsverbrecher wurden unbekleidet fotografiert. Die Aufnahmen sollten im Rahmen der kriminalbiologischen Untersuchung genutzt werden. Darüber hinaus wurden für die Häftlingsakten die Gefangenen bei der Einlieferung fotografiert. Der Großteil der heute bekannten Fotos von Insassen wurde von Erich Sander in den ersten sechs Wochen des Jahres 1942 ausgeführt. Im Sommer 1941 ließ sich Erich Sander über die Familie eine Kamera in die Haft schmuggeln, mit der er heimlich Aufnahmen im Zuchthaus anfertigte.

Das Schmuggeln von Fotos und Briefen aus der Haft war seit Kriegsbeginn möglich. So arbeiteten seit 1939 immer mehr Gefangene in Arbeitskommandos außerhalb der Gefängnismauern. Ein Teil von ihnen rückte morgens aus und kam abends in die Strafanstalt zurück. Politische Mitgefangene schmuggelten Negative und Abzüge sowie illegale Briefe Erich Sanders aus dem Gefängnis.  

L.I.S.A.: Was interessierte Erich Sander? Für wen waren die Fotos gedacht?

Dr. Müller: Mit den heimlich aufgenommenen Fotos wollte er den Alltag in einem NS-Zuchthaus dokumentieren. Offizielle Fotos schmuggelte er aus der Haft, um den Familienangehörigen der Inhaftierten ein Lebenszeichen zu übermitteln und deren Strafhaft in einem NS-Zuchthaus zu dokumentieren. 

Dauerausstellung „Köln im Nationalsozialismus“ – Thema Aufstieg der NSDAP

"Die Fotografien ziehen den Besucher in die persönliche Geschichte hinein"

L.I.S.A.: Zusätzlich zu den Fotografien schmuggelte Erich Sander auch Briefe aus der Haft. Welchen Inhalts sind die Briefe? Was erfährt man daraus?

Dr. Müller: Die geschmuggelten Briefe spiegeln den Haftalltag wider. In ihnen berichtet Erich Sander über die mangelnde Verpflegung, die Art der Gefängnisarbeit innerhalb des Zuchthauses sowie über Außenarbeiten (in der Landwirtschaft oder für die Kriegsindustrie), den Umgang der Gefängniswärter mit den Häftlingen, das Spannungsverhältnis zwischen politischen Häftlingen und Kriminellen. Er äußerte in den Briefen seine Wünsche, was er in der Haft dringend benötige und er beschrieb außerdem die Schmuggelwege, Ansprechpartner und welche Vorsichtsmaßnahmen die Eltern beachten sollten.  

L.I.S.A.: Die Ausstellung ist noch bis Ende Januar zu sehen. Welches Feedback haben Sie bisher erfahren?

Dr. Müller: Die Ausstellung wird von den Besuchern sehr positiv aufgenommen. Immer wieder erzählen die Besucher, dass die Fotografien von August Sander, von denen viele erstmals öffentlich gezeigt werden, und die Aufnahmen von Erich Sander durch die Texte, die die gezeigten Personen und Orte in einem Zusammenhang einordnen, den Besucher in die persönliche Geschichte hineinziehen.

Teil der Ausstellung

Dr. Jürgen Müller hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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